Reuss (Fluss)

Fluss in der Schweiz

Die Reuss ist ein 164 Kilometer langer Fluss in der Schweiz mit einem Einzugsgebiet von 3426 Quadratkilometern. Damit ist sie nach Rhein, Aare und Rhone der viertgrösste Fluss der Schweiz.

Reuss
Furkareuss
Die Reuss in Luzern

Die Reuss in Luzern

Daten
Gewässerkennzahl CH: 38
Lage Schweiz
Flusssystem Rhein
Abfluss über Aare → Rhein → Nordsee
Quelle im Oberen Schwärziseeli als Furkareuss
46° 33′ 44″ N, 8° 25′ 49″ O
Quellhöhe 2649 m ü. M.[1]
Mündung in die Aare bei WindischKoordinaten: 47° 29′ 32″ N, 8° 14′ 15″ O; CH1903: 660202 / 260482
47° 29′ 32″ N, 8° 14′ 15″ O
Mündungshöhe 329 m ü. M.[1]
Höhenunterschied 2320 m
Sohlgefälle 14 ‰
Länge 164 km[2]
Einzugsgebiet 3.425,97 km²[3]
Abfluss am Pegel Mellingen[4]
AEo: 3386 km²
Lage: 12,7 km oberhalb der Mündung
NNQ (2006)
MNQ 1935–2016
MQ 1935–2016
Mq 1935–2016
MHQ 1935–2016
HHQ (2005)
28,6 m³/s
93 m³/s
140 m³/s
41,3 l/(s km²)
179 m³/s
854 m³/s
Linke Nebenflüsse Göschener Reuss, Meienreuss, Kleine Emme
Rechte Nebenflüsse Gotthardreuss, Unteralpreuss, Chärstelenbach, Schächen, Lorze, Jonenbach
Durchflossene Seen Vierwaldstättersee
Durchflossene Stauseen Flachsee
Mittelstädte Luzern
Kleinstädte Emmen, Bremgarten
Die Reuss unter der Spreuerbrücke

Die Reuss unter der Spreuerbrücke

Reuss (Fluss) (Schweiz)
Quelle
Quelle
Mündung
Mündung
Quelle- und Mündunsgort der Reuss

Die Reuss entspringt im Gotthardmassiv im Südwesten des Kantons Uri und mündet bei Windisch und Gebenstorf im Kanton Aargau als rechter Nebenfluss in die Aare. Sie ist deren grösster und längster Nebenfluss.

NameBearbeiten

Der Oberlauf der Reuss hiess früher wahrscheinlich *Sila, wie zur Erklärung des Ortsnamens Silenen vorausgesetzt wird.[5] Der heutige Name ist erstmals 1296 als Rusa belegt, im 16. bis 19. Jahrhundert erscheint er bisweilen als Ursa.[6]

In schweizerdeutschen Dialekten wird der Fluss meist Rüüss [ryːs] (auch Rüs oder Rüss) genannt. Lokale Varianten bilden Rüäss (Muotathal) oder Ryss (Basel, Uri).

GeographieBearbeiten

VerlaufBearbeiten

Der Flusslauf der Reuss wird in Abhängigkeit von den grossen vom Fluss durchquerten Landschaften in vier Abschnitte eingeteilt: die alpine Reuss, die subalpine Reuss, die Mittellandreuss und die Jurareuss.

Die Reuss entspringt mit mehreren Quellflüssen im Gotthardmassiv. Die Quelle der Furkareuss liegt auf 2649 m ü. M. im Oberen Schwärziseeli oberhalb des Furkapasses. Nach 19 Kilometern vereinigt sich die Furkareuss bei Hospental im Urserental mit der Gotthardreuss und wird von da an nur noch Reuss genannt. Wichtigster Zufluss der Furkareuss ist die Witenwasserenreuss. Bei Andermatt erreicht die Unteralpreuss, die im Tal zwischen dem Rotstock und dem Pizzo Barbarera entspringt und im Urserental die vom Oberalppass kommende Oberalpreuss aufnimmt, den Hauptfluss.

Bei Andermatt biegt der Fluss nach Norden ab und passiert die Schöllenenschlucht mit der alten Häderlisbrücke kurz vor Göschenen. Die steile Schlucht im oberen Bereich mit ihren hohen Granitwänden war im Mittelalter das grösste Hindernis für die Erschliessung des Gotthardpasses, das nur durch kühne Kunstbauten wie den Stiebenden Steg und die Teufelsbrücke und später das Urnerloch überwunden werden konnte. Hier merkwürdig ist der Reussfall.[7] In der Schöllenen befinden sich das Suworow-Denkmal, das dem russischen General Suworow gewidmet ist und an die Schlacht von 1799 zwischen Russen und Franzosen im Zweiten Koalitionskrieg erinnert, und das monumentale Felsengemälde von Heinrich Danioth.

Bei Göschenen liegen die Nordportale des Gotthardtunnels der Eisenbahn und des Gotthard-Strassentunnels der Autobahn A 2. Beim Bahnhof Göschenen mündet die Göschenerreuss und bei Wassen die Meienreuss in den Hauptfluss. In diesem Talabschnitt sinkt der Fluss bis Amsteg mit einem starken Gefälle und durch mehrere Schluchten, unter anderem beim Pfaffensprung, in nördlicher Richtung, bis sie bei Erstfeld die breite Ebene des nördlichen Urner Reusstals erreicht.

In einem Kanal mit hohen Seitendämmen fliesst die Reuss zwischen Altdorf und Attinghausen neben der Autobahn über die Ebene nach Norden und erreicht bei Flüelen und Seedorf das Mündungsgebiet im Reussdelta am Vierwaldstättersee. Bei Attinghausen mündet von rechts der Schächen und bei Seedorf von links der Palanggenbach in den Reusskanal.

In Luzern fliesst die Reuss bei der Seebrücke aus dem Vierwaldstättersee und durchquert den Hügelzug Zimmeregg-Greterwald; hier erreicht sie das Mittelland. Zwischen dem Luzerner Stadtteil Reussbühl und Emmenbrücke nimmt sie die Kleine Emme auf und strebt dann in nordöstlicher Richtung durch das flache Tal von Emmen an Buchrain, Inwil und Root vorbei, bis sie bei Honau den Punkt erreicht, an dem sich die Grenzen der Kantone Luzern, Zug und Aargau treffen. Von da an fliesst sie als mäandrierender Fluss gegen Norden durch das Reusstal und bildet zunächst die Grenze zwischen dem aargauischen Freiamt und dem Kanton Zug und später dem Kanton Zürich. Bei Maschwanden mündet von rechts die Lorze in die Reuss, bei Obfelden der Lindenbach und bei Jonen der aus dem Tal von Affoltern am Albis und dem Jonental kommende Jonenbach. Als linksseitige kleinere Zuflüsse sind nördlich von Luzern vor allem der Rotbach und der Wissenbach zu erwähnen.

Bei Unterlunkhofen ist am Fluss 1975 mit dem Neubau des Kraftwerks Bremgarten der Flachsee entstanden. In einer weiten Flussschlaufe umschliesst die Reuss die Altstadt und die Fläche der Au von Bremgarten. Die gedeckte Holzbrücke von Bremgarten ist einer der ältesten Flussübergänge an der Reuss und liegt an der Hauptstrasse 1.

Unterhalb von Bremgarten fliesst die Reuss durch Schwemmebenen oberhalb von Hügelzonen mehrerer Endmoränen des eiszeitlichen Reussgletschers; im Flussbett liegen zahlreiche aus den Moränen ausgewaschene Findlinge. In der kleinen Schwemmebene südlich des Moränenzuges vom Maximalstand der Würmeiszeit liegt die Stadt Mellingen mit dem alten Flussübergang der Strasse von Lenzburg nach Baden. Bei Mellingen befindet sich die hydrometrische Station «Reuss-Mellingen» der Landeshydrologie.[8] Auf ihrem weiteren Lauf durchquert die Reuss bis Birmenstorf die Schotterflächen östlich des Birrfelds in einem krälftig eingetieften Flusstal.

Im Siedlungsgebiet von Windisch und Gebenstorf durchschneidet die Reuss die südlichste Kalkkette des Jura und mündet schliesslich östlich von Brugg in die Aare.

EinzugsgebietBearbeiten

Die wichtigsten Reuss-Seitentäler sind:

ZuflüsseBearbeiten

Liste der Zuflüsse von der Quelle bis zur Mündung
Gewässername GKZ 1 Lage Länge 2 Mündungsort Mündungshöhe Mündungslage
f1  Karte mit allen Koordinaten der Zuflüsse: OSM | WikiMap
Gotthardreuss 716 rechts 9,1 km bei Hospental 1446 m ü. M. Karten
Unteralpreuss 4417 rechts 11,4 km westlich von Andermatt 1429 m ü. M. Karten
Rossplattenseebach 3 5764 links 3,2 km bei Kläranlage Andermatt, Andermatt 1427 m ü. M. Karten
Göschener Reuss (Älplerreuss) 715 links 10,9 km bei Göschenen 1062 m ü. M. Karten
Rientalbach 3 4407 rechts 2,3 km bei Göschenen 1044 m ü. M. Karten
Rorbach 4405 links 5,1 km bei Wattingen, Wassen 892 m ü. M. Karten
Meienreuss 714 links 14,3 km bei Wassen 821 m ü. M. Karten
Schisslauitalbach 3 4395 rechts 1,8 km bei Halten, Wassen 810 m ü. M. Karten
Gornerbach 4394 links 8,3 km bei Wiler, Gurtnellen 737 m ü. M. Karten
Fellibach 4392 rechts 7,2 km bei Felli, Gurtnellen 662 m ü. M. Karten
Meitschligenbach 3 4391 rechts 2,3 km bei Meitschligen, Gurtnellen 612 m ü. M. Karten
Intschialpbach 4390 links 4,7 km bei Intschi, Gurtnellen 559 m ü. M. Karten
Leitschachbach 4388 links 5,8 km bei Intschi, Gurtnellen 551 m ü. M. Karten
Bristenbach 3 4387 rechts 2,9 km bei Amsteg 522 m ü. M. Karten
Chärstelenbach (Kärstelenbach) 737 rechts 11,8 km bei Amsteg 516 m ü. M. Karten
Selderbach (Kirchbach) 4379 rechts 2,8 km bei Silenen 489 m ü. M. Karten
Öfibach 4378 rechts 3,7 km bei Silenen 486 m ü. M. Karten
Alpbach 559 links 8,0 km bei Erstfeld 467 m ü. M. Karten
Bockibach 4358 links 4,6 km bei Ripshausen, Erstfeld 456 m ü. M. Karten
Kummetbach 4357 links 3,8 km bei Attinghausen 449 m ü. M. Karten
Schächen 734 rechts 18,8 km bei Attinghausen 449 m ü. M. Karten
Walenbrunnen (Still Reuss) 735 rechts 3,8 km bei Attinghausen 445 m ü. M. Karten
Palanggenbach 4356 links 5,5 km bei Seedorf 441 m ü. M. Karten
Gruonbach 4354 rechts 4,3 km bei Flüelen in den Urnersee 434 m ü. M. Karten
Isentalerbach (Grosstalbach) 723 links 12,2 km bei Isleten in den Urnersee 434 m ü. M. Karten
Riemenstaldnerbach 4346 rechts 7,4 km bei Sisikon in den Urnersee 434 m ü. M. Karten
Muota 740 rechts 28,3 km bei Brunnen in den Vierwaldstättersee 434 m ü. M. Karten
Innere Dorfbach (Teuffibach) 727 rechts 4,2 km bei Gersau in den Vierwaldstättersee 434 m ü. M. Karten
Choltalbach 840 links 5,6 km bei Emmetten in den Vierwaldstättersee 434 m ü. M. Karten
Lielibach (Stafelbach) 728 links 6,2 km bei Beckenried in den Vierwaldstättersee 434 m ü. M. Karten
Engelberger Aa 720 links 35,7 km bei Buochs in den Vierwaldstättersee 434 m ü. M. Karten
Sarner Aa 712 links 10,4 km bei Alpnachstad in den Alpnachersee 434 m ü. M. Karten
Kleine Emme 707 links 35,7 km nordwestlich der Stadt Luzern 430 m ü. M. Karten
Rotbach 1072 links 18,4 km bei Inwil 410 m ü. M. Karten
Ron (Rotseebach) 709 rechts 7,0 km bei Root 408 m ü. M. Karten
Binzmühlebach (Honauer Bach) 1069 rechts 4,3 km bei Rotkreuz 403 m ü. M. Karten
Sinser Bach 1065 links 2,0 km bei Sins 394 m ü. M. Karten
Sembach 1057 links 5,9 km bei Mühlau in den Reusskanal 390 m ü. M. Karten
Lorze 676 rechts 25,7 km bei Obfelden 387 m ü. M. Karten
Lindenbach 1064 rechts 5,5 km bei Rickenbach bei Ottenbach 384 m ü. M. Karten
Wissenbach 1059 links 9,0 km bei Merenschwand in den Reusskanal 381 m ü. M. Karten
Jonenbach (Jonen) 675 rechts 19,3 km bei Jonen 381 m ü. M. Karten
Arnerbach 1060 rechts 4,0 km bei Unterlunkhofen 380 m ü. M. Karten
Mülibach 1962 rechts 4,0 km bei Mellingen 344 m ü. M. Karten
1 Gewässerlaufnummer des Gewässerinformationssystems der Schweiz, GEWISS
2 Flusslängen gemäss Hydrologischem Atlas der Schweiz – Tafel 1.3 Verzeichnis der Fliessgewässer und Seen
3 Kein allgemein gebräuchlicher Gewässername, Name von Flurbezeichnung abgeleitet

FlussbauBearbeiten

RegulierungBearbeiten

Im Einzugsgebiet der Reuss ereigneten sich in geschichtlicher Zeit oft verheerende Hochwasser. Zur Regulierung des Abflusses aus dem Vierwaldstättersee dient in Luzern das Nadelwehr des Kraftwerks Mühlenplatz.

FlusskorrektionBearbeiten

Im Jahr 1662 suchten die Kantone Zürich, Luzern und Zug in einer Konferenz eine Lösung für die an den Reussufern im Gebiet der Ortschaften Maschwanden und Merenschwand entstandenen Erosionsschäden.

Von 1851 bis 1861 baute der Kanton Uri nach einem Projektplan der Ingenieure M. Hegner, Richard La Nicca und Karl Emanuel Müller für den Fluss in der Reussebene einen Kanal von Attinghausen bis zur Mündung in den Urnersee.[9]

Im Jahr 1810 erteilte der Kanton Aargau dem Badener Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla den Auftrag für eine Studie über Korrektionsmassnahmen an der Reuss. 1811 begannen die Bauarbeiten mit dem Durchstich einer Flussschlaufe bei Fischbach-Göslikon unterhalb von Bremgarten. Doch auch nach dem Abschneiden eines zweiten Mäanders blieben weitere Erosionsschäden an den Flussufern nicht aus. Aus weiteren Gutachten der Ingenieure Richard La Nicca von 1851 und Conradin Zschokke von 1905 gingen neue flussbauliche Vorschläge hervor. Während die ursprünglich geplante Begradigung der Reuss im Gebiet der weiteren grossen Schlaufen bei Eggenwil unterblieb, liess der Kanton Aargau zwischen 1905 und 1950 die Ufer in diesem flachen Flussabschnitt stellenweise sichern und mit Mauern, Betonverkleidungen und Wuhren verstärken.[10]

Nach einer Konvention der Kantone Zug und Aargau vom 1825 galten neue Vorschriften für die Uferverbauungen in der Ebene an der Lorze. Nach einem grossen Hochwasser im Jahr 1846 wurde die Reussverordnung von 1847 erlassen. Nach dem Gutachten von Richard La Nicca von 1851 liess der Kanton Zug den Binnenkanal rechts der Reuss von Cham bis Maschwanden ausführen und 1872 den Reussdamm verstärken. Mit dem Gesetz vom 13. Februar 1915 über den Hochwasserschutz an der Reuss initiierte Zug ein grosses Flussbauprojekt, das bis 1924 dauerte.[11]

1910, 1912 und 1953 kam es wegen Hochwassers zu Dammbrüchen und zu Überschwemmungen in der Reussebene südlich von Bremgarten. Bei Rottenschwil ereignete sich 1972 nochmals eine Überschwemmung der Allmend. Am 14. Dezember 1969 wurde in einer Volksabstimmung im Kanton Aargau das Reusstalgesetz angenommen, das zur Sanierung der flussbaulichen Anlagen, der Errichtung des neuen Kraftwerks Bremgarten und der Ausscheidung zahlreicher Naturschutzgebiete in der Reussebene führte.[12]

Natur und UmweltBearbeiten

GewässerökologieBearbeiten

Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass die biologischen Verhältnisse in der Reuss unterhalb des Vierwaldstättersees vor allem wegen der intensiven Siedlungsentwässerung teilweise gemäss den Anforderungen der Gewässerschutzverordnung ungenügend sind.[13]

NaturschutzgebieteBearbeiten

Bei der Mündung der Reuss in den Urnersee, den südlichen Teil des Vierwaldstättersees, liegt das ausgedehnte Naturschutzgebiet Reussdelta, das mit der Einführung des nachhaltigen Kiesabbaus aufgrund des im Jahr 1985 von den Urner Stimmberechtigten angenommenen Reussdeltagesetzes gesichert ist.[14] Ausbruchmaterial aus dem Umfahrungstunnel von Flüelen und dem Gotthard-Basistunnel diente für Aufschüttungen vor dem Delta.

Nach dem Bau des neuen Kraftwerks Zufikon und der grossen Melioration des Reusstals von Maschwanden bis Unterlunkhofen[15] um 1970 bildete sich der Flachsee, ein weites Naturschutzgebiet in der Reussebene.

Bei Rottenschwil hat die Stiftung Reusstal im Bereich einer ehemaligen, etwa um 1700 abgeschnittenen Reussschlinge das Naturschutzgebiet Stille Reuss Rottenschwil geschaffen.[16]

An den Städten Bremgarten und Mellingen vorbei fliesst die Reuss weiter durch das teilweise tief in Molasse und Schotterterrassen eingeschnittene Tal, bis sie unterhalb von Windisch und Gebenstorf beim «Wasserschloss der Schweiz» in die Aare mündet. Als einer der wenigen grösseren Flussabschnitte der Schweiz ist die Reuss unterhalb von Bremgarten auf einer Länge von 25 Kilometern weitgehend unverbaut geblieben, ohne Kraftwerke, Staustufen und Seitendämme. Das Reussuferschutzgebiet besteht seit 1966.[17]

VerkehrBearbeiten

SchifffahrtBearbeiten

Seit dem Mittelalter benützten die Schiffleute von Luzern und aus den Ortschaften am Fluss die Reussstrecke bis zur Aare als Transportstrasse.[18][19]

FlussübergängeBearbeiten

Zwischen dem Gotthard und der Mündung in die Aare am Jurasüdfuss wird die Reuss von zahlreichen Verkehrswegen gekreuzt. In den Tälern des Kantons Uri führen die Gotthardstrasse, die Gotthardbahn und die Autobahn A 2 über zahlreiche, oft kühn konstruierte Brückenbauwerke, die als technikgeschichtliche Sehenswürdigkeiten gelten, wie die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht, die Häderlisbrücke bei Göschenen oder die Intschireussbrücke bei Gurtnellen.

Unterhalb des Vierwaldstättersees stehen die berühmten Holzbrücken in der Stadt Luzern, die Kapellbrücke und die Spreuerbrücke. Am Flusslauf durch das Mittelland stehen zahlreiche Strassen- und Eisenbahnbrücken, wie die Reussbrücke Sins–Hünenberg, die Eisenbahnbrücke und die Holzbrücke von Bremgarten, die hohe Bahnbrücke bei Mellingen und die frühe Eisenbahnbrücke von Vogelsang.

Über 100 Brücken überqueren die Reuss vom Zusammenfluss der Furkareuss und Gotthardreuss bei Hospental bis zur Mündung in die Aare bei Windisch.

NutzungBearbeiten

EnergiewirtschaftBearbeiten

In den Kantonen Uri, Luzern und Aargau nutzen mehrere Wasserkraftwerke das Gefälle der Reuss zur Erzeugung von elektrischer Energie. Die grösste Leistungskonzentration ist im Kanton Uri zu finden, wo die Wasserkraft mit der dreistufigen Reuss-Kaskade von Hochdruck-Laufwasserkraftwerken genutzt wird, die hauptsächlich Bahnstrom für die SBB erzeugen. Das gigantische Projekt eines Urserenkraftwerk, das das ganze Urserental überstaut hätte, wurde nicht realisiert. Die im Kanton Tessin entspringende Gotthardreuss wird vom Kraftwerk Lucendro genutzt, dessen Unterwasser in den Tessin abgeleitet wird.

Im Mittelland wird die Reuss von mehreren Kleinkraftwerk genutzt. Das einzige grössere Kraftwerk ist das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon. Die Kraftwerke Ottenbach und Bruggmühle werden als Museumskraftwerke unterhalten.

Karte der Wasserkraftwerke an der Reuss

Liste der Wasserkraftwerke an der Reuss:[20]

Name des Kraftwerks Besitzer Typ des Kraftwerks Lage erste Inbetrieb-
nahme
Durchfluss-
menge m³/s
max
Roh-
fallhöhe
Turbine Leistung MW Energie pro Jahr GWh/a
Lucendro AET Speicherkraftwerk Airolo 1947 7 1001 2 × Pelton 58 102
Urserenkraftwerk CKW Speicherkraftwerkgruppe Pumpspeicherwerke Pfaffensprung Erstfeld (nicht realisiert) 1270[A 1] 2900[A 1]
Göschenen
(Stufe Andermatt)
CKW Hochdruck-Laufkraftwerk Göschenen 1961 12 343 2 × Francis[A 2] 32,5 144
Wassen SBB Hochdruck-Laufkraftwerk Pfaffensprung 1949 26 281 2 × Francis[A 2] 56 290
Amsteg SBB Hochdruck-Laufkraftwerk Amsteg 1923 50 279 3 × Pelton[A 3] 120 444
Mühlenplatz EWL Laufkraftwerk

(Kleinkraftwerk)

Luzern 1998 58 1,8 1 × Kaplan 0,8 3
Rathausen CKW Laufkraftwerk

Ausleitungskraftwerk

(Kleinkraftwerk)

Emmen 1896 45 7 1 × Rohrturbine 2 15,9
Perlen 1 Perlen Papier Laufkraftwerk

Ausleitungskraftwerk

(Kleinkraftwerk)

Perlen, Buchrain 1873 45 1 × S-Turbine 1 8
Perlen 2 Perlen Papier Laufkraftwerk

Ausleitungskraftwerk

(Kleinkraftwerk)

Perlen, Root 1875 45 3,4 3 × Saugheber-Turbine 1,1 7,8
Ottenbach Kanton Zürich Historisches Ausleitungskraftwerk

(Kleinkraftwerk)

Ottenbach 1920 4 2,02 1 × Francis 0,06
Bremgarten-Zufikon AEW Laufkraftwerk Bremgarten 1975 200 12 2 × Rohrturbine 20 106
Bruggmühle AEW Laufkraftwerk Bremgarten 1998 30 1 × Rohrturbine 0,5 3,5
Windisch Axpo Ausleitungskraftwerk

(Kleinkraftwerk)

Windisch 1830 55 2 12
  1. a b Zahlen vom Projekt 1943/44, enthalten auch die später gebauten Kraftwerke Göschenen und Wassen, sowie das bestehende Kraftwerk Amsteg
  2. a b davon eine Turbine für Bahnstromerzeugung
  3. alle Turbinen für Bahnstromerzeugung

FreizeitverkehrBearbeiten

Unterhalb von Göschenen eignet sich die Reuss für das Wildwasserfahren.[21]

Kleine Boote können die Reuss vom Vierwaldstättersee bis zur Mündung in die Aare bei normalem Wasserstand mit Einschränkungen befahren. Bei den Stauwehren von Rathausen, Perlen, Ottenbach, Bremgarten-Zufikon, Bremgarten und Windisch bestehen Durchfahrt- oder Transportmöglichkeiten.[22] Für Kanus und kleine Schlauchboote sind nur die Abschnitte unterhalb der Staustufe bei Perlen bis zum Kraftwerk Bremgarten-Zufikon und vom Hexenturm im Westen der Stadt Bremgarten bis zur Staustufe der Spinnerei Kunz bei Gebenstorf bei einem Abfluss zwischen 150 und 270 m³/s (Messstation Mellingen) geeignet.[23]

Den Ufern der Reuss entlang führen Wanderrouten, die stellenweise schmal und anspruchsvoll sind.[24]

In der Umgebung von Bremgarten findet seit 1982 jährlich der Laufsportanlass Reusslauf statt.[25]

Im Reusstal sind Velorouten eingerichtet, die teilweise den Uferwegen folgen, unterhalb von Bremgarten wegen den Steilufern des Flusses jedoch auf die Schotterterrassen ausweichen (Veloland-Route 77).[26]

LandesgeschichteBearbeiten

Die Reuss ist von landesgeschichtlicher Bedeutung, da sie seit dem 10. Jahrhundert für ca. 200 Jahre der Grenzfluss zwischen dem Königreich Burgund und dem Herzogtum Alemannien im deutschen Kaiserreich war und seit der frühen Neuzeit Landesteile der Schweiz trennte.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Anne-Marie Dubler, Hans Stadler: Reuss. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Thomas Burger: Reuss. Auen der Reussebene zwischen Sins und Rottenschwil. Aarau 2003.
  • Monika Beck, Michael van Orsouw: Flusslandschaft Reuss. Zug 2004.
  • Heinrich Jäckli: Talgeschichtliche Probleme im aargauischen Reusstal. In: Geographica Helvetica 1956, S. 46–59 (Digitalisat).
  • Josef Schurtenberger: Die Reuss. Solothurn 1973.
  • Rudolf Siegrist: Die Flussschotter der Eiszeit im Aargau und ihre natürliche pflanzliche Besiedelungsmöglichkeit: eine geologisch-klimatologisch-botanische Studie. Aarau 1953.
  • Max Werder u. a.: Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982.

WeblinksBearbeiten

Commons: Reuss (Fluss) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Geoserver der Schweizer Bundesverwaltung (Hinweise)
  2. Auswertungen zum Gewässernetz. (XLSX) BAFU, Dezember 2013, abgerufen am 9. August 2017 (Auflistung Fliessgewässer der Schweiz >30km).
  3. Modellierter mittlerer jährlicher Abfluss. In: Topographische Einzugsgebiete der Schweizer Gewässer: Teileinzugsgebiete 2 km². Abgerufen am 30. August 2017.
  4. Messstation Mellingen 1935–2016 (PDF) Bundesamt für Umwelt BAFU
  5. Gabrielle Schmid: Silenen UR (Uri). In: Dictionnaire toponymique des communes suisses – Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen – Dizionario toponomastico dei comuni svizzeri (DTS|LSG), Centre de dialectologie, Université de Neuchâtel, Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2005, ISBN 3-7193-1308-5 und Éditions Payot, Lausanne 2005, ISBN 2-601-03336-3, S. 833f.
  6. Anne-Marie Dubler, Hans Stadler: Reuss. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  7. Reussfall auf ETHorama
  8. Max Werder (u. a.): Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982. S. 11–14.
  9. Peter Püntener: Hochwasser im Kanton Uri. Ein historischer Rückblick und das Hochwasser vom 24./25. August 1987. In: Schweizer Ingenieur und Architekt, 2000, S. 752–755.
  10. Franz Studer: Reusskorrektion. In: Gemeinde Fischbach-Göslikon. Dorfchronik, 1991, S. 103–115.
  11. E. Zumbach: Zugerische Reussverbauung in alter und neuer Zeit. Zug 1924.
  12. Max Werder (u. a.): Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982. S. 54.
  13. Biologische Untersuchung der Mittelland Reuss, Kleinen Emme und Unteren Lorze. Gewässerschutzfachstellen der Kantone Aargau, Luzern, Zug und Zürich. Kurzbericht 2013.
  14. Schutzzone Reussdelta bei Flüelen.
  15. Information Reussebene (PDF).
  16. Reuss-Stiftung: Wanderführer Stille Reuss. (PDF) Abgerufen am 21. Mai 2019.
  17. Geschichte der Schutzgebiete an der Reuss.
  18. Fritz Glauser: Verkehr im Raum Luzern-Reuß-Rhein im Spätmittelalter. Verkehrsmittel und Verkehrswege. In: Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern 1978, S. 2–19.
  19. Max Baumann: Von Fährleuten, Schiffern und Fischern im Aargau. Der Fluss als Existenzgrundlage ländlicher Bevölkerung. Windisch 1977.
  20. Bundesamt für Energie (Hrsg.): Statistik der Wasserkraftanlagen der Schweiz. 1. Januar 2020 (admin.ch).
  21. Webseite des Kanuclubs Uri.
  22. Informationen zur Wasserstrasse.
  23. Iwona Eberle: Gummibootführer Schweiz. Werd Verlag, Thun 2015, ISBN 978-3-85932-742-9.
  24. Reussuferweg.
  25. Webseite der Organisation Bremgarter Reusslauf.
  26. Veloroute von Veloland an der Reuss.