Rutherford B. Hayes

US-amerikanischer Politiker, 19. Präsident der Vereinigten Staaten (1877–1881)

Rutherford Birchard Hayes (* 4. Oktober 1822 in Delaware, Ohio; † 17. Januar 1893 in Fremont, Ohio) war ein amerikanischer Politiker (Republikanische Partei) und vom 4. März 1877 bis zum 4. März 1881 der 19. Präsident der Vereinigten Staaten. Er amtierte außerdem zweimal als Gouverneur von Ohio.

Hayes (Mathew B. Brady, zwischen 1870 und 1880)
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Hayes kam als Halbwaise in bürgerlichen Verhältnissen zur Welt, wobei ein Onkel zu seiner Vaterfigur wurde. Nach einem Abschluss am Kenyon College brach er eine Anwaltslehre ab, um an der Harvard University Rechtswissenschaften zu studieren. Im Jahr 1845 erhielt er seine Zulassung als Anwalt und eröffnete eine Kanzlei in Marietta, die er einige Jahre später nach Cincinnati verlegte. 1852 heiratete er Lucy Ware Webb. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, die das Erwachsenenalter erreichten.

Nach politischen Anfängen in der Whig Party wechselte er Mitte der 1850er Jahre zu den Republikanern und unterstützte bei der Präsidentschaftswahl 1860 Abraham Lincoln. Während des Sezessionskriegs diente er im Unionsheer und stieg bis zum Generalmajor auf. Nach zwei Jahren als Abgeordneter im Repräsentantenhaus wurde er im Januar 1868 Gouverneur des Bundesstaats Ohio. Mit einer Unterbrechung von drei Jahren hatte er dieses Amt bis zu seiner Amtseinführung als Präsident inne.

1876 nominierte ihn die Republican National Convention zu ihrem Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 1876, die er in einem höchst umstrittenen Wahlausgang gegen Samuel J. Tilden gewann. Dabei wurde zur Klärung des Endresultats durch den Kongress eine Kommission eingesetzt, in der die Republikaner die Mehrheit hatten.

Als Präsident beendete Hayes die Militärbesatzung der Südstaaten und somit die Reconstruction. Als im Sommer 1877 Streiks in einigen Bundesstaaten in Gewalt ausartete, entsandte er die United States Army zur Wiederherstellung der Ordnung. Außenpolitisch schlichtete er einen Streit zwischen Argentinien und Paraguay, der wenige Jahre nach dem Tripel-Allianz-Krieg wieder aufgeflammt war. Er strebte keine zweite Amtszeit an und setzte sich nach seiner Präsidentschaft in seiner Residenz Spiegel Grove zur Ruhe, die sich heute auf dem Gelände des Rutherford B. Hayes Presidential Centers befindet.

LebenBearbeiten

Erziehung und AusbildungBearbeiten

 
Hayes’ Geburtshaus in Delaware (1876)

Hayes’ Vater, Rutherford Hayes, Jr, starb im Juli 1822 an einem Fieber vor der Geburt seines Sohnes im Oktober. Er kam ursprünglich aus Vermont und entstammte einer presbyterianischen Familie, die 1625 aus Schottland nach Connecticut ausgewandert war. Rutherford Hayes, Jr führte bis 1817 gemeinsam mit seinem Schwager einen Laden in Dummerston, bevor er nach Delaware, Ohio umzog. Hier betätigte er sich als Farmer, Händler und trotz seines presbyterianischen Glaubens als Investor in eine Brennerei. Hayes’ Mutter, Sophia Birchard, stammte wie der Vater aus Neuengland. Ihre Vorfahren väterlicherseits waren im Jahr 1634 aus England in die Dreizehn Kolonien migriert. Nach dem Tod ihres Mannes erbte sie etwas Land nahe Delaware und ein noch nicht fertig gestelltes Haus in der Ortschaft, dessen Bau erst sechs Jahre später abgeschlossen wurde. Der spätere Präsident wurde nach seinen Eltern benannt, also Rutherford Birchard Hayes. Hayes hatte eine ältere Schwester und einen Bruder, der 1825 ertrank. Im Haushalt lebten ferner eine Kusine der Mutter und ihr Bruder, der Geschäftsmann und Bankier Sardis Birchard. Dieser wurde zu einer Vaterfigur von Hayes, kümmerte sich um dessen Ausbildung und unterstützte ihn finanziell, auch nachdem er 1827 nach Fremont gezogen war. Das Haupteinkommen der Familie bildeten die Pachteinnahmen aus dem bewirtschafteten Landbesitz.[1]

Hayes, der als Kind so krankheitsanfällig war, dass sein Überleben anfangs nicht sicher war, besuchte zuerst eine Schule in Delaware. 1834 unternahm er mit der Mutter eine Reise zu Verwandten in Vermont und Massachusetts, was seine lebenslange Reiselust weckte. Ab 1836 besuchte er eine methodistische Schule in Norwalk. Im folgenden Jahr wechselte er auf die Isaac Webb School in Middletown, Connecticut. Obwohl ihn der Schuldirektor trotz seines großen Fleißes noch für zu jung für das College hielt, war Hayes so begierig darauf, dass er ab dem Jahr 1838 das Kenyon College in Gambier besuchte. Hier schloss er erste politisch bedeutsame Freundschaften mit Stanley Matthews, Rowland E. Trowbridge, Christopher Wolcott und insbesondere Guy M. Bryan. Auf dem College begann er Tagebuch zu führen, was er bis zu seinem Lebensende fortführte, und engagierte sich in den Bereichen Literatur und Theater, wovon seine rednerischen Fähigkeiten enorm profitierten. In seinem Abschlussjahrgang war er daher einer der Abschiedsredner.[2]

Nach dem Collegestudium begann er mit der Anwaltslehre in der Kanzlei von Sparrow & Matthews in Columbus. Hier beschäftigte er sich neben der juristischen Fachliteratur mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Sein Onkel bestand jedoch auf ein reguläres Studium der Rechtswissenschaften und schickte Hayes 1843 auf die Harvard University. Hier übten die Vorlesungen der Juristen Simon Greenleaf und Joseph Story besonderen Einfluss auf ihn aus und dienten ihm als Rollenmodell für seine spätere Rechtspraxis. Er setzte in Harvard außerdem das Deutschstudium fort und besuchte auf dem Campus Gastvorträge von Berühmtheiten wie John Quincy Adams, George Bancroft, Henry Wadsworth Longfellow und Daniel Webster. Nach drei Semestern machte er im Februar 1845 sein juristisches Examen und wurde noch im gleichen Jahr in Marietta als Anwalt zugelassen. Kurz darauf zog er nach Fremont, weil er hier Verwandtschaft hatte und dem Rat Greenleafs folgte, als junger Rechtsanwalt nicht in einer großen Stadt zu praktizieren. Hayes eröffnete mit Ralph P. Buckland eine Gemeinschaftskanzlei.[3]

Anwaltstätigkeit und HeiratBearbeiten

Schon bald vertrat Hayes den Bundesstaat Ohio in einer Rechtssache, bei der es um die Schulden eines Sheriffs ging. Im Jahr 1847 erkrankte Hayes und spielte für einige Zeit mit dem Gedanken, sich als Freiwilliger bei der United States Army für den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg zu melden und dort von dem besseren Klima zu profitieren. Auf Anraten seiner Ärzte entschied er sich jedoch für einen Erholungsurlaub in Neuengland und einen anschließenden Besuch seines Freundes Bryan in Texas. Als er von seinem Freund George Hoadly vom Boom in Cincinnati hörte, zog er im Jahr 1849 in die Stadt und eröffnete hier im Januar 1850 eine Anwaltskanzlei. Nach einem schwierigen Start verdiente er nach einigen Monaten genug, um mit der Eisenbahn Ohio zu bereisen. Hayes trat einem Literaturclub bei, wo er seine rednerischen Fähigkeiten weiter ausbauen konnte und sich von einer Lesung Ralph Waldo Emersons so begeistert zeigte, dass er ihn immer wieder in den Club einlud und sein gesamtes Werk las. Weitere Gastredner, die einen nachhaltigen Eindruck auf ihn machten, waren Theodore Parker, Henry Ward Beecher und Edward Everett.[4]

Bald vertrat er zwei Mordfälle vor Gericht, wodurch er sich die Anerkennung des Richters verschaffte und der Öffentlichkeit bekannt wurde. Einer der Prozesse endete in einem Todesurteil gegen ein psychisch labiles Mädchen, das er vor den Supreme Court von Ohio brachte, wo die Todesstrafe in eine Einweisung in eine Nervenklinik abgeändert wurde. Im anderen Fall erreichte er vor dem Supreme Court, dass die Jury kein einstimmiges Urteil fällte. Der Angeklagte wurde später von Gouverneur Salmon P. Chase zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe begnadigt. Außerdem vertrat Hayes seinen Onkel Birchard in mehreren Landstreitigkeiten. Im Dezember 1853 bot ihm der Anwalt Richard M. Corwine die Partnerschaft in seiner Kanzlei an. Mit seinem Freund William K. Rogers nahm er die Offerte an, so dass noch im gleichen Jahr die Kanzlei Corwine, Hayes & Rogers gestartet werden konnte. Das Unternehmen stellte sich als erfolgreich heraus.[5]

 
Rutherford B. und Lucy Hayes an ihrem Hochzeitstag 1852

Im Jahr 1847 hatte der bis dahin in Liebesdingen gehemmte Hayes Fanny Perkins kennengelernt und ihr den Hof gemacht. Perkins kam aus einer alteingesessenen neuenglischen Familie in Norwich, Connecticut. Am Ende scheiterte diese Beziehung, weil Perkins’ Mutter ihr nicht den Umzug nach Ohio gestattete. Danach wandte er seine Aufmerksamkeit Lucy Ware Webb zu, die er 1847 als Studentin an der Ohio Wesleyan University kennenlernte. Wie Hayes war sie vaterlos aufgewachsen. Dieser war zur Sklavenbefreiung nach Kentucky gezogen und dort an einer Krankheit gestorben. Ihre Mutter hatte sie im Geiste des Puritanismus erzogen. Nachdem sie sich schließlich im Juni 1851 gegenseitig ihre Liebe erklärt hatten, fand am 30. Dezember 1852 die Hochzeit im Haus der Braut in Delaware statt. Die Ehe erwies sich als glückliche Wahl und hielt bis zum Lebensende. Aus der Verbindung gingen zwischen 1853 bis 1873 sieben Jungen und ein Mädchen hervor, von denen vier Kinder das Erwachsenenalter erreichten.[6]

Politische Anfänge bei den WhigsBearbeiten

Hayes zeigte sich seit seiner Jugend politisch interessiert. Bereits auf dem Kenyon College war er zu einem überzeugten Anhänger der Whig Party geworden und begierig die Präsidentschaftswahl von 1840 verfolgt. Mit Begeisterung reagierte er auf den Sieg des Whigs William Henry Harrison, der nach nur einem Monat im Amt verstarb. Obwohl dessen Nachfolger John Tyler wegen seines Vetos gegen die Gründung einer Nationalbank von den Whigs ausgeschlossen wurde, kritisierte Hayes die negative Haltung von Whigs als auch Demokraten gegenüber dem Präsidenten. Zwar neigte er weiterhin den Whigs zu, dennoch reichte sein politisches Engagement nicht soweit, dass er sich an den Midterm elections („Halbzeitwahlen“) 1842 beteiligte. Dagegen entwickelte er sich zwei Jahre später bei der Präsidentschaftswahl von 1844 zu einem großen Verehrer von Henry Clay, dessen Niederlage gegen James K. Polk er mit großer Enttäuschung aufnahm. Bei der Präsidentschaftswahl von 1848 engagierte er sich im Wahlkampf für Zachary Taylor und wurde ein Jahr später Mitglied im Ortskomitee der Whigs in Fremont.[7]

Zu dieser Zeit hatte die strittige Sklavenfrage zwischen Sklavenstaaten und freien Bundesstaaten weiter an Intensität gewonnen. Obwohl Hayes diese Institution ablehnte und seine Mutter eine resolute Sklavereigegnerin war, die die Sklaven ihres Vaters befreit hatte, äußerte er erst Vorbehalte gegen den Abolitionismus. Dies änderte sich allmählich, nachdem er seine Anwaltstätigkeit nach Cincinnati verlagert hatte und die Verteidigung entflohener Sklaven übernahm. Am Kompromiss von 1850, der in den Nordstaaten wegen des rigiden Sklavenfluchtgesetzes, der Öffnung der Territorien für die Sklaverei und ihr Weiterbestehen in Washington, D.C. zu einem Reizthema wurde, hegte er noch während der Debatte im Kongress starke Zweifel. Als sich Daniel Webster, bis dahin ein politisches Vorbild für Hayes, im März 1850 für den Kompromiss stark machte, verlor er das Vertrauen in dessen Rechtschaffenheit.[8]

Wechsel zu den RepublikanernBearbeiten

Bei der Präsidentschaftswahl von 1852 wurde er ein begeisterter Unterstützer des Whig-Kandidaten Winfield Scott, den er im Jahr zuvor bei einem Auftritt in Cincinnati gesehen hatte. Dennoch rechnete er ihm gegen den Demokraten Franklin Pierce nicht zu viele Chancen aus. Er hoffte in diesem Falle darauf, dass Pierce als Präsident die Annexion von Kuba als Sklavenstaat vorantreiben werde, und sich somit die Opposition gegen die Demokraten verstärkte. Hayes behielt mit seiner Vorahnung recht und die Whigs erlitten bei der Präsidentschaftswahl 1852 eine deutliche Niederlage und verloren danach massiv an Bedeutung. Als unter der Präsidentschaft von Pierce im Jahr 1854 der Kansas-Nebraska Act den Missouri-Kompromiss außer Kraft setzte, womit die Sklaverei nördlich des 36° 30' Breitengrads im Gebiet des ehemaligen Louisiana-Territoriums nicht länger untersagt war, löste das in großen Teilen der Nordstaaten Empörung aus. In der Folge kam es unter Beteiligung vieler ehemaliger Whigs zur Bildung der Republikaner als Oppositionsbewegung gegen die Demokraten im sich verschärfenden Nord-Süd-Konflikt. Hayes engagierte sich bei der Gründung dieser Partei in Cincinnati und war Delegierter auf ihrem Parteitag in Ohio. Ohne ihren Antikatholizismus zu teilen, versuchte er mit der nativistischen Know-Nothing Party zu kooperieren, als sein Anwaltspartner Corwine für den Posten des State Attorney Generals kandidierte. 1856 schlug er wegen unsicherer Wahlaussichten die ihm angebotene Kandidatur als Richter aus und war wenig überrascht über den Sieg James Buchanans gegen den Republikaner John C. Frémont bei der Präsidentschaftswahl in diesem Jahr.[9]

Im folgenden Jahr nominierte ihn der nationale Parteitag für den 36. Kongress der Vereinigten Staaten. Hayes trat jedoch von der Kandidatur zurück, weil er einem anderen Republikaner größere Wahlaussichten zutraute. 1858 wählte in der Stadtrat zum Rechtsberater von Cincinnati, was ihm ein nicht unbeträchtliches Einkommen bescherte. Er wurde später zweimal bei den städtischen Kommunalwahlen in diesem Amt bestätigt, unterlag aber 1861 seinem demokratischen Gegner. Hayes erkannte zwar, dass die Republikaner moderat auftreten mussten, um Erfolg zu haben, aber er frohlockte trotzdem, als der radikale Sklavereigegner Chase 1860 in den Senat gewählt wurde. Im Präsidentschaftswahlkampf 1860 saß er im Vorstand der Partei im Hamilton County. Da neben Abraham Lincoln mit John C. Breckinridge, John Bell und Stephen A. Douglas insgesamt vier Kandidaten im Rennen um das Weiße Haus waren, rechnete er mit keiner ausreichenden republikanischen Mehrheit im Electoral College, sondern ging von einer Entscheidung über die Präsidentschaft im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten aus. Mit den Wahlsiegen Lincolns in Ohio und Pennsylvania im Oktober stieg seine Zuversicht. Während der auf den Triumph der Republikaner folgenden Sezessionskrise hielt er in seinem Tagebuch fest, dass er vor einem Kompromiss mit den Südstaaten mehr Angst habe, als vor einem Bürgerkrieg. Amerika als respektable Nation könne nur auf der Grundlage von freien Bundesstaaten bestehen. Als sich bis Ende Januar 1861 immer mehr Staaten den Konföderierten anschlossen, war er zu ihrer Anerkennung als eigene Nation bereit. Einen Krieg sah er nur als notwendig an, um die Grenzstaaten in der Union zu halten. Die Beziehung zu seinem texanischen Freund Ryan blieb von diesem Konflikt ungetrübt und Hayes gratulierte ihm, als er in die State Legislature gewählt wurde.[10]

Im Februar 1861 traf Hayes den gewählten Präsidenten in Cincinnati. Den radikalen Abolitionismus immer noch ablehnend, nahm er mit Zufriedenheit zur Kenntnis, dass Lincoln sich dort nicht von den gewaltbereiten Sklavereigegnern der deutschamerikanischen Turnbewegung vereinnahmen ließ. Als Rechtsberater abgewählt, eröffnete er eine neue Anwaltskanzlei mit Leopold Markbreit, dem Bruder des Journalisten und Politikers Friedrich Hassaurek, als Partner.[11] Mit dem Angriff auf Fort Sumter durch die Confederate States Army Mitte April 1861 änderte sich Hayes Ablehnung eines Bürgerkriegs zur Wiederherstellung der Union. Als Mitglied eines Komitees, das eine große Versammlung von Unionsanhängern in Cincinnati gewählt hatte, entwarf er eine Resolution, die dazu aufrief, mit allen Mitteln im Sezessionskrieg die Einheit der Nation zu erzwingen. Kurz darauf meldete er sich gemeinsam mit seinem Freund Matthews, der mittlerweile Richter war, als Freiwilliger für das gleiche Regiment im Unionsheer.[12]

Eintritt in die Unionsarmee und die Schlacht bei Carnifex FerryBearbeiten

 
Hayes als Major im Unionsheer (1861)

Nach einigem Drill in einer Ausbildungskompanie wurde er Anfang Juni zum Major und Matthews zum Oberstleutnant ernannt. Im 23. Ohio Freiwilligen-Infanterieregiment diente er erst unter Oberst William S. Rosecrans, bis dieser, zum General befördert, auf einen anderen Dienstposten wechselte. Hayes nächster Disziplinarvorgesetzter wurde Eliakim P. Scammon, der streng führte und bei seinen Untergebenen verrufen war. Trotz einiger Kontroversen konnte Hayes zu ihm eine vernünftige Beziehung aufbauen. Die Stimmung im Regiment war anfangs verhalten, weil es ihm nicht ermöglicht worden war, seinen kommandierenden Offizier selbst zu wählen. Als die Soldaten bei der Waffenausgabe die Annahme alter Steinschlossmusketen verweigerten, ordnete Scammon die Inhaftierung einiger ihrer Offiziere an. Hayes gelang es, die Situation zu beruhigen, wodurch er bei den Rekruten ein hohes Ansehen erlangte. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits an den neuen Finanzminister Chase geschrieben und um bessere Ausrüstung sowie Geld für die Regimentskasse gebeten. Anfangs versah die Einheit leichten Dienst in ihrem Stützpunkt, so dass Hayes die Familie seiner verstorbenen Schwester besuchen und seine Frau in Columbus treffen konnte. Außerdem verschaffte er seinem Schwager Joseph T. Webb den Posten als Regimentsarzt.[13]

Ende Juli verließ das Regiment Camp Chase und marschierte in das Gebiet, aus dem bald West Virginia als neuer Bundesstaat entstand. Dort sollte es im Tal des Kanawha Rivers die Bahnstrecke der Baltimore and Ohio Railroad sowie die unionstreuen Bewohner beschützen. In der Gegend um Weston sah sich die Einheit mit ersten, kleineren Angriffen durch Anhänger der Konföderierten konfrontiert. Zwar geschah diese Operation nicht auf einem der Hauptschauplätze des Sezessionskriegs, aber weil das Kanawha River-Tal als die erste Verteidigungslinie seines Heimatstaats galt, wurden die Bewegungen von Hayes’ Regiment in Ohio mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Am 10. September 1861 führte Hayes das 23. Ohio Freiwilligen-Infanterieregiment als Teil der 3. Brigade Scammons in die Schlacht bei Carnifex Ferry. Erst von Rosecrans in Reserve gehalten, griff die 3. Brigade am Nachmittag in das Kampfgeschehen ein, wobei Hayes mit vier Kompanien die Vorhut bildete. Sie konnten die Truppen von Brigadegeneral John Buchanan Floyd aus ihrer Hügel-Stellung und zurück über den Gauley River drängen.[14]

Verwendung als Judge advocateBearbeiten

Ab dem 20. September 1861 wurde er zum Rechtsoffizier (Judge advocate) im Hauptquartier von General Jacob Dolson Cox berufen. Einerseits trennte sich Hayes nur ungern von seiner Einheit, andererseits schätzte er Cox und erhielt in dieser Verwendung eine höhere Besoldung. Er bereiste den gesamten Militärbezirk, das Department of the Ohio, um Gerichtsverhandlungen durchzuführen und fand allmählich Gefallen an dieser Tätigkeit. Er war weiterhin politisch interessiert und als seine Frau Lincoln Unentschlossenheit vorwarf, weil dieser General Frémont einer Order zur Sklavenbefreiung untersagt hatte, verteidigte er den Präsidenten. Obwohl ihm während der Schlacht bei Carnifex Ferry Zweifel aufgekommen waren, schätzte er die Kampfmoral der Confederate States Army immer noch niedrig ein. Gegnerische Offiziere, die er als Kriegsgefangene zuvorkommend behandelte, seien meist moderat in ihren Einstellungen und im Prinzip froh, wenn nach ihrer Niederlage die Union wieder hergestellt werden sollte. Im Dezember 1861 ging er nach wie vor von einer raschen Niederlage der Konföderierten aus, sollte nicht das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland intervenieren.[15]

 
Generalmajor Hayes

Später diente er zeitweise mit William McKinley, der später ebenfalls Gouverneur von Ohio und Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte, in einer Einheit. Hayes nahm unter anderem an der Schlacht am South Mountain am 14. September 1862 teil. Im Verlauf des Krieges stieg er vom Major bis zum Generalmajor auf.

Abgeordneter im RepräsentantenhausBearbeiten

Zwischen dem 4. März 1865 und dem 20. Juli 1867 vertrat Hayes den Staat Ohio im Repräsentantenhaus. Nachdem er von seiner Partei als Kandidat für die Gouverneurswahlen des Jahres 1867 nominiert worden war, trat er von seinem Mandat im Kongress zurück.

Gouverneur von OhioBearbeiten

Nach seinem Sieg bei den Gouverneurswahlen trat Hayes sein neues Amt am 13. Januar 1868 an. Nach einer Wiederwahl im Jahr 1869 konnte er bis zum 8. Januar 1872 im Amt bleiben. Im Jahr 1875 wurde er erneut zum Gouverneur gewählt. Diese Amtszeit begann am 10. Januar 1876 und endete am 2. März 1877 mit seinem Rücktritt, kurz vor seiner Amtseinführung als US-Präsident. Als Gouverneur von Ohio gelang es ihm, die Staatsverschuldung zu reduzieren. In seiner Amtszeit wurde das Agricultural and Mechanical College gegründet. Außerdem entstand ein Waisenheim für Kinder von Militärangehörigen. Hayes setzte sich für die Registrierung der Wahlberechtigten ein; er war für eine staatliche Regulierung des Eisenbahnwesens und für bessere Sicherheitsgesetze im Bergbau. Auch die Zustände in den Strafanstalten und Krankenhäusern sollten verbessert werden. Währungspolitisch glaubte er dem Hartgeld den Vorzug vor den Banknoten geben zu müssen. Im Jahr 1872 unterstützte er den Präsidentschaftswahlkampf von Ulysses S. Grant, obwohl er persönlich von der Korruption in dessen Regierung abgeschreckt war und Grant selbst auch nicht als großen Staatsmann betrachtete.

Präsidentschaftskandidat der Republikanischen ParteiBearbeiten

 
Wahlkampftransparent der Republikaner von 1876 mit Hayes und Wheeler

Bereits seit März 1876 war Hayes als möglicher Kandidat für die Präsidentschaft im Gespräch. Er galt als politisch unvorbelastet und war nicht in Skandale verwickelt. Trotzdem glaubte Hayes nicht, sich gegen namhafte Konkurrenz in der eigenen Partei durchsetzen zu können. Auf der Republican National Convention im Juni 1876 erhielt er aber dann doch im siebten Wahlgang die notwendige Stimmenmehrheit, um als Spitzenkandidat nominiert zu werden. Sein Running Mate als Kandidat für die Vizepräsidentschaft war der Kongressabgeordnete William A. Wheeler.

Umstrittener Wahlausgang 1876Bearbeiten

Die Präsidentschaftswahl von 1876 wurde nicht sofort entschieden. Hayes’ Herausforderer von der Demokratischen Partei, Samuel J. Tilden aus New York, gewann die Mehrheit der Stimmen im Land; jedoch kam es zu erheblichen Diskrepanzen in vier Bundesstaaten, allen voran in Florida. Der Kongress setzte zur Klärung des Resultates eine Kommission ein, welche von den Republikanern knapp dominiert war und den Sieg in allen vier Staaten Hayes zusprach: Von 15 Mitgliedern stimmten acht für Hayes und sieben für Tilden, genau nach Parteianhängerschaft. Die Demokraten waren nicht damit zufrieden und es gab immer lauter werdende Drohrufe im ganzen Land wie Tilden or Blood! („Tilden oder Blut!“). Letztendlich gab Tilden nach, nachdem die Republikaner ihm im inoffiziellen Kompromiss von 1877 unter anderem versprochen hatten, die militärische Besetzung des Südens durch Truppen der Union zu beenden. Das war gleichbedeutend mit dem Ende der Reconstruction. Das endgültige Ergebnis der Präsidentschaftswahl stand nach mehreren Monaten erst zwei Tage vor Beginn der neuen Amtszeit fest.

Präsident der Vereinigten StaatenBearbeiten

 
Präsident Hayes und sein Kabinett von links nach rechts am Tisch sitzend (1879): Hayes, Finanzminister John Sherman, Marineminister Richard W. Thompson, United States Attorney General Charles Devens, Außenminister William M. Evarts, Innenminister Carl Schurz, Kriegsminister George Washington McCrary und Postminister David M. Key
 
Offizielles Porträt im Weißen Haus (Daniel Huntington, 1884)

Um einen befürchteten Staatsstreich zu verhindern, wurde Hayes am 4. März 1877 im Red Room des Weißen Hauses unter Ausschluss der Öffentlichkeit vereidigt. Erst zwei Tage später wurde die Vereidigung zum 19. Präsidenten in der Öffentlichkeit wiederholt.[16] Am 6. März stellte er sein neues Kabinett vor, dem unter anderem der liberal eingestellte Carl Schurz als Innenminister angehörte. Mit David M. Key als Postminister gelangte erstmals ein früherer Konföderierter in ein Kabinett. Hayes ging gegen die seit der Grant-Regierung herrschende Korruption in der Verwaltung vor. Er legte sich auch mit einigen republikanischen Parteifreunden an, die eine eigene Hausmacht mit Hilfe illegaler Methoden aufgebaut hatten. Dazu gehörte auch Roscoe Conkling in New York. Hayes hielt das gegebene Versprechen und beendete die militärische Besatzung der Südstaaten. Diese Maßnahme war damals umstritten, half aber der Wirtschaft des Südens, wieder auf die Beine zu kommen. Auf der anderen Seite konnten die Weißen in den Südstaaten ihre alte Machtposition wieder einnehmen, wenn auch nicht mit Hilfe der Sklaverei. Dafür wurden Gesetze bezüglich der Rassentrennung erlassen, die den Grundsatz Separate but equal („Getrennt, aber gleich“) verfochten. Dieses Prinzip wurde im Jahr 1896 vom Obersten Bundesgericht ausdrücklich als rechtens anerkannt. Mit Hilfe von Wahlsteuern (poll tax) wurden viele Schwarze von ihrem Wahlrecht ausgeschlossen. Obwohl sich Hayes als republikanischer Präsident für einen Ausgleich mit dem Süden eingesetzt und die Reconstruction beendet hatte, blieb der Süden gegenüber den Republikanern verschlossen. Bis 1920 sollte kein republikanischer Präsidentschaftskandidat mehr eine Wahlmännerstimme aus dem Süden erhalten.

Im Sommer 1877 kam es in einigen Bundesstaaten zu Streiks bei den Eisenbahnarbeitern. Diese uferten teilweise in Gewalt; in Pittsburgh gab es bei Zusammenstößen 20 Tote und viele Verletzte. Die Gouverneure von Pennsylvania, Maryland, West Virginia und Illinois baten um militärische Unterstützung zur Wiederherstellung der Ordnung. Präsident Hayes entsprach diesem Wunsch und schickte die Armee, die die Unruhen niederschlug. Außenpolitisch gab es während der vier Amtsjahre von Hayes keine nennenswerten Ereignisse. Kleinere Probleme an der mexikanischen Grenze wurden friedlich gelöst. Der Plan einer französischen Gesellschaft, einen Kanal durch Panama zu bauen, stieß in Washington auf Ablehnung. Da das Vorhaben aber aus finanziellen Gründen ohnehin scheiterte, ergaben sich daraus auch keine weiteren Konsequenzen. Die Einwanderung aus China war ein anderes Thema, das vor allem an der amerikanischen Westküste Probleme auslöste. Hayes kam den Wünschen der weißen Bevölkerung nach, indem ein seit 1868 bestehender Vertrag dahingehend geändert wurde, dass die USA die Einwanderungsquote aus China regulieren konnten. Außerdem schlichtete er nach dem Tripel-Allianz-Krieg einen Grenzstreit zwischen Argentinien und Paraguay zugunsten Paraguays, weshalb ein paraguayisches Departamento, das Departamento Presidente Hayes, nach ihm benannt wurde.

Rutherford B. Hayes war der erste Präsident, der offiziell die Westküste bereiste und während seiner Amtszeit das Telefon benutzte. Er verbannte auf Betreiben seiner Frau Alkohol und Tabak aus dem Weißen Haus. Lucy Hayes wurde daraufhin als Lemonade Lucy verspottet. Sie führte auch die Tradition des Ostereierkullerns im Garten des Weißen Hauses ein.

Im politischen RuhestandBearbeiten

 
Spiegel Grove (2005)
 
Hayes’ Grabmal im Park von Spiegel Grove (2005)

Wie er bereits bei seiner Wahl angekündigte hatte, strebte Hayes keine zweite Amtszeit an. Am 4. März 1881 schied er aus dem Amt. Zu seinem Nachfolger wurde James A. Garfield. Danach zog er sich auf seinen Landsitz Spiegel Grove in Fremont zurück. Hier verbrachte er viel Zeit in seiner Bibliothek, engagierte sich für Bildungsprojekte und setzte sich für eine Gefängnisreform ein. Dort verstarb Hayes am 17. Januar 1893 an einem Herzinfarkt.

PersönlichkeitBearbeiten

In vielerlei Hinsicht war Hayes vor allem auf seine militärischen Leistungen im Sezessionskrieg und weniger auf seine politischen Errungenschaften als Präsident stolz. Nicht von ungefähr betitelte Ari Hoogenboom daher seine Hayes-Biographie Warrior and President („Krieger und Präsident“).[17]

NachlebenBearbeiten

Historische BewertungBearbeiten

Hayes bleibt als Präsident vor allem dafür in Erinnerung, dass er die Reconstruction beendete, ohne die sozialen und politischen Spannungen zwischen Nord und Süd beruhigt zu haben. Positiv ist laut dem Historiker Skorsetz zu beurteilen, dass nach den krisengeschüttelten Präsidentschaften von Johnson und Grant wieder mehr Ruhe in das Weiße Haus einkehrte und eine Phase wirtschaftlicher Erholung ihren Anfang nahm. Weil er gegen einen demokratisch kontrollierten Kongress regieren musste, festigte Hayes die Befugnisse des Präsidenten, womit er eine Basis für spätere Umstrukturierungen im politischen System Amerikas setzte. In den historischen Expertenrankings aller Präsidenten nimmt er einen mittleren Platz ein. Skorsetz sieht die wesentliche Errungenschaft von Hayes darin, dass er die Fähigkeit gehabt habe, traditionelle und moderne Werte miteinander zu verbinden und in der Öffentlichkeit dafür ein Bewusstsein zu wecken.[18]

Ehrungen und DenkmälerBearbeiten

Im Mai 1916 wurde in Fremont das Rutherford B. Hayes Presidential Center mit der Einweihung der Bibliothek fertig eingerichtet, deren Bücher Hayes Sohn Webb C. geerbt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hatte.[19] Neben der Präsidentenbibliothek beherbergt das Areal mit Spiegel Grove die frühere Residenz Hayes. Sie hat seit Januar 1964 den Status eines National Historic Landmarks.[20] Das Hayes County in Nebraska ist nach diesem Präsidenten benannt.[21]

LiteraturBearbeiten

Sachbücher
  • Ulrike Skorsetz: Rutherford B. Hayes (1877–1881): Das Ende der Rekonstruktion. In: Christof Mauch (Hrsg.): Die amerikanischen Präsidenten: 44 historische Portraits von George Washington bis Barack Obama. 6., fortgeführte und aktualisierte Auflage. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-58742-9, S. 213–218.
  • Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes.(= The American Presidents Series. Hrsg. von Arthur M. Schlesinger, Sean Wilentz. The 19th President). Times Books, New York 2002, ISBN 0-8050-6908-9.
  • Ari Arthur Hoogenboom: Rutherford B. Hayes: Warrior and President. University Press of Kansas, Lawrence 1995, ISBN 0-7006-0641-6.
  • Ari Arthur Hoogenboom: The presidency of Rutherford B. Hayes. University Press of Kansas, Lawrence 1988, ISBN 0-7006-0338-7.
Belletristik

WeblinksBearbeiten

Commons: Rutherford B. Hayes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Rutherford B. Hayes – Zitate (englisch)
Wikisource: Rutherford B. Hayes – Quellen und Volltexte (englisch)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 3f.
  2. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 4–6.
  3. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 6–8.
  4. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S.8f.
  5. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 9–11.
  6. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 11–13.
  7. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 13f.
  8. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 14f.
  9. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 15f.
  10. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 16–19.
  11. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 18.
  12. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 21f.
  13. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 21f.
  14. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 23f.
  15. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 24f.
  16. Ester Singleton: The story of the White House, Volume 2 1907 (Abgerufen am 16. August 2012).
  17. Hans L. Trefousse: Rutherford B. Hayes. S. 21.
  18. Ulrike Skorsetz: Rutherford B. Hayes (1877–1881): Das Ende der Rekonstruktion. In: Christof Mauch (Hrsg.): Die amerikanischen Präsidenten: 44 historische Portraits von George Washington bis Barack Obama. 2013, S. 213–218; hier: S. 218.
  19. Christian A. Nappo: Presidential Libraries and Museums. Rowman & Littlefield, Lanham 2018, ISBN 9781442271357, S. 46.
  20. Listing of National Historic Landmarks by State: Ohio. National Park Service, abgerufen am 8. November 2020.
  21. Charles Curry Aiken, Joseph Nathan Kane: The American Counties: Origins of County Names, Dates of Creation, Area, and Population Data, 1950–2010. Sechste Auflage. Scarecrow Press, Lanham 2013, ISBN 978-0-8108-8762-6, S. XIV.