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Edmund Stoiber

deutscher Politiker (CSU), MdB, MdL, bayerischer Ministerpräsident von 1993 bis 2007
Edmund Stoiber (2010)

Edmund Rüdiger Rudi Stoiber (* 28. September 1941 in Oberaudorf) ist ein deutscher Jurist und Politiker (CSU). Von Mai 1993 bis September 2007 war er Ministerpräsident des Freistaates Bayern und von 1999 bis 2007 Vorsitzender der CSU. Seit 2007 ist er Ehrenvorsitzender der CSU.

Stoiber unterlag bei der Bundestagswahl im September 2002 als Kanzlerkandidat der Union gegen den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bei der Landtagswahl in Bayern 2003 erreichte die CSU mit Stoiber als Spitzenkandidaten das nach Sitzverteilung beste Ergebnis, das je bei einer Landtagswahl in der Bundesrepublik erzielt wurde. Als bayerischer Ministerpräsident hatte er die bislang zweitlängste Amtszeit.

Nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident war Stoiber in Brüssel ehrenamtlicher Leiter einer EU-Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Ausbildung und BerufBearbeiten

Edmund Stoiber wuchs im Oberaudorf (Oberbayern, Landkreis Rosenheim) als Sohn des aus Schwarzenfeld in der Oberpfalz stammenden Bürokaufmanns Edmund Georg Stoiber und der gebürtigen Rheinländerin Elisabeth Stoiber, geb. Zimmermann aus Dormagen auf. Stoibers Großeltern mütterlicherseits waren aus Nabburg (Oberpfalz) ins Rheinland abgewandert.

Von 1951 bis 1961 besuchte Stoiber das Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim, musste dabei die siebte Klasse wiederholen[1] und legte dort das Abitur ab. Danach leistete er von 1961 bis 1962 als Reserveoffizieranwärter seinen Wehrdienst beim Gebirgsjägerbataillon 231 in Bad Reichenhall und beim Gebirgsjägerbataillon 233 in Mittenwald.[2] Da er sich während der Ausbildung eine schwere Knieverletzung zuzog, wurde er vorzeitig entlassen. Er ist Mitglied im Kameradenkreis der Gebirgstruppe.

Nach dem Wehrdienst begann Stoiber im Herbst 1962 ein Studium der politischen Wissenschaften an der Hochschule für Politik München und der Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, welches er 1967 mit dem ersten juristischen Staatsexamen beendete. Danach war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht und Ostrecht an der Universität Regensburg. 1968 ging er ins Referendariat und wurde 1971 bei Friedrich-Christian Schroeder an der Universität Regensburg mit der Dissertation „Der Hausfriedensbruch im Lichte aktueller Probleme“ zum Dr. iur. promoviert. Im selben Jahr bestand er das zweite juristische Staatsexamen mit Prädikat.

Im selben Jahr trat er in das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen ein, wo er von 1972 bis 1974 persönlicher Referent des Staatsministers Max Streibl und zuletzt auch Leiter des Ministerbüros war. Seit 1978 ist Stoiber als Rechtsanwalt zugelassen. Von 1978 bis 1982 war er außerdem als Syndikus für die Lotto-Toto-Vertriebsgemeinschaft Bayern tätig.

ParteilaufbahnBearbeiten

 
Edmund Stoiber (1981)

Edmund Stoiber trat im Dezember 1971 der Jungen Union und der CSU bei.[3] Von 1974 bis 2008 war er Mitglied des Bayerischen Landtages. Von 1978 bis 1983 war er unter dem Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß Generalsekretär der CSU. In diesem Amt erwarb er sich beim politischen Gegner einen Ruf als „blondes Fallbeil“. Als Generalsekretär war er außerdem verantwortlich für den Bundestagswahlkampf 1980, bei der der Kanzlerkandidat von CDU und CSU, Franz Josef Strauß, dem amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) unterlag.

Seit 1989 war Stoiber stellvertretender Vorsitzender der CSU. Außerdem war er 1989 bis 1993 Vorsitzender der Grundsatzkommission der CSU.[4] Nach der für die Union verlorenen Bundestagswahl 1998 wurde er als Nachfolger des ehemaligen Bundesfinanzministers Theodor Waigel am 16. Januar 1999 mit 93,4 Prozent zum Parteivorsitzenden der CSU gewählt.[5] Zuvor war es seit Stoibers Wahl zum bayerischen Ministerpräsidenten im Jahr 1993 mehrfach zu Konflikten mit Waigel gekommen.

Stoiber wurde am 9. Oktober 1999 als Parteivorsitzender mit 90 Prozent wiedergewählt, am 13. Oktober 2001 mit 96,59 Prozent, am 19. Juli 2003 mit 96,97 Prozent sowie am 3. September 2005 mit 93,1 Prozent.[5] Auf dem Parteitag 2007 trat er nicht erneut für das Amt des CSU-Vorsitzenden an.

Bei seiner Abschiedsrede als Parteichef und Ministerpräsident hatte er auf dem Parteitag der CSU am 18. September 2007 von seinen Nachfolgern einen eigenständigen Kurs und ein klares konservatives Profil gefordert. Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber wurde in einer Kampfabstimmung gegen CSU-Vizechef Horst Seehofer und die Fürther Landrätin Gabriele Pauli Nachfolger als Vorsitzender der CSU.

KanzlerkandidaturBearbeiten

Im Januar 2002 konnte sich Stoiber nach dem „Wolfratshauser Frühstück“ mit Angela Merkel als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU für die Bundestagswahl 2002 durchsetzen – als erster CSU-Politiker nach Franz Josef Strauß. Schwerpunktthemen seines Wahlkampfs waren die Wirtschafts- und Sozialpolitik, dabei besonders die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die Innere Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung des strukturschwachen Nordostens Deutschlands. Wahlkampfleiter im damals parallel zum gemeinsamen Team der CDU/CSU agierenden Stoiber-Team war Michael Spreng, der ehemalige Chefredakteur der „Bild am Sonntag“.

Die Wahl beendete den 16 Jahre andauerndern Abwärtstrend der Unionsparteien bei Bundestagswahlen; allerdings lagen die erreichten 38,5 Prozent immer noch deutlich unter allen Ergebnissen für die Unionsparteien von 1953 bis 1994. Trotz Zugewinnen von 3,4 Prozentpunkte gelang es Stoiber damit nicht, einer Koalition aus CDU/CSU und FDP die absolute Mehrheit zu sichern. Die SPD erhielt ebenfalls 38,5 Prozent (minus 2,4 Prozentpunkte), aber insgesamt 6.027 Stimmen (= 0,01 %) mehr als die Union, und konnte aufgrund von Überhangmandaten die stärkste Bundestagsfraktion stellen; die bisherige Koalition behielt mit 306 von 603 Sitzen die Mehrheit. Insgesamt verfehlte Stoiber sein Ziel, eine Schwarz-Gelbe Koalition zu bilden, um etwa 570.000 Stimmen.[6]

Zu Beginn des Jahres 2004 wurde Stoiber als möglicher Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt, verzichtete jedoch darauf.

Staatssekretär und LandesministerBearbeiten

 
Edmund Stoiber bei einer Wahlkampfrede in einem Bierzelt in Kloster Reutberg (1999)

1982 wurde Stoiber als Staatssekretär und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei in die von Ministerpräsident Franz Josef Strauß geführte Bayerische Staatsregierung berufen. 1986 wurde er in gleicher Funktion zum Staatsminister ernannt. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß wurde Stoiber 1988 im Kabinett von Max Streibl Bayerischer Staatsminister des Innern.

Bayerischer MinisterpräsidentBearbeiten

Nachdem Max Streibl im Mai 1993 als bayerischer Ministerpräsident wegen der Amigo-Affäre zurückgetreten war, wurde Stoiber am 28. Mai 1993 zu seinem Nachfolger gewählt.[7] In dieser Funktion war er vom 1. November 1995 bis zum 31. Oktober 1996 auch Präsident des Bundesrates.

Bei den Landtagswahlen 1994 und 1998 konnte er als Spitzenkandidat der CSU deren absolute Mehrheit mit 52,8 % bzw. 52,9 % der abgegebenen Stimmen verteidigen und bei der Landtagswahl 2003 bei geringer Wahlbeteiligung (57,3 %) auf 60,7 % ausbauen. Mit diesem zweitbesten Ergebnis ihrer Geschichte erhielt die CSU eine Zweidrittelmehrheit (124 von 180) der Sitze im Bayerischen Landtag, die aber in Bayern keine Verfassungsänderungen ermöglicht.

Am 4. September 1999 teilte Ministerpräsident Stoiber dem Justizminister Alfred Sauter dessen beabsichtigte Entlassung mit, weil er ihn für die sogenannte LWS-Affäre verantwortlich machte.[8] Die halbstaatliche Wohnungsbaugesellschaft LWS hatte zu diesem Zeitpunkt 367 Millionen Mark Verlust angehäuft. Sauter bezeichnete Stoibers Anschuldigungen als „Schafsscheiß“ und rechnete eine Woche später im Landtag öffentlich mit ihm ab.[9]

 
Edmund Stoiber auf dem CSU-Parteitag 2015

Vom 18. Oktober bis zum 8. November 2005 war Stoiber Mitglied des 16. Deutschen Bundestages. Im selben Jahr war er als Wirtschaftsminister für das Kabinett Merkel vorgesehen, entschied sich allerdings am 1. November gegen diesen Posten. Den Rückzug begründete er mit dem damals gleichzeitig angekündigten Rücktritt von Franz Müntefering als Parteivorsitzender der Sozialdemokraten. Außerdem konnte er seine Pläne für ein Superministerium im Streit mit der designierten Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) nicht voll umsetzen. Seine Unentschlossenheit, in eine Bundesregierung unter Angela Merkel einzutreten, stieß auch in der CSU auf Kritik. Diese forderte, sollte Stoiber in München einen Neuanfang wagen, einen Politikwechsel, damit der Ministerpräsident sich wieder das Vertrauen der Wähler sichern könne.

Innerparteilich wurde nach Stoibers Rückkehr aus Berlin die Meinung vertreten, dass er nicht zur Wiederwahl als Ministerpräsident antreten solle. Am 18. Januar 2007 gab Stoiber aufgrund schwindenden Rückhaltes in seiner Partei sowie sinkender Umfragewerte bekannt, dass er sein Amt als Regierungschef in Bayern am 30. September 2007 abgeben werde.[10] Das vierte Kabinett Stoiber blieb bis zum 16. Oktober 2007 kommissarisch im Amt.

Zu seinem Abschied als Ministerpräsident Bayerns gab die Bundeswehr am 2. Oktober 2007 eine Serenade im Münchner Hofgarten. Gäste waren unter anderem Verteidigungsminister Franz Josef Jung und Generalinspekteur Schneiderhan. Neuer bayerischer Ministerpräsident wurde am 9. Oktober der bisherige Innenminister Günther Beckstein. Zur Landtagswahl in Bayern 2008 stand Stoiber nicht mehr zur Wahl. Als ehemaliger Ministerpräsident unterhält er in München ein Büro.[11]

Im Nachhinein wird der Rückzug aus Berlin als Anfang vom Ende Stoibers politischer Karriere angesehen.[12] In der letzten Phase seiner Amtszeit fanden seine diversen Versprecher ein zunehmendes Medienecho. Ein typisches Beispiel ist eine Passage der sogenannten Transrapid-Rede beim Neujahrsempfang 2002 der Münchener CSU, die 2006 wiederentdeckt und zu einer populären Persiflage wurde.[13]

EU-KommissionBearbeiten

Im Februar 2004 wurde Stoiber von Jacques Chirac mit Zustimmung von Bundeskanzler Gerhard Schröder das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission angetragen, was er jedoch ablehnte.

Nach seinem Rücktritt wurde Stoiber auf Vorschlag von José Manuel Barroso im November 2007 in Brüssel zum ehrenamtlicher Leiter einer Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission zum Abbau der Bürokratie ernannt, die EU-Industriekommissar Günter Verheugen unterstellt war und im Oktober 2014 ihren Abschlussbericht veröffentlichte. Nach eigenen Angaben soll die Arbeitsgruppe dazu beigetragen haben, dass die Unternehmen in Europa jedes Jahr 33 Milliarden Euro an Kosten einsparen.[14]

Sonstiges EngagementBearbeiten

Als Ministerpräsident war Stoiber Kurator der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Zusammen mit Franz Müntefering war er Vorsitzender der Bundesstaatskommission, einer gemeinsamen Kommission von Bundesrat und Bundestag zur Modernisierung der bundesstaatlichen Ordnung Deutschlands. Weiterhin engagierte er sich in zahlreichen anderen Funktionen:

PrivatesBearbeiten

Stoiber ist seit 1968 mit Karin Stoiber verheiratet. Das Ehepaar hat drei Kinder, Dominic,[19] Veronica (Vroni)[20] und Constanze,[21] sowie fünf Enkelkinder und wohnt in Wolfratshausen.

Politische PositionenBearbeiten

Stoiber hat sich zu ausgewählten Politikfeldern, insbesondere den Themen Ehe, Homosexualität und Einwanderung eindeutig positioniert. Seine scharfe Rhetorik wirkt oft polarisierend. Er folgt damit der von seinen Vorgängern verfolgten Linie, konservative Kreise in die Partei zu integrieren. Zur Zeit seines Ausscheidens als Parteichef und Ministerpräsident erklärte er in einem Interview im September 2007, Franz Josef Strauß, sein politischer Mentor, habe Grundsätze formuliert und geprägt, die heute noch genauso gültig seien wie damals. Konservativ sein heiße, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren. Rechts von der CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Den Maßstab für die CSU als Volkspartei bei Wahlen sei 50 Prozent plus x. Auch bei sehr guten Wahlergebnissen dürfe man sich nicht zurücklehnen, denn dies seien Momentaufnahmen und keine Bankguthaben.[22]

Wirtschaft und HaushaltBearbeiten

In der Wirtschaftspolitik sprach sich Stoiber gegen eine schuldenfinanzierte Politik aus – im Interesse der zukünftigen Generationen und auch wegen der Stabilitätskriterien zur Euro-Einführung[23]. Die Stärkung des in Deutschland führenden Wirtschaftsstandortes Bayern unter anderem durch die so genannte „High-Tech-Offensive Bayern“ habe zwar für ihn Priorität, doch gebe es „im Zeitalter der Globalisierung keinen Weg zurück zu einem antiquierten Wirtschaftsnationalismus“.

Stoiber war im Rahmen der Föderalismusreform federführend an der 2001 beschlossenen Neuordnung des Länderfinanzausgleichs beteiligt. Er erklärte in einer Regierungserklärung, Bayern könne „höchst zufrieden“ sein.[24][25]

Er erklärte wiederholt, die hohen Transferzahlungen zum Ausgleich räumlicher Disparitäten – z. B. von Nord- nach Süditalien oder von West- nach Ostdeutschland – sollten auslaufen. Der Übertrag nationaler Souveränität in der Geldpolitik auf die Europäische Zentralbank müsse durch eine föderalistische Wirtschafts-, Finanz- und Haushaltspolitik ergänzt werden.

Stoiber betrieb in Bayern seit der gewonnenen Landtagswahl 2003 eine rigide Sparpolitik, damit ab 2006 der Haushalt ausgeglichen sei, um den Rahmen für einen langfristig stabilen Wohlstand des Landes zu bilden. Politische Beobachter unterstellten damals, Stoiber wollte sich damit auch eine Empfehlung für ein Amt als Wirtschafts- und Finanzminister auf Bundesebene nach der nächstanstehenden Bundestagswahl erwerben.

Außen- und SicherheitspolitikBearbeiten

Stoiber sprach sich wiederholt strikt gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union aus, denn im Fall einer Aufnahme würde die Europäische Union eine Grenze mit Staaten wie Iran, Syrien und Irak haben.[26] Europa würde sich so „nicht mehr zu bewältigende Schwierigkeiten“ aufladen.[27] Jenseits der Tatsache, dass nach wie vor massive Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Türkei bestünden, müsse über die erwähnten Kernfragen eine „europaweite Diskussion“ stattfinden. Die EU und speziell Deutschland seien Freunde der Türkei. Trotzdem aber stehe nicht ein Beitritt auf dem Programm, sondern die Entwicklung „sehr spezieller, sehr enger Beziehungen“ zwischen der EU und der Türkei. Die Reformansätze in der Türkei müssten erst noch weiter entwickelt und umgesetzt werden.[28] Auch von der neuen unionsgeführten Bundesregierung verlangte Stoiber einen schärferen Kurs gegenüber der Türkei und ein "Einfrieren" der EU-Beitrittsgespräche.[29]

Stoiber forderte wiederholt Wiedergutmachung von Seiten der Tschechischen Regierung für die Verluste und Leiden der im Zweiten Weltkrieg Vertriebenen. Bei einigen stieß auf Widerspruch, dass er dabei die Frage von Entschädigungszahlungen und Aufhebung der Beneš-Dekrete mit dem EU-Beitritt von Tschechien im Rahmen der EU-Osterweiterung am 1. Mai 2004 verknüpfte. Bayern ist von der Thematik stark betroffen, weil sich hier ein Großteil der ab 1945 aus dem ehemaligen Sudetenland Vertriebenen niedergelassen hatte, darunter auch Stoibers Ehefrau.

In der Diskussion um die Wehrpflicht tritt Stoiber für eine Sicherheitspolitische Dienstpflicht ein.

In der Debatte um eine mögliche deutsche Beteiligung an UN-Missionen im Libanon-Konflikt wies Stoiber darauf hin, dass es aufgrund der deutschen Vergangenheit schwer sei, gegenüber Israel eine neutrale, gegebenenfalls aber auch resolute Haltung zu bewahren, und deshalb das Risiko, in Kampfeinsätze hineingezogen zu werden, vermieden werden sollte.

EinwanderungBearbeiten

 
Edmund Stoiber (2013)

Bei der Vorlage des Regierungsentwurfs eines Einwanderungsgesetzes der rot-grünen Bundesregierung forderte Stoiber eine in Umfang, Ausmaß und Anforderungen enger umrissene Form der Zu- und Einwanderung.

Laut Süddeutscher Zeitung vom 4. November 1988 soll Stoiber während eines Gesprächs mit Journalisten vor einer „durchmischten und durchrassten Gesellschaft“ gewarnt haben. Stoiber sprach damals von einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat und entschuldigte sich später für die Äußerung. In der Debatte um die Flüchtlingskrise in Europa 2015 widersprach Stoiber Angela Merkel, indem er erklärte, dass das deutsche Asylrecht zwar juristisch keine Obergrenze vorsehe, aber dies praktisch nicht leisten könne und dass wohl die Muslime, nicht aber der Islam zu Deutschland gehöre.[30]

BlasphemieBearbeiten

2006 strahlte der Sender MTV einen Werbespot für die kontrovers diskutierte Zeichentrick-Fernsehserie Popetown aus.[31] Dieser zeigte unter dem Titel „Lachen statt Rumhängen“ einen vom Kreuz gestiegenen lachenden Christus beim Fernsehen. Die Ausstrahlung führte, auch in Zusammenhang mit den zuvor erschienenen Mohammed-Karikaturen und einem Auftritt des Schauspielers Mathieu Carrière, bei dem dieser in einem Jesuskostüm an einem Kreuz hängend für mehr Rechte von Trennungsvätern demonstrierte, zu einer öffentlichen Debatte um die Bedeutung der Gotteslästerung in Deutschland.[32] Stoiber forderte in Folge eine Verankerung von härteren Strafen wegen Blasphemie im Strafrecht. Er erklärte, es dürfe nicht alles mit Füßen getreten werden, was anderen heilig ist. Der Paragraf 166 des Strafgesetzbuches sei „völlig stumpf und wirkungslos, weil er eine Bestrafung nur dann vorsieht, wenn der öffentliche Frieden gefährdet ist und Aufruhr droht.“[33] Wer bewusst auf den religiösen Empfindungen anderer Menschen herumtrampele, müsse mit Konsequenzen rechnen – in schweren Fällen mit bis zu drei Jahren Gefängnis. Stoiber begründete seine Position weiterhin damit, der Streit um die Mohammed-Karikaturen zeige auf alarmierende Weise, wohin die Verletzung religiöser Gefühle führen könne.[34]

Seitens der Kirchen wurde die Initiative Stoibers nicht unterstützt. Während die Deutsche Bischofskonferenz erklärte, sie werde sich zu dem Vorschlag nicht äußern, lehnte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) diesen ausdrücklich ab. Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD, erklärte in diesem Zusammenhang: „Wir sehen keine Gründe für die Verschärfung des Strafrechts“. Die Rechtsprechung sei bislang sensibel mit blasphemischen Handlungen umgegangen.[34][35]

Im folgenden Jahr legte Stoibers Justizministerin Beate Merk einen Gesetzesvorschlag zur Verschärfung des § 166 StGB vor. Dieser stellte die Grundlage für eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Paragrafen dar.[36] Nach der Vorlage sollte nicht erst eine Beschimpfung von Religion und Kirche, die den öffentlichen Frieden stören könnte, strafbar sein, sondern bereits die Verspottung oder Herabwürdigung. Die Vorlage sah vor, dass der öffentliche Friede zukünftig schon dann gestört werde, wenn der Spott „das Vertrauen der Betroffenen in die Achtung ihrer religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung beeinträchtigen oder bei Dritten die Bereitschaft zu Intoleranz“ gegenüber Religion fördern könne.[36] Stoibers Initiative blieb folgenlos. Die CSU hatte bereits 1986, 1995 und 1998 versucht, Blasphemie einfacher und härter unter Strafe zu stellen, die drei ersten Bundesratsinitiativen scheiterten ebenfalls.[37]

Eingetragene LebenspartnerschaftenBearbeiten

Stoiber trat als Kanzlerkandidat im Bundestagswahlkampf 2002 vehement gegen die Einführung der von Sozialdemokraten und Grünen befürworteten gleichgeschlechtlichen eingetragenen Lebenspartnerschaften in Deutschland ein. Das von Bayern zusammen mit den Bundesländern Sachsen und Baden-Württemberg angestrengte abstrakte Normenkontrollverfahren gegen die eingetragene Lebenspartnerschaft wurde vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe abgewiesen. Gegen die im Jahr 2005 beschlossene Novelle zum Lebenspartnerschaftsgesetz, die von Sozialdemokraten, Grünen und der FDP getragen wurde und zum 1. Januar 2006 in Kraft trat, strebte Stoiber erneut ein gerichtliches Verfahren gegen die Einführung der Stiefkindadoption durch gleichgeschlechtliche Paare vor dem Bundesverfassungsgericht an, das diesmal allein vom CSU-regierten Bundesland Bayern betrieben wird.

Ehrungen und AuszeichnungenBearbeiten

SchriftenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

RundfunkberichteBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Edmund Stoiber – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
  Commons: Edmund Stoiber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Edmund Stoiber – Zitate

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Fußballverbot wegen Sitzenbleiben. Bertelsmann Stiftung, Februar 2010, abgerufen am 24. Januar 2017 (PDF).
  2. Lebenslauf auf stoiber.de (Memento vom 10. Juni 2004 im Internet Archive)
  3. Biografie auf der Webseite des Hauses der Geschichte
  4. Person. Dr. Edmund Stoiber, abgerufen am 24. Januar 2017.
  5. a b Chronologie – Wichtige Ereignisse in Stoibers Regierungszeit. tagesspiegel.de, 14. September 2007, abgerufen am 15. September 2018.
  6. Bundeswahlleiter (Memento vom 9. Februar 2007 im Internet Archive)
  7. 92. Sitzung. Bayerischer Landtag, 28. Mai 1993, abgerufen am 24. Januar 2017 (PDF).
  8. Gute Posten, böse Pannen. Spiegel online, 6. Dezember 1999, abgerufen am 24. Januar 2017.
  9. LWS-Affäre: Sauter tritt im letzten Moment doch zurück. Spiegel Online, 13. September 1999, abgerufen am 9. September 2013.
  10. Blitzrücktritt des Ober-Bayern. Spiegel Online, 18. Januar 2007, abgerufen am 24. Januar 2017.
  11. „Nehmt Stoiber seinen Hofstaat weg!“ Abendzeitung, 16. Dezember 2009, abgerufen am 24. Januar 2017.
  12. Von Stoibers Flucht aus Berlin bis zum Amtsverzicht. Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010, abgerufen am 24. Januar 2017.
  13. Stoiber geht fliegen. heise.de, 7. Januar 2006, abgerufen am 24. Januar 2017.
  14. Stoiber vermeldet Einsparungen. tagesschau.de, 14. Oktober 2014, abgerufen am 24. Januar 2017.
  15. Broschüre der Bundesliga-Stiftung; S. 49 (Memento vom 18. Mai 2013 im Internet Archive) (PDF-Datei; 6,49 MB)
  16. Edmund Stoiber. Deutsche Akademie für Fußball-Kultur, abgerufen am 7. Juni 2017.
  17. Ran an die jungen Wähler. Süddeutsche Zeitung, 23. November 2011, abgerufen am 26. Januar 2017.
  18. Advisory Council. Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz, abgerufen am 26. Januar 2017.
  19. Dominic Stoiber: Ich behalte meinen Doktor-Titel. Münchner Merkur, 7. Mai 2013, abgerufen am 26. Januar 2017.
  20. Stoibers Tochter – so privat wie nie. Münchner Merkur, 27. März 2009, abgerufen am 26. Januar 2017.
  21. "Mich erkennt zum Glück fast nie jemand". Welt N24, 14. Juli 2002, abgerufen am 26. Januar 2017.
  22. Stoiber: Ich kenne keine Wehmut. Rheinische Post, 11. September 2007, abgerufen am 26. Januar 2017.
  23. siehe Regierungserklärung 1998 (Memento vom 11. März 2007 im Internet Archive)
  24. Bayerns Klage gegen Finanzausgleich – Seehofers Sommer der Attacken. In: Spiegel Online. 17. Juli 2012, abgerufen am 4. August 2012.
  25. Hintergrund: Seehofer gegen Stoibers Finanzausgleich stern.de, 17. Juli 2012 (Memento vom 28. Mai 2013 im Internet Archive)
  26. Edmund Stoiber: Draußen vor der Tür. Der Türkei-Beitritt würde die EU verändern. In: Süddeutsche Zeitung, 11. Dezember 2002.
  27. Türkei: Was die Sterne sagen. Focus Online, 12. August 2002, abgerufen am 26. Januar 2017.
  28. vgl. z. B. Stoiber lehnt EU-Beitritt der Türkei strikt ab. In: sueddeutsche.de. 2. September 2003, abgerufen am 4. August 2012.
  29. EU-Beitritt – Stoiber fordert harten Anti-Türkei-Kurs. In: Focus Online. 7. November 2006, abgerufen am 4. August 2012.
  30. "Islam gehört nicht zu Deutschland": Stoiber stänkert gegen Merkel. n-tv, 21. September 2015, abgerufen am 26. Januar 2017.
  31. "Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an Jesus". Spiegel Online, 25. April 2006, abgerufen am 26. Januar 2017.
  32. Stoiber fordert härtere Strafen für Gotteslästerung. Süddeutsche Zeitung, 19. Juli 2006, abgerufen am 26. Januar 2017.
  33. Blasphemie – Stoiber fordert härtere Strafen für Gotteslästerung sueddeutsche.de, 19. Juni 2006, abgerufen am 4. August 2012
  34. a b Kirchen lassen Stoiber abblitzen. Spiegel Online, 19. Juni 2006, abgerufen am 7. Juni 2017.
  35. Einsamer Kreuzzug. Spiegel Online, 26. Juni 2006, abgerufen am 26. Januar 2017.
  36. a b Religion – Wird Spott strafbar? In: Der Spiegel. Nr. 37, 2007 (online10. September 2007).
  37. Caroline Schmidt und Peter Wensierski: Christen: Einsamer Kreuzzug. In: Der Spiegel. Nr. 26, 2006 (online26. Juni 2006).
  38. Anfragebeantwortung. Republik Österreich, 23. April 2012, abgerufen am 26. Januar 2017 (PDF).
  39. Edmund Stoiber. Gouvernement du Québec, abgerufen am 26. Januar 2017 (französisch).
  40. Dr. Edmund Stoiber erhielt höchste Landesauszeichnung. Land Salzburg, 29. Januar 2004, abgerufen am 7. Juni 2017.
  41. Mattarella all'inaugurazione dell'anno giudiziario della Corte Suprema di Cassazione. Presidenza dellaRepubblica, abgerufen am 26. Januar 2017 (italienisch).
  42. Landeskorrespondenz Nr. 240 vom 17. Oktober 2007. Land Oberösterreich, Oktober 2017, abgerufen am 26. Januar 2017.
  43. Edmund Stoiber ist jetzt Ehrendoktor in Südkorea. Hamburger Abendblatt, 27. März 2007, abgerufen am 26. Januar 2017.
  44. Langjähriger Ministerpräsident erhält höchste Auszeichnung der TU München - Dr. Edmund Stoiber wird Ehrensenator. TU München, 1. Dezember 2017, abgerufen am 15. September 2018.