Niederbronn-les-Bains

französische Gemeinde

Niederbronn-les-Bains (deutsch Bad Niederbronn, früher nur Niederbronn[1]) ist eine französische Gemeinde mit 4381 Einwohnern (Stand 1. Januar 2019) im Département Bas-Rhin in der Region Grand Est (bis 2015 Elsass). Der Ort ist Teil des Regionalen Naturparks Nordvogesen.

Niederbronn-les-Bains
Niederbronn-les-Bains (Frankreich)
Staat Frankreich
Region Grand Est
Département (Nr.) Bas-Rhin (67)
Arrondissement Haguenau-Wissembourg
Kanton Reichshoffen
Gemeindeverband Pays de Niederbronn-les-Bains
Koordinaten 48° 57′ N, 7° 39′ OKoordinaten: 48° 57′ N, 7° 39′ O
Höhe 180–577 m
Fläche 31,40 km²
Einwohner 4.381 (1. Januar 2019)
Bevölkerungsdichte 140 Einw./km²
Postleitzahl 67110
INSEE-Code
Website niederbronn-les-bains.fr

Rathaus (Hôtel de ville)

GeografieBearbeiten

Die Gemeinde liegt am Ostrand der Nordvogesen zur Rheinebene hin am Falkensteinerbach.

GeschichteBearbeiten

AntikeBearbeiten

 
Römische specula in der Nähe der Ruine Wasenburg

Der Ort wurde 48 v. Chr. von den Römern gegründet, die die Heilkraft der Niederbronner Quellen entdeckten. Die ersten Nachweise römischer Badetätigkeit stammen aus dem Bereich des heutigen Casinos. Im 5. Jahrhundert fiel die Siedlung den Unruhen der Völkerwanderungszeit zum Opfer.

MittelalterBearbeiten

Niederbronn wurde 1331 von den Grafen von Ötingen, Landgrafen im Elsass, an die Herren von Ochsenstein verkauft,[2] sowie einige Rechte dort ein Jahr später an die Herren von Lichtenberg.[3] Insbesondere besaßen die Lichtensteiner dort Gülten, die zu ihrer Burg Groß-Arnsberg gehörten[4] und die örtliche Wasserburg.[5] Dies begründete einen Dauerkonflikt um den Ort, bei dem letztendlich die Ochsensteiner die Oberhand behielten.[6] 1335 wurde eine Landesteilung zwischen der mittleren und der jüngeren Linie des Hauses Lichtenberg durchgeführt. Die Wasserburg fiel dabei an Ludwig III. von Lichtenberg, der die jüngere Linie des Hauses begründete.[7]

Der letzte Herr von Ochsenstein, Georg, starb 1485. Ihn beerbte seine Schwester Kunigunde, die Heinrich I. von Zweibrücken-Bitsch geheiratet hatte.

Frühe NeuzeitBearbeiten

1570 kam es zu einem weiteren Erbfall, der die Herrschaft Ochsenstein – und damit auch Niederbronn – zur Grafschaft Hanau-Lichtenberg brachte: Graf Jakob von Zweibrücken-Bitsch (* 1510; † 1570) und sein schon 1540 verstorbener Bruder Simon V. Wecker hinterließen nur jeweils eine Tochter als Erbin. Die Tochter des Grafen Jakob, Margarethe (* 1540; † 1569), war mit Philipp V. von Hanau-Lichtenberg (* 1541; † 1599) verheiratet. Zu dem sich aus dieser Konstellation ergebenden Erbe zählte auch die Herrschaft Ochsenstein. Philipp V. von Hanau-Lichtenberg führte in den ererbten Gebieten sofort die Reformation durch, die wie sein übriges Herrschaftsgebiet nun lutherisch wurden. Im späten 16. Jahrhundert wurden die Heilquellen wiederentdeckt. Die Industriellenfamilie De Dietrich ist seit dem 18. Jahrhundert Besitzerin der Quellen

 
Verwaltung der Verbandsgemeinde, vorne der Falkensteinerbach

Mit der Reunionspolitik Frankreichs unter König Ludwig XIV. kamen die Herrschaft Ochsenstein und Niederbronn unter französische Oberhoheit. Nach dem Tod des letzten Hanauer Grafen, Johann Reinhard III., fiel das Erbe – und damit auch Niederbronn – 1736 an den Sohn seiner einzigen Tochter, Charlotte, den Erbprinzen und späteren Landgrafen Ludwig (IX.) von Hessen-Darmstadt. 1770 besuchte Johann Wolfgang von Goethe bei seiner Reise durch die Nordvogesen Niederbronn.[8] In Dichtung und Wahrheit schrieb er „Hier in diesen von den Römern schon angelegten Bädern umspülte mich der Geist des Altertums, dessen ehrwürdige Trümmer in Resten von Basreliefs und Inschriften, Säulenknäufen und -Schäften mir aus Bauerhöfen, zwischen wirtschaftlichem Wust und Geräte, gar wundersam entgegenleuchteten.“[9]

NeuzeitBearbeiten

 
Altes Elektrizitätswerk

Mit dem durch die Französische Revolution begonnenen Umbruch wurde Niederbronn Bestandteil Frankreichs und in den folgenden Verwaltungsreformen aufgelöst.

Im 18. Jahrhundert wurde auch die Fonderie de Dietrich (Gießerei) gegründet, die heute noch unter anderen Besitzverhältnissen als Fonderie de Niederbronn besteht. Um 1900 war Niederbronn für einige Jahre auch Produktionsstandort von de Dietrich-Automobilen, zeitweilig unter Beteiligung von Ettore Bugatti, deren Produktion aber nach sechs Jahren 1904 wieder eingestellt wurde.

Aus Niederbronn-les-Bains kommen die Niederbronner Schwestern des hier 1849 gegründeten Ordens der Schwestern vom Göttlichen Erlöser, der heute seinen Sitz in Oberbronn hat.

Von 1871 bis 1919 gehörte Bad Niederbronn zum Reichsland Elsaß-Lothringen und somit zum Deutschen Kaiserreich. Ebenso gehörte es von 1940 bis 1945 zum Deutschen Reich.

BevölkerungsentwicklungBearbeiten

Jahr 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2010 2019
Einwohner 4074 4407 4461 4446 4372 4319 4366 4381
Quellen: Cassini und INSEE

Wirtschaft und FremdenverkehrBearbeiten

In Niederbronn-les-Bains ist das archäologische Museum der Nordvogesen angesiedelt.

Auf der Kriegsgräberstätte Niederbronns ruhen 15.472 Gefallene, zu 95 Prozent deutsche Soldaten, aber auch Soldaten anderer Nationen und Zivilpersonen.

Im Jahr 1993 wurde die Jugendbegegnungsstätte Centre Albert Schweitzer gegründet, um deutsch-französische Treffen zu arrangieren. Sie ist angrenzend an die Kriegsgräberstätte Niederbronns gelegen.

Ausflugsziele in der Umgebung sind die Burgruine Wasenburg und der Aussichtsturm auf dem Großen Wintersberg.

KurbetriebBearbeiten

 
Kasino

Niederbronn-les-Bains verfügt über zwei Heilquellen, die source romaine und die source celtique. Sie helfen vorwiegend bei rheumatischen und degenerativen Erkrankungen. Auch heute stehen Tourismus und Badebetrieb im Mittelpunkt der Wirtschaft von Niederbronn-les-Bains. Es gibt ferner ein Spielcasino. In der Saison 2018/2019 besuchten 158.445 Besucher das Kasino mit einem Spielumsatz von 13,7 Millionen Euro.[10]

Niederbronn als Kurbad begann 1787, als Baron de Dietrich die Oberherrschaft über Reichshoffen, Oberbronn und Niederbronn vom französischen König erwarb. Er ließ eine Linden-Promenade entlang des Falkensteinbachs anlegen und baute das Haus der Promenade, welches später das Kurzentrum (französisch Vauxhall) wurde. In der Französischen Revolution wurde der Baron guillotiniert und die Anlagen verfielen. Seine Witwe verkaufte den Besitz 1806 an die Gemeinde Niederbronn. Diese erneuerte das Kurhaus und legte einen englischen Garten an. 1830 wurde die Promenade du Herrenberg angelegt, die heute noch existiert. In den 1860er Jahren dirigierte Émile Waldteufel das Kurorchester.[11]

 
Kurpark 1838

1864 wurde die Bahnlinie Haguenau-Niederbronn eröffnet, der Bahnhof in Niederbronn lag im Osten, beim heutigen Archäologischen Museum. Die Linie Niederbronn-Bitche wurde ein Jahr später eröffnet, der Bahnhof lag im Westen von Niederbronn, wo er sich heute noch befindet. Die Passagiere wurden mit Kutschen zwischen den beiden Bahnhöfen transportiert. Schließlich wurde die Lücke geschlossen durch eine Bahnstrecke durch den Park. Die Reste des Parks existieren heute noch. 1892 eröffnete Charles Matthis sein Hotel in Niederbronn an der Südfront des Kurparks, heute Rue du Maréchal Leclerc am Casino, damals das erste Haus am Platz: 50 Zimmer mit Salons, Terrassen, einer Bibliothek und modernen Kureinrichtungen, damals ein Novum. Alle berühmten und reichen Gäste Niederbronns logierten hier. Antike Fundstücke aus römischer Zeit waren in den Salons und Gängen des Hotels ausgestellt. Nach dem Ersten Weltkrieg gingen die Besucherzahlen Niederbronns und auch dieses Hotels stark zurück. Heute beherbergt es ein Rehabilitationszentrum.[12]

 
Ehemaliges Hotel Matthis

Nach der Annexion des Elsass 1871 blieben die französischen Gäste aus, die Deutschen besuchten lieber Baden-Baden oder andere Kurorte in Deutschland, der Kurbetrieb ging stark zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Kurgebäude beschädigt, das mondäne Kurpublikum existierte nicht mehr. Niederbronn verlegte sich auf Kuren für Sozialversicherte.[13]

Fonderie de NiederbronnBearbeiten

Die Fonderie de Niederbronn (Gießerei von Niederbronn) wurde 1769 von der Familie De Dietrich gegründet, die in Jaegerthal und Umgebung ein Eisenwerk betrieb. Im 19. Jahrhundert wurden aus Gussstahl Töpfe, Öfen, Herde, Kriegsprojektile, Gasrohre und Maschinenteile produziert.[14]

2004 wurde im Zuge der Umorganisation von De Dietrich der Geschäftszweig Küchen und Öfen aufgegeben und die Gießerei wurde an die niederländische Gesellschaft Remeha verkauft. Sie beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 235 Angestellte.[15] 2010 übernahm der amerikanische Investor Hugh Aiken die Firma. Bis 2013 ging der Anteil der Lieferungen an De Dietrich von 70 Prozent auf 40 Prozent zurück, die Firma investierte in neue Gussverfahren, die Angestelltenzahl ging auf 183 zurück.[16] Nach einem Konkurs erfolgte 2017 eine weitere Reorganisation, es blieben 150 Arbeitsplätze erhalten.[17] Mit der Marke Gooker für hochwertige holzbeheizte Gartengrills knüpft die Firma an ihre Tradition an.[18]

Das Mineralwasser CelticBearbeiten

1966 beantragte die Gemeinde Niederbronn die Genehmigung, das Wasser der Celtic Quelle als staatlich anerkanntes Quellwasser fördern und vermarkten zu können. Nach der Erteilung wurde 1985 eine Gesellschaft zur Förderung, Abfüllung und Vertrieb des Wassers gegründet.

 
Mineralwasser Celtic Abfüllbetrieb

Sie positionierte sich auf günstiges Tafelwasser, kurze Zeit später begannen die großen Firmen wie Nestlé und Danone einen Preiskrieg, den die Gesellschaft nicht überlebte, sie musste Konkurs anmelden. Edouard Meckert, ein Unternehmer aus dem Elsass, der mehrere Firmen der Nahrungsmittelproduktion besitzt (Brezel, Kekse[19]) übernahm die Firma, modernisierte die Produktion, z. B. durch die Einführung eine umweltfreundlichen Flasche und positionierte das Wasser als Mineralwasser mit höherem Preis. Dies war erfolgreich: 2017 setzte Celtic mit 19 Angestellten 3.433.500,00 Euro um.[20] Mit Partnern aus dem Kosmetikgeschäft wurden entsprechende Produkte wie Seifen und Brumatiseur (Hautbefeuchter) entwickelt unter dem Namen Eau Minéral Celtic des Vosges du Nord.[21]

VerkehrBearbeiten

Die Gemeinde besitzt einen Bahnhof an der Bahnstrecke Haguenau–Falck-Hargarten, wobei die Züge des TER Grand Est heute in Niederbronn enden.[22]

SportBearbeiten

In Niederbronn-les-Bains wurde von 2008 bis 2010 im Frühsommer die Challenge France (ein lizenzierter Ableger der Challenge Roth) ausgetragen – ein Triathlon über die Mitteldistanz. Etwa 1.200 Athleten aus allen Kontinenten der Welt stellen sich hier der Herausforderung über die Distanzen 1,9 km Schwimmen, 90 km Radfahren und 21,1 km Laufen. Das Schwimmen über 1,9 km findet im etwa 19 km von Niederbronn entfernt liegenden See von Mouterhouse statt, das anschließende Radfahren im Naturpark der Nordvogesen.

PersönlichkeitenBearbeiten

 
Alte Synagoge

GemeindepartnerschaftenBearbeiten

Niederbronn-les-Bains unterhält seit 2001 partnerschaftliche Beziehungen zu Bad Schönborn.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Fritz Eyer: Das Territorium der Herren von Lichtenberg 1202–1480. Untersuchungen über den Besitz, die Herrschaft und die Hausmachtpolitik eines oberrheinischen Herrengeschlechts. In: Schriften der Erwin-von-Steinbach-Stiftung. 2. Auflage, Im Text unverändert, um eine Einführung erweiterter Nachdruck der Ausgabe Strassburg, Rhenus-Verlag, 1938. Band 10. Pfaehler, Bad Neustadt an der Saale 1985, ISBN 3-922923-31-3 (268 Seiten).
  • Le Patrimoine des Communes du Bas-Rhin. Flohic Editions, Band 2, Charenton-le-Pont 1999, ISBN 2-84234-055-8, S. 880–885.

WeblinksBearbeiten

Commons: Niederbronn-les-Bains – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Liste aller Namen vom Ort Niederbronn zwischen 1900 und 1990 - Ehemalige Ostgebiete. Abgerufen am 31. Dezember 2021.
  2. Eyer, S. 64.
  3. Eyer, S. 61, 64.
  4. Eyer, S. 70, 132.
  5. Eyer, S. 80.
  6. Eyer, S. 76.
  7. Eyer, S. 79f.
  8. Albert Bielschowsky: Goethe Sein Leben und seine Werke. Band 1. Verone (Nachdruck), Nikosia 1911, ISBN 978-9925-04435-1, S. 102.
  9. Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit. Reclam, Ditzingen 1998, ISBN 978-3-15-058718-8.
  10. Process Verbal Conseil Municipal. Commune de Niederbonn, 28. September 2020, abgerufen am 29. November 2021 (französisch).
  11. Stefan Woltersdorff: Nordelsass für Leser. Morstadt, Kehl 2007, ISBN 978-3-88571-326-5, S. 224.
  12. Stefan Woltersdorff: Nordelsass für Leser. Morstadt, Kehl 2007, ISBN 978-3-88571-326-5, S. 224f
  13. Alain Soutier: Histoire tumulteuse d'une Ville-Jardin (Bewegte Geschichte einer Gartenstadt), Les Saisons d'Alsace, Nr. 72, DNA Strasbourg, 2017, S. 48–53
  14. Auguste Daubrée: Description géologique et minéralogique du département du Bas-Rhin. Veuve Berger-Levrault, Strasbourg 1852, S. 465 f.
  15. [1] La Tribune, französische Wirtschaftszeitung vom 28. Dezember 2016. Abgerufen am 1. August 2021
  16. [2] Traces Ecrits, französische Onlinepublikation für Grand Est vom15. September 2016. Abgerufen am 1. August 2021
  17. [3] Internetseite der französischen Gewerkschaft CFDT vom 20. Dezember 2017. Abgerufen am 1. August 2021
  18. [4] Homepage der Marke Gooker. Abgerufen am 1. August 2021
  19. https://french-leader.com/report.php?siret=41523042400020 Die finanziellen Beteiligungen der Familie Meckert im Elsass. Abgerufen am 10. August 2021.
  20. https://www.societe.com/societe/la-source-423934538.html Finanzstatus der Firma La Source in Niederbronn. Abgerufen am 10. August 2021
  21. [5] Homepage der Firma Celtic. Abgerufen am 10. August 2021.
  22. Streckentabelle 5 TER Alsace (PDF; 109 kB)