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Der Ferrari 275 GTB/4 NART Spyder ist ein offener Sportwagen, der das Fahrgestell und die Antriebstechnik des geschlossenen Ferrari 275 GTB/4 verwendet. Er ist das erste Ferrari-Cabriolet, das einen Zwölfzylindermotor mit vier obenliegenden Nockenwellen hat. Die in einer Kleinserie von zehn Exemplaren gebauten Autos entstanden auf Initiative des US-amerikanischen Ferrari-Importeurs Luigi Chinetti und waren nicht Bestandteil der offiziellen Modellpalette Ferraris. 50 Jahre nach dem Produktionsende gehören sie zu den begehrtesten und teuersten Straßensportwagen der 1960er-Jahre. Für sie werden zweistellige Millionenbeträge gezahlt.

Ferrari
275 GTB/4 NART Spyder
275 GTB/4 NART Spyder
275 GTB/4 NART Spyder
Produktionszeitraum: 1967–1968
Klasse: Sportwagen
Karosserieversionen: Cabriolet
Motoren: Ottomotor:
4,0 Liter (221 kW)
Länge: 4410 mm
Breite: 1725 mm
Höhe: 1200 mm
Radstand: 2400 mm
Leergewicht: 1050–1100 kg

Inhaltsverzeichnis

HintergrundBearbeiten

Ab 1963 bot Ferrari im Bereich der Straßensportwagen in erster Linie die Modellfamilie 330 an. Zu ihr gehörten mehrere komfortbetonte Coupés unterschiedlicher Größe, die mit 4,0 Liter großen Zwölfzylindermotoren ausgestattet waren. Ferrari stellte dieser Reihe 1964 den Hochleistungssportwagen 275 GTB zur Seite, der einen kleineren Motor als die 330-Reihe hat, aber ebenso leistungsstark und deutlich leichter ist. Gleichzeitig erschien die offene Version 275 GTS. Sie hat eine gänzlich eigenständige Karosserie und ist ohne formalen Bezug zum GTB. 1966 ersetzte Ferrari den 275 GTB ein durch den äußerlich identischen, aber nochmal stärkeren 275 GTB/4, der als erster Serien-Ferrari einen Motor mit vier obenliegenden Nockenwellen hatte. Diese Leistungssteigerung übertrug Ferrari nicht auf den offenen 275 GTS. Seine Produktion endete vielmehr zusammen mit der des herkömmlichen GTB. Den Platz des 275 GTS nahm ab 1966 der Spyder Ferrari 330 GTS ein, der auf höheren Komfort ausgerichtet war und weiterhin einen Motor mit nur zwei obenliegenden Nockenwellen hat. Er war zu dieser Zeit der einzige werksseitig angebotene offene Ferrari.

Luigi Chinetti, Inhaber des North American Racing Teams (NART oder N.A.R.T.) und Ferraris Importeur für Nordamerika, war der Ansicht, dass der von Aldo Brovarone für Pininfarina entworfene 330 GTS für den amerikanischen Markt nicht attraktiv genug war. Er bevorzugte ein Cabriolet im Stil des 275 GTB/4, die Ferrari allerdings nicht anbot. Chinetti war beeindruckt von dem 1965 aufgebauten Nembo Spyder von Neri e Bonacini,[1] der die Linien des 275 GTB auf ein Chassis des leistungsstarken Ferrari 250 GT Berlinetta SWB übertrug und als Cabriolet interpretierte.[2] Eine Serienfertigung des Nembo Spyder kam allerdings nicht zustande, weil Neri e Bonacini Anfang 1967 den Betrieb einstellte.[3] Chinetti, der in der Vergangenheit bereits mehrfach Sonderversionen von Ferraris Serienmodellen in Auftrag gegeben hatte, ließ daraufhin in eigener Initiative in Italien eine Cabrioletausführung des 275 GBT/4 entwickeln und in Kleinstserie produzieren. Das Auto erhielt unter Bezugnahme auf Chinettis Rennstall die Bezeichnung 275 GTB/4 NART Spyder. Chinetti vertrieb das Modell in den USA parallel zum Werks-Spyder 330 GTS. Ferrari sieht den 275 GTB/4 NART Spyder nicht als offizielles Modell an.[4][5]

BeschreibungBearbeiten

 
Ausgangsmodell: Ferrari 275 GTB
 
„275 GTB mit abgesägtem Dach“: Ferrari 275 GTB/4 NART Spyder
 
Zum Vergleich: Der 330 GTS, ab 1966 Ferraris einziges offenes Werksmodell
 
Heckansicht

TechnikBearbeiten

Die Technik des NART Spyder entspricht vollständig der des geschlossenen 275 GTB/4. Beide haben ein Chassis vom Typ 596, wie es bereits im 250 GT Berlinetta SWB verwendet wurde. Grundlage ist ein Leiterrahmen, der aus verschweißten ovalen und rechteckigen Rohren besteht. Alle vier Räder einzeln aufgehängt. Vorn und hinten besteht die Aufhängung aus doppelten Dreiecksquerlenkern, Schraubenfedern und hydraulischen Teleskopstoßdämpfern mit zusätzlichen Stabilisatoren. Angetrieben wird der NART Spyder von einem 3,3 Liter großen Zwölfzylinder-V-Motor (3286 cm³; Bohrung × Hub: 77 ×58,8 mm), der die Werksbezeichnung Tipo 226 trägt. Er hat vier obenliegende Nockenwellen, die von Steuerketten angetrieben werden, und je ein Ein- und ein Auslassventil pro Zylinder. Im Gegensatz zum Motor des Vorgängers 275 GTB ist eine Trockensumpfschmierung eingebaut. Das Gemisch wird von sechs Weber-Doppelvergasern (Typ 40 DCN9, 40 DCN17 oder 40DCN18) aufbereitet. Die Motorleistung beträgt 300 PS (221 kW).[6] Die Kraftübertragung übernimmt ein handgeschaltetes Fünfganggetriebe, das mit der Hinterachse gekoppelt ist (Transaxle-Bauweise).

KarosserieBearbeiten

Die Karosserie des 275 GTB/4 NART Spyder ist ein Entwurf von Sergio Scaglietti. Sein in Modena ansässiges Unternehmen Carrozzeria Scaglietti komplettierte seit 1964 in Ferraris Auftrag die serienmäßigen Coupés 275 GTB und 275 GTB/4, während der offene 330 GTS wie schon der Vorgänger 275 GTS bei Pininfarina in Grugliasco aufgebaut wurde. Für den 275 GTB/4 NART Spyder legte Scaglietti den Pininfarina-Entwurf des 275 GTB zugrunde und formte daraus einen offenen Zweisitzer mit Stufenheck. Chinettis Sohn beschrieb den 275 GTB/4 NART Spyder rückblickend als einen „275 GTB mit abgesägtem Dach“.[1] Tatsächlich ist der 275 GTB/4 NART Spyder vom Vorderwagen bis zu den Türen mit dem geschlossenen 275 GTB/4 identisch; allerdings hatte Scaglietti die hinteren Kotflügel und den Heckabschluss so gestaltet, „als sei das Auto von Anfang an als Cabriolet geplant gewesen.“[5] Der Entwurf gilt allgemein als sehr gelungen. Einige Autoren halten den 275 GTB/4 NART Spyder für eines der schönsten Ferrari-Modelle.

Die ersten zwei Exemplare des 275 GTB/4 NART Spyder haben eine Karosserie aus Aluminiumblechen, alle späteren Exemplare haben eine Stahlkarosserie. Die Stahlversion wiegt 1100 kg, die Autos mit Aluminiumaufbau sind 50 kg leichter.

FahrleistungenBearbeiten

Die Höchstgeschwindigkeit des 275 GTB/4 NART Spyder wird mit 270 km/h angegeben. Damit liegt sie 35 km/h über der des Ferrari-Werkscabriolets 330 GTS.[6]

ProduktionBearbeiten

Den Aufbau der 275 GTB/4 NART Spyder übernahm die Carrozzeria Scaglietti. Chinetti hatte eine Serie von 25 Fahrzeugen in Auftrag gegeben, hatte dabei aber das Interesse an dem Auto falsch eingeschätzt.[1] Der Abverkauf in den USA verlief sehr schleppend und ließ sich nur mit erheblichen Preisnachlässen verwirklichen,[4] sodass die Produktion bereits nach zehn Exemplaren eingestellt wurde. Neun Fahrzeuge verkaufte Luigi Chinetti über seine Vertretung in Connecticut, ein Auto wurde in Europa verkauft. Es ging an einen General der Legión Española.[1]

MedienpräsenzBearbeiten

Luigi Chinetti gelang es, den 275 GTB/4 NART Spyder 1968 als Requisite in einem Spielfilm unterzubringen. Steve McQueen fuhr ein Exemplar in dem Streifen Thomas Crown ist nicht zu fassen.

Einsatz im MotorsportBearbeiten

Luigi Chinetti hatte den 275 GTB/4 NART Spyder nicht als Wettbewerbsfahrzeug konzipiert. Gleichwohl erschien ein Exemplar mit Aluminiumkarosserie beim 12-Stunden-Rennen von Sebring 1967. Die beiden Rennfahrerinnen Denise McCluggage und Pinkie Rollo brachten das in einem dunklen Gelb lackierte und mit einem Überrollbügel versehene Auto für das Northern Vermont Racing Team in der Klasse der Grand-Turismo-Wagen bis 5,0 Liter Hubraum (GT5.0) an den Start.[7] Es war der einzige Ferrari, der an diesem Rennen teilnahmen. McCluggage und Rollo beendeten das Rennen auf Platz 17. Sie hatten 185 Runden zurückgelegt, 50 weniger als der erstplatzierte Ford GT40 von Bruce McLaren und Mario Andretti.[8] Es blieb der einzige Rennauftritt dieses Modells.

Heutige MarktlageBearbeiten

Während der 275 GTB/4 NART Spyder zur Zeit seiner Produktion nicht begehrt war, gehört er im 21. Jahrhundert zu den teuersten Straßenfahrzeugen von Ferrari. 2013 wurde ein spätes Exemplar mit Stahlkarosserie in den USA zu einem Preis von 27,5 Mio US-$ verkauft.[5]

LiteraturBearbeiten

  • Leonardo Acerbi: Ferrari: A Complete Guide to All Models. MBI Publishing Company LLC, 2006, ISBN 978-0-7603-2550-6.
  • Georg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4
  • Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3.
  • Peter Braun, Gregor Schulz: Das große Ferrari-Handbuch. Alle Serien- und Rennfahrzeuge von 1947 bis heute. Heel Verlag, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-501-8.
  • Godfrey Eaton: The Complete Ferrari. Edited by Geoff Willoughby. Cadogan Books, London 1985, ISBN 0-947754-10-5.
  • Brian Laban: Ferrari. Aus dem Englischen von Frauke Watson. Parragon Books, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-1409-8.
  • Die Auto-Modelle 1966/67 und 1968/69 (Daten und Preis).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d N.N.: Luigi Chinetti Junior erzählt die Geschichte der Ferrari NART Spyder. www.classcdriver.com, 22. April 2016, abgerufen am 15. September 2018.
  2. Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 207.
  3. Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, 2017, ISBN 978-8896796412, S. 93.
  4. a b Peter Braun, Gregor Schulz: Das große Ferrari-Handbuch. Alle Serien- und Rennfahrzeuge von 1947 bis heute. Heel Verlag, Königswinter 2006, ISBN 3-89880-501-8, S. 72.
  5. a b c Thomas Lavin: Looking Back At The N.A.R.T. Spyder That Stole Our Hearts In Monterey. www.petrolicious.com, 10. September 2018, abgerufen am 15. September 2018.
  6. a b Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 141.
  7. Renngeschichte des Ferrari 275 GTB/4 NART Spyder auf der Internetseite www.racingsportscars.com (abgerufen am 16. September 2018).
  8. Ergebnisse des 12-Stunden-Rennens von Sebring 1967 auf der Internetseite www.racingsportscars.com (abgerufen am 16. September 2018).