Thionville

französische Gemeinde

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Thionville
Diedenhofen
Thionville (Frankreich)
Staat Frankreich
Region Grand Est
Département (Nr.) Moselle (57)
Arrondissement Thionville
Kanton Thionville, Yutz
Gemeindeverband Portes de France-Thionville
Koordinaten 49° 21′ N, 6° 10′ OKoordinaten: 49° 21′ N, 6° 10′ O
Höhe 147–423 m
Fläche 49,88 km²
Bürgermeister Pierre Cuny (DVD)
Einwohner 40.778 (1. Januar 2019)
Bevölkerungsdichte 818 Einw./km²
Postleitzahl 57100
INSEE-Code
Website www.thionville.fr

Thionville [tjɔ̃ˈvil] (deutsch Diedenhofen[1]) ist eine französische Stadt mit 40.778 Einwohnern (Stand 1. Januar 2019) im Département Moselle in der Region Grand Est (bis 2015 Lothringen).

Im moselfränkischen Dialekt, der noch von den Älteren gesprochen wird und dem Luxemburgischen sehr ähnlich ist, wird die Stadt Diddenuewen genannt. Die Einwohner nennen sich Thionvillois.

Place du Marché – Marktplatz

Geographische LageBearbeiten

Die Stadt liegt in Lothringen an der Mosel auf 155 m ü. NHN., etwa 28 km nördlich von Metz.

OrtsteileBearbeiten

GeschichteBearbeiten

 
Rue de la Tour mit dem Belfried
 
Platz Square du 11 Novembre
 
Wehrturm Tour aux Puces (Flohturm) vor dem Schloss der Grafen von Luxemburg
 
Kanonenkugeln am Tour aux Puces
 
Aufmarsch des kaiserlichen Heeres zur Unterstützung der Festung Thionville 1639
 
Belagerung der Festung Thionville 1643

Thionville bestand schon zur Zeit der Merowinger und wurde in Urkunden als Theudonevilla, Totonisvilla, Thionisvilla (1236) und Theodunvilla erwähnt. Erste urkundliche Erwähnung fand der Ort 752 als Theudonis villa.[2] Unter dieser Bezeichnung ist er auch mehrfach in den Fränkischen Reichsannalen und im Lorscher Codex[3] erwähnt. Spätere Bezeichnungen waren Dietenhoven (707), Didenhowen (962), Duodinhof/Duodenhof (11. Jh.), Diesenhoven (1023), Ditdenhof (1033), Dydenhowen (1346), Dutenhofen (1357), Diedzhofen (1431), Diedenhoven (1449), Dietenhoben (1576), Dudenhoffen (1606), Diedenhoben (1612).[1] In der Zimmerischen Chronik lautet der Ortsname Diedenhoffen.[4]

Der Ort war bereits zur Zeit Pippins des Jüngeren eine königliche Pfalz. In ihr wurden mehrere Hoftage abgehalten, zum Beispiel 835, als Bischof Radolt von Verona anwesend war[5] und die Absetzung Ludwigs des Frommen für ungültig erklärt wurde. Pippins Sohn Karl der Große weilte mehrfach in der dortigen Pfalz, „villa Theodonis villa“ (sic!). Am 24. Dezember 805 erließ er in Thionville das nach der Stadt benannte Diedenhofener Kapitular.

Durch den Vertrag von Meerssen 870 kam das Gebiet mit Luxemburg zum Heiligen Römischen Reich; im 13. Jahrhundert wurde die Stadt von dem Grafen von Luxemburg befestigt.[6] Sie blieb bis 1462 im Besitz der Herzöge von Luxemburg. Bis 1477 gehörte es dann dem Herzog von Burgund und von 1477 bis 1643 den Habsburgern.

1558 erlebte Diedenhofen zum Ende der Italienischen Kriege zwischen Frankreich und Habsburg eine erste Belagerung durch französische Truppen unter dem Herzog von Guise. Während des Französisch-Spanischen Krieges (1635–1659) kam es 1639 zu einer erneuten Belagerung der Stadt unter Manassès de Pas, Marquis de Feuquières, dessen Truppen von einem überlegenen kaiserlichen Heer auf Seiten der Spanier unter General Octavio Piccolomini in der Schlacht bei Diedenhofen am 7. Juni 1639 geschlagen wurden. Doch schon wenige Jahre später wurde die Stadt am 10. August 1643 nach einer weiteren Belagerung endgültig von französischen Truppen erobert.

Durch den Pyrenäenfrieden wurde Diedenhofen am 7. November 1659 an Frankreich abgetreten.

 
Belagerung von Diedenhofen durch die preußische Armee unter dem Herzog von Braunschweig am 5. und 6. September 1792 (zeitgenössische Darstellung)

Im Jahr 1792 begann der Feldzug des Herzogs von Braunschweig zur Rückeroberung des Throns von König Ludwig XVI. mit der Belagerung von Thionville, deren Besatzung für die Französische Revolution eintrat. Die Belagerung, die am Ende scheiterte, gab dem Ancien Régime einen Vorgeschmack auf den erbitterten Widerstand der Revolutionsarmee, der in der Kanonade bei Valmy gipfeln sollte. Im Jahr 1861 hatte Thionville 7818 Einwohner.[7]

Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde die Stadt während der Belagerung durch preußische Truppen stark beschädigt. Die Festung kapitulierte am 25. November 1870, über 4.000 Franzosen gingen in Gefangenschaft. Diedenhofen musste am 10. Mai 1871 aufgrund des Frankfurter Friedens an das neue Deutsche Kaiserreich abgetreten werden und wurde Bestandteil des Reichslandes Elsaß-Lothringen. Die zweisprachige Höhere Schule, die sich während der Kriegshandlungen aufgelöst hatte, wurde 1872 neu eingerichtet, zunächst mit einer Sexta und Quinta.[8]

Um 1900 hatte Diedenhofen eine evangelische und drei katholische Kirchen, eine Synagoge, ein Gymnasium, eine Bergschule, eine landwirtschaftliche Winterschule, ein Hauptzollamt, ein Theater und war Sitz eines Amtsgerichts.[9]

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs besetzten am 22. November 1918 französische Truppen die Stadt. Durch den Versailler Vertrag, der die Abtretung des Reichslandes Elsaß-Lothringen an Frankreich bestimmte, kam Diedenhofen 1919 an Frankreich. In der Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg ab 1940 war das CdZ-Gebiet Lothringen verwaltungstechnisch wieder Teil des Deutschen Reichs, obwohl keine formale Annektierung erfolgte. 1944 nahmen US-amerikanische Truppen Thionville ein, das seitdem wieder zu Frankreich gehört. Noch im Winter 1944/45 wurde für sogenannte Displaced Persons das DP-Lager Nr. 8 eingerichtet, das in den folgenden Jahren tausende ehemalige KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene aufgenommen hat.

In Thionville, das wie ganz Frankreich in den ersten Nachkriegsjahrzehnten einen Wirtschaftsaufschwung erlebte (trente glorieuses), setzte in den 1970er Jahren der Niedergang der dominierenden Schwerindustrie ein, vor allem beim Abbau von Eisenerz (Minette), sodass die Stadt und die gesamte Region mit einem schwierigen Strukturwandel und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben.

DemographieBearbeiten

Bevölkerungsentwicklung vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
Jahr Einwohnerzahl Anmerkungen
1793 5010 [10]
1821 5739 [10]
1841 5712 [10]
1861 7818 [7]
1866 7376 [11][10]
1871 8121 mit der Garnison (1879 Mann), auf einer Fläche von 1662 ha, in 772 Gebäuden, darunter 291 Evangelische, ein Mennonit und 187 Israeliten[12][13][6]
1872 7155 am 1. Dezember, in 722 Häusern;[14]
1880 7155 am 1. Dezember, auf einer Fläche von 1662 ha, in 737 Wohnhäusern, davon 5682 Katholiken, 1264 Protestanten und 183 Juden[15]
1885 8111 davon 6137 Katholiken, 1822 Evangelische und 149 Juden[16]
1890 8923 [7]
1900 10.062 mit der Garnison (zwei Bataillone Infanterie Nr. 135, ein Dragonerregiment Nr. 6 und zwei Kompagnien Fußartillerie Nr. 8), darunter 2727 Evangelische und 158 Juden[9]
1905 11.948 [7]
1910 14.184 davon 10.125 Katholiken, 3692 Evangelische und 332 Juden; 1659 mit französischer Muttersprache und 673 mit italienischer Muttersprache[17][7]
Anzahl Einwohner seit Ende des Zweiten WeLtkriegs
Jahr 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2007 2019
Einwohner 31.811 37.079 43.020 40.573 39.712 40.907 40.910 40.778

PolitikBearbeiten

BürgermeisterBearbeiten

Vom Mai 2015 bis zu ihrem Tod im April 2016 war die hier geborene Politikerin Anne Grommerch Bürgermeisterin (Maire) der Stadt. Sie gehörte der Partei Les Républicains an. Ihr Nachfolger wurde Pierre Cuny.

StädtepartnerschaftBearbeiten

Kultur und SehenswürdigkeitenBearbeiten

 
Hôtel de Ville (Neues Rathaus, ehem. Klarissinnenkloster)
 
Das Postamt
 
Pont de Cormontaigne, Pont-écluse Sud über den Canal des fortifications

MuseenBearbeiten

  • Musée de la Tour aux Puces oder Musée du Pays Thionvillois, (Museum im Flohturm, s. u.) Dauerausstellung archäologischer Funde der Region aus der Zeit der Vorgeschichte bis zur Renaissance, Wechselausstellungen zur Heimatkunde
  • Musée de la résistance et de la déportation

BauwerkeBearbeiten

Thionville verfügt über eine erstaunlich gut und vielfältig erhaltene Bausubstanz. Trotz Kriegszerstörungen blieben zahlreiche Bauten erhalten oder sie wurden wieder restauriert. In der Regel handelt es sich um Bürgerhäuser und Villen aus der Wilhelminischen Ära wie auch aus dem Fin de Siècle. Das ansonsten gut erhaltene Stadtbild wird allerdings durch etliche deplatziert wirkende moderne Hochhausbauten gestört.

Wirtschaft und InfrastrukturBearbeiten

Etwa acht Kilometer nördlich von Thionville steht das Kernkraftwerk Cattenom.

Die Region ist ein Zentrum der französischen Stahlproduktion. Der Hafen Thionville-Illange ist der größte Binnenhafen Frankreichs für den Transport von metallurgischen Produkten.[18]

Der Bahnhof Thionville ist ein Eisenbahnknoten an der Bahnstrecke Metz–Luxemburg. Hier zweigen die Strecke nach Trier und eine Nebenstrecke nach Bouzonville und Dillingen/Saar ab. Die Autobahn 31 (Autoroute A31) führt auf dem Abschnitt zwischen Metz und Luxemburg direkt durch das Zentrum der Stadt.

BildungBearbeiten

Zu den schulischen Einrichtungen Thionvilles zählt das Lycée et Collège Charlemagne.[19]

PersönlichkeitenBearbeiten

TriviaBearbeiten

  • Karl Mays Fortsetzungsroman Die Liebe des Ulanen spielt vor dem historischen Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges teilweise in Thionville.

LiteraturBearbeiten

  • Diedenhofen, Lothringen, in: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer alten Landkarte der Umgebung von Diedenhofen.
  • Franz Xaver Kraus: Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen. Beschreibende Statistik. Band III: Kunst und Althertum in Lothringen, Friedrich Bull, Straßburg 1886, S. 89–94 (Google Books).
  • Eugen H. Th. Huhn: Deutsch-Lothringen. Landes-, Volks- und Ortskunde, Stuttgart 1875, S. 313–316 (books.google.de).
  • Alfred Schmidtke: Drei Blätter aus Diedenhofens Kriegsgeschichte (1558 – 1639 – 1643), Buchdruckerei von G. Hollinger, Diedenhofen 1893 (Google Books).
  • Johann Sporschil: Die große Chronik. Geschichte des Krieges der Verbündeten Europa's gegen Napoleon Bonaparte, in den Jahren 1813, 1814 und 1815, Band 2, Teil II, Braunschweig 1841, S. 438 (Google Books).

WeblinksBearbeiten

Commons: Thionville – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Ernest de Bouteiller – Dictionnaire topographique de l’ancien département de la Moselle (1868 geschrieben)
  2. Franz Xaver Kraus: Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen. Beschreibende Statistik. Band III: Kunst und Althertum in Lothringen, Friedrich Bull, Straßburg 1886, S. 89–94, insbesondere S. 89.
  3. Glöckner, Karl [Hrsg.]: Codex Laureshamensis (Band 1), Urkunde 26, 26. Mai 836 – Reg. 3285. In: Heidelberger historische Bestände – digital. Universitätsbibliothek Heidelberg, S. 810, abgerufen am 1. Mai 2016.
  4. Zimmerische Chronik, herausgegeben von K. A. Barack, Band 4, Stuttgart 1869, S. 161 (online).
  5. Kasimir Walchner: Chronik der Stadt Ratolphzell. Beitrag zur Städte-Geschichte des Mittelalters, des Schwaben-, Bauern-, schmalkaldischen und dreißigjährigen Krieges. Aus handschriftlichen und anderen zuverlässigen Quellen bearbeitet, nebst Erläuterungen und Urkunden. Freiburg im Breisgau 1837, S. 11 (online).
  6. a b Gustav Neumann: Das Deutsche Reich in geographischer, statistischer und topographischer Beziehung, Band II, Grg. Ferd. Otto Müller, Berlin 1874, S. 560–562 (online)
  7. a b c d e M. Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006)
  8. Programm des Collegiums in Diedenhofen, Diedenhofen 1872 (online)
  9. a b Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 4, Leipzig/Wien 1906, S. 886 (online);
  10. a b c d Thionville – statistische Angaben der Arbeitsgruppe für Demographie und Geschichte der École des hautes études en sciences sociales (EHESS), Frankreich
  11. Vollständiges geographisch-topographisch-statistisches Orts-Lexikon von Elsass-Lothringen. Enthaltend: die Städte, Flecken, Dörfer, Schlösser, Gemeinden, Weiler, Berg- und Hüttenwerke, Höfe, Mühlen, Ruinen, Mineralquellen u. s. w. mit Angabe der geographischen Lage, Fabrik-, Industrie- u. sonstigen Gewerbethätigkeit, der Post-, Eisenbahn- u. Telegraphen-Stationen u. geschichtlichen Notizen etc. Nach amtlichen Quellen bearbeitet von H. Rudolph. Louis Zander, Leipzig 1872, Sp. 11 (online)
  12. Eugen H. Th. Huhn: Deutsch-Lothringen. Landes-, Volks- und Ortskunde, Stuttgart 1875, S. 313–316 (books.google.de).
  13. Georg Lang (Hrsg.): Der Regierungs-Bezirk Lothringen. Statistisch-topographisches Handbuch, Verwaltungs-Schematismus und Adressbuch, Metz 1874, S. 104 (online).
  14. C. Stockert, Das Reichsland Elsaß-Lothringen. Geographischer Leitfaden für die Höheren Lehranstalten, Friedrich Bull, Straßburg 1873, S. 65–66.
  15. Statistisches Büreau des Kaiserlichen Ministeriums für Elsaß-Lothringen: Ortschafts-Verzeichniß von Elsaß-Lothringen. Aufgestellt auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1880. C. F. Schmidts Universitäts-Buchhandlung Friedrich Bull, Straßburg 1884, S. 110, Ziffer 1336.
  16. Anonymes Mitglied des Katholischen Volksvereins: Die konfessionellen Verhältnisse an den Höheren Schulen in Elsaß-Lothringen. Statistisch und historisch dargestellt. Straßburg 1894, S. 40.
  17. Diedenhofen, Lothringen, in: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer alten Landkarte der Umgebung von Diedenhofen.
  18. Seite der Moselkommission Weitere Einzelheiten zum Hafen siehe ebd.
  19. Lycée et Collège Charlemagne: Accueil. Online auf www.charlemagne-thionville.fr. Abgerufen am 25. November 2015.