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Jörg Meuthen

deutscher Hochschulprofessor
Jörg Meuthen auf einem Landesparteitag der AfD Baden-Württemberg in Karlsruhe (2015)

Jörg Hubert Meuthen (* 29. Juni 1961 in Essen[1]) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Politiker.

Meuthen ist seit Juli 2015 einer von zwei Bundessprechern der Alternative für Deutschland (AfD). Von Juli 2015 bis Oktober 2016 war er einer von drei Landessprechern der Partei in Baden-Württemberg. Er war Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 und ist seit Mai 2016 Landtagsabgeordneter. Er ist Fraktionsvorsitzender und Oppositionsführer.

Sein Amt als Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft an der Hochschule Kehl ruht während seiner Landtagsmitgliedschaft.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Meuthen ist römisch-katholisch und wuchs in einem Essener Arbeiterviertel auf. Sein Vater war Kaufmann und vermittelte für eine Mülheimer Firma betriebliche Altersvorsorgen. In die Kirche ging er bis zu seiner Erstkommunion; zur Kirche zurück fand er nach eigenen Aussagen über die theologischen Schriften des späteren Papstes Josef Ratzinger; er bezeichnet diese als seine religiöse Sozialisation. Er machte Abitur am Goethe-Gymnasium in Bad Ems in Rheinland-Pfalz, wohin seine Familie später zog.[2] Von 1984 bis 1989 studierte Meuthen Volkswirtschaftslehre an der Universität Mainz und legte 1989 die Examen zum Diplom-Volkswirt ab.[3]

Von 1989 bis 1993 war Meuthen wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Finanzwissenschaft der Universität Köln bei Klaus Mackscheidt. Meuthen wurde 1993 bei Klaus Mackscheidt[4] an der Universität zu Köln mit einer finanzwissenschaftlichen Schrift zur Kirchensteuer promoviert. Anschließend war er als Referent im Hessischen Ministerium der Finanzen tätig. Ab 1996 wechselte Meuthen an die Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl, war Studiendekan der Fakultät Wirtschafts-, Informations- und Sozialwissenschaften und lehrte Volkswirtschaftslehre.[5] Seit 2003 ist er Senatsbeauftragter für die Auslandskooperation Südafrika. Außer an der Fakultät II (Wirtschafts-, Informations- und Sozialwissenschaften) der Hochschule Kehl lehrt Meuthen an der Freiburger Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) und lehrte auch an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Karlsruhe [6].[7]

Er ist in zweiter Ehe verheiratet, hat fünf Kinder und lebt in Karlsruhe.[8][9] Im Januar 2017 gab Meuthen die Trennung von seiner Frau Petra bekannt.[10]

PolitikBearbeiten

Meuthen interessierte sich nach eigenen Angaben mit Ende 20 für die FDP, sah ihre Haltung in der Diskussion um die Pflegeversicherung jedoch als zu etatistisch. Den Entschluss, der AfD beizutreten, habe er am Abend der Bundestagswahl 2013 gefasst. Ihn habe die „Arroganz der Macht“ zornig gemacht, als Bernd Lucke in der Sendung von Günther Jauch durch Wolfgang Schäuble verspottet worden sei. Ökonomisch vertrete er liberale, gesellschaftspolitisch jedoch konservative Ansichten.[2]

Meuthen war ab November 2013 Beisitzer der AfD Baden-Württemberg. Im Januar 2015 wurde er zum stellvertretenden Landessprecher und im Juli 2015 zu einem der drei Landessprecher gewählt. Seit Oktober 2014 ist er Leiter des Bundesfachausschusses 3 „Leistung und Gerechtigkeit“. Außerdem gründete er den Landesfachausschuss 5 „Arbeit und Soziales“, den er bis März 2015 leitete. Er kandidierte auf Listenplatz 10 bei der Europawahl 2014.[11]

In einer Kampfabstimmung über die Parteiführung auf dem Mitgliederbundesparteitag der AfD in Essen im Juli 2015, die vor allem als Zweikampf zwischen zwei der drei damaligen Bundessprecher, Bernd Lucke und Frauke Petry, wahrgenommen wurde und bei der Lucke Petry unterlag, wurde Meuthen mit 62 Prozent der Stimmen zu einem der beiden Sprecher der Bundespartei gewählt.[12]

Bei einem Landesparteitag in Horb am Neckar wurde Meuthen im Oktober 2015 zum Spitzenkandidaten der AfD für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 gewählt.[13] Er errang ein Parlamentssitz per Zweitmandat im Wahlkreis Backnang und wurde am 16. März ohne Gegenkandidaten zum Fraktionsvorsitzenden der AfD im Stuttgarter Landtag gewählt.[14]

Nachdem sich Meuthen mit seiner Forderung nach einem Fraktionsausschluss Wolfgang Gedeons, dem Antisemitismus vorgeworfen wurde, nicht durchsetzen konnte, traten er und zwölf weitere Abgeordnete aus und gründeten die Fraktion Alternative für Baden-Württemberg.[15] Im Oktober 2016 vereinigten sich beide Fraktionen wieder und Meuthen wurde erneut Fraktionsvorsitzender der AfD-Fraktion.[16]

Am 29. August 2016 wurde Meuthen bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem 17-jährigen Angehörigen der linken Szene mit einer tiefgefrorenen Torte beworfen, am Kopf getroffen und dadurch leicht verletzt.[17]

PositionenBearbeiten

Meuthen wird zum ehemals Lucke-nahen eher wirtschaftsliberalen Flügel in der Alternative für Deutschland gerechnet.[18] Nach eigener Aussage wolle er ein Gegengewicht zu den Rechtskonservativen im neuen Parteivorstand bilden.[19] Meuthen distanziert sich von Extrempositionen innerhalb der AfD. Auch abweichend vom Programm der AfD Baden-Württemberg vertritt er beispielsweise nicht die Meinung, die deutschen Medien seien weitgehend „gleichgeschaltet“.[20] Nach dessen Dresdner Rede stellte er sich jedoch im Gegensatz zur Co-Parteivorsitzenden Frauke Petry hinter den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke.[21][22]

Europa und Währungsunion

Meuthen sieht sich nicht als „Europahasser“. Die „richtige Idee der europäischen Einigung“ werde durch eine „falsch konstruierte Währungsunion pervertiert“.[23]

Einwanderungspolitik und Islam

Mit Bezug auf die hohen Flüchtlings- und Asylbewerberzahlen erklärte Meuthen auf dem Bundesparteitag in Stuttgart im April 2016: „Wir wenden uns dagegen, eine Zuwanderung in einer so großen Zahl sehenden Auges zuzulassen, dass wir unser eigenes Land schon in wenigen Jahren nicht mehr wiedererkennen werden.“ Laut Meuthen ist die Leitkultur in Deutschland nicht der Islam, sondern die christlich-abendländische Kultur. Der Ruf des Muezzins könne nicht die gleiche Selbstverständlichkeit für sich beanspruchen wie das christliche Geläut von Kirchenglocken.[24]

Langfristige programmatische Ausrichtung der AfD

Beim Bundesparteitag der AfD im April 2016 in Stuttgart sagte Jörg Meuthen in der Aussprache zum Programm der Partei: „Wir wollen weg von einem links-rot-grün verseuchten 68-er Deutschland, von dem wir die Nase voll haben.“ Dafür bekam er stehenden Applaus.[25][26]

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

Monografien

  • Die Kirchensteuer als Einnahmequelle von Religionsgemeinschaften. Eine finanzwissenschaftliche Analyse. Lang, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-631-46619-6 (Rezension).

Beiträge in Zeitschriften / Sammelbänden

  • mit Klaus Mackscheidt: Der Wohneigentumsmarkt im Lichte der geplanten Verbraucherschutzrichtlinien der Europäischen Gemeinschaft. In: Klaus Mackscheidt (Hrsg.): Entwicklungen in der Wohnungspolitik. Festgabe für Hans Hämmerlein zum 70. Geburtstag. Nomos, Baden-Baden 1994, ISBN 3-7890-3343-X, S. 179–196.
  • mit Rudolf Kriszeleit: Kredithöchstgrenze und Haushaltsvollzug. In: Die öffentliche Verwaltung. Bd. 48 (1995), H. 11, S. 461–466.
  • mit Klaus Mackscheidt: Kirchen als parafiskalische Organisationen. Einige Überlegungen zur Klassifizierung der Kirchen als Parafiski. In: Klaus Tiepelmann (Hrsg.): Politik der Parafiski. Intermediäre im Balanceakt zwischen Staats- und Bürgernähe. S + W Steuer- und Wirtschaftsverlag, Hamburg 1997, ISBN 3-89161-891-3, S. 137–161

WeblinksBearbeiten

  Commons: Jörg Meuthen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Autorenangaben, Website des Verlags Peter Lang, abgerufen am 5. Juli 2015.
  2. a b Günther Lachmann: Jörg Meuthen, die unbekannte Macht der AfD. In: welt.de. 31. Dezember 2015, abgerufen am 31. Dezember 2015.
  3. Lebenslauf - Jörg Meuthen. In: Jörg Meuthen.
  4. Hans Wüllenweber: Die Kirchensteuer ist unverzichtbar. In: Saarbrücker Zeitung, 22. September 1994.
  5. Interview zur Kandidatur Jörg Meuthens (Memento vom 27. Februar 2014 im Internet Archive) (PDF-Datei), abgerufen am 5. März 2014
  6. http://www.vwa-baden.de/de-wAssets/docs/Studiengang-Betriebswirt/VWA-S-2015.pdf
  7. Vorlesungsverzeichnis der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie für den Regierungsbezirk Freiburg (Memento vom 6. März 2014 im Internet Archive) (PDF-Datei), abgerufen am 5. März 2014
  8. Interview zur Kandidatur Jörg Meuthens (Memento vom 27. Februar 2014 im Internet Archive) (PDF-Datei), abgerufen am 5. Juli 2015
  9. "Das ein oder andere Wort kann man kritisch sehen". In: Interview mit stimme.de. 12. März 2016, abgerufen am 3. Mai 2016.
  10. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.beziehungsende-trennung-von-afd-chef-meuthen-und-seiner-ehefrau.92d66ea7-deb2-4547-9317-7f57121d9f61.html
  11. AfD hat ihre Bundesliste für die Europawahl 2014 gewählt, abgerufen am 5. März 2014
  12. VWL-Professor in AfD-Bundesvorstand gewählt: Meuthen ist der Neue an Petrys Seite. In: swr.de. 4. Juli 2015, abgerufen am 4. Juli 2015.
  13. Bericht vom AfD-Landesparteitag in Horb in der Stuttgarter Zeitung vom 24. Oktober 2015.
  14. dpa: Jörg Meuthen zum Chef der AfD-Fraktion gewählt. Badische Zeitung. 16. März 2016.
  15. Baden-Württemberg: AfD-Chef Meuthen verlässt mit zwölf Abgeordneten Landtagsfraktion. Spiegel Online, 5. Juli 2016, abgerufen am gleichen Tage.
  16. Stuttgarter AfD-Fraktion wiedervereinigt, Spiegel online, 11. Oktober 2016.
  17. http://www.stern.de/politik/deutschland/afd-parteichef-joerg-meuthen-mit-tiefgefrorener-torte-beworfen-7033988.html
  18. Alexander Häusler: Ausblick. In: Ders. (Hrsg.): Die Alternative für Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-10638-6, S. 239–245, hier: S. 242.
  19. Hubert Röderer: Kehl: Wer ist der Kehler Professor an der AfD-Spitze? In: badische-zeitung.de. 8. Juli 2015, abgerufen am 28. Januar 2016.
  20. Joachim Dorfs, Reiner Ruf: AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen: „Ich bin kein Brandstifter“. In: Stuttgarter Zeitung. 28. Januar 2016, abgerufen am 20. März 2016.
  21. http://www.huffingtonpost.de/2017/01/19/afd-chef-meuthen-stellt-sich-hinter-hoecke_n_14261954.html
  22. http://www.swr.de/swraktuell/bw/meuthen-afd-hoecke-rede/-/id=1622/did=18853540/nid=1622/1ihdija/
  23. hup, tst: Südwest: Jörg Meuthen: „Europahasser? Das könnte falscher nicht sein“. In: badische-zeitung.de. 23. Juli 2015, abgerufen am 28. Januar 2016.
  24. Bundesparteitag in Stuttgart soll Richtung weisen: AfD will Volkspartei werden. In: swr.de. 30. April 2015, abgerufen am 2. Mai 2016.
  25. Roland Pichler: Bundesparteitag in Stuttgart. AfD will Bundespräsidenten stellen. In: Stuttgarter Nachrichten. 30. April 2016. Abgerufen am 11. Mai 2016.
  26. Tilman Gerwien: Parteitag der Rechtspopulisten. Die Kulturkämpfer – AfD will Rache für 68er-Revolution In: Stern.de. 1. Mai 2016. Abgerufen am 11. Mai 2016.