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Hamburg-Billbrook

Stadtteil von Hamburg

GeographieBearbeiten

Der Billbrook ist ein Sumpfgebiet am Rande der Marsch im Urstromtal der Elbe, das nach Norden hin von dem Fluss Bille begrenzt wird. Hierher rührt auch der Name Billbrook, der „Brook an der Bille“ bedeutet.[1]

Ähnlich wie im westlich benachbarten Hammerbrook (in den heutigen Stadtteilen Hamm und Hammerbrook) wurde das Gelände gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Sand um mehrere Meter aufgeschüttet, um seine Bebauung zu ermöglichen.

Das Gebiet wurde planmäßig erschlossen durch ein Netz von, völlig untypisch für Hamburg, sehr breiten und über weite Strecken schnurgeraden Straßen. Fünf breite Kanäle (Tiefstack- und Billbrookkanal sowie Tide-, Industrie- und Moorfleeter Kanal) dienen der Entwässerung, sind aber auch mit geringem Tiefgang schiffbar.

Das Gebiet um die Mündung des Tiefstackkanals, der Billbrook vom benachbarten Stadtteil Rothenburgsort auf der Insel „Billwerder Ausschlag“ trennt, in die Billwerder Bucht wird auch als „Tiefstack“ bezeichnet.

Bebauung und NutzungBearbeiten

Billbrook besteht heute fast ausschließlich aus Gewerbegebiet. Zwei kleine Wohngebiete befinden sich am Billbrookdeich im Norden und Nordosten längs des Billeufers sowie an der Ecke Andreas-Meyer-Str./Halskestraße im äußersten Süden des Stadtteils.

Im Osten des Stadtteils, unweit der Grundschule Billbrookdeich, befinden sich zwei Wohnunterkünfte für wohnungslose Menschen: In den Gebäuden leben großteils wohnungslose Familien verschiedener Herkunft. Eine steht an der Berzeliusstraße, wo 2002 eine schlecht beleumundete Unterkunft abgebrochen wurde.[2] Diese war als "Berze" bekannt. Die andere steht am Billstieg.[3]

GeschichteBearbeiten

 
Arbeiterfamilie in Billbrook 1902
 
Frühere Polizeirevierwache 92 in der Moorfleeter Straße 19

Bereits im 13. und 14. Jahrhundert wurden Marschflächen an der Bille eingedeicht. Seit 1395 gehörte das Gebiet zum Hamburger Landgebiet und dort zum Dorf Billwärder. Neben der bäuerlichen Besiedlung bauten sich wohlhabende Hamburger seit dem 17. Jahrhundert Landhäuser auf dem Billbrook. Einige dieser Häuser standen bis in das 20. Jahrhundert und wurden als Gaststätten genutzt. Das Gartenrestaurant Billwärder Park an der Blauen Brücke wurde z. B. 1727 als Landhaus errichtet und gehörte Ende des 18. Jahrhunderts dem Hamburger Senator Joachim Caspar Voigt. Das Landhaus an der blauen Brücke in Billwärder an der Bille 34 wurde in den Jahren 1882 bis 1889 von dem Destillateur Jochim Friedrich Thomsen betrieben, der vorher als Cafetier den Elb-Pavillon am Mühlenberg auf der Bastion Casparus, das Orpheum in der Neustädter Neustrasse und Lübbers Salon in der Eimsbütteler Chaussee betrieben hat.

Nachdem sich bereits ab 1850 im westlichen Billbrook Industrie ansiedelte, führte die Aufschüttung des Geländes Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Verdrängung der Landwirtschaft durch Industriebetriebe. 1903 wurde der Tiefstackkanal erbaut. 1912 wurde Billbrook von Billwerder, das weiter Landgebiet blieb, losgelöst und als eigener Stadtteil in die Kernstadt Hamburg (Hamburg war damals rechtlich gesehen ein Flächenstaat) eingemeindet.

1914 bis 1917, also während des Ersten Weltkrieges, wurde mit dem Großkraftwerk Tiefstack, die bis dahin größte Kraftwerksanlage der HEW erbaut. Das Kraftwerk hatte eine Leistung von 100.000 Kilowatt, fünfmal so viel wie die das bis dahin größte HEW-Kraftwerk. Es wurde 1993 durch das heutige Heizkraftwerk Tiefstack ersetzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Billbrook großflächig zerstört.

Der Dioxinskandal um das Industrieunternehmen Boehringer hatte seinen Ursprung in Billbrook: Boehringer betrieb an der Andreas-Meyer-Straße an der Grenze zu Moorfleet ein Herbizidwerk, dessen Dioxinausstoß viele Arbeiter erkranken ließ. 1984 musste die Fabrik geschlossen werden. Das Gelände wurde bis in die 1990er Jahre hinein saniert, was jedoch zu keiner nennenswerten Entlastung des Bodens führte, so dass seit 1994 der Bereich weiträumig durch metertiefe Spundwände von der Umgegend abgetrennt wurde.

Historische GebäudeBearbeiten

StatistikBearbeiten

  • Minderjährigenquote: 31,0 % [Hamburger Durchschnitt: 16,3 % (2017)].[4]
  • Altenquote: 5,5 % [Hamburger Durchschnitt: 18,2 % (2017)].[5]
  • Ausländeranteil: 78,0 % [Hamburger Durchschnitt: 17,1 % (2017)].[6]
  • Arbeitslosenquote: 11,7 % [Hamburger Durchschnitt: 5,2 % (2017)].[7]

Das durchschnittliche Einkommen je Steuerpflichtigen beträgt in Billbrook 22.625 Euro jährlich (2013), der Hamburger Gesamtdurchschnitt liegt bei 39.054 Euro.[8]

PolitikBearbeiten

Für die Wahl zur Bürgerschaft und der Bezirksversammlung gehört Billbrook zum Wahlkreis Billstedt-Wilhelmsburg-Finkenwerder. Die Bürgerschaftswahl 2015 führte zu folgendem Ergebnis:[9]

  • SPD: 49,4 % (–2,0)
  • AfD: 13,3 % (+13,3)
  • CDU: 10,6 % (−6,3)
  • Linke: 8,9 % (±0,0)
  • Piraten: 6,0 % (+1,5)
  • FDP: 4,8 % (+2,8)
  • Grüne: 4,1 % (–2,4)
  • Übrige: 2,9 % (–6,9)

Wirtschaft und InfrastrukturBearbeiten

 
Müllverbrennungsanlage Borsigstraße und Brücke über den Tiefstackkanal
 
Billbrook von der B5 bis nach Tiefstack
 
Die Spedition BurSped
 
Rangierfahrt im Bereich Billbrook Bahnhof

Energie und AbfallBearbeiten

Billbrook beherbergt das Heizkraftwerk Tiefstack der ehemaligen Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW, jetzt Vattenfall Europe), ein Müllheizkraftwerk mit angeschlossenem Biomasseheizkraftwerk und eine Sondermüllverbrennungsanlage.

Daneben gibt es diverse mittelständische Entsorgungs- und Recyclingbetriebe.

Handel und SpeditionenBearbeiten

Billbrook bietet vor allem flächenintensiven Betrieben wie Speditionen und den Lagerhallen von Handelsunternehmen (z. B. Otto-Versand, Olympus) eine Heimat. Aber auch die Kaffeerösterei J. J. Darboven unterhält dort einen Speicher.

VerkehrBearbeiten

Die beiden in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Hauptstraßen Wöhlerstraße und Moorfleeter Straße schließen an die nördlich des Stadtteils verlaufende Bundesstraße 5 an, die als Schnellstraße ausgebaut ist.

An der Moorfleeter Straße liegt auch der Bahnhof Billbrook der Billwerder Industriebahn, deren dichtes Netz den gesamten Stadtteil durchzieht, wenngleich viele Anschlussgleise heute stillgelegt/abgebaut sind. Am östlichen Rand des Stadtteils verläuft die Trasse der 1928 bis Billbrook verlängerten und 1952 stillgelegten Hamburger Marschbahn. Vom Bahnhof nach Nordosten führt seit 1907 die Strecke der Südstormarnschen Kreisbahn nach Glinde und bis 1952 weiter nach Trittau. Im selben Jahr wurde der Personenverkehr über Billbrook eingestellt; der Güterverkehr auf den verbliebenen Strecken werden von der AKN betrieben.

Seit 1930 hatten die Fahrgäste am Bahnhof Billbrook Anschluss an die Straßenbahn. Die Linie 19 verkehrte über die Süderstraße zur Mundsburg; in die Hamburger Innenstadt gelangte man durch Umsteigen am Berliner Tor. Die Straßenbahnverbindung bestand bis 1970. Der Stadtteil wird heute durch Buslinien der Hamburger Hochbahn (HHA) und der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) innerhalb des HVV mit den U-Bahn-Stationen Horner Rennbahn und Billstedt (U2+U4) sowie Wandsbek Markt (U1) und den S-Bahn-Stationen Rothenburgsort, Tiefstack und Billwerder-Moorfleet (S2+S21) verbunden. Seit Herbst 2019 gibt es auch in Billbrook das On-Demand-Angebot ioki Hamburg.[10]

Durch den Süden Billbrooks verläuft die Trasse der Eisenbahnfernstrecke Hamburg–Berlin, hier verlaufen auch die S-Bahn-Linien S2 und S21. Deren Haltepunkte Tiefstack im Südwesten und Billwerder-Moorfleet im Südosten befinden sich bereits in den benachbarten Stadtteilen Rothenburgsort bzw. Billwerder.

BildungBearbeiten

Für die wenigen Kinder im Stadtteil gibt es am Billbrookdeich eine Grundschule. Außerdem befindet sich die Feuerwehrakademie der Feuerwehr Hamburg nördlich der Eisenbahnstrecke und östlich des Tidekanals an der Bredowstraße.

Industriegebiet Billbrook/RothenburgsortBearbeiten

Stadtplanerisch wird das Industriegebiet Billbrook/Rothenburgsort als Einheit betrachtet, obwohl es sich über Teile der beiden namengebenden Stadtteile erstreckt. Das Industriegebiet umfasst einen Großteil des Stadtteils Billbrook sowie den östlichen Teil des benachbarten Billwerder Ausschlags. Mit seinen 770 Hektar Fläche handelt es sich nach dem Hamburger Hafen um das zweitgrößte geschlossen bebaute Industriegebiet der Stadt. Das Gebiet weist rund 1000 Betriebe mit rund 22.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten vor. Herausstellungsmerkmal ist die sehr geringe Entfernung zur Stadtmitte.

Kulturelle AdaptionBearbeiten

Der Stadtteil wurde von Wolfgang Borchert in seinem Hörspiel Bill Brook sucht Billbrook verewigt. Ein kanadischer Soldat namens Bill Brook kommt nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Einheit nach Hamburg. Als die Truppe am Hauptbahnhof den Zug verlässt, um zur Unterkunft zu marschieren, fällt sein Blick auf den Wegweiser nach Billbrook. Noch am selben Abend fällt sein Entschluss, diesen Ort zu besuchen, der seinen Namen trägt. Er marschiert an seinem ersten freien Tag über Stunden durch zerstörte Straßenzüge (es muss sich dabei um die Stadtteile Hammerbrook und Rothenburgsort handeln), ohne eine Menschenseele zu treffen, und kommt schließlich an ein Gewässer (wohl die Bille östlich von Billbrook), an dem einige Männer kampieren und angeln. Er fragt sie nach dem Weg nach Billbrook und muss lernen, dass er zuletzt durch das zerstörte Billbrook marschiert ist und es diesen Ort wohl faktisch nicht mehr gibt. Auf dem Rückweg beginnt er die Zerstörungswucht des Krieges mit anderen Augen zu sehen.

PersönlichkeitenBearbeiten

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wolfgang Laur: Die Orts- und Gewässernamen der Freien und Hansestadt Hamburg, Neumünster 2012, S. 74.
  2. Artikel im Spiegel zum Slum in der Berzeliusstraße
  3. Kontroverse um den Armenwohnkomplex am Billstieg
  4. Minderjährigenquote in den Hamburger Stadtteilen 2017
  5. Anteil der 65-Jährigen und Älteren in den Hamburger Stadtteilen 2017
  6. Ausländeranteil in den Hamburger Stadtteilen 2017
  7. Arbeitslosenquote in den Hamburger Stadtteilen 2017
  8. Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (Hrsg.): Hamburger Stadtteil-Profile 2016 (= NORD.regional. Band 19). 2018, ISSN 1863-9518 (Online PDF 6,6 MB [abgerufen am 12. Februar 2018]).
  9. http://www.wahlen-hamburg.de/wahlen.php?site=left/gebiete&wahltyp=3#index.php?site=right/ergebnis&wahl=973&gebiet=11&typ=4&stimme=1&gID=4&gTyp=2
  10. Das On-Demand-Angebot ioki Hamburg in Billbrook auf vhhbus.de, abgerufen am 22. November 2019