Hauptmenü öffnen

Wikipedia β

Das Pressearchiv 20. Jahrhundert umfasst über 20 Millionen Presseauschnitte und andere Dokumente, thematisch zusammengestellt in Mappen zu Sachthemen und Ereignissen, Personen, Firmen und Waren.

Es geht zurück auf die 1908 gegründete Zentralstelle des Hamburgischen Kolonialinstituts und wurde im Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) zu einer weltweit einzigartigen öffentlichen Pressedokumentation ausgebaut.

2007 wurde es durch die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) übernommen und mit dem 1914 begründeten Wirtschaftsarchiv des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) zusammengeführt. Die aktive Sammeltätigkeit wurde Ende 2005 eingestellt, das Archiv ist jedoch weiter öffentlich zugänglich.[1]

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Die „Zentralstelle“ wandelte sich von einer kostenlosen Auskunftsstelle für koloniale Fragen schon nach wenigen Jahren zu einem umfassenden Archiv für weltweite Themen aus Politik und Wirtschaft, das vorrangig die Hamburger Kaufmannschaft versorgte. Nach dem Verlust der deutschen Kolonien im 1. Weltkrieg besiegelte 1919 die Umbenennung in „Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv“ diese Umorientierung.[2] Der Personalstamm des HWWA spiegelte seine Bedeutung wider und wuchs von 54 im Jahr 1919 auf 183 ständige oder zeitweilige Mitarbeiter 1958 an – ein Stand, der bis Ende der 1990er Jahre weitgehend stabil geblieben zu sein scheint.[3]

Das kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs gegründete Kieler Wirtschaftsarchiv war ebenso wie dessen Bibliothek eng mit der wissenschaftlichen Arbeit des IfW verbunden, die auf die Durchdringung der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge und deren Verwertung für die Praxis ausgerichtet war.[4] 1966 wurde der Bibliothek des IfW durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Funktion einer Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland übertragen, 1993 wurde die Abteilung entsprechend umbenannt.[5]

Sowohl im ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg waren beide Archive intensiv in die außen- und kriegswirtschaftlichen Planungen des Kaiserreiches bzw. des NS-Staates eingebunden. Ab 1936 erstellte „Vertrauliche Berichte aus der Auslandspresse“ vermittelten ausgewählten Wirtschafts„führern“ und NS-Dienststellen „weitgehend ungefilterte Informationen und Kommentare zu Wirtschaftsfragen aus ausländischen Medien und stellten ein Unikum in der NS-Medienpolitik dar“[6]. In der die militärische Expansionspolitik ergänzenden, „mit informellen Mitteln agierenden auswärtigen Kultur- und Informationspolitik“ stellten sich HWWA und IfW in den Dienst des NS-Regimes.[7]

1996 begann eine engere Kooperation von HWWA und ZBW/Wirtschaftsarchiv mit dem Ziel der Zusammenführung der beiden Archive. Seit Anfang 2001 wurden die nach einer neuen gemeinsamen Systematik erschlossenen Artikel über eine überregional recherchierbare Referenzdatenbank, „EconPress“, zugänglich gemacht.[8] Einer Empfehlung aus der Evaluierung im Rahmen der Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz im Jahre 2003 folgend, wurde die aktuelle Pressedokumentation Ende 2005 beendet und die Materialien wurden auf dem erreichten Stand eingefroren.[9] Die Existenz des HWWA endete 2007 mit der Integration von dessen Pressedokumentation und Bibliothek im Rahmen einer neugegründeten Stiftung des öffentlichen Rechts in die ZBW. Heute gehört das Pressearchiv zu den (Forschungs-)Infrastrukturen der Leibniz-Gemeinschaft[10].

Sammelgebiete und UmfangBearbeiten

Konzentrierte sich die Sammlungstätigkeit des Hamburger Archivs anfänglich auf die deutschen Kolonien, so wurde „noch vor dem Ersten Weltkrieg ... auf Betreiben der Hamburger Kaufleute die wirtschaftliche und politische Entwicklung nicht-kolonialisierter Gebiete miteinbezogen“[11]. Spätestens ab 1919 sammelte das Pressearchiv „Ausschnitte im Weltmaßstab“[12]. Es wurde nach einer ab 1911 von Heinrich Waltz entwickelten Systematik, dem „Hamburger System“, in vier Bereiche gegliedert[13]

  • Das Sacharchiv mit Sachthemen „aus allen Ländern, Teilkontinenten und der gesamten Welt“[14]. Zu den einzelnen Ländern und Regionen, die das primäre Ordnungskriterium darstellten, wurden bis zu 1200 Einzelthemen erfasst; die Gesamtzahl der Themen im Sacharchiv beträgt ungefähr 20.000. Hierzu gehören auch Sondermappen zu einzelnen Ereignissen oder Fragestellungen „wie z.B. dem Burenkrieg, der Sklavenfrage oder dem Suezkanal“.[15] Seit Ende der 1990er Jahre fokussierte sich die Sammeltätigkeit auf „inländische und internationale Wirtschaftsthemen (Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Wirtschaftspolitik, Märkte, Branchen, Innovationen)“.[16]
  • Das Warenarchiv mit nationalen sowie internationalen Rohstoffen, Halbfertig- und Fertigerzeugnissen. Die Produktbezeichnungen gliedern sich in ca. 980 Ober- und 3400 Unterbegriffe.[17] Hier stellten Länder und Regionen das sekundäre Ordnungskriterium dar.
  • Das Firmenarchiv mit Geschäftsberichten und Festschriften von und Presseausschnitten über ca. 36.000[18] (nach anderen Zahlen: ca. 70.000[19]) in- und ausländische Unternehmen. Zudem wurden (seit 1999 in einem eigenen „Körperschaftenarchiv“) Berichte über mehrere hundert Institutionen und internationale Organisationen, Universitäten und Forschungseinrichtungen gesammelt.[20]
  • Das Personenarchiv mit Dossiers über weltweit ca. 16.000[21] Personen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft.

Für das Pressearchiv wurden über 1400 Quellen ausgewertet[22], deren breite internationale Streuung einen Zugang zur Ideen- und Rezeptionsgeschichte von Themen eröffnet. Vereinzelt reichen die gesammelten Veröffentlichungen bis etwa 1826 zurück[23] Während das Personenarchiv bis zu seiner Digitalisierung ausschließlich in Papierform vorlag, wurden seit den 1960er Jahren die Bestände des Sach-, Waren- und Firmenarchivs in zehnjährigen Abständen auf Rollfilm oder Microfiche verfilmt und die Originale anschließend kassiert.[24]

Die Bestände des Kieler Wirtschaftsarchivs sind sehr viel spärlicher dokumentiert. Sie gliedern sich in ein Sacharchiv, das vor allem der Forschung und Lehre des IfW diente, ein Personenarchiv, das auch Veröffentlichungen dieser Personen enthält, und ein Hausarchiv mit Veröffentlichungen über das IfW selbst.[25]

Über die Pressemappe 20. Jahrhundert sind Teile der Bestände beider Archive heute im Internet zugänglich.

Teilweise Digitalisierung der Bestände und Pressemappe 20. JahrhundertBearbeiten

Die DFG finanzierte im Rahmen ihres Förderbereichs „Verteilte Digitale Forschungsbibliothek“[26] das Projekt Retrospektive Digitalisierung von historischen Presseartikeln auf Papier, Rollfilmen und Mikrofiche der Archive des HWWA und des Wirtschaftsarchivs des IfW von 2004 bis 2007. Darin wurde das historische Pressematerial beider Institutionen aus der Zeit vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Währungsreform 1948 bzw. zur Gründung der Bundesrepublik 1949 digitalisiert.[27] Von dem Digitalisierungsprojekt ebenfalls erfasst wurden die Bestände der Forschungsstelle für das Übersee-Deutschtum (1934–1945)[28]

Im Projekt wurden die in Papier vorhandenen Mappen des Personenarchivs gescannt und von internen Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern mit Metadaten (Mappen- und Dokument-ID sowie Seitennummer, punktuell auch Quelle, Erscheinungsdatum, Autor und Titel) versehen. Schrifterkennung durch OCR konnte wegen der teilweise verwendeten Frakturschriften, der in der Artikelfolge ständig wechselnden Schrifttypen (wie auch Sprachen) und der z.T. schlechten Qualität der Vorlagen nicht genutzt werden.[29] Das Personenarchiv wurde am Anfang des Projekts bearbeitet. Die ca. 5500 Mappen von Personen, die vor 1949 angelegt wurden, sind vollständig online zugreifbar.[30]

Die auf Rollfilm vorliegenden Teile des Archivs wurden ebenfalls digitalisiert. Da auf diesen Filmen weder die Mappen noch die Dokumente maschinenlesbar voneinander getrennt waren, konnten solche formalen Elemente nicht übernommen werden. Stattdessen mussten die Seiten mit einer eigens entwickelten „Slider“-Software „geschnitten“, zu Dokumenten und Mappen zusammengefügt und mit Metadaten versehen werden.[31] Dieser arbeitsaufwendige Prozess war zum Projektende 2007 nur zu einem geringen Teil erfolgt und wird bis heute fortgeführt, so dass immer wieder neue Mappen über die im Rahmen des Projekts erstellte Webanwendung „Pressemappe 20. Jahrhundert“ zugänglich werden.[32] Bei den Firmen wurden ca. 11.000 von Rollfilmen digitalisiert, davon sind bisher knapp 6.000 online zugreifbar.[33] Beim Sach- und Warenarchiv scheinen die Anteile des online zugänglichen digitalisierten Materials noch deutlich geringer zu sein.[34] Die Personen sind alphabetisch nach Namen erschlossen, während die Firmen sowohl über den Namen als auch geografisch über ihren Sitz und über Branchenlisten zugänglich sind. Für die Sachthemen kann über die Hierarchie der Sach- und Ländersystematik ebenso zugegriffen werden wie über eine Suche nach Sach- und Geoschlagwörtern aus der GND und über eine Weltkarte mit Geolokationen.

Aus Kapazitäts- und vor allem urheberrechtlichen Gründen wurden nur die Bestände zunächst bis 1930, in einer zweiten Förderphase bis 1948/49 von der Digitalisierung erfasst. Zahlreiche einzelne Artikel innerhalb der Dossiers unterliegen Sperrvermerken, wenn der Tod des Autors bzw. bei anonymen oder pseudonymen Werken das Datum der Veröffentlichung weniger als 70 Jahre zurück liegt. Durch eine Moving Wall sollen mit der Zeit mehr und mehr Dokumente freigeschaltet werden.[35] Wie viele der im Rahmen des Projektes digitalisierten ca. 5,7 Mio. Dokumente[36] aktuell tatsächlich über das Internet für die wissenschaftliche und allgemeine Öffentlichkeit zugänglich sind, ist nicht bekannt.

LiteraturBearbeiten

  • Forschen, Reisen, Entdecken. Lebenswelten in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft, herausgegeben von Hans Peter Brogiato und Klaus-Peter Kiedel, Halle 2011, ISBN 978-3-89812-821-6.
  • Thomas S. Huck und Max-Michael Wannags: Die Pressearchive von HWWA und ZBW – Retrodigitalisierung der Altbestände von 1900 bis 1930. In: Geschichte im Netz: Praxis, Chancen, Visionen. Beiträge der Tagung .hist 2006. Berlin 2007. – (Historisches Forum ; Bd. 10,2007,Teilbd. I), ISBN 978-3-86004-205-2, S. 430–445 (PDF)
  • Rüdiger Buchholtz: Retrodigitalisierung von Pressedokumentationen am Beispiel des HWWA und der ZBW des Instituts für Weltwirtschaft. Konzepte und Probleme. Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Heft 171, Berlin 2006. (PDF)
  • Anke te Heesen: Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierobjekt der Moderne. Frankfurt/M. 2006, ISBN 978-3-596-16584-1.
  • Helmut Leveknecht: 100 Jahre Pressedokumentation im HWWA. In: IIE aktuell. Mitteilungen aus der Abteilung Überregionale Bibliographische Dienste, Staatsbibliothek Berlin. Nr. 29, Januar 2006. (PDF)
  • Kirsten Jeude: Besondere Herausforderungen bei der retrospektiven Digitalisierung historischen Pressematerials am Beispiel eines Projekts des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs. Abschlussarbeit [der berufsbegleitenden Fortbildung zur „Wissenschaftliche/r Dokumentar/in“ des Instituts für Information und Dokumentation (IID) an der FH Potsdam]. 2005 (PDF)
  • Helmut Leveknecht: 90 Jahre HWWA. Von der Zentralstelle des Hamburgischen Kolonialinstituts bis zur Stiftung HWWA. Eine Chronik. – Hamburg: HWWA-Inst. für Wirtschaftsforschung. 1998 (PDF)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Forschen, Reisen, Entdecken, S. 167
  2. Leveknecht 1998, S. 13, 15, 21
  3. Leveknecht 1998, S. 19, 43, 63
  4. Buchholtz, S. 17
  5. Geschichte der ZBW (abgerufen am 10. August 2017)
  6. Buchholtz, S. 24
  7. Buchholtz, S. 27
  8. Bis zuletzt kamen jährlich 120.000 einzeln erfasste und verschlagwortete Artikel hinzu (Leveknecht 2006, S. 3). Die „EconPress“-Datenbank scheint vollständig von der Webseite der ZBW (Stand 19. August 2017) verschwunden zu sein.
  9. Leveknecht 2006, S. 5
  10. https://www.leibniz-gemeinschaft.de/infrastrukturen/archive/pressearchiv-der-zbw/ (abgerufen am 9. August 2017)
  11. Buchholz, S. 8
  12. te Heesen, S. 21
  13. Leveknecht 2006, S. 4
  14. Leveknecht 2006, S. 4
  15. Forschen, Reisen, Entdecken, S. 130
  16. Leveknecht 2006, S. 5
  17. Forschen, Reisen, Entdecken, S. 94
  18. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/PM20.cfm?T=F&qt=103112&CFID=9442524&CFTOKEN=79665783 (abgerufen am 9. August 2017)
  19. Hans-Eckart Scharrer (HWWA-Präsident), in: Leveknecht 1998, S. 63
  20. Leveknecht 2006, S. 6, sowie http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/geo/PM20-Firmen_Bildung.cfm
  21. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/PM20.cfm?T=P&qt=103621&CFID=9442540&CFTOKEN=77290145 (abgerufen am 9. August 2017)
  22. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/docs/quellen.cfm (abgerufen am 9. August 2017)
  23. Huck/Wannags, S. 443
  24. Huck/Wannags, S. 433
  25. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/docs/wia.cfm (abgerufen am 9. August 2017)
  26. Buchholtz, S. 28
  27. Homepage des Pressemappen-Projekts (abgerufen am 9. August 2017)
  28. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/docs/forschungs.cfm (abgerufen am 9. August 2017)
  29. Buchholtz, S. 54
  30. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/PM20.cfm?T=P&qt=114507&CFID=9448167&CFTOKEN=55946581 (abgerufen am 9. August 2017)
  31. Huck/Wannags, S. 436 ff.
  32. Meldungen über den Fortschritt der laufenden Arbeiten werden auf der Homepage des Pressemappen-Projekts (abgerufen am 9. August 2017) veröffentlicht.
  33. http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20/PM20.cfm?T=F&qt=114328&CFID=9448162&CFTOKEN=12477329 (abgerufen am 9. August 2017)
  34. Auf http://webopac0.hwwa.de/PresseMappe20 fehlen Zahlenangaben hierzu; einen Anhaltspunkt liefern die dort veröffentlichten BEACON-Dateien, die per GND-Sachschlagwort auf 1090 Dossiers für das Sach-/Länderarchiv und 221 für das Warenarchiv verweisen. (Stand 9.8.2017)
  35. Huck/Wannags, S. 438, sowie Jeude, S. 28–32, vgl. auch In eigener Sache (abgerufen am 9. August 2017)
  36. Homepage des Pressemappen-Projekts (abgerufen am 9. August 2017)