Wirecard

Finanzdienstleister mit Sitz in Aschheim
Wirecard AG

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Rechtsform Aktiengesellschaft
ISIN DE0007472060
Gründung 1999
Sitz Aschheim, Deutschland
Leitung
Mitarbeiterzahl 5154[1]
Umsatz 2,02 Mrd. Euro (2018)[1]
Branche Zahlungsdienstleistungen
Website www.wirecard.com
Stand: 31. Dezember 2018

Sitz der Wirecard AG in Aschheim (2019)

Die Wirecard AG ist ein 1999 als Start-up gegründetes börsennotiertes deutsches Zahlungsdienstleistungsunternehmen mit Sitz in Aschheim bei München. Wirecard bietet Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr, das Risikomanagement sowie die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten an. Die Tochtergesellschaft Wirecard Bank AG verfügt über eine deutsche Banklizenz.

Im Juni 2020 gestand Wirecard ein, dass Aktiva über 1,9 Milliarden Euro in ihrer Bilanz nicht zu belegen sind, nachdem der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young das Testat für die Bilanz verweigert hatte. Daher trat der langjährige CTO und CEO Markus Braun zurück. Er wurde später unter dem Vorwurf der Vortäuschung von Einnahmen und Marktmanipulation festgenommen, am Folgetag gegen Kaution freigelassen und kam einige Wochen später wegen eines erweiterten Haftbefehls erneut in Untersuchungshaft.

Am 25. Juni 2020 beantragte Wirecard die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.

GeschichteBearbeiten

Gründung und erste InsolvenzBearbeiten

Der Mitgründer Detlev Hoppenrath stellte seinem Partner Peter Herold, dem Geschäftsführer der Securitas Internet Systems GmbH, 1998 seine Geschäftsidee von der Ausgliederung des elektronischen Zahlungsverkehrs vor, als der Onlinehandel noch in den Anfängen steckte. In dem Unternehmen wurde daraufhin ein eigener Geschäftsbereich für die Entwicklung des Produkts Wire Card gebildet, das bis Oktober 1998 in Kooperation mit der Online-Agentur Plan.Net[2] fertig entwickelt wurde. Die nicht börsennotierte Wire Card AG entstand 1999 in München durch Ausgliederung des Geschäftsbereichs und erhielt in einer ersten Finanzierungsrunde 4 Mio. Deutsche Mark vom Münchner Wagniskapitalgeber Technologieholding GmbH (im Jahr 2000 übernommen von 3i).[3] Erster Vorstandsvorsitzender des Unternehmens war Hoppenrath,[3] Herold übernahm den Aufsichtsratvorsitz und gab diesen im Folgejahr ab.[4]

Im Jahr 2000 stellte Hoppenrath Jan Marsalek ein, da dieser sich mit dem Wireless Application Protocol auskannte. Im Anschluss scheiterte ein intern als Wirecard 2.0 bezeichnetes Projekt, nachdem Marsalek den Vorstand nicht über Probleme unterrichtet hatte, was Kosten in Höhe von 2 Mio. Deutsche Mark verursacht haben soll und die Existenz des Unternehmens bedrohte. Wire Card holte sich Hilfe bei der Wirtschaftsberatung KPMG, die im Oktober 2000[5] ihren Berater Markus Braun zum Unternehmen schickte. Kurz darauf wurde dieser als Chief Technology Officer von Wire Card eingestellt.[6][7][8] Hoppenrath wechselte im Mai 2001 in den Aufsichtsrat, nachdem das Unternehmen seinen Sitz nach Aschheim verlegt hatte.[9] Anfang Oktober 2001 erklärte der Münchner Unternehmer Paul Bauer-Schlichtegroll gegenüber Braun, an einer Beteiligung oder Übernahme von Wire Card interessiert zu sein. Bauer-Schlichtegrolls Firma EBS electronic billing systems AG (EBS), gegründet 1998 als EPM AG Entertainment Print Media, betrieb kostenpflichtige Porno-Websites, deren Zugang über selbstentwickelte Dialer abgerechnet wurde. Im November 2001 verschwanden bei einem angeblichen Einbruch in die Geschäftsräume von Wire Card die Laptops von Markus Braun und Jan Marsalek, auf denen sich wichtige Daten von Wire Card befunden haben sollen. Die Verhandlungen mit EBS scheiterten und Wire Card musste Insolvenz anmelden. Wire-Card-Gründer Detlev Hoppenrath vermutete, dass Insider für den Diebstahl verantwortlich waren, und erstattete Strafanzeige mit der Mutmaßung, dass die Insolvenz für die Überführung von Wire Card in EBS missbraucht würde. Die Staatsanwaltschaft München stellte die Ermittlungen später ergebnislos ein.[5]

Übernahme durch EBS und BörsennotierungBearbeiten

EBS konnte Wire Card im Januar 2002 übernehmen. Die EBS electronic billing systems firmierte um in ebs Holding AG und fungierte als Holdinggesellschaft.[10][11] Im Mai 2002 wurden die EBS-Tochterunternehmen umgruppiert und Wire Card sollte mit seiner Corporate Clearing Center genannten Plattform zur Abwicklung von Finanzprozessen für Großunternehmen und dem Risikomanagementsystem Corporate Trust Center zum Schutz vor Zahlungsausfällen im elektronischen Handel am Markt auftreten.[12]

Die Vorgängerfirma von Wirecard bezüglich des Börsengangs war die InfoGenie Europe AG mit Sitz in Berlin, deren Aktien seit Oktober 2000 im Börsensegment Neuer Markt gelistet waren. Sie bot als Dienstleister telefonische Ratgeber-Hotlines zu unterschiedlichen Themen an.[13] Im März 2002 erwarb das EBS-Tochterunternehmen EBS Mobil mehr als 25 % der Unternehmensanteile.[14] Als die Aktie nach Kursverlusten ein Pennystock wurde, wollte der Börsenbetreiber Deutsche Börse sie vom Neuen Markt ausschließen, was ihm aber im April 2002 gerichtlich untersagt wurde.[15] Mitte Dezember 2004 beschloss eine außerordentliche Hauptversammlung von InfoGenie, die nicht börsennotierte Wire Card AG, deren Kerngeschäft die Echtzeit-Zahlungsabwicklung im Internet mit Risikobewertung war, durch eine Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage zum 1. Januar 2005 in InfoGenie einzubringen und InfoGenie in Wire Card AG umzubenennen.[16] So wurde die Wire Card AG durch ein Reverse-IPO eine im Börsensegment Prime Standard gelistete Aktiengesellschaft.[17] Paul Bauer-Schlichtegroll zog in den Aufsichtsrat ein und Markus Braun wurde Vorstandsvorsitzender.[5] Im Juni 2006 wurde Wire Card in Wirecard umbenannt.[18] Ebenfalls 2006 wurde Wirecard in den TecDAX[19] aufgenommen und im September 2018 in den DAX.[20]

Internationales WachstumBearbeiten

2007 wurde Wirecard Asia Pacific in Singapur gegründet.[21] 2008 führte Wirecard virtuelle Prepaid-Kreditkarten für Online-Zahlungen ein[22] und im folgenden Jahr[23] zur Betrugserkennung eine Fraud Prevention Suite, die auch KI und maschinelles Lernen nutzt.[24] 2014 expandierte Wirecard nach Neuseeland, Australien,[25] Südafrika[26] und in die Türkei.[27] Durch den Kauf der Prepaid Card Services von der Citigroup ist Wirecard seit 2016 auch in Nordamerika vertreten.[28] Im gleichen Jahr übernahm das Unternehmen einen südamerikanischen Internet-Zahlungsdienstleister in Brasilien.[29]

2019 beteiligte sich Softbank an Wirecard.[30] Durch den Kauf der AllScore Payment Services aus Peking ist Wirecard seit November 2019 auch in China vertreten.[31]

Bilanzskandal und InsolvenzantragBearbeiten

ManipulationsvorwürfeBearbeiten

Im Mai 2008 veröffentlichte ein unter Pseudonym schreibender Benutzer in einem Internetforum eine kritische Analyse zur Wirecard-Aktie. Er bemängelte intransparentes Reporting, hinterfragte die hohe Profitabilität und vermutete wegen der dennoch regelmäßig erfolgten Kapitalerhöhungen „systematische Ausplünderung der Erlöse aus den Kapitalerhöhungen“.[32][33][34] Da die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) Wirecard im Sommer 2008 falsche bzw. irreführende Bilanzierung vorwarf, beauftragte die Wirecard AG die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young mit einem Sondergutachten für das Geschäftsjahr 2007. Später wurde bekannt, dass SdK-Mitglieder animiert durch den Forenbeitrag[34] über Differenzkontrakte auf fallende Kurse vor Bekanntmachung der Bilanzdefizite spekulierten. Auch Fondsmanager der Privatbank Sal. Oppenheim setzten auf fallende Kurse und wiesen institutionelle Anleger zugleich vor Bekanntwerden der Vorwürfe auf Bilanzfehler hin, was als Kursmanipulation gelten kann.[35][36] Da die Aktie um fast 70 Prozent fiel, erstattete Wirecard Ende Juni 2008 Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen Fondsmanager von Sal. Oppenheim[37], die einen Mitarbeiter freistellte,[38] und Funktionäre der SdK.[39] Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München wurden zwei SdK-Vertreter in Untersuchungshaft genommen[40] und 2012 zu Haftstrafen verurteilt.[41] Der Verfasser des Forenbeitrags wurde von der Polizei vernommen, die Ermittlungen gegen ihn wurden jedoch eingestellt.[32][34] Wirecard galt im Vorgehen gegen kritische Journalisten, Anleger und Konkurrenten als äußerst aggressiv; die Anwälte des Konzerns hätten sich schon bei Kleinigkeiten gemeldet; manche kritischen Beobachter sollen beschattet worden sein.[42]

Da die Wirecard-Aktie durch eine Falschmeldung des Nachrichtendienstes Goldman, Morgenstern & Partners (GoMoPa) im April 2010 um mehr als 30 Prozent fiel, leitete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine Ermittlung ein.[43] Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München I gegen GoMoPa wurde mangels Nachweis im Oktober 2012 eingestellt.[44] Im Februar 2016 fiel der Kurswert aufgrund eines Berichts des zuvor kaum bekannten Analyse-Unternehmens Zatarra Research & Investigation erneut ab. Darin warfen Analysten Wirecard illegale Praktiken vor. Branchendienste sahen dies als versuchte Kursmanipulation.[45] Auch im Februar 2017 berichtete das Manager Magazin über angebliche intransparente Bilanzierungen.[46] Wirecard wies diese Vorwürfe als unbegründet zurück.[47] Die BaFin hatte der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) im Februar 2019 wegen Ungereimtheiten in der Halbjahresbilanz von 2018 einen Prüfauftrag gegeben. Laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung war mit der 16 Monate andauernden komplexen Prüfung bei der DPR im Wesentlichen nur ein Mitarbeiter betraut.[48]

Berichterstattung der Financial TimesBearbeiten

Auch Anfang Februar 2019 fiel der Aktienkurs erneut von gut 167 Euro auf bis unter 86 Euro aufgrund dreier Berichte der Financial Times (FT): Mitarbeiter in Singapur hätten Kunden und Umsätze erfunden, um eine Geschäftslizenz in Hongkong zu erhalten und die Ertragsziele von Wirecard zu erzielen. Am 8. Februar 2019 durchsuchten Polizeibeamte die Filiale in Singapur. Wirecard bestritt die Vorwürfe und reichte eine Klage gegen die Financial Times sowie eine Klage wegen Kursmanipulation ein.[49][50] Am 18. Februar 2019 verbot die BaFin für zwei Monate die Etablierung und Vergrößerung von Netto-Leerverkaufspositionen für Aktien der Wirecard AG.[51][52] Mit ihrer Entscheidung hat die Bonner Behörde einen Präzedenzfall geschaffen, der spätestens mit der Veröffentlichung einzelner Passagen der entsprechenden BaFin-Akte für heftige Diskussionen sorgte.[53] Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt seither gegen einen Journalisten der Financial Times wegen Verstößen gegen das Wertpapierhandelsgesetz.[54][55] Eine Untersuchung der Anwaltskanzlei Rajah & Tann aus Singapur ergab Unregelmäßigkeiten, die aber keinen wesentlichen Einfluss auf die Bilanz hätten.[56] Daher reichte Wirecard eine Unterlassungsklage gegen die Financial Times ein, um das Ende der Berichterstattung und eine Entschädigung der Aktionäre zu erreichen.[57] Im Februar 2019 gründete der Aufsichtsrat der Wirecard AG einen eigenen Prüfungsausschuss unter Vorsitz des neuen Aufsichtsratmitglieds Thomas Eichelmann.[58]

Anfang Juli wurde bekannt, dass die FDP-Fraktion um Christian Lindner an die Bundesregierung eine Kleine Anfrage nach konkreten Hinweisen auf Kursmanipulation bei der Aktie der Wirecard AG im Jahr 2019 stellte.[59] In ihrer Antwort bewertete die Bundesregierung das Eingreifen der BaFin als richtig und gab Details aus laufenden Ermittlungen bekannt.[60] So sei ein Börsenhändler in London vorab über die kritischen FT-Artikel informiert worden und die ermittelten Leerverkäufer waren von früheren Attacken bekannt.[61] Anfragen zu Verbindungen zwischen Leerverkäufern und FT-Journalisten lehnte die Regierung wegen der laufenden Verfahren ab.[62] Die BaFin hatte im April 2019 gegen FT-Journalisten und andere Personen Strafanzeige wegen des Verdachts auf Marktmanipulation erstattet.[61][62]

Am 15. Oktober 2019 erhob die Financial Times erneut den Vorwurf der Manipulation. Interne Unterlagen würden nahe legen, dass Wirecard zu hohe Umsätze und Gewinne bei Tochtergesellschaften angegeben habe.[63] Diese Vorwürfe wurden von Wirecard zurückgewiesen. Um dies zu entkräften, beauftragte Wirecard im Oktober 2019 den Wirtschaftsprüfer KPMG mit einer Sonderprüfung.[64] Hierzu übernahm Anfang Januar 2020 Eichelmann, Vorsitzender des Prüfungsausschusses, auch den Vorsitz im Aufsichtsrat.[65] Das Ergebnis der KPMG-Untersuchung wurde Ende April 2020 veröffentlicht.[66] Demnach konnten nicht alle Daten vollständig ausgewertet und somit die Vorwürfe nicht völlig ausgeräumt werden.[67] Im Bereich Drittpartnergeschäft konnte KPMG keine Aussage über Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimmter Umsatzerlöse treffen.[66][67] Markus Braun sah die Wirecard AG durch den Bericht entlastet.[68] Wirecard verschob die Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2019 und die für denselben Tag terminierte Bilanzpressekonferenz ohne neuen Termin.[69] Der Kurs der Wirecard-Aktie fiel daraufhin um 26 %.[70]

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erstattete Anfang Juni 2020 aufgrund des Verdachts der Marktmanipulation Anzeige gegen den Vorstandvorsitzenden Markus Braun und drei weitere Vorstandsmitglieder der Wirecard und ließ deren Geschäftsräume durchsuchen.[71]

InsolvenzBearbeiten

Am 18. Juni 2020 gestand Wirecard ein, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young keine ausreichenden Nachweise zur Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro ermitteln konnte. Dieser Betrag entspricht etwa einem Viertel der gesamten Bilanzsumme der Wirecard AG. Ernst & Young verweigert daher der Bilanz für das Geschäftsjahr 2019 das Testat. Wirecard warnte, dass Banken ohne testierte Bilanz am Folgetag Kredite über rund 2 Mrd. Euro kündigen könnten. Der Handel mit der Wirecard-Aktie wurde zeitweilig ausgesetzt.[72][73] Am 22. Juni 2020 teilte Wirecard in einer Ad-hoc-Meldung mit, dass Guthaben auf Treuhandkonten über 1,9 Mrd. Euro „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existieren“.[74] Dadurch stürzte der Börsenkurs um mehr als zwei Drittel ab.

Der langjährige CTO und CEO Markus Braun trat daraufhin zurück[75] und wurde später unter dem Vorwurf der Vortäuschung von Einnahmen und Marktmanipulation festgenommen[76] und am Folgetag gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro auf freien Fuß gesetzt.[77] Auch gegen den am 22. Juni 2020 fristlos entlassenen Chief Operating Officer Jan Marsalek wurde ein Haftbefehl erwirkt.[78] Marsalek hatte zunächst über einen Anwalt erklären lassen, er werde sich der Münchener Staatsanwaltschaft stellen, kam dem jedoch nicht nach und flüchtete. Er galt als Vertrauter und „rechte Hand“ von Markus Braun.[79] Am 22. Juli wurde Markus Braun wegen eines neuen Haftbefehls erneut verhaftet. Mit ihm kamen ein ehemaliger Chief Financial Officer und ein früherer Chefbuchhalter in Untersuchungshaft. Die Tatvorwürfe wurden laut Staatsanwaltschaft auf Basis der Aussagen eines Kronzeugen „ganz erheblich“ erweitert. Die drei festgenommenen Personen hätten seit 2015 Einnahmen vorgetäuscht und damit tatsächliche Verluste verschleiern wollen.[80][81]

Am 25. Juni 2020 stellte Wirecard einen Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung.[82] Am Folgetag blockierte die britische Regulierungsbehörde FCA alle Zahlungen der britischen Tochter WCS;[83] dies betrifft teilweise auch Zahlungen deutscher Kunden; Zahlungen der Wirecard Bank, die keinen Insolvenzantrag gestellt hatte, waren davon zunächst nicht betroffen.[84]

Produkte und DienstleistungenBearbeiten

Wirecard bietet Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen mobiles Bezahlen, E-Commerce, Finanztechnologie und Mehrwertdienste an.[85] Hierbei kooperiert Wirecard mit rund 280.000 Unternehmen (Stand: Dezember 2018),[86] darunter u. a. Orange Bank, KLM, Rakuten, BASF,[87] Getty Images,[88] Flughafen München,[89] Telefónica,[90] Aldi[91] oder Ikea.[92] Wirecard gibt Kredit- und Geschenkkarten[93] heraus, auch virtuelle. Unterstützt werden u. a. Visa, Mastercard, American Express, Discover/Diners, JCB, Alipay, Apple Pay sowie China UnionPay.

Mobiles BezahlenBearbeiten

Seit 2015 bietet Wirecard die mobile App boon. für Bezahlvorgänge an,[94] die auf einer virtuellen Prepaid-Mastercard basiert. boon. ermöglicht kontaktloses Bezahlen per NFC-Technik.[95] Für solche Zahlungen nutzt Wirecard die HCE-Technologie (Host Card Emulation) und BLE (Bluetooth Low Energy).[96] Daneben können auch weitere Transaktionen wie Überweisungen getätigt werden. Wegen der Insolvenz von Wirecard soll der Dienst zum 3. Oktober 2020 abgeschaltet werden.[97][98]

Im Oktober 2019 startete die Wirecard Bank die App boon Planet (Eigenschreibweise: boon.PLANET) im Sinne einer mobilen Direktbank. Hierzu gehört eine physische und eine virtuelle Kreditkarte (Debit Mastercard) sowie ein Girokonto. Die Wirecard Bank ist durch die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken geschützt.[99] Zur Einführung weiterer Services schloss Wirecard eine Kooperation mit dem Mobilitätsdienstleister Here Mobility, an dem auch Daimler und BMW beteiligt sind.[100][101]

E-CommerceBearbeiten

Die Wirecard Bank prüft die Kreditwürdigkeit von Kunden und garantiert Bezahlungen auch bei Zahlungsausfall. Für damit verbundene Risiken erhält die Wirecard Bank AG als Makler zwischen Käufer und Händler weniger als zwei Prozent des Zahlbetrages sowie umfängliche Kundendaten.[102] Ein Schwerpunkt ist das Reisegewerbe. So übernahm Wirecard 2007 die Zahlungsabwicklung und Kreditkontrolle für den Reiseanbieter TUI[103][104] und 2014 für die KLM Royal Dutch Airlines.[105] Auch das Produkt Supplier and Commission Payments (SCP) ist auf das Reisegewerbe zugeschnitten. Dabei werden virtuelle Kreditkarten für Auszahlungen an Partner und Zulieferer ausgegeben, zum Beispiel für Provisionszahlungen. So können internationale Zahlungen über den elektronischen Versand von virtuellen Kreditkartennummern abgewickelt werden.

Im Bereich Konsumgüter übernahm Wirecard die Abwicklung des Onlinegeschäfts beim Schuhhändler Tamaris.[106] Im Telekommunikationsbereich schloss Wirecard Verträge unter anderem mit O2 ab.[107]

Seit 2014 bietet Wirecard mit einem Checkout Portal[108] Lösungen zur Einbindung vieler Zahlungsarten in Online-Shops, die sich an kleine und mittelständische Unternehmen sowie virtuelle Marktplätze richtet.[109]

Ab Ende 2019 stellt Wirecard die Bezahllösung für das Angebot Your Gateway to China der Schweizerischen Post bereit. Über das Cross-Border E-Commerce-Angebot können Schweizer Einzelhändler ihre Produkte auf virtuellen Marktplätzen direkt chinesischen Konsumenten anbieten. Wirecard wickelt alle Transaktionen mit führenden chinesischen Zahlungsmitteln ab.[110]

Digitalisierung des EinzelhandelsBearbeiten

 
Messestand von Wirecard auf der Internet World 2017

Das Unternehmen unterstützt außerdem den stationären Einzelhandel bei der Digitalisierung, etwa zusammen beim Connected Store-Projekt mit T-Systems,[111] das IoT-Technologie nutzt. Dieses Marktkonzept verknüpft die Daten von Sensoren, intelligenten Waagen und Kameras mit Datenanalyse- und KI-Software.[112] Wirecard stellt dafür eine App bereit,[113] die Kunden interaktiv leitet.[114] Sie bietet auch eine „unsichtbare“ Bezahlung beim Verlassen des Marktes und nutzt dazu biometrische Kundendaten.[112]

Mit Angeboten für Onlinehändler und Einzelhändler erzielt Wirecard nahezu die Hälfte des Konzernumsatzes.[115] Im März 2019 wurden zwei neue Erweiterungen für das Shopsystem der Adobe-Tochter Magento angekündigt, um die Integration von Onlineshops in Wirecards Plattform zu vereinfachen.[116][117]

Alternative chinesische ZahlungsmethodenBearbeiten

Seit 2015 bietet die Wirecard Bank mit Alipay chinesischen Reisenden ihre gewohnte Zahlmethode im Euroraum an. Dazu kooperiert es mit Einzelhändlern wie z. B. Rossmann,[118] Printemps, The Body Shop, Swatch oder der National Bank of Greece.[119][120][121] Seit 2017 kooperiert Wirecard auch mit WeChat Pay.[122][123]

Seit 2018 kooperiert Wirecard mit Gebr. Heinemann, dem größten Betreiber von Duty-Free-Shops an Flughäfen in Europa, um auch chinesische Zahlungsmethoden zu integrieren.[124] Ende 2018 machte Wirecard aus Stuttgart die erste „China Pay City“ in Deutschland und führte Alipay und WeChat Pay bei zahlreichen Einzelhändlern, Restaurants, Museen und den Verkehrsbetrieben ein.[125][126]

FinanztechnologieBearbeiten

Seit März 2018 bietet Wirecard Firmenkunden der Mizuho Financial Group Kartenausgabedienste (Acquiring und Issuing) in Asien an.[127] Im April 2018 vereinbarte Wirecard mit der Unit Crédit Agricole Payment Services (CAPS) der französischen Großbank Crédit Agricole Kooperationen im digitalen Zahlungsverkehr.[128]

Viele FinTech-Unternehmen nutzen die Banklizenz von Wirecard. Beispiele sind das Start-Up Number26 (bis 2016), das „Smartphone-Konto“ Bankomo oder der Mobile-Banking-Anbieter Mondo.[129][130][131] Des Weiteren arbeitet Wirecard mit bekannten FinTechs wie Curve, Funding Circle oder Lendico[132] zusammen.[133][134]

Seit April 2019 digitalisiert Wirecard Zahlungsprozesse für die japanische Fluggesellschaft ANA.[135]

UnternehmensführungBearbeiten

Vorstand[136] Aufsichtsrat[136]

KennzahlenBearbeiten

Geschäftsjahr Umsatz in Mio. € Gewinn in Mio. € Mitarbeiter
(Jahresdurchschnitt)
2004 6,8 0,05 18
2005 54,1 8,00 323
2006 81,9 15,44 361
2007 134,2 30,47 459
2008 196,8 42,31 442
2009 228,5 45,52 468
2010 271,6 53,97 500
2011 324,8 61,19 498
2012 394,6 73,29 674
2013 481,7 82,73 1.025
2014 601,0 107,92 1.750
2015 771,3 142,64 2.300
2016 1.028,4 266,74 3.766
2017 1.490,0 259,72 4.449
2018 2.016,2 347,40 5.154

Stand: 31. Dezember 2018[138]

Im Hinblick auf die Verweigerung des Testats der Bilanz für das Geschäftsjahr 2019 (s. o.) wurden auch Zweifel an den Bilanzen der früheren Geschäftsjahre laut.

Wirecard BankBearbeiten

  Wirecard Bank AG
Staat Deutschland  Deutschland
Sitz Aschheim
Rechtsform Aktiengesellschaft
Bankleitzahl 512 308 00[139]
BIC WIRE DEMM XXX[139]
Gründung 2006
Website www.wirecardbank.de
Geschäftsdaten 2017[140]
Bilanzsumme 1,2 Mrd. Euro
Einlagen 1 Mrd. Euro
Mitarbeiter 133
Leitung
Vorstand Daniel Heuser
Alexander von Knoop
Rainer Wexeler
Aufsichtsrat Wulf Matthias (Vors.)

Seit Januar 2006 ist die Wirecard Bank Teil der Wirecard-Unternehmensgruppe und verfügt über eine deutsche Banklizenz. Die Bank hat Verträge mit mehreren Kartenorganisationen und kann für deren Kredit- und Debitkarten-Marken Kartenakzeptanzverträge (Acquiring) schließen. Die Wirecard Bank ist Mitglied im Bundesverband deutscher Banken sowie dessen Einlagensicherungsfonds. Die Wirecard Bank ist dem genossenschaftlichen Rechenzentrum der Fiducia & GAD IT AG angeschlossen und nutzt als Kernbankensystem agree21. Vor der Fusion der beiden Vorgängerinstitute der FGI nutzte die Wirecard Bank bank21 von GAD eG.[141]

Im November 2006 startete Wirecard den Prepaid-Internet-Bezahldienst mywirecard. Kunden können sich online anmelden und ein Konto bei der Wirecard-Bank eröffnen, das sie dann per Überweisung, Lastschrift, Bareinzahlung oder Einzahlung über die Kreditkarte aufladen. Dabei erhält jeder Kunde grundsätzlich eine virtuelle Prepaid-MasterCard, auf Wunsch auch als Plastikkarte.

Seit 2010 ist die mycard2go (vormals wirecard 2Go VISA) im Portfolio der Bank – eine Prepaid-Kreditkarte, die im Einzelhandel erworben und bereits beim Kauf mit Guthaben aufgeladen werden kann. Vor der Nutzung ist noch eine Online-Aktivierung notwendig.

Wirecard sah sich immer wieder Geldwäschevorwürfen ausgesetzt, was der Konzern stets dementierte. Die Süddeutsche Zeitung mutmaßte im Juni 2020, es scheine so zu sein, dass die Wirecard Bank Betrügerbanden angezogen habe. Finanzkriminelle, die ihren Sitz in Offshore-Oasen hatten, hätten bei ihr Konten offenbar ohne große Kontrollen eröffnen können. Sie zitiert den Münchner Fachanwalt Peter Mattil, der geschädigte Kunden vertritt und Schadenersatzklagen gegen das Institut plane: "Unser Eindruck ist, dass diese Banden bei den meisten Banken in Deutschland abgeblitzt waren, bei der Wirecard Bank erhielten sie jedoch ein Konto, Verdachtsanzeigen unterblieben".[142]

Wirecard Card Solutions Ltd.Bearbeiten

Die Wirecard Card Solutions Ltd. (WDCS) ist ein Tochterunternehmen der Wirecard mit Sitz in Newcastle upon Tyne, Vereinigtes Königreich und bietet Prepaid-Kreditkarten-Lösungen für Geschäftskunden (u. a. Skrill) an. Sie hält wie ihre Muttergesellschaft Lizenzen von MasterCard und Visa sowie eine E-Money-Lizenz und ist von der Regulierungsbehörde FCA autorisiert. Der Standort Newcastle entstand 2011, als Wirecard das mit 1,5 Millionen Prepaidkarten in sechs europäischen Ländern vertretene Prepaidkarten-Geschäft der Genossenschaftsbank Newcastle Building Society für 7,5 Mio. Britische Pfund (GBP) (rund 8,9 Mio. Euro) übernahm. Abhängig vom Erfolg wurden weitere Earn-Out Zahlungen in Höhe von bis zu 1,5 Mio. GBP (ca. 1,8 Mio. Euro) für 2012 und bis zu 1,0 Mio. GBP (ca. 1,2 Mio. Euro) für 2013 vereinbart. Die 24 Mitarbeiter des ehemaligen Prepaidkarten-Geschäftes wurden mit übernommen.[143][144]

Seit 2016 bietet WDCS eine virtuelle Prepaid-Karte an, die überall dort funktioniert, wo eine Visa-Kreditkarte akzeptiert wird und auf die Nutzer im Voraus einen beliebigen Betrag aufladen können, was ihnen eine Kontrolle ihrer Ausgaben ermöglicht.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Wirecard – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Geschäftsbericht 2018, abgerufen am 8. Mai 2019
  2. Deutsche Technik sichert Einkauf im Web. In: Computerwoche. 3. Juli 1998 (computerwoche.de [abgerufen am 22. Juli 2020]).
  3. a b Sven Montanus: Wire Card haucht dem E-Commerce Leben ein. In: Die Welt. 7. Oktober 2000, abgerufen am 22. Juli 2020.
  4. Peter Herold. In: Kressköpfe. Abgerufen am 22. Juli 2020.
  5. a b c Melanie Bergermann, Volker ter Haseborg, Maximilian Grün, Matthias Kamp: Die Firma. In: Wirtschaftswoche. Nr. 34/2018, 17. August 2018, S. 46–51 (online unter dem Titel Die Vergangenheit des Börsenstars Wirecard [abgerufen am 9. August 2020]).
  6. Tim Bartz, Sven Becker, Rafael Buschmann et al.: Auf der Jagd nach Dr. No. In: Der Spiegel. Nr. 30, 2020 (online).
  7. Felix Holtermann, Christian Schnell: Der Fall Wirecard: wie Ex-Chef Markus Braun den Konzern in die Insolvenz trieb. In: Handelsblatt. 26. Juni 2020, abgerufen am 29. Juli 2020.
  8. Tim Bartz, Martin Hesse: Tränen in der Oper. In: Der Spiegel. Nr. 50, 2019 (online).
  9. D. Hoppenrath. In: Industrieanzeiger. 14. Mai 2001, abgerufen am 22. Juli 2020.
  10. Merge der ebs Electronic Billing Systems AG und Wire Card AG perfekt! Pressemitteilung. In: press1.de. EBS electronic billing systems, 21. Januar 2002, abgerufen am 9. August 2020.
  11. Handelsregistereintrag Amtsgericht München HRB 122026
  12. ebs Holding AG gruppiert ihre fünf Töchterunternehmen mit dem Focus auf erhöhte Marktpräsenz im Segment Online Payment Solutions. Pressemitteilung. In: press1.de. ebs Holding, 29. Mai 2002, abgerufen am 9. August 2020.
  13. Infogenie: Verbindung gekappt. In: Manager Magazin. 19. September 2001, abgerufen am 9. Februar 2019.
  14. Strategischer Investor steigt bei InfoGenie ein – EBS Mobil erwirbt Anteil von mehr als 25 Prozent. Pressemitteilung. In: Ventegis Capital. InfoGenie Europe, 20. März 2002, abgerufen am 9. August 2020.
  15. Börse unterliegt im Streit um „Penny-Stock“-Regeln. In: Handelsblatt. 23. April 2002, abgerufen am 9. Februar 2019.
  16. InfoGenie Europe heißt jetzt Wire Card AG. In: Finanznachrichten.de. 16. März 2005, abgerufen am 7. Oktober 2017.
  17. Börsengang der Wire Card AG. In: www.pressebox.de. 15. Dezember 2004, abgerufen am 9. Februar 2019.
  18. Wirecard (Hrsg.): Grenzen überwinden. Jahresabschluss der Wirecard AG für das Jahr 2013. April 2014, Anhang Abschnitt 1.1, S. 94 (wirecard.com [PDF; 543 kB; abgerufen am 21. Juli 2020]).
  19. Hannes Vogel: Warum fährt die Wirecard-Aktie Achterbahn? In: n-tv. 18. Februar 2019, abgerufen am 5. Juni 2019.
  20. Deutsche Börse: Commerzbank fliegt aus dem Dax, Wirecard steigt auf. In: Handelsblatt. 5. September 2018, abgerufen am 5. Juni 2019.
  21. Samuel Rae: Here's Why Wirecard AG Makes For An Attractive Exposure To Growth In The Payments Processing Space. 24. Mai 2017, abgerufen am 11. Juni 2019 (englisch).
  22. PayPal, giropay, Moneybookers und Co.: Aktuelle Bezahlverfahren im Internet. In: computerwoche.de. Abgerufen am 25. September 2019.
  23. Geschäftsbericht 2009. In: wirecard.com. 31. Dezember 2009, abgerufen am 25. September 2019.
  24. I. T. Finanzmagazin: Wirecard stellt innovative Bezahllösungen für den Omnichannel-Handel vor · IT Finanzmagazin. In: IT Finanzmagazin. 9. Oktober 2018, abgerufen am 25. September 2019 (deutsch).
  25. Wirecard: Brisante Neuigkeiten aus Neuseeland – 2 Manager weg. In: it-times. 14. März 2019, abgerufen am 11. Juni 2019.
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  27. LTO: Osborne Clarke: Wirecard expandiert in die Türkei. Abgerufen am 11. Juni 2019.
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  138. Geschäftsbericht des jeweiligen Jahres
  139. a b Stammdaten des Kreditinstitutes bei der Deutschen Bundesbank
  140. Jahresabschluss 2017 der Wirecard Bank AG im Bundesanzeiger, Recherche unter http://www.bundesanzeiger.de/
  141. Vgl. Internetbanking der Bank unter https://internetbanking.gad.de/
  142. Markus Zydra, Meike Schreiber: Die Bafin, eine zahnlose Finanzaufsicht. Süddeutsche Zeitung (Ressort Wirtschaft), 1. Juli 2020 (am selben Tag abgerufen)
  143. Wirecard übernimmt Prepaidkarten-Division der britischen Newcastle Building Society. In: boerse.de. 16. Dezember 2011, abgerufen am 16. Januar 2016.
  144. Wirecard übernimmt Prepaidkarten-Division der britischen Newcastle Building Society. In: Wirecard: Investor Relations: News & Publikationen. Wirecard AG, 16. Dezember 2011, abgerufen am 16. Januar 2016.

Koordinaten: 48° 8′ 44,9″ N, 11° 41′ 10,7″ O