Herbert Henry Asquith

britischer Politiker der Liberalen Partei, Premierminister (1908–1916)
Herbert Henry Asquith

Herbert Henry Asquith, 1. Earl of Oxford and Asquith (* 12. September 1852 in Morley, Yorkshire; † 15. Februar 1928 in Sutton Courtenay, Berkshire), vor allem bekannt als H. H. Asquith, war ein britischer Politiker der Liberalen Partei und Premierminister des Vereinigten Königreichs von 1908 bis 1916. Asquiths Name ist vor allem verbunden mit den großen sozialen Reformen der liberalen Regierungen in den Jahren 1906 bis 1914 und den daraus resultierenden heftigen Auseinandersetzungen mit der konservativen Opposition.

Aus einer mittelständischen Familie stammend, gewann Asquith ein Stipendium am Balliol College der University of Oxford, wo er brillierte. Nach einer Karriere als Anwalt bewarb er sich als Kandidat der Liberalen Partei für einen Sitz im Unterhaus (House of Commons). 1892 wurde er in Gladstones Regierung Innenminister.

Als Nachfolger des sterbenden Henry Campbell-Bannerman wurde Asquith 1908 Premierminister. In seine Ägide als Premierminister fielen die andauernden Auseinandersetzungen um die sozialen Reformvorhaben der Liberalen und um die Frage der Selbstverwaltung Irlands; im Parliament Act 1911 konnte das Vetorecht des traditionell konservativ dominierten Oberhauses (House of Lords) gebrochen werden. Außenpolitisch wurde ihm das Flottenwettrüsten mit dem kaiserlichen Deutschland aufgezwungen und Großbritannien band sich in einer immer engeren Allianz an Frankreich.

Im August 1914 führte Asquith das Vereinigte Königreich in den Ersten Weltkrieg. Nach sich mehrenden Rückschlägen und militärischen Niederlagen war er gezwungen, 1915 eine Koalitionsregierung mit der Konservativen Partei zu bilden. In der Folge sank Asquiths politischer Stern und er geriet zunehmend in die Kritik einer ihm größtenteils feindlich gesinnten Presse. Erfolge wurden seinem liberalen Rivalen Lloyd George zugeschrieben, Misserfolge Asquith angelastet. Ende 1916 wurde er schließlich von Lloyd George und den Konservativen gestürzt und führte den größeren Teil der Liberalen Partei in die Opposition und in den nachfolgenden Jahren in die politische Bedeutungslosigkeit.

Herkunft und früher WerdegangBearbeiten

 
Asquith im Jahre 1895.

Asquith wurde als zweiter Sohn von Joseph Dixon Asquith und seiner Frau Emily in eine mittelständische Dissenter-Familie geboren.[1] Sein Vater starb frühzeitig; die Familie zog danach nach Huddersfield, wo sie von Asquiths Onkel, William Willans, unterstützt wurde.[2] Nachdem Willans ebenfalls verstarb, zog die Familie nach Sussex um. Asquith und sein Bruder besuchten die City of London School. Asquith gewann ein Stipendium am Balliol College der University of Oxford. Dort übertraf er alle Erwartungen und erbrachte glänzende Leistungen; Balliol blieb sein ganzes Leben lang seine spirituelle Heimat.[3] Nach dem Studium, das er mit hervorragenden Noten und als Vorsitzender einer einflussreichen Studentenvereinigung abschloss, wurde er Rechtsanwalt und erhielt 1876 seine Gerichtszulassung. Mit dieser Tätigkeit kam er in den frühen 1880er Jahren zu Wohlstand.[4]

In jungen Jahren wurde er in der Familie „Herbert“ gerufen, seine zweite Frau nannte ihn jedoch „Henry“. In der Öffentlichkeit wurde er immer H. H. Asquith genannt. Sein Biograph Roy Jenkins schreibt dazu: „Es gibt wenige Personen von nationaler Bedeutung, deren Vornamen in der Öffentlichkeit so wenig bekannt waren“.

FamilieBearbeiten

 
Margot, die zweite Frau Asquiths (1909)

1877 heiratete Asquith Helen Kelsall Melland, die Tochter eines Arztes aus Manchester. Aus der Ehe gingen vier Söhne und eine Tochter hervor, bevor Helen 1891 an Typhus starb. Die einzige Tochter aus dieser Ehe, Violet Asquith (später Violet Bonham-Carter) wurde eine angesehene Autorin. Ihr wurde ein Adelstitel auf Lebenszeit verliehen. Der älteste Sohn Raymond fiel 1916 an der Somme, und so ging der Adelstitel auf dessen einzigen Sohn Julian (geboren 1916, wenige Monate vor dem Tod seines Vaters) über. Derzeitiger Titelträger ist Asquiths Urenkel Raymond Asquith, 3. Earl of Oxford and Asquith. Ein weiterer Sohn, Cyril, wurde Law Lord (Mitglied des Oberhauses mit besonderem Verantwortungsbereich in Rechtsfragen). Einer von zwei weiteren Söhnen war der Dichter Herbert Asquith, der oft mit seinem Vater verwechselt wird.

1894 heiratete Asquith Emma Alice Margaret Tennant (1864–1945), genannt „Margot“. Sie war die Tochter von Sir Charles Clow Tennant, 1. Baronet. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor, von denen zwei die Kindheit überlebten: Elizabeth (1897–1945; später Prinzessin Antoine Bibesco), eine Schriftstellerin, und Anthony (1902–1968), später Filmregisseur.

Unter den weiteren Nachfahren befinden sich die Schauspielerin Helena Bonham Carter und die Frau des früheren Chefs der Liberalen Partei, Jo Grimond.

Asquiths zweite Frau Margot überlebte ihn um 17 Jahre; sie starb 1945.

Beginn der politischen KarriereBearbeiten

 
Das britische Unterhaus (Aufnahme aus dem Jahr 1851).

Mit Beginn der 1880er Jahre interessierte sich Asquith zunehmend für die Politik. 1885 wurde sein enger Freund Richard Haldane ins Unterhaus gewählt; bei den fälligen Neuwahlen 1886 schlug Haldane Asquith vor, als liberaler Kandidat für den Wahlkreis von East Fife zu kandidieren, da der lokale liberale Abgeordnete nicht mehr die liberale Regierung, sondern Joseph Chamberlains unabhängige Unionisten unterstützte. Obwohl er keinerlei Verbindungen zu Schottland hatte, wurde Asquith von der lokalen liberalen Parteiorganisation bestätigt.[5] Im Jahr 1886 wurde Asquith als liberaler Abgeordneter von East Fife ins House of Commons gewählt, einem abgeschiedenen schottischen Wahlkreis, der seit dem Great Reform Act von 1832 fest in liberaler Hand war.[6] Den ersten wichtigen Posten erhielt er 1892, als er unter Gladstone Innenminister wurde.[7] 1895 verlor die Liberale Partei die Unterhauswahlen und war gezwungen, in die Opposition zu gehen. Die Liberalen waren von internen Machtkämpfen zunehmend paralysiert. Zwischen dem Führer der Liberalen im Oberhaus, Lord Rosebery, und dem Führer in Unterhaus, Sir William Harcourt, herrschte kein Einvernehmen.[8] Beide traten jedoch 1896 respektive 1898 zurück. Asquith wurde von mehreren Parteifreunden aufgefordert, als liberaler Oppositionsführer im Unterhaus zu kandidieren, lehnte jedoch ab, da er es sich nicht leisten konnte, sein Einkommen als Anwalt für den unbezahlten Posten des Oppositionsführers aufzugeben. Innerhalb der liberalen Partei wurde er der Anführer des gegen Joseph Chamberlain gewandten Freihandelsflügels, der dessen Zollreformplänen widersprach. Zudem trat er für den Imperialismus ein.

 
Asquith in einer Karikatur von Leslie Ward aus dem Jahr 1904

Im Dezember 1905 trat die angeschlagene und in der Freihandelsfrage tief gespaltene konservativ-unionistische Regierung von Arthur Balfour zurück und übergab die Regierungsgeschäfte an die liberale Opposition.[9] Asquith wurde Schatzkanzler (Finanzminister) in der Regierung von Henry Campbell-Bannerman. Zuvor war der Versuch von Asquith, Edward Grey und Richard Haldane, Campbell-Bannerman gemäß einer im November 1905 zwischen diesen drei getroffenen Vereinbarung („Relugas Compact“) ins Oberhaus „abzuschieben“, um so für Asquith zusätzlich zu seinem Posten als Schatzkanzler auch noch die Führung der liberalen Fraktion im Unterhaus zu gewinnen, gescheitert.[10] Die Liberalen riefen sofort Neuwahlen aus, um sich im Amt bestätigen zu lassen. In den Wahlen von 1906 (die sich noch über mehrere Wochen erstreckten) erzielten die Liberalen einen klaren Erdrutsch-Sieg, während die Konservativen deutliche Verluste hinnehmen mussten.[11] Die Liberale Unterhausfraktion veränderte sich bei dieser Wahl stark in ihrer Zusammensetzung – vor allem Anwälte und Geschäftsleute, die vormals an einer Public school ausgebildet worden waren und später in Oxford oder Cambridge studiert hatten, waren nun weitaus stärker vertreten.[12] Diese Veränderung repräsentierte zuallererst Asquith.

Als Schatzkanzler setzte Asquith sich mit großem Nachdruck – wenngleich weniger offensiv-sichtbar als der Handelsminister Lloyd George – nachdrücklich für das Prinzip des Freihandels ein. Zudem bemühte er sich darum, die allgemeinen Ausgaben zu verringern. Die Liberalen versuchten bald ein umfangreiches Reformprogramm umzusetzen. Jedoch wurden sie dabei vom konservativ dominierten Oberhaus blockiert, was per Veto die meisten Gesetzesvorhaben blockierte.[13] Premierminister Campbell-Bannerman, seit langem von schlechter Gesundheit, erlitt im Verlauf des Jahres 1907 drei Herzattacken.[14] Kurze Kuren bewirkten keine Besserung. In dieser Pase vertrat Asquith ihn. Im Februar 1908 erlitt Campbell-Bannerman eine erneute Herzattacke.[15] Schließlich trat er, bereits langsam im Sterben liegend, am 1. April aus gesundheitlichen Gründen zurück. König Eduard VII. schickte sofort nach Asquith und dieser reiste daraufhin nach Biarritz, wo Eduard VII. seinen üblichen Urlaub verbrachte, um dort die Hand des Monarchen zu küssen und der neue Premierminister zu werden.[16]

Asquith als PremierministerBearbeiten

Kabinettsumbildung AsquithsBearbeiten

Bei seiner Rückkehr bildete Asquith das Kabinett um; nachdem er kurz damit geliebäugelt hatte, das Amt des Schatzkanzlers weiterhin zu behalten, berief er Lloyd George zu seinem Nachfolger im Schatzamt. Der junge Winston Churchill wurde President of the Board of Trade. Lord Tweedmouth, bislang Erster Lord der Admiralität, wurde auf den Posten des Lord President of the Council abgeschoben, um dafür Reginald McKenna als neuen Ersten Lord der Admiralität zu installieren. Lord Elgin wurde als Kolonialminister ebenso entlassen wie der Earl of Portsmouth als Unterstaatssekretär im Kriegsministerium.

Fortführung des liberalen Wohlfahrtprogramms, Konflikt mit dem OberhausBearbeiten

 
Punch-Karikatur einer liberalen Kabinettssitzung (1909)

Innenpolitisch führte Asquiths Regierung die unter Campbell-Bannerman begonnene Linie fort und rief 1908 ein aufwändiges Wohlfahrtsprogramm mit staatlichen Renten ins Leben. Dazu kamen eine Arbeitslosen- und eine Krankenversicherung für einen Teil der Arbeiterschaft. Problematisch war das Programm aufgrund seiner finanziellen Implikationen – parallel zu den Mehrausgaben für das Wohlfahrtsprogramm mussten immer größere Summen für den Unterhalt und Ausbau der Royal Navy aufgewendet werden, der finanziellen Mehrbelastung standen jedoch keine deutlich gestiegenen Einnahmen gegenüber.[17] Das Wohlfahrtsprogramm war deshalb umstritten und wurde von der konservativen Opposition hart bekämpft. Die Konservativen nutzten ihre traditionelle Mehrheit im Oberhaus und blockierten die meisten Gesetze der liberalen Regierung. Der Konflikt spitzte sich zu, als Finanzminister Lloyd George 1909 einen provokanten „Volks-Haushalt“ vorlegte, der mit Steuern auf Landbesitz, Einkommen und Luxusgüter finanziert werden sollte. Aufgrund der konservativen Blockade im Oberhaus versuchte die liberale Regierung Asquith, diese zu umgehen; traditionell waren Finanz- und Haushaltsfragen die ureigene Domäne des Unterhauses und wurden vom Oberhaus nicht angefochten. Die Lords hatten sich bisher traditionell in Budgetfragen nicht eingemischt. Die Liberalen bündelten deshalb alle ihre Gesetzesvorhaben in einem großen Gesetz, dem jährlichen Haushaltsentwurf. Die Konservativen, entschlossen, den Entwurf nicht durchzulassen, benutzten erneut ihre große Mehrheit im Oberhaus, um ihn zu Fall zu bringen. So kam es zu einer Verfassungskrise, die im Januar 1910 zu Neuwahlen führte. Die Liberalen gingen daraus deutlich geschwächt hervor und waren nach der Bildung einer Minderheitsregierung fortan auf die Unterstützung der Irish Parliamentary Party angewiesen. Obwohl die Lords nach einigen Zugeständnissen nun dem Budget zustimmten, entstand damit ein neues Problem, da die IPP ihre Unterstützung von einem neuen Gesetzentwurf über die irische Home Rule abhängig machten, was von den Konservativen wiederum abgelehnt wurde.

 
Die entscheidende Abstimmung im Oberhaus über den Parliament Act von 1911

Eine Möglichkeit mit großer Sprengkraft in dieser Situation war, König Eduard VII. zu der Drohung zu veranlassen, das Oberhaus mit neuernannten liberalen Peers zu füllen, die das bisherige Veto der Lords überstimmen würden. Als die Konservativen im Frühjahr 1910 weiterhin unnachgiebig blieben, forcierte Asquith eine Bindende Zusage des Königs. König Edward sagte zu, die Drohung nach einer erneuten Wahl auszusprechen, starb aber im Mai 1910. Sein Sohn, der neue König George V., zögerte, als erste Amtshandlung in seiner neuen Funktion eine derart drastische Attacke auf den Adel durchzuführen. Asquith verhielt sich dem politisch unerfahrenen König gegenüber in den Gesprächen vage und vermied es, diesen zu Zusagen zu drängen; er schaffte es schließlich mit dieser Taktik, den König schrittweise zu einer Zusage zu bewegen. Ebenso behielt er das Ausmaß der Gespräche mit dem König für sich und hielt die konservative Opposition im dunkeln. Darauf bauend, dass die liberale Regierung niemals die Zustimmung des Königs für weitreichende Maßnahmen erhalten würde, versteiften sich die konservativen Lords öffentlich auf eine harte Haltung.[18] Der König gab schließlich bindende Zusagen vor der zweiten Wahl im Dezember 1910, bei der die Kräfteverhältnisse im Unterhaus im Wesentlichen unverändert blieben. Aufgrund der nun öffentlich gemachten Drohung des Königs war Asquith in der Lage, die Macht des Oberhauses mit dem Parlamentsgesetz von 1911 einzuschränken. Tatsächlich wurde durch dieses Gesetz die Macht des Oberhauses gebrochen. Die Lords konnten ein vom Unterhaus verabschiedetes Gesetz nun zwar noch verzögern, aber nicht mehr verhindern.

Durch diese Niederlage begann in der Konservativen Partei ein innerparteilicher Machtkampf, der den als allzu zögerlich und moderat angesehenen Parteiführer Arthur Balfour schließlich zum Rücktritt brachte.[19] Bei einem Treffen im Carlton-Club wählten die Konservativen Andrew Bonar Law zu ihrem neuen Vorsitzenden im Unterhaus. Im Gegensatz zu Balfour pflegte dieser einen harten, konfrontativen Stil bei seinen Reden im Unterhaus und attackierte die Liberalen scharf.[20] Asquith, der Balfour sehr respektierte und persönlich mochte, schätzte dagegen Bonar Law gering ein und hatte wenig Respekt für diesen.[21]

Trotz der eingebrachten Reformen wurde Großbritannien zunehmend von Arbeitskämpfen erschüttert; besonders zwischen 1910 und 1912 brach eine große Welle von Streiks aus. Hinzu kamen diverse öffentliche Aktionen der Suffragetten, die auf teils militanten Wegen ein Frauenwahlrecht erzwingen wollten. Asquith selbst wurde beim Golfspielen während eines Urlaubs im schottischen Lossiemouth von einer Schar militanter Sufragetten attackiert und musste sich zusammen mit seiner Tochter Violet gegen sie erwehren.[22]

Home RuleBearbeiten

 
Sticker von Ulster-Loyalisten, die damit gegen die irische Selbstverwaltung protestieren wollten.

Nach den beiden Unterhauswahlen waren die Liberalen aufgrund ihrer reduzierten Mehrheit auf die Unterstützung von Labour und der irischen Nationalisten angewiesen. Diese wollten eine irische Selbstverwaltung in Irland (Home Rule) einführen. Gegen dieses Anliegen wehrten sich zum einen die anglo-irischen Lords, die über umfangreichen Landbesitz in Irland verfügten. Zum anderen auch die schottisch-protestantische Bevölkerung, die seit Jahrhunderten die große Mehrheit in den meisten Counties der nordirischen Provinz Ulster stellten.[23] Die dortige Bevölkerung machte im Fall einer Selbstverwaltung Irlands für sich eine eigenständige Lösung, also eine Abtrennung Ulsters vom Rest Irlands, geltend. Dies wollten sowohl die Liberalen wie auch die irischen Befürworter einer irischen Selbstverwaltung aus ökonomischen Gründen nicht akzeptieren – ohne den generierten Wohlstand aus dem industriell geprägten Belfast und Umgebung schien der Rest Irlands ökonomisch zum Scheitern verurteilt.[24] Der Preis für die weitere Unterstützung der IPP war das dritte Gesetz zur Selbstverwaltung Irlands, welches Asquith schließlich im April 1912 einbrachte.[25] Auch wenn einige Minister wie Churchill und Lloyd George Ulster nicht ignorieren wollten, waren sie intern im Kabinett überstimmt worden.[26] Nachdem das Home Rule–Gesetz zwei Mal vom Oberhaus zurückgewiesen worden war, konnte es Anfang 1914 auch ohne die Zustimmung der Lords passieren. Asquiths Bemühungen um die irische Selbstverwaltung führten in Irland beinahe zum Ausbruch eines Bürgerkriegs in Nordirland, wo Sir Edward Carson bereits Vorkehrungen getroffen hatte, eine provisorische Regierung auszurufen und tausende Freiwillige sich bewaffneten.[27] So musste der Kriegsminister J. E. B. Seely aufgrund des Curragh-Vorfalls, einer Meuterei der Armee, im März 1914 zurücktreten und Asquith zeitweilig die Geschäfte des Kriegsministers übernehmen.[28] Die Inkraftsetzung und mögliche folgende Implikationen wurden letztlich durch den Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 verhindert.

AußenpolitikBearbeiten

 
Asquiths Freund und Außenminister, Sir Edward Grey.

Die Asquith-Regierung erbte von ihren Vorgängerregierungen die eingeleitete Ausgleichspolitik mit dem republikanischen Frankreich. Asquith konzentrierte sich während seiner Zeit als Premier vor allem auf die im Vordergrund stehenden innenpolitischen Themen. Die Außenpolitik überließ er weitgehend dem Foreign Office und Außenminister Sir Edward Grey, mit dem er seit langem ein freundschaftliches Einvernehmen hatte und mit dessen außenpolitischen Ansichten er in groben Zügen übereinstimmte.[29] Hatte Asquith sich als Schatzkanzler noch darum bemüht, die Ausgaben für die Royal Navy einzugrenzen, wurde Großbritannien zunehmend in einen teuren Wettlauf in der Marine-Rüstung mit Deutschland hineingezogen.[30] Bereits im Jahr 1905 hatten die Zuwendungen für die Royal Navy 30 Millionen Pfund betragen, in Fünftel der gesamten jährlichen Ausgaben.[31] Durch das Flottenwettrüsten stiegen die Ausgaben noch einmal an. Parallel zur Verschlechterung des Verhältnisses mit Deutschland bindete Großbritannien sich – auch auf Greys Betreiben hin – zunehmend enger an Frankreich, besonders nach der Zweiten Marokkokrise. Gleichzeitig erfolgte ab 1907 ein Ausgleich mit dem zaristischen Russland. Verhandlungen mit Deutschland über ein Flottenabkommen, welches den kostspieligen Flottenbau begrenzen sollten, scheiterten 1912, da Deutschland im Gegenzug eine britische Neutralitätsgarantie im Fall eines Krieges forderte. Ein konsternierter Asquith schrieb an Grey, dass die Verhandlungen aus seiner Sicht zum Scheitern verurteilt seien: „Ich gestehe, immer mehr Zweifel zu haben über die Klugheit, diese Verhandlungen weiterzuführen. Nichts, was weniger als eine unbedingte Neutralitätsgarantie von unserer Seite beeinhaltet, wird ihren Anforderungen gerecht. Und selbst hierfür macht Deutschland im Gegenzug kein festes oder solides Gegenangebot.“[32]

Erster WeltkriegBearbeiten

 
Britisches Propagandaplakat, was um Freiwillige wirbt

In der Julikrise verhielt sich Asquith zunächst abwartend und konzentrierte sich ganz auf die sich weiter zuspitzende Home Rule-Krise; wie bereits in den vorherigen Jahren überließ er seinem längjährigen Freund und Außenminister Edward Grey die Außenpolitik. Noch Ende Juli schrieb Asquith seiner Vertrauten Venetia Stanley, er sehe keinen Grund für eine aktive Teilnahme Großbritanniens am immer wahrscheinlicher werdenden Krieg.[33] Eine starke Gruppe innerhalb seines Kabinetts war zunächst gegen eine Intervention, nach den deutschen Ultimaten an Russland und Belgien jedoch neigte Asquith dazu, sich der Position von Edward Grey anzuschließen, der unbedingt die Entente mit Frankreich wahren wollte und deshalb für einen Kriegseintritt eintrat. In zwei außerordentlichen Kabinettssitzungen sicherte sich Asquith die Unterstützung des Kabinetts, aus dem bei Kriegseintritt Großbritanniens lediglich John Morley und John Elliot Burns zurücktraten.

Der Beginn des Krieges führte zunächst zu einem Stillhalteabkommen in der Parteipolitik. um nationale Einigkeit zu demonstrieren. Die Konservativen bezeichneten dies als „patriotische Opposition“.[34] Asquiths Regierung reaktivierte sofort zu Kriegsbeginn den im Land äußerst populären Feldmarschall Herbert Kitchener und installierte ihn als Kriegsminister.[35] Dieser begann schnell damit, eine Massenarmee zu rekrutieren, um das zahlenmäßig kleine Britische Expeditionskorps zu erweitern. Genau wie die meisten anderen Politiker hatte Asquith zunächst an einen kurzen Krieg geglaubt, der auf britischer Seite vor allem den Einsatz der überlegenen Royal Navy beinhalten und nur ein kleines britisches Expeditionskorps erfordern würde. Jedoch wurde spätestens Ende 1914 deutlich, dass der Krieg länger andauern und auch den Einsatz eines großen Massenheeres nötig sein würde. Dies wurde für die Liberale Partei zunehmend zur Belastung. Traditionell standen die Liberalen Themen wie der allgemeinen Wehrpflicht wie auch der in Kriegszeiten nötig werdenden Zensur ablehnend gegenüber.[36] Ende November 1914 wurde ein Kriegsrat installiert, der in der Praxis schnell zur maßgeblichen politischen Entscheidungsstelle wurde, deren Entscheidungen erst nachher dem Kabinett (von Asquith) vorgelegt wurden. Asquith berief diesen Kriegsrat jedoch nur äußerst unregelmäßig ein, eine Maßnahme, die zu einer erheblichen Machtkonzentration in den Händen weniger Männer führte und in der Praxis bedeutete, dass die eigentliche Kriegsführung weitestgehend in den Händen von Premierminister Asquith, Kriegsminister Kitchener und dem Ersten Lord der Admiralität Churchill lag.[37]

 
Alliierte Konferenz Ende März 1916

Mit fortdauernder Dauer des Krieges stieß das parteipolitische Stillhalteabkommen zwischen Liberalen und Tories auch zunehmend an seine Grenzen. Vor allem die von Winston Churchill betriebene „Dardanellenstrategie“ mit dem Ziel, das Osmanische Reich aus dem Krieg zu drängen und damit einen sicheren Seeweg zum östlichen Verbündeten Russland zu schaffen, war äußerst umstritten. Dieser Disput war im Kontext eines weitergehenden grundsätzlichen Konflikts zwischen “Westerners” (die einen Sieg an der Westfront gegen das deutsche Heer suchten) und “Easterners” (die zunächst die Verbündeten Deutschlands ausschalten wollten und deshalb das Hauptaugenmerk auf die anderen, vor allem östlichen Kriegsschauplätze legten) bedingt.[38] Asquith selbst hielt sich in dieser Frage moderierend neutral, zählte grundsätzlich jedoch zu den “Westerners”. Die aus der Dardanellenoffensive resultierende fatale und verlustreiche Schlacht von Gallipoli hatte zu heftigen Auseinandersetzungen und schließlich zum Rücktritt des Ersten Seelords John Arbuthnot Fisher geführt.[39] Nach einer Spaltung des Kabinetts, im Mai 1915 durch die „Munitionskrise“ (Shell Crisis) und den schlechten Verlauf der Gallipoli-Kampagne ausgelöst, wurde deshalb 1915 eine Koalition zwischen den von Premierminister Asquith geführten Liberalen und den Konservativen um ihren Parteiführer Andrew Bonar Law gebildet.[40] Dazu wurde diese Regierung von Teilen der Labour-Partei unterstützt – obwohl Teile der Labour-Partei der Regierung fernblieben, da sie nicht ihre pazifistische Überzeugung verraten wollten. Asquith wurde somit nun der Führer einer breiten Koalitionsregierung, die auch führende Köpfe der Opposition ins Kabinett brachte. Als Preis für die konservative Unterstützung mussten mehrere liberale Minister ihren Posten räumen, da sie für die Konservativen inakzeptabel waren. Dies betraf vor allem den Renegaten und Parteiüberläufer Churchill, der auf Betreiben der Konservativen die Admiralität gegen das bedeutungslose Amt des Chancellor of the Duchy of Lancaster tauschen musste. Daneben fiel vor allem auch Asquiths langjähriger und ältester politischer Freund, Richard Haldane, der Koalitionsbildung zum Opfer.[41] Asquith gab dem Druck der Konservativen nach und entließ Haldane praktisch ohne Widerstand oder ein persönliches Wort, was Asquiths Biograf Roy Jenkins als den uncharakteristischsten Fehler in Asquiths gesamter politischer Karriere nennt.[42] Die führenden Konservativen begnügten sich im Gegenzug mehrheitlich mit subalternen Posten. Von den vier wichtigsten Ämtern hielten sie lediglich die Admiralität.[43] Dazu wurde Lloyd George Munitionsminister.

 
Asquith (in Zivilkleidung) bei einem Frontbesuch während der Schlacht an der Somme. (1916)

SturzBearbeiten

Bis Ende 1916 rückte Asquith zunehmend selbst ins Zentrum der Kritik; Asquith, der die Presse verachtete, lehnte es ab, sich mit ihr abzugeben und für seine eigene Sache zu werben. Der mächtige Zeitungsmagnat Lord Northcliffe, Eigentümer sowohl von The Times und Daily Mail, arbeitete dagegen auf seine Absetzung hin.[44] In der Presse wurde Asquith einerseits wegen seiner Frau Margot (die einen Teil ihrer Schulzeit in Berlin verbracht hatte und auch im Krieg noch offen germanophil war),[45] andererseits vor allem auch wegen seiner abwartenden Strategie, die er vormals selbst mit den Worten „Wait and see“ (Abwarten und schauen) beschrieben hatte, harsch kritisiert.[46]

 
Raymond Asquith, Sinnbild für die verlorene Generation gefallener junger Männer an der Westfront.

Asquiths Leitung der Kriegsführung stellte bestimmte liberale Politiker und die Konservative Partei nicht zufrieden. Lloyd George hatte Asquith bei anderen Regierungsmitgliedern zum ersten Mal Mitte 1915 kritisiert, da dieser Initiative vermissen lasse und keine Anstrengungen unternehme, die einzelnen Öffentlichen Ressorts zusammen zu halten, die deshalb für sich jeweils ihre eigenen Wegen gehen würden.[47] Seine politischen Gegner, zu denen Edward Carson und Alfred Milner zählten, warfen Asquith Entscheidungsschwäche und Indifferenz vor; andauernde langwierige Diskussionen und zahlreiche interne Intrigen machten einen schnellen Entscheidungsprozess im Kabinett beinahe unmöglich. Der Kriegsrat, zwischenzeitlich in Dardanellenkomittee umbenannt, verlor durch die Koalitionsbildung seine entscheidende Machtbefugnis. In der Praxis wurden alle dort getroffenen Entscheidungen erneut im Kabinett langwierig diskutiert. Zwischen Konservativen und Liberalen herrschte auch nach der Koalitionsbildung ein großes Misstrauen, ein Resultat aus den heftigen politischen Auseinandersetzungen der Jahre vor dem Beginn des Krieges.[48] Dazu gaben seine Gegner Asquith die Schuld an einigen politischen und militärischen Katastrophen, darunter der endgültige Fehlschlag der Dardanellen-Expedition Ende 1915, der Osteraufstand in Irland im April 1916 und die gescheiterte Schlacht an der Somme. Im Verlauf der Somme-Schlacht fiel auch Asquiths hochbegabter Sohn Raymond; sein Tod und der Verlust seiner langjährigen Vertrauten Venetia Stanley (die den Junior-Minister Edwin Montagu heiratete) bedeuteten für Asquith jeweils einen schweren Schlag – Verluste, von denen er sich in der Meinung seiner Biographen nicht wieder erholte.[49]

Lloyd George erwarb sich als Munitions- und nachfolgend als Kriegsminister dagegen eine Reputation für energisches und tatkräftiges Handeln. In der Absicht, den Premierminister von der operativen Führung auszuschließen, gelang es David Lloyd George Mitte November 1916, sich die Unterstützung der Konservativen zu sichern. Ein kleineres Kriegskabinett, bestehend aus vier Personen mit Lloyd George an der Spitze, sollte gebildet werden, Asquith diesem dagegen nicht angehören.[50] Asquith akzeptierte den Vorschlag zunächst, zog sein Einverständnis jedoch wieder zurück, als in der Times ein gut informierter Artikel über den Vorgang erschien, der ihn als ausgegrenzt aus dem kleineren Kriegskabinett darstellte.[51] Er forderte nun selbst den Vorsitz für sich ein. Daraufhin reichte Lloyd George seinen Rücktritt ein. Da Bonar Law jedoch Lloyd George unterstützte und den Rücktritt aller konservativen Minister aus dem Kabinett androhte, sah Asquith keine andere gangbare Option mehr und trat am 5. Dezember selbst zurück.[52] Asquith kalkulierte dabei zumindest die Möglichkeit ein, dass weder Lloyd George noch Bonar Law in der Lage wären, eine Koalition zu bilden und er dann wiederum die Chance zur Regierungsbildung erhalten würde. Zwei Tage später wurde Lloyd George jedoch Chef der Koalitionsregierung. Der als Premierminister verdrängte Asquith lehnte einen Verbleib im Kabinett in einer anderen Rolle ab und ging nun mit seinen Anhängern in die Opposition, während ein (kleinerer) Teil der Liberalen unter dem neuen Premierminister Lloyd George an der Koalition festhielt.[53]

In der OppositionBearbeiten

 
Asquith 1919
 
Henry Herbert Asquith um 1920. Porträtstudie von James Guthrie für Statesmen of World War I.

Asquiths Liberale Fraktion nahm nun die Rolle einer Opposition wahr, was zunehmend zu einer Spaltung der Liberalen Partei führte. Vor allem die sogenannte “Maurice-Debatte” im Frühjahr 1918, die aufgrund der öffentlichen Anschuldigung des Generals Mauric führte zur einer Verhärtung der Fronten; General Maurice hatte in der Times Lloyd George öffentlich beschuldigt, die Öffentlichkeit über die aktuelle Lage an der Westfront hinters Licht zu führen, woraufhin Asquiths Liberale eine Debatte im Unterhaus forcierten. Obwohl die Debatte ergebnislos blieb, vertiefte sie den Graben zwischen Koalitionanhängern und Asquiths Liberalen.[54] Im September 1918 und noch einmal anlässlich des Waffenstillstands lehnte Asquith Angebote seitens Lloyd George ab, als Lord Chancellor wieder in die Koalition zurückzukehren und zwei seiner eigenen Anhänger für das Kabinett zu nominieren.[55]

Zur Unterhauswahl 1918 gab die Koalition um Lloyd George und den konservativen vor dem Wahlkampf Unterstützungschreiben an bestimmte Kandidaten der Liberalen und Konservativen gesandt hatte, die sie als Anhänger der bestehenden Koalition auswies. Asquiths bezeichnete diese Schreiben abfällig als Coupons, der Name „Coupon-Wahl“ ist seither eine gängiger Begriff für die Wahl. Die Koalition gewann die Wahl komfortabel, wobei die Konservativen der eindeutige Hauptgewinner waren. Die Liberalen um Asquith erlebten dagegen ein Debakel und schrumpften zu einer Rumpfpartei zusammen. Sie verloren ihre Rolle als führende Oppositionspartei an die Labour-Partei. Asquith selbst verlor ebenfalls seinen Parlamentssitz in East Fife.[56]

Er blieb jedoch weiterhin Führer der Liberalen Partei. Durch eine Nachwahl kehrte er 1920 ins Unterhaus zurück. Jedoch konnte er in einem feindselig gestimmten Unterhaus – Asquith nannte es das schlechteste Unterhaus überhaupt – keine Akzente setzen.[57] 1924 spielte er eine wichtige Rolle bei der Bildung der Labour-Minderheitsregierung, deren Premierminister Ramsay MacDonald wurde.

Die Wahl von 1924, die nach dem Sturz der Labour-Regierung stattfand, wurde Asquiths letzter Wahlkampf. Er verlor seinen Wahlkreis. Der König bot ihm nun eine Peerage an.[58] Asquith intendierte zunächst, das Angebot des Königs abzulehnen, da er, wie er meinte, lieber als Bürgerlicher wie Pitt und Gladstone sterben wollte. Jedoch akzeptierte er schließlich die Offerte und wurde 1925 als Earl of Oxford and Asquith geadelt. Er hatte den Titel des Earl of Oxford selbst gewählt, da er eine große Vorgeschichte in Person von Robert Harley, 1. Earl of Oxford and Earl Mortimer habe.[59] Die Debatten im House of Lords empfand er als qualitativ substanziell schlechter und hatte kein Vergnügen am dortigen Politikbetrieb.[60] Lloyd George wurde sein Nachfolger als Fraktionsführer der liberalen Abgeordneten im Unterhaus, aber Asquith blieb bis 1926 Parteichef, als Lloyd George auch in dieser Position sein Nachfolger wurde und die Spaltung in der Liberalen Partei überwand. Asquith verbrachte seine letzten Jahre im Ruhestand; neben privaten Hobbies verfasste er seine Memoiren. Seine letzten Lebensjahre waren von finanziellen Problemen überschattet. Im Januar 1927 erlitt er einen schweren Schlaganfall, der ihn mehrere Monate zwang, einen Rollstuhl zu nutzen; ein weiterer Schlaganfall Ende 1927 paralysierte ihn fast völlig. Am Morgen des 15. Februar 1928 verstarb Asquith; auf eigenen Wunsch erhielt er ein einfaches Begräbnis in der Kirche All Saints’ in Sutton Courtenay.

Asquith als AutorBearbeiten

Asquith veröffentlichte 1923 sein Buch The Genesis of the War (dt.: Die Ursprünge des Krieges), in dem er sich mit den Ursachen des Ersten Weltkrieges auseinandersetzte. Das Buch, Sir Edward Grey gewidmet, war eine Replik auf die Memoiren von Kaiser Wilhelm II., in dem Asquith die einseitigen Schuldzuweisungen Wilhelms II. und die These der Einkreisungspolitik zurückwies, dagegen in seinen Ausführungen die aggressive, von Wilhelm mit initiierte Weltpolitik als eine der Kriegsursachen identifizierte.[61] Im Jahr 1926 veröffentlichte er schließlich seine zweibändigen Memoiren, Fifty Years of Parliament (dt.: Fünfzig Jahre im Parlament).

ForschungsgeschichteBearbeiten

 
Violet Bonham-Carter

Nach Asquiths Tod versuchten seine Witwe Margot und seine Tochter Violet das Gedenken an Asquith zu bewahren. J. A. Spender und Cyril Asquith veröffentlichten 1932 eine zweibändige Biographie, die Asquith in einem äußerst günstigem Licht zeichnet. Margot schilderte in ihren eigenen Memoiren ebenfalls Asquith als herausragenden Staatsmann. Nach Margots Tod bewahrte Violet das Erbe Asquiths umso entschiedener und strengte vereinzelt auch Verleumdungsklagen gegen Autoren an, die kritische Veröffentlichungen herausbrachten; so erhob sie auch erfolgreich eine Verleumdungsklage gegen Robert Blake, der 1955 in seiner Biographie über Andrew Bonar Law eine strittige Weltkriegserinnerung zitiert hatte. Anfang der 1960er Jahre gewährte sie dann Roy Jenkins für eine Biographie Zugang zu einigem Nachlassmaterial. Jenkins schilderte Asquiths politisches Wirken (Asquith: Portrait of a Man and an Era.) ebenfalls tendenziell sehr wohlwollend, jedoch auf objektiver Basis.

Danach verblasste Asquiths Ansehen erneut und in der Folge setzt sich eine Welle von Autoren in einer Reihe von wohlwollenden Werken über David Lloyd George zunehmend kritisch mit Asquith auseinander.[62] 1976 erschien eine kritisch-ausgewogene Biographie von Stephen Koss.

Asquiths Briefkorrespondenz mit seiner Vertrauten Venetia Stanley ist für die Historiker eine besonders wichtige Quelle; Asquith schrieb zwischen 1910 und 1915 bis zu viermal täglich an sie, teils auch während der Kabinettssitzungen und teilte mit ihr ganz offen seine persönlichen Beobachtungen und politischen Probleme. 1982 erschien eine editierte Fassung von Asquiths Briefen in "Asquith: Letters to Venetia Stanley" von Michael und Eleanor Block.

Im Jahr 1994 veröffentlichte George H. Cassar das Buch Asquith as War Leader, in welchem er sich mit Asquith als Führer im Ersten Weltkrieg auseinandersetzte. Er kam darin zu einem revisionistischen Fazit und sah Asquiths Bilanz als Führer im Weltkrieg deutlich positiver als dies bislang der Kanon der gängigen Forschung gewesen war. Colin Clifford veröffentlichte 2002 ein Familienportrait der Asquiths. Im Rahmen der Serie 20 British Prime Ministers of the 20th Century erschien 2006 die Kurzbiographie Asquith von Stephen Bates. 2019 schließlich erschien H. H. Asquith: Last of the Romans von V. Markham Lester.

Bewertung von Asquith als PremierministerBearbeiten

 
Gedenktafel für Asquith in der Westminster Abbey

Laut Roy Hattersley sei das moderne Großbritannien während Asquiths Ägide geboren worden.[63] Asquiths Sturz sei der Forderung nach einer effizienteren und rigoroseren Führung des Krieges geschuldet, urteilte Basil Liddell Hart 1970 in seiner Geschichte des Ersten Weltkriegs.[64] Robert Blake brachte eine oft wiederholte Unterscheidung zwischen Asquith dem Premierminister in den Jahren vor Kriegsausbruch und Asquith dem Führer in Kriegszeiten an: Asquith habe, als längster regierender Premierminister seit einem Jahrhundert, viele herausragende persönliche Qualitäten gehabt. Er sei jedoch 1916 ermüdet gewesen und obwohl ein großer Premierminister im Frieden, wie bereits andere erfolgreiche Premiers vor ihm, von der Veranlagung her ungeeignet gewesen, um die Nation durch einen großen Krieg zu führen.[65]

Asquiths historische Statur sei im Nachgang durch den Niedergang der Liberalen Partei eher erhöht worden, argumentierte sein Biograph Koss.[66] Asquiths Sturz habe den Niedergang der Liberalen Partei mit herbeigeführt. Hieran trage Asquith allerdings ebenfalls einen Teil der Schuld, urteilte Dick Leonard 2005.[67] Desgleichen sah John Campbell Asquiths persönliche Eitelkeit und seine Rivalität mit Lloyd George mit als ursächlich für den tiefen Fall der Liberalen Partei.[68] V. Markham Lester meinte in seiner 2019 erschienenen Biographie, dass bis zum Ausbruch des Krieges 1914 Asquith als einer der größten Parlamentarier und Premierminister überhaupt zu sehen sei, da seine Karriere bis hierhin ein ununterbrochener Erfolgslauf gewesen war. Der Krieg habe dann zu einem persönlichen Ansehensverlust geführt und Asquiths stures Festhalten an der Führung der Liberalen Partei verbunden mit seiner Auseinandersetzung mit Lloyd George zum beschleunigten Niedergang der Liberalen Partei geführt.[69]

In einer Umfrage der BBC unter Historikern, Politikern und politischen Kommentatoren, bei der die Abstimmenden den besten Premierminister des 20. Jahrhunderts wählen sollten, belegte Asquith den vierten Rang (hinter Churchill, Lloyd George und Clement Attlee).[70]

EhrungenBearbeiten

Asquith war Ritter des Hosenbandordens. Nach ihm benannt ist das Asquith Bluff, ein antarktisches Felsenkliff am Südrand des Ross-Schelfeises.

Eigene VeröffentlichungenBearbeiten

 
Asquiths Grab in Sutton Courtenay, Oxfordshire.
  • The Genesis of the War. Cassell & Co., London 1923
  • Fifty Years of Parliament Volume 1. Cassell & Co, London 1926
  • Fifty Years of Parliament Volume 2. Cassell & Co, London 1926
  • Memories and Reflections Volume 1. Cassell & Co., London 1928
  • Memories and Reflections Volume 2. Cassell & Co., London 1928

Literatur über AsquithBearbeiten

WeblinksBearbeiten

 Commons: Herbert Henry Asquith – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Herbert Henry Asquith – Zitate (englisch)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 9.
  2. Sir Oliver Popplewell: The Prime Minister and His Mistress. Lulu Publishing Services, London 2014
  3. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 11.
  4. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 16.
  5. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 17 f.
  6. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 18.
  7. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 29.
  8. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 34.
  9. Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 1.
  10. Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 2 f.
  11. Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 9.
  12. Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 10 f.
  13. Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 32 ff.
  14. Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 132.
  15. Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 133.
  16. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 47.
  17. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 94 f.
  18. Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 212 f.
  19. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 71 ff.
  20. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 95 f.
  21. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 97 f.
  22. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 3.
  23. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 122 f.
  24. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 124.
  25. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 127.
  26. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 125.
  27. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 149.
  28. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 200 f.
  29. V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 196.
  30. V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 202.
  31. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 95.
  32. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 97.
  33. Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 98.
  34. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 227 f.
  35. V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 220.
  36. Robert Blake: The Decline of Power, 1915-1964. Faber Finds, London 2013, S. 3.
  37. Robert Blake: The Decline of Power, 1915-1964. Faber Finds, London 2013, S. 5.
  38. V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 226 f.
  39. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 242.
  40. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 243 f.
  41. Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 111.
  42. Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3rd edition. Collins, London 1986, S. 362.
  43. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 256 f.
  44. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 294.
    Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 106.
  45. Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 92.
  46. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 162.
  47. Roy Hattersley: David Lloyd George: The Great Outsider. Little Brown, London 2010, S. 370 f.
  48. Robert Blake: The Decline of Power, 1915-1964. Faber Finds, London 2013, S. 7.
  49. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 160.
  50. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 302 ff.
  51. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 169.
  52. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 334.
  53. Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 124 ff.
  54. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 176.
  55. Robert Blake: The Decline of Power, 1915-1964. Faber Finds, London 2013, S. 66.
  56. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 179.
  57. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 412.
  58. Stephen Koss: Asquith. Lane, London 1976, S. 274.
  59. Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3rd edition. Collins, London 1986, S. 506.
  60. Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3rd edition. Collins, London 1986, S. 509.
  61. H. H. Asquith: The Genesis of the War. Cassell & Co., London 1923, S. VII.
  62. V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 4.
  63. Roy Hattersley: The Edwardians. St. Martin’s Press, New York 2005, S. 481.
  64. Basil Liddell Hart: History of the First World War. Macmillan, London 1970, S. 384.
  65. Robert Blake: The Decline of Power, 1915-1964. Faber Finds, London 2013, S. 40 f.
  66. Stephen Koss: Asquith. Lane, London 1976, S. 233.
  67. Dick Leonard: A Century of Premiers: Salisbury to Blair. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2005, S. 71.
  68. John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 141.
  69. V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S.  f.
  70. Churchill 'greatest PM of 20th Century'. In: BBC. 4. Januar 2000, abgerufen am 26. September 2019.
VorgängerAmtNachfolger
Henry Campbell-BannermanBritischer Premierminister
7. April 1908 bis 7. Dezember 1916
David Lloyd George
J. E. B. Seely, 1. Baron MottistoneBritischer Kriegsminister
30. März 1914 bis 5. August 1914
Horatio Herbert Kitchener
Titel neu geschaffenEarl of Oxford and Asquith
1925–1928
Julian Asquith