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Tirano (dt. veraltet Thiran, auch: Tiran, Tyran, Tiranum, Tyranum oder Tyrano[2] rätoromanisch Audio-Datei / Hörbeispiel Tiraun?/i) ist eine Stadt und gleichzeitig der Hauptort der gleichnamigen Gemeinde in der italienischen Provinz Sondrio, Region Lombardei mit 9050 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2017).

Tirano
Wappen
Tirano (Italien)
Tirano
Staat Italien
Region Lombardei
Provinz Sondrio (SO)
Lokale Bezeichnung Tiràn / Tiraun (roh)
Koordinaten 46° 13′ N, 10° 10′ OKoordinaten: 46° 12′ 59″ N, 10° 10′ 8″ O
Höhe 441 m s.l.m.
Fläche 32 km²
Einwohner 9.050 (31. Dez. 2017)[1]
Bevölkerungsdichte 283 Einw./km²
Stadtviertel Baruffini, Cologna, Madonna di Tirano, Roncaiola
Angrenzende Gemeinden Brusio (CH-GR), Corteno Golgi (BS), Sernio, Vervio, Villa di Tirano
Postleitzahl 23037
Vorwahl 0342
ISTAT-Nummer 014066
Volksbezeichnung Tiranesi
Schutzpatron San Martino (11. November)
Website Tirano
Gemeinde Tirano in der Provinz Sondrio
Pfarrkirche San Martino
Platz Cavour

GeographieBearbeiten

Sie liegt im oberen Veltlin am Eingang des Puschlavs, nahe der Schweizer Grenze. Dominierten früher die Landwirtschaft – vor allem Obst- und Weinbau – und das lokale Kleingewerbe, so siedelten sich in den letzten Jahrzehnten einige kleinere Industriebetriebe an, die es aber schwer haben, sich gegen die Konkurrenz des regionalen Oberzentrums Mailand zu behaupten. Deshalb arbeiten viele Tiranesi als Tages- oder Wochenpendler in und um Mailand oder in den Fremdenverkehrsorten des Oberengadins.

Die Nachbargemeinden sind Brusio (CH-GR), Corteno Golgi (BS), Sernio, Vervio und Villa di Tirano.

GeschichteBearbeiten

Frühzeit und MittelalterBearbeiten

Die Siedlung entwickelte sich am linken Ufer des Flusses Adda unterhalb der im Jahr 1073 erwähnten Burg Dosso. Im 12. Jahrhundert war sie zuerst eine freie Gemeinde, dann unterstand sie den Capitanei von Stazzona, die die Burg Piattamala am Eingang zum Puschlav errichten ließen. 1335 war der Übergang Tiranos von Como an Mailand unter der Herrschaft der Visconti, und die Stadt wurde Gerichtsort des oberen Terziers des Veltlins.

Im Jahr 1487 wurde Tirano durch die Bündner eingenommen und teilweise zerstört, worauf Herzog Ludovico il Moro den massiven Ausbau der Stadtbefestigung veranlasste. Eine Ringmauer nach Plänen von Giovanni Francesco Sanseverino und die neue Burg St. Maria wurden errichtet. Dennoch wurde die Stadt 1512 von den Bündnern erneut erobert, die Befestigungen größtenteils zerstört und dauerhaft als Untertanengebiet in Besitz genommen. Nur noch Reste der Stadttore Porta Poschiavina, Bormina und Milanese sind heute vorhanden. Die Bündner setzten in Tirano einen Podestaten ein und eröffneten einen Vieh- und Warenmarkt.

Reformation und GegenreformationBearbeiten

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich Tirano zu einem Zentrum des Warenumschlags und des Ideenaustauschs; es bildete somit einen Knotenpunkt im Handelsverkehr zwischen Bünden und Venedig sowie Bormio und Mailand. Die Stadt war die größte des Veltlins und hatte 1589 ungefähr 5'000 Einwohner. Es entstand spätestens um 1560 auch eine evangelische Kirchgemeinde, die durch italienische Glaubensflüchtlinge wie Giulio da Milano gegründet und geleitet und von den Bündnern unterstützt wurde. Die Evangelischen feierten ihre Gottesdienste mit eigenem Pfarrer in der Kirche St. Maria. 1597 fand eine öffentliche theologische Disputation zwischen Vertretern beider Konfessionen statt.

Im Rachezug des Veltliner Mords (ital. Sacro macello) unter Führung von Giacomo Robustelli wurde die Stadt besetzt, und 60 Protestanten wurden am 19. Juli 1620 ermordet. Zu Beginn der folgenden Bündner Wirren wurde ein Rückeroberungsversuch der Bündner mit ihren Verbündeten durch die Spanier in der Schlacht bei Tirano am 11. September 1620 gestoppt. 1635–1636 machte Henri II. de Rohan, der Herzog von Rohan, die Stadt bei seinem Alpenfeldzug zu seinem Hauptquartier. Nach Ende der Auseinandersetzungen 1639 gelangte Tirano mit dem Veltlin wieder an die Drei Bünde und konnte von der günstigen Verkehrslage und der nahen Grenze zur Republik Venedig profitieren.

NeuzeitBearbeiten

1797 schloss sich das Veltlin der Cisalpinischen Republik an. Ab 1800 kauften Bündner Weinhandelsfirmen in Tirano und Umgebung Rebgrundstücke. 1908 bis 1910 erhielt die soeben erbaute Berninalinie der Rhätischen Bahn Anschluss ans italienische Netz.[3]

VerkehrBearbeiten

 
Bahnhof der Rhätischen Bahn
 
Ein Zug der Berninabahn quert die Piazza Basilica
 
Fassade der Wallfahrtskirche Madonna di Tirano

Durch Tirano verläuft die Staatsstraße 38, die das Veltlin auf seiner ganzen Länge vom Comer See bis zum Stilfserjoch erschließt. Eine Abzweigung führt über die Schweizer Grenze nach Poschiavo und weiter über den Berninapass ins Engadin.

Tirano hat zwei Bahnhöfe: Die stazione FS der italienischen Staatsbahn FS bzw. ihrer Tochtergesellschaft Trenord, und direkt benachbart die stazione FR, den Bahnhof der schweizerischen Rhätischen Bahn.

Seit 1908 verkehrt die von der Rhätischen Bahn betriebene Berninabahn. Mit dem Bernina-Express werden Direktverbindungen von Chur und St. Moritz nach Tirano angeboten. Daneben gibt es stündlich verkehrende Regionalzüge. Der Bahnhof weist auch einen beträchtlichen Güterverkehr auf, vor allem mit Stammholz, das aus der Schweiz eingeführt und in Veltliner Sägewerken verarbeitet wird.

In den Sommermonaten verkehren jeweils einmal täglich zwei Postauto-Linien nach Lugano (durch das Veltlin und entlang des Comersees, Bernina-Express) sowie via Bormio und den Umbrailpass mit einem Abstecher zum Stilfser Joch nach Müstair (Stelvio-Linie).

Den ersten Bahnanschluss erhielt die Stadt am 29. Juni 1902. Die Strecke Sondrio – Tirano gehörte ursprünglich der privaten Ferrovia Alta Valtellina und wurde 1970 von der italienischen Staatsbahn übernommen. Die Stadt ist mit dem Schweizer GA erreichbar.

Sehenswürdigkeiten, Kultur und SpezialitätenBearbeiten

AltstadtBearbeiten

  • Stadtbefestigung (14. und Ende 15. Jahrhundert) mit den drei Stadttoren Porta Poschiavina, Porta Bormina und Porta Milanese und den Resten der Burg Sta. Maria (siehe: Stadtbefestigung von Tirano).
  • Stadtkirche San Martino und in der Via Parravichini die kleine Chiesa Mariano Spasmo.
  • Palazzi, die während der Bündner Herrschaft von reichen Familien erbaut wurden
    • Palazzo Salis, heute Museo Palazzo Salis.Tirano
       
      Hauptfassade des Palazzo Salis
    • Palazzo Pretorio, ehemals Sitz des Podestà
    • Palazzo Marinoni, heute Rathaus mit der angebauten Kirche Sant’Agostino
    • Palazzo Torelli
    • Palazzo Pievani und Palazzo Trombini, in der Vorstadt jenseits der Adda

(siehe auch: Palazzi in Tirano)

  • oberhalb der Stadt die Ruine der Burg Dosso genannt Castellaccio, ehemaliger Wohnsitz der Adelsfamilie Omodei.

Madonna di TiranoBearbeiten

Am Ort einer Marienerscheinung, etwa einen Kilometer vor den Toren der Stadt, entstand ab 1505 die monumentale Wallfahrtskirche, die Basilika Madonna di Tirano, um die sich in der Folge ein zweiter Siedlungskern entwickelte[4].

  • Kirche mit dominantem Turm (1578) und Kuppelaufsatz, bedeutende frühbarocke Ausmalung und Ausstattung
  • Kirchplatz mit Palazzo S. Michele, ehemals Kloster
  • oberhalb liegt das Kirchlein Sta. Perpetua inmitten der Weinberge und rund 550 m Luftlinie entfernt in Richtung Schweizer Grenze die Kirche San Rocco.

KulturBearbeiten

Kulinarische SpezialitätenBearbeiten

Bekannt sind Tirano und seine Umgebung für ihre kulinarischen (Veltliner) Spezialitäten: Wein, Trockenfleisch (bresaola), Käse, Roggenbrot, Pizzoccheri und andere Teigwaren.

PersönlichkeitenBearbeiten

Söhne und Töchter der Stadt:

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2017.
  2. Johann Samuel Heinfius: Historisch-Politisch-Geographischer Atlas der gantzen Welt, Ausgabe Leipzig 1749, S. 1370. google books.
  3. Martin Bundi: Tirano. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 17. Oktober 2012.
  4. Santuario della Madonna di Tirano auf ethorama.library.ethz.ch/de/node
  5. Alberto Gobetti, La libreria Il Mosaico di Tirano. (italienisch) auf e-periodica.ch/digbib (abgerufen am 15. Januar 2017)
  6. Valerio Righini. In: Sikart , abgerufen 11. Januar 2016.