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Ludwig IX. (Hessen-Darmstadt)

Landgraf von Hessen-Darmstadt
Ludwig IX.

Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt (* 15. Dezember 1719 in Darmstadt; † 6. April 1790 in Pirmasens) war von 1768 bis 1790 Landgraf von Hessen-Darmstadt, Gründer der Stadt Pirmasens und Gatte der so genannten „Großen LandgräfinHenriette Karoline von Pfalz-Zweibrücken.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Herkunft, Familie und JugendBearbeiten

Ludwig war der älteste Sohn des Landgrafen Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt (1691–1768) aus dessen Ehe mit Charlotte (1700–1726), Tochter und Erbin des Grafen Johann Reinhard III. von Hanau.

Ludwig wurde, nach dem Tod seiner Mutter, von seinen beiden Großvätern auf Schloss Philippsruhe bei Hanau erzogen. Im Verlauf des Polnischen Thronfolgekrieges übersiedelte Ludwig mit seinen Brüdern Georg Wilhelm und Friedrich in die hanau-lichtenbergische Residenz- und Hauptstadt Buchsweiler. Später studierten die Brüder in Straßburg bei Johann Daniel Schöpflin.[1]

Unter Vormundschaft seines Vaters regierte Ludwig seit dem Tod seines Großvaters 1736 Johann Reinhard in Hanau-Lichtenberg. 1740/41 unternahm der Erbprinz seine Kavalierstour, die ihn auch an den französischen Hof nach Versailles führte.[1] Ende 1740 wurde er für volljährig erklärt und übernahm als Graf von Hanau-Lichtenberg die Regierung.[2]

Er heiratete am 20. August 1741[2][3] in Zweibrücken Henriette Karoline (1721–1774), Tochter des Pfalzgrafen und Herzogs Christian III. von Zweibrücken-Birkenfeld. Nach deren Tod heiratete er in zweiter Ehe morganatisch am 23. Oktober 1775 in Ems Marie Adélaïde Cheirouze, die am Tag der Hochzeit zur „Comtesse von Lemberg“ erhoben wurde.[1]

Militärwesen und RegierungszeitBearbeiten

 
Ludwig IX., Landgraf von Hessen-Darmstadt

Ludwig hatte ein ähnliches Faible für Soldaten und das Militärleben wie der preußische „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., was auch dazu führte, dass er in preußische Dienste trat und von seinen 32 Ehejahren 18 getrennt von seiner Gemahlin bei seiner Garnison verbrachte. Seit 1733 vollführte er seine Laufbahn in der hessen-darmstädtischen Armee und errichtete 1741 im damals zum hanau-lichtenbergischen Amt Lemberg zählenden Bärenthal/Lothringen eine erste Kompanie, die nach kurzer Zeit den Marschbefehl nach Pirmasens erhielt, welches er zur Garnisonsstadt ausbaute. Durch seine Militärausgaben kam es schon bald zu finanziellen Engpässen in der Grafschaft Hanau-Lichtenberg.

Im Österreichischen Erbfolgekrieg trat er 1743 als Chef des Regiments Selchow zu Fuß in preußische Dienste. Er nahm an den Schlesischen Feldzügen Friedrichs II. von Preußen teil und war ab 1750 in Prenzlau garnisoniert. Sein Regiment gab er 1757 wieder zurück, um das französisch-österreichische Bündnis nicht zu belasten. Ludwigs Vater, ein Verbündeter Österreichs, hatte gegen den Dienst seiner Söhne im preußischen Heer interveniert und forderte seine Söhne vom preußischen König zurück.[2]

1764 trat er in kaiserlich-habsburgischen Dienst, wurde Generalfeldmarschallleutnant und erhielt 1767 das Regiment Macquir zu Fuß (1769: No. 35). Nach der Vermählung seiner Tochter mit dem russischen Zarewitsch verließ Ludwig IX. den kaiserlichen Militärdienst und wurde 1774 russischer Generalfeldmarschall.[1]

Ludwig folgte seinem Vater 1768 in die Regierung von Hessen-Darmstadt. Mit seinem ersten Minister Friedrich Karl von Moser reformierte er den Staat nach preußischem Vorbild. Die meisten bisherigen Beamten wurden entlassen und die Parforcejagd, die die Landwirtschaft in Hessen-Darmstadt nahezu ruiniert hatte, wurde abgeschafft. Das Heer wurde aufgestockt und Kasernen und Garnisonen ausgebaut.[1]

Ludwigs Persönlichkeit besaß manche irrationale Züge wie seine Geisterfurcht und er wurde wegen seines „Soldatenspiels“ von einigen Zeitgenossen belächelt.[1] Der Landgraf kümmerte sich fürsorglich um seine Soldaten und hatte eine besondere Vorliebe für Exerzierübungen und Paraden. Ludwig komponierte unzählige Militärmärsche,[4] was ihm den Namen des Reiches Erz-Tambour[5] einbrachte. Mit der deutlichen Erweiterung des Heereswesens legte Ludwig den Grundstein für die spätere Machtstellung Hessen-Darmstadts in den napoleonischen Kriegen.[1]

PirmasensBearbeiten

Ludwigs Leben ist stark verbunden mit der Stadt Pirmasens, ursprünglich nur ein kleines Walddorf, das als Sitz des hanau-lichtenbergischen Amtes Lemberg fungierte. Sein Großvater Johann Reinhard III. hatte dort bereits um 1720 ein kleines Jagdschloss errichtet. Der Ort wurde vom Landgrafen ab 1741 als Garnison und Residenz ausgebaut, 1763 wurden ihm die Stadtrechte verliehen und er wuchs von knapp 250 Einwohnern auf etwa 9000 zu Anfang des Jahres 1790 an. Im Jahr 1778 gründete Ludwig IX., dessen Vater Ludwig VIII. bereits Freimaurer war, in Pirmasens die Freimaurerloge „Zur brennenden Granate“.[6]

Ludwig ließ in Pirmasens einen großen Exerzierplatz für seine Garnison anlegen, der noch heute unter diesem Namen ein Zentrum der Stadt bildet. Der Platz stellte bis zu einer Teilbebauung ab ca. 1875 eine der größten umbauten barocken Platzanlagen Europas dar. Um von der Witterung unabhängiges Exerzieren zu ermöglichen, erfolgte 1770/71 gegenüber dem Schloss der Bau eines Exerzierhauses[7] bzw. einer überdachten stützenlosen Exerzierhalle, die zu diesem Zeitpunkt die zweitgrößte Exerzierhalle Europas war.[8] In napoleonischer Zeit entstand an ihrer Stelle die erste katholische Kirche der Stadt, seit 1897/1900 steht dort die Pirminiuskirche. Das Pirmasenser Schloss, unter Ludwig zu einem schlichten Residenzschloss ausgebaut, verfiel nach der Plünderung durch französische Soldaten Ende 1793, bis es im frühen 19. Jahrhundert abgebrochen wurde. An seiner Stelle befindet sich heute der Schlossbrunnen in der Mitte des Schlossplatzes.

Von seiner Residenzstadt erhalten geblieben sind die 1761 fertiggestellte lutherische Hof- und Garnisonskirche, in der Landgraf Ludwig IX. 1790 beigesetzt wurde (die heutige Lutherkirche), und die 1750–1758 am Rande des Exerzierplatzes erbaute Reformierte Kirche (die heutige Johanneskirche). Das 1771–74 errichtete Rathaus am unteren Schlossplatz wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber später ebenso wiederaufgebaut wie die ehemalige landgräfliche Lateinschule (der Vorläufer des späteren Kant-Gymnasiums) neben der Lutherkirche. Der Verlauf der 1763 entstandenen, bis auf wenige Reste abgebrochenen Stadtmauer zeichnet sich im heutigen Stadtgrundriss deutlich ab. Die vom Zweibrücker und Buchsweiler Tor stammenden Aufsätze in Form von flammenden Granaten zieren heute neue Pylone an den Zugängen zur Fußgängerzone in der Hauptstraße, der 1780 datierte Giebelaufsatz des 1944 kriegszerstörten einstigen landgräflichen Offizierskasinos wurde beim Neubau in der Fassade des Anwesens Hauptstraße 102 eingemauert. Von den sogenannten Grenadierhäuschen, die Ludwig in der ganzen Stadt als Wohnhäuser für seine Soldaten errichten ließ, ist noch eines in der Kaffeegasse erhalten.

NachkommenBearbeiten

Aus der Ehe mit Henriette Karoline von Pfalz-Zweibrücken gingen acht Kinder hervor:

⚭ 1768 Landgraf Friedrich V. von Hessen-Homburg (1748–1820)
⚭ 1769 König Friedrich Wilhelm II. von Preußen (1744–1797)
  • Ludwig I. (1753–1830), Großherzog von Hessen und bei Rhein
⚭ 1777 Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt (1761–1829)
⚭ 1774 Erbprinz Karl Ludwig von Baden (1755–1801)
⚭ 1773 Großfürst Paul, seit 1796 Zar Paul I. von Russland (1754–1801)
⚭ 1775 Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828)

Mit Ernestine Rosine Flachsland:

  • Ernst Ludwig von Hessenzweig (1761–1774)[9]

NachfahrenBearbeiten

Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt ist durch die Heiraten seiner Kinder und Enkel ein Vorfahr zahlreicher europäischer Herrscherhäuser. Über seine Tochter Friederike Luise stammen die nachfolgenden preußischen Könige und späteren deutschen Kaiser aus dem Haus der Hohenzollern sowie König Ludwig II. von Bayern von ihm ab. Über seinen Sohn Ludwig I. ist Ludwig IX. ein Vorfahr der hessischen Nebenlinie Battenberg und damit auch von Prince Philip, dem Prinzgemahl des Vereinigten Königreiches. Kaiser Franz Joseph I. von Österreich ist ein Ururenkel Ludwigs über seine Tochter Amalie. Durch zahlreiche interfamiliäre Heiraten im Haus Hessen-Darmstadt ist Ludwig IX. mehrfacher Vorfahr der nachfolgenden Herrscher in Darmstadt, so ist er beispielsweise vierfacher Ururgroßvater von Großherzog Ludwig IV.

VorfahrenBearbeiten

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ludwig VI. Landgraf von Hessen-Darmstadt (1630–1678)
 
 
 
 
 
 
 
Ernst Ludwig Landgraf von Hessen-Darmstadt (1667–1739)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Elisabeth Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg (1640–1709)
 
 
 
 
 
 
 
Ludwig VIII. Landgraf von Hessen-Darmstadt (1691–1768)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Albrecht II. von Brandenburg-Ansbach (1620–1667)
 
 
 
 
 
 
 
Dorothea Charlotte von Brandenburg-Ansbach (1661–1705)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Sophie Margarete zu Oettingen-Oettingen (1634–1664)
 
 
 
 
 
 
 
Ludwig IX. Landgraf von Hessen-Darmstadt
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Johann Reinhard II. von Hanau-Lichtenberg (1628–1666)
 
 
 
 
 
 
 
Johann Reinhard III. von Hanau (1665–1736)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Anna Magdalena von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler (1640–1693)
 
 
 
 
 
 
 
Charlotte von Hanau-Lichtenberg (1700–1726)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Johann Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1654–1686)
 
 
 
 
 
 
 
Dorothea Friederike von Brandenburg-Ansbach (1676–1731)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Johanna Elisabeth von Baden (1651–1680)
 
 
 
 
 
 

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Ludwig IX. – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g Jürgen Rainer Wolf: Ludwig IX.. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 392 (Digitalisat).
  2. a b c Philipp Alexander Ferdinand Walther: Ludwig IX., Landgraf von Hessen-Darmstadt. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 19, Duncker & Humblot, Leipzig 1884, S. 550 f.
  3. Julius B. Lehnung: Geliebtes Pirmasens. 1. Auflage. Band 1 (740–1790). Komet-Verlag, Pirmasens 1978, ISBN 3-920558-00-6, S. 41.
  4. Robert Eitner: Biographish-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Band 6, La—Milleville, Barnaba, Breitkopf & Haertel, Leipzig, 1902, S. 239.
  5. Ludwig IX., des Reiches Erz-Tambour.
  6. Freimaurerei in Pirmasens. Abgerufen am 18. September 2018 (deutsch).
  7. Bild mit Information über die ehemalige Exerzierhalle.
  8. Ludwig XI., der Gründer und Bauherr (PDF; 8,5 MB)
  9. Anna Eunike Röhrig: Mätressen und Favoriten - Ein biographisches Handbuch, MatrixMedia Verlag GmbH, 2010, ISBN 978-3-932313-40-0, S. 138–140.
VorgängerAmtNachfolger
Ludwig VIII.Landgraf von Hessen-Darmstadt
1768–1790
Ludwig X.