Rawa-Ruska

Stadt in der Ukraine

Rawa-Ruska (ukrainisch Рава-Руська; russisch Рава-Русская Rawa-Russkaja, polnisch Rawa Ruska, jiddisch Rave, ראווע) ist eine Stadt im äußersten Westen der Ukraine an der Grenze zu Polen.

Rawa-Ruska
Рава-Руська
Wappen von Rawa-Ruska
Rawa-Ruska (Ukraine)
Rawa-Ruska
Basisdaten
Oblast: Oblast Lwiw
Rajon: Rajon Lwiw
Höhe: 241 m
Fläche: 10,41 km²
Einwohner: 8.159 (2004)
Bevölkerungsdichte: 784 Einwohner je km²
Postleitzahlen: 80316
Vorwahl: +380 3252
Geographische Lage: 50° 14′ N, 23° 38′ OKoordinaten: 50° 13′ 49″ N, 23° 37′ 42″ O
KATOTTH: UA46060390010035472
KOATUU: 4622710400
Verwaltungsgliederung: 1 Stadt, 45 Dörfer
Bürgermeister: Alla Soprun
Adresse: вул. Ярослава Мудрого 3
80316 м. Рава-Руська
Statistische Informationen
Rawa-Ruska (Oblast Lwiw)
Rawa-Ruska
i1
Blick auf das Rathaus im Ort

GeographieBearbeiten

Sie liegt an dem kleinen Fluss Rata und gehört zur Oblast Lwiw. Rawa Ruska befindet sich ungefähr 60 km nordwestlich von Lemberg.

Am 12. Juni 2020 wurde die Stadt zum Zentrum der neu gegründeten Stadtgemeinde Rawa-Ruska (Рава-Руська міська громада/Rawa-Ruska miska hromada). Zu dieser zählen auch die in der untenstehenden Tabelle angeführten 45 Dörfer[1] im Rajon Lwiw; bis dahin bildet sie die Stadtratsgemeinde Rawa-Ruska (Рава-Руська міська рада/Rawa-Ruska miska rada) im Rajon Schowkwa.

Folgende Orte sind neben dem Hauptort Rawa-Ruska Teil der Gemeinde:

Name
ukrainisch transkribiert ukrainisch russisch polnisch
Beresyna Березина Березина (Beresina) Brzezina
Borowe Борове Боровое (Borowoje) Borowe
Budy Буди Буды Kamionka-Budy
Dewjatyr Дев'ятир Девятир (Dewjatir) Dziewięcierz/Einsingen
Dubriwka Дубрівка Дубровка (Dubrowka) Dąbrówka
Dumy Думи Думы Dumy
Hijtsche Гійче Гийче (Gijtsche) Hujcze
Hirkany Гіркани Горканы (Gorkany) Hirkany
Hirky Гірки Горки (Gorki) Górki
Holokamjanka Голокам'янка Голокаменка (Holokamenka) Hołe Kamienieckie
Horjany Горяни Горяны (Gorjany) Horany
Huta Obedynska Гута Обединська Гута Обединская (Guta Obedinskaja) Huta Obedyńska
Jonytschi Йоничі Йоничи (Jonitschi) Jonicze
Kapeljuch Капелюх Капелюх Kapeluch
Klebany Клебани Клебаны Klebany
Kowali Ковалі Ковали Kowale
Krywe Криве Кривое (Kriwoje) Krzywy
Lossyny Лосини Лосины (Lossiny) Łosyny
Luh Луг Луг (Lug) Łuh
Luschky Лужки Лужки (Luschki) Łużki
Luzyky Луцики Луцыки (Luzyki) Łucyki
Lypnyk Липник Липник (Lipnik) Kamionka-Lipnik
Mali Dolyny Малі Долини Малые Долины (Malyje Doliny) Doliny Małe
Malyj Малий Малый (Maly) Hołe Małe
Moschtschana Мощана Мощана Moszczana
Nowa Kamjanka Нова Кам'янка Новая Каменка (Nowaja Kamenka) -
Nywy Ниви Нивы (Niwy) Niwy
Olijarnyky Оліярники Олиярники (Olijarniki) Olejarniki
Pilze Пільце Пильце Pulce
Pomlyniw Помлинів Помлынов (Pomlynow) Pomłynów
Potelytsch Потелич Потелич (Potelitsch) Potylicz
Rata Рата Рата Rata
Rawske Равське Равское (Rawskoje) Hołe Rawskie
Ritschky Річки Речки (Retschki) Rzyczki
Sabirja Забір'я Заборье (Saborje) Zaborze
Sahirja Загір'я Загорье (Sagorje) Zagórnie
Schabelnja Шабельня Шабельня Szabelnia
Selena Huta Зелена Гута Зелёная Гута (Seljonaja Guta) Huta Zielona
Sorotschi Losy Сорочі Лози Сорочьи Лозы Srocze Łozy
Stare Selo Старе Село Старое Село (Staroje Selo) Kamionka-Stara Wieś
Synkowytschi Синьковичі Синьковичи (Sinkowitschi) Seńkowice
Tschorniji Чорнії Чорнии Czornije
Welyki Dolyny Великі Долини Великие Долины (Welikije Doliny) Doliny Wielkie
Wilschanka Вільшанка Ольшанка (Olschanka) Olszanka
Wolyzja Волиця Волица (Woliza) Wólka Mazowiecka

GeschichteBearbeiten

Rawa-Ruska wurde 1455 erstmals schriftlich genannt. 1698 trafen sich hier August der Starke, König von Polen und der russische Zar Peter I. und schlossen in Vorbereitung des Nordischen Krieges gegen Schweden ein Bündnis. Bis zur ersten Polnischen Teilung 1772 gehörte die Stadt in der Woiwodschaft Ruthenien zur Adelsrepublik Polen[2], anschließend bis 1918 zur Habsburgermonarchie (ab 1867 Cisleithanien, Kronland Galizien).

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war die Stadt ein wichtiger Bahnknotenpunkt, Linien aus Lemberg, Krakau und Lublin trafen hier zusammen, 1887 wurde ein Bahnhof an der heutigen Bahnstrecke Lwiw–Hrebenne errichtet. Auch verwaltungstechnisch war sie von Bedeutung, seit 1850 war sie Sitz der Bezirkshauptmannschaft Rawa Ruska[3], 1867 wurde auch ein Bezirksgericht im Ort errichtet.

Vom 3. bis 11. September 1914 fand in und um die Stadt die Schlacht von Rawa Ruska im Rahmen der Schlacht in Galizien zwischen österreichisch-ungarischen und russischen Truppen statt. Sie endete mit einem russischen Sieg.

Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zum neu erstandenen polnischen Staat. Ab 1921 gehörte sie zur Woiwodschaft Lwów.

Zweiter WeltkriegBearbeiten

Im September 1939 wurde Rawa Ruska zunächst von deutschen Truppen, nach deren Rückzug hinter die vereinbarte Demarkationslinie von der Roten Armee besetzt und der Ukrainischen Sowjetrepublik eingegliedert. Die Grenze zum Generalgouvernement verlief unmittelbar nordwestlich der Stadt.

Bereits Ende Juni 1941, beim Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, wurde die Stadt von der Wehrmacht erobert und am 1. August 1941 als Teil des östlichen Galizien dem Generalgouvernement angeschlossen und Sitz einer Kreishauptmannschaft. Kreishauptmann war zunächst der spätere Richter am Bundesverwaltungsgericht Hans-Walter Zinser, dann Gerhard Hager.

In einem in der Stadt eingerichteten Kriegsgefangenenlager starben in den Jahren 1941/1942 möglicherweise 18.000 sowjetische Soldaten. Im März 1942 richtete die Wehrmacht in der Stadt ein Straflager für französische und belgische Kriegsgefangene ein (Stalag 325), die des Fluchtversuchs oder der Arbeitsverweigerung beschuldigt wurden. Der erste Gefangenentransport traf am 13. April 1942 ein.

Geschichte der JudenBearbeiten

 
Rawa Ruska Stalag 325

Im März 1942 wurden etwa 1000 Juden, vorwiegend ältere Menschen, vor dem Hauptquartier der Kriminalpolizei zusammengerufen und in das soeben fertiggestellte Vernichtungslager Belzec, das nur 22 Kilometer nordwestlich der Stadt gelegen war, deportiert. Am 27. Juli 1942 wurden dann weitere etwa 2000 Juden nach Belzec deportiert.

Der deutsche Unteroffizier Wilhelm Cornides hat in einem als „Cornides-Bericht“ bekannt gewordenen Text beschrieben, wie er beim Umsteigen in Rawa Ruska am 31. August 1942 mehrere Transporte sah und offene Gespräche über das tödliche Schicksal der Deportierten mit anhörte.

Einzelnen Juden gelang es bei den teilweise ganztägigen Aufenthalten in Rawa, aus den Zügen zu fliehen. Wenn sie nicht von den auf dem Bahnhof postierten Wachen erschossen wurden, konnten sie sich zuweilen in der Stadt verstecken. Im September 1942 richteten die Deutschen schließlich ein räumlich eng begrenztes Ghetto mitten im Stadtzentrum ein, in dem nicht nur die verbliebenen Juden von Rawa Ruska eingesperrt wurden, sondern auch Juden aus umliegenden Ortschaften, so dass bald 15.000 Menschen dort leben mussten. In mehreren Aktionen wurde das Ghetto zwischen Dezember 1942 und Juni 1943 von den Deutschen und ukrainischen Helfern geräumt.

In ihrer Verzweiflung versteckten die Juden Kranke und Sterbende in Erdlöchern, um sie vor dem Zugriff zu bewahren. Dennoch konnte der SS- und Polizeiführer von Galizien, Fritz Katzmann, in seinem abschließenden Bericht „Lösung der Judenfrage im Distrikt Galizien“ vom 30. Juni 1943 nach oben melden, dass man 3000 Menschen aus den Verstecken geholt habe und es damit gelungen sei, die „Pestbeule zu vernichten“. Bei den so genannten „Aktionen“ wurden viele der im Ghetto Rawa-Ruska[4] lebenden Juden an Ort und Stelle ermordet, weitere nach Belzec oder in das Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska bei Lemberg deportiert.

Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz wurde damals ein Bericht über die Räumung der Ghettos in Galizien verfasst, in dem auch ein Massaker der Deutschen im Dezember 1942 in Rawa-Ruska behandelt wurde.

Ende Juli 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee erobert.

Nach 1945Bearbeiten

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie, wie schon 1939 bis 1941, Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik. Seit 1991 gehört Rawa Ruska zur unabhängigen Republik Ukraine.

VerkehrBearbeiten

Im Nordwesten der Stadt befindet sich an der Fernstraße M 09 ein Grenzübergang zu Polen.

Söhne und Töchter der StadtBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Rawa Ruska, in: Guy Miron (Hrsg.): The Yad Vashem encyclopedia of the ghettos during the Holocaust. Jerusalem : Yad Vashem, 2009 ISBN 978-965-308-345-5, S. 648–650

WeblinksBearbeiten

Commons: Rawa-Ruska – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Розпорядження Кабінету Міністрів України від 12 червня 2020 року № 718-р "Про визначення адміністративних центрів та затвердження територій територіальних громад Львівської області
  2. Rizzi Zannoni, Woiewodztwo Ruskie, Część Krakowskiego, Sędomirskiego y Bełzkiego z granicami Węgier, y Polski, ktore gory Karpackie nakształt łańcucha wyciągnione, od góry Wolska aż do Talabry, wyznaczaią.; 1772
  3. Reichsgesetzblatt vom 8. October 1850, Nr. 383, Seite 1741
  4. deathcamps.org: Rava-Ruska