Hauptmenü öffnen

Marschland

holozäne Gebiet der nordwestdeutschen Küsten und Flüsse
Kilometerweite Marsch in den Vier- und Marschlanden am Elbdeich
Die Wedeler Marschlandschaft in Schleswig-Holstein
Der Hadelner Kanal zur Entwässerung der Marsch
Die tief gelegene Marsch und ein Entwässerungskanal
Das Schöpfwerk Otterndorf im Land Hadeln zur Entwässerung der Medem verfügte damals bereits über die größte Kreiselpumpe Europas.
Das Schöpfwerk in Neuhaus für die Aue und des Neuhaus-Bülkauer Kanals

Als Marsch(land) (v. niederdt., altsächs. mersc) – auch Masch, Mersch oder Schwemmland genannt – bezeichnet man eine nacheiszeitlich entstandene geomorphologische Landform im Gebiet der nordwestdeutschen Küsten und Flüsse sowie vergleichbare Landformen weltweit.

Der heutige Begriff Marsch ist vor allem durch die deutsche Geographie geprägt. Grundlegend waren die Reisebeschreibungen des Johann Georg Kohl (1808–1878), der über "die Marschlände der Welt" berichtete. Der Begriff überschneidet sich mit verwandten Begriffen, wie Polder, Koog, Feuchtgebiet und Sumpf. Während er in Deutschland fast ausschließlich auf die besiedelte Kulturlandschaft verweist, werden seine Synonyme in anderen europäischen Sprachen auch benutzt, um unbesiedelte Feuchtgebiete mit Sümpfen, Bruchwäldern und Salzwiesen anzudeuten. Die deutsche Terminologie wurde dagegen in Skandinavien, Tschechien, Russland und der Ukraine weitgehend übernommen.

Es wird zwischen Seemarschen, Moormarschen, Flussmarschen und Flussauen unterschieden. Die niedrigen Moormarschen, auch Sietland genannt, werden in den Niederlanden zu den Moorlandschaften gerechnet.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie und SynonymeBearbeiten

Das Wort Marsch und sein englisches Gegenstück marsh sind vermutlich aus einem urgermanischen *mariska- ('zum Meer gehörig') entstanden, abgeleitet vom Substantivum *mari- ('Binnengewässer', 'Moor', 'See'). Eng verwandt damit sind das altfranzösische mareis oder maresc ('Sumpf') und das mittellateinische mariscum, woraus sich die Wörter marais und 'Morast' entwickelten. Toponyme mit *marisk- und *marsi̯a- sind in Nordwesteuropa weitverbreitet, sie fehlen jedoch in Skandinavien.[1]

Seit etwa dem 11. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung dieser Begriffe, zusammen mit ihren lateinischen Äquivalenten palūs ('Sumpf', 'Bruchwald') und mariscum. Zunehmend wurden damit nicht allein Sümpfe und Salzwiesen, sondern auch besiedeltes und bedeichtes Marschland angedeutet. Letztere Bedeutung hat sich frühzeitig in Deutschland, England und Deutschland durchgesetzt, jedoch nicht in Belgien und den Niederlanden, wo man, statt dessen, Begriffe wie Kleiland und Polderland verwendet.

Marsch und Moor wurden immerhin häufig mit den gleichen Wörtern angedeutet. So hat man in die Marschen von Dol-de-Bretagne zwischen marais blanc und marais noire unterschieden.[2] Auch der englische Parallelbegriff Fens umfasst sowohl Brackmarsch (white fens oder silt fens) als Moorböden (black fens oder peat fens). Eine solche Mehrdeutigkeit gibt es ebenfalls in anderen Sprachen: das holländische Wort veen, altniederländisch feni bedeutet z.B. 'Moor' oder 'Hochmoor', ven bedeutet 'Tümpel', das friesische Gegenstück finne dagegen 'Marschweide'.

Italienische und spanische Synonyme sind palude oder padule, aus dem lateinischen palūs. Ein weiteres Äquivalent ist italienisches pantanum, lombardisches palta ('schlammiger, sumpfiger Ort'), wohl von einem illyrischen Substratwort *palta ('Sumpf'), das wiederum mit dem urslavischen *balta, servokroatischen блато ('See'), russischen болото ('Sumpf, Marsch'), tschechischen bláto und polnischen błoto ('Sumpf, Schlamm') verwandt ist. Baltische Kognate sind litauisches báltas ('weiß'), balà ('Sumpf') und lettisches ballen ('weiß'). Sämtliche Wörter sollen, zusammen mit dem germanischen *pōlaz ('Pfuhl'), englisches pool, niederländisches poel, dem sanskritischen palvala ('Pfuhl, Tümpel'), gallisches pal oder pol ('See, Sumpf'), walisisch pwll ('Pfuhl, Tümpel') und vermutlich dem griechischen πηλός ('Schlamm, Klei') auf einen Indogermanischen Wurzel *bʰel- ('glänzend, weiß') zurückzuführen sein. Die semantische Verbindung zwischen 'weiß' und 'Sumpf, Schlamm' ist nicht offensichtlich, sie wurde aber in vielen Sprachen nachgewiesen. Dies liegt wahrscheinlich entweder an der weit verbreiteten Präsenz des Sumpfgrases namens Wollgras, dessen weiße, flaumige Samenköpfe weiß sind, oder an die Farbe des getrockneten Tons, der je nach Boden einen hellen Farbton annimmt.[3] Gleichbedeutend ist das spanische marisma (vom lateinischen maritĭma 'Meeresküste'); verwandt damit sind wiederum der Namen der italienischen und katalanischen Marschregionen Maremma und Costa del Maresma. Die spanische Bezeichnung almarjal stammt dagegen vom arabischen al-marj 'Wiese'. Bekannt sind die Marsch-Araber, die in den Marschen und Sümpfen von Südirak wohnen. Die Lagunen und Küstenmarschen der italienischen Po-Ebene werden traditionell als valli dolci (Süßwasserlagunen) und valli salse (Brackwasserlagunen) bezeichnet. Die Flussmarschen der Weichseldelta werden auf Polnisch als żuławy (Werder) bezeichnet.

LandschaftBearbeiten

Marschen sind generell flache Landstriche ohne natürliche Erhebungen. Sie bestehen aus angeschwemmten Sedimenten und liegen in etwa auf Höhe des Meeresspiegels landeinwärts des Watts und der Salzwiesen und reichen bis zur Geest, die pleistozänen Ursprungs ist. Entstehungsgeschichtlich gehören sie zu den jüngsten geologischen Formationen: Sie sind holozänen Ursprungs, also nacheiszeitlich. Wenige Dezimeter bis mehrere Meter unter dem Marschboden und flachen Meeresgebieten befinden sich glazial geformte Schichten,[4] die denen entsprechen, die in der Geest zutage liegen.

Ausgedehnte Marschgebiete gibt es in Deutschland nicht nur direkt an der Nordsee, sondern beispielsweise auch als Flussmarschen im Gezeiten-Einflussgebiet der Tideflüsse, insbesondere der Elbe, Weser, Eider, Oste und Ems. Das Marschland der deutschen Nordseeküste bildet zusammen mit den auf niederländischer und dänischer Seite anschließenden Flächen das größte Marschgebiet weltweit. Die Längsausdehnung des Marschlandes zwischen Den Helder (NL) und Esbjerg (DK) beträgt grob 550 km. Zwar werden auch weiter im Binnenland gelegene Niederungslandschaften umgangssprachlich oft als „Marsch“ bezeichnet (oder Abwandlungen davon, z. B. Leinemasch in Hannover mit dem Maschsee), bodenkundlich und hydrologisch handelt es sich dabei aber präziser um Auen.

Marschen werden auch feiner z. B. nach Alter oder Entfernung zum Meer unterschieden:

EntstehungBearbeiten

 
Animation zum Zusammenhang von Watt, Salzmarsch und Hinterland mit den Gezeiten (Niedrigwasser, Mittlerer Wasserstand, Hochwasser und Springhochwasser)

Ausgang aller Marschen ist das Watt. Die Marschen entstehen durch allmähliche Verlandung der Salzwiesen durch Sedimentation an Pionierpflanzen. Dieser natürliche Vorgang wurde von den Küstenbewohnern in der Vergangenheit für die Landgewinnung genutzt. Die Sedimentationsrate ist dann am höchsten, wenn die Marschen noch nicht zu hoch über den Meeresspiegel gewachsen sind. Wenn Sturm- und Springtiden die Salzwiesen überfluten, fällt das mitgeführte Material am Ende der Brandungszone aus, weil die Transportkraft durch die verringerte Geschwindigkeit der Wellen kleiner wird.

So entsteht eine leicht erhöhte Zone direkt an der Küste bzw. am Flussufer; das sogenannte Hochland aus minerogenen Sedimenten. Landeinwärts findet keine Sedimentation statt, weshalb hier das tieferliegende Sietland entsteht. Durch die langsame Anhebung des Meeresspiegels wächst der Höhenunterschied zwischen Hochland und Sietland und kann mehrere Meter betragen. Die Oberfläche kann bis unter den Stand des Tidenniedrigwassers sinken und muss dann kontinuierlich entwässert werden. Im Sietland können sich durch aus der Geest austretendes Grundwasser und Niederschläge ausgedehnte Niedermoore entwickeln, welche bei Entwässerung zu Sackungen neigen.

Zur Landgewinnung bzw. zum Hochwasserschutz wurden die Marschen früher eingedeicht (heute nicht mehr praktiziert). Diese durch Fluss- und Seedeiche geschützten Gebiete werden als Koog (in Schleswig-Holstein), Groden (in Niedersachsen) oder Polder (in den Niederlanden) bezeichnet. Wo kein Schutz durch Deiche vorhanden ist, zum Beispiel auf Halligen, werden Gehöfte und Ansiedlungen wegen der Überflutungsgefahr auf einige Meter hohe aufgehäufte Warften oder Wurten (niederländisch: Terpen) gebaut.

Das Marschland wird durch ein Entwässerungssystem, bestehend aus Gräben, Wettern oder Wedderungen, Pumpstationen und Sielen trocken gehalten. Ohne diese ständige Entwässerung würde die Marsch ein unbewohnbares Moorgebiet werden. Durch das Trockenlegen ist das Land (teilweise unter den Meeresspiegel) abgesackt. Die tiefste Landstelle Deutschlands liegt 3,54 Meter unter dem Meeresspiegel und befindet sich am Ortsrand von Neuendorf-Sachsenbande in der Wilstermarsch westlich von Itzehoe in Schleswig-Holstein.

MarschbödenBearbeiten

Die Marschen bilden nach der deutschen Bodenkartierung die Klasse M in der Abteilung der semiterrestrischen Böden (Grundwasserböden). Die deutsche Bodensystematik ist eine der wenigen Klassifizierungen weltweit, die sie als eigene Klasse anspricht. Die meisten Systeme – wie die WRB – sehen in ihnen nur Teile anderer Klassen. Diese Besonderheit mag darin begründet sein, dass Marschen in Nordwestdeutschland eine große Fläche einnehmen.

Alle Marschböden weisen wie die Gleye die Horizontierung A/Go/Gr auf. Zur Unterscheidung Gley-Marsch liegen aber drei Besonderheiten vor, die alle erfüllt werden müssen:

  • Regionale Zuordnung in die Marschlandschaft
  • Ausgangsmaterial sind litorale Sedimente aus der Brackwasserzone (Startpunkt Watt). Diese sind sehr schluffreich (selten liegt sogar reiner Schluff vor), sind in der Regel wegen zerschlagener Muschelschalen sehr kalkreich und weisen im gesamten Sedimentkörper bis zum pleistozänen Grund einen hohen Anteil organischer Substanz auf. Typisch für litorale Sedimente sind zahlreiche sehr feine Schichten, die auf Sturmfluten zurückzuführen sind.
  • Junger Boden aus dem Holozän.

Unmittelbar nach der Ablagerung der Sedimente setzt die Bodenbildung ein. Damit aus dem Watt eine Marsch wird, muss die Fläche aber oberhalb des mittleren Tidenhubs liegen.

Die sieben in Deutschland unterschiedenen Bodentypen der Marschböden bilden eine logische, zeitliche Reihenfolge, die beim Watt startet. Die Stadien der Jungmarschen werden immer durchlaufen. Bei den Altmarschen wird einer der vier möglichen Typen erreicht.

 
Poldertreppe an einem ehemaligen Deich des Jadebusens: Die vor 1600 eingedeichten Flächen links liegen tiefer als der 1733 eingedeichte Alte Wapeler Groden rechts.
Jungmarschen
Altmarschen

Etwa ab 1000 Jahren. In Deutschland maximal 2500 Jahre.

Untertypen oder andere gebräuchliche Bezeichnungen, die keinen eigenen Bodentyp darstellen, sind Moormarsch und Geestmarsch. Es sind auch Übergänge zwischen Jungmarschen und Altmarschen möglich, die als Subtypen des stärker ausgeprägten Bodentyps angesprochen werden.

Schwefeldynamik der Marschen

Im Watt entstehen unter anaeroben Bedingungen große Mengen an Eisensulfid (FeS). Dieses färbt den Boden intensiv schwarz und liegt auch in den Jungmarschen noch vor. Wachsen die Sedimente aus dem täglichen Überflutungsbereich heraus, kommt es zur Belüftung des Bodens und zum Beginn der Sulfidoxidation. Bei dieser chemischen Reaktion wird Schwefelsäure freigesetzt und das schwarze Eisensulfid wird in bräunliches Eisenoxidhydroxid umgewandelt, weshalb sich die Bodenfarbe rasch ändert. Dieser Prozess dauert an, bis das gesamte Eisensulfid oxidiert ist. Dadurch wird die in allen Böden eintretende Kalkauswaschung in Jungmarschen stark beschleunigt, da die Schwefelsäure die primär sedimentierten Carbonate zerstört.

Daneben setzen bei der Bodenentwicklung weitere Prozesse wie Sackung und Aussüßung ein. Im weiteren Verlauf werden die zu Beginn sehr salzreichen Böden der Rohmarsch entsalzt, das heißt, dass Magnesium- und vor allem Natrium-Ionen ausgewaschen werden. Infolge der zunehmenden Belüftung intensivieren sich auch die oxidativen Prozesse, was zum Abbau der organischen Substanz und zur Gefügeausbildung führt. Diese Prozesse führen zur Bildung der Kalkmarschen und schließlich nach der Entkalkung zur Kleimarsch.[5]

NutzungBearbeiten

Die Marschgebiete Nordwestdeutschlands sind nahezu vollständig in Nutzung. Dabei sind je nach Bodentyp entweder Grünland oder Ackerbau vorherrschend (siehe auch unter den verschiedenen Bodentypen der Marschen). Die Marschgebiete der jungen Marsch sind in der Regel sehr fruchtbar. Neben der Viehhaltung werden sie auch für den Ackerbau genutzt. So ist Dithmarschen vor allem für den Kohl bekannt. Das Alte Land ist eines der größten Obstbaugebiete Mitteleuropas, die Vierlande und Marschlande in Hamburg gehören zu den bedeutendsten Anbaugebieten für Gemüse und Blumen. Durch die problematische Entwässerung ist auf dem Sietland jedoch meist Grünlandwirtschaft (Wiese, Weide) zu finden.

Die Fruchtbarkeit der Marschen beruht auf mehreren Faktoren: So sind die Klei-Böden schwer und durch Schwebstoffe feinkörnig und nährstoffreich. Durch die küstennahe Lage ist das Klima ausgeglichener als im Binnenland, insbesondere sind Fröste seltener. Von besonderer Bedeutung für das Mikroklima sind die zahlreichen Entwässerungsgräben, die sowohl Schutz vor Frost im Frühjahr als auch vor starker Hitze im Sommer geben. Außerdem haben die Marschböden einen hohen Grundwasserspiegel, so dass die Wasserversorgung der Pflanzen weitaus besser als auf der Geest ist.

Die fruchtbaren Böden sind ein wesentlicher Grund für eigenständige kulturelle und historische Entwicklungen in den Marschgebieten, beispielsweise für die lange Periode der Selbständigkeit von Dithmarschen. Vielfach grenzten sich die Marschbewohner bis in das 20. Jahrhundert von den ärmeren Bewohnern der Geest ab, beispielsweise in der Heiratspolitik. Es galt als unschicklich, einen Bewohner aus der Geest zu heiraten, teilweise kam es zur Enterbung oder zum Verstoß aus der Familie bzw. dem Ort.[6]

Marschgebiete in DeutschlandBearbeiten

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Jürgen Udolph: Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin/New York 1994, S. 364-374, 772, 837. Kirstin Casemir und Jürgen Udolph: Zum Ortsnamen Merseburg. In: Namenkundliche Informationen/NI 109/110 (2017), S. 108-146.
  2. Der Ort Marchenoir wird 1104 erstmals als Marchassus negrus erwähnt. Bretonische Beispiele sind die Örter Le Pouliguen ('weißer Sumpf') und Noirpalu ('schwarzer Sumpf', 1186 apud Nigrum paludem), mit dem festlandkeltischen Wurzel pol ('See', 'Sumpf'). Stéphane Gendron: Le gaulois *pol-, 'étang, marais' en Indre-et-Loire. In: Bulletin de la Société archéologique de Touraine 42 (1992), S. 385-416.
  3. Wiktionary (Englisch): Reconstruction:Proto-Slavic/bolto.
  4. NIBIS-Kartenserver des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie – Geozentrum Hannover: http://nibis.lbeg.de/cardomap3/ → Geologie → Geologische Küstenkarte 1:25 000 → Relief der Holozänbasis
  5. Sven Kruse-Irmer: Böden: mehr als der Dreck unter unseren Füßen - in virtueller Bodenlehrpfad -. In: Bodenkunde. Institut für Biologie und Umweltwissenschaften (IBU) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 9. Januar 2007, archiviert vom Original am 21. März 2008; abgerufen am 12. Januar 2018.
  6. D. Dethefsen: Geschichte der Holsteinischen Elbmarschen. 1891.