Thaur

Gemeinde im Bezirk Innsbruck-Land, Tirol

Thaur ist eine Gemeinde mit 4300 Einwohnern (Stand 1. Jänner 2023) im Bezirk Innsbruck-Land in Tirol (Österreich). Die Gemeinde liegt im Gerichtsbezirk Hall in Tirol. Thaur ist eine beliebte Wohngemeinde. Trotz des Siedlungsdrucks, der sich aus der Nähe zur Landeshauptstadt Innsbruck ergibt, blieb der bäuerlich-dörfliche Ortskern weitgehend erhalten.

Thaur
Wappen Österreichkarte
Wappen von Thaur
Thaur (Österreich)
Thaur (Österreich)
Basisdaten
Staat: Österreich
Bundesland: Tirol
Politischer Bezirk: Innsbruck-Land
Kfz-Kennzeichen: IL
Fläche: 21,07 km²
Koordinaten: 47° 18′ N, 11° 28′ OKoordinaten: 47° 17′ 42″ N, 11° 28′ 19″ O
Höhe: 633 m ü. A.
Einwohner: 4.300 (1. Jän. 2023)
Bevölkerungsdichte: 204 Einw. pro km²
Postleitzahl: 6065
Vorwahl: 05223
Gemeindekennziffer: 7 03 58
Adresse der
Gemeinde­verwaltung:
Dorfplatz 4
6065 Thaur
Website: www.thaur.tirol.gv.at
Politik
Bürgermeister: Martin Plank (Neue Thaurer Einheitsliste (NEHL))
Gemeinderat: (Wahljahr: 2022)
(15 Mitglieder)
     
Insgesamt 15 Sitze
  • NEHL: 8
  • GR&UN: 3
  • SPÖ: 2
  • GFT: 1
  • MFG: 1
Lage von Thaur im Bezirk Innsbruck-Land
Lage der Gemeinde Thaur im Bezirk Innsbruck-Land (anklickbare Karte)AbsamAldransAmpassAxamsBaumkirchenBirgitzEllbögenFlaurlingFritzensFulpmesGnadenwaldGötzensGries am BrennerGries im SellrainGrinzensGschnitzHall in TirolHattingInzingKematenInnsbruckKolsassKolsassbergLansLeutaschMatrei am BrennerMiedersMilsMuttersNattersNavisNeustift im StubaitalOberhofen im InntalObernberg am BrennerOberperfussPatschPettnauPfaffenhofenPolling in TirolRanggenReith bei SeefeldRinnRumSt. Sigmund im SellrainScharnitzSchmirnSchönberg im StubaitalSeefeldSellrainSistransSteinach am BrennerTelfes im StubaiTelfsThaurTrinsTulfesUnterperfussValsVölsVoldersWattenbergWattensWildermiemingZirlTirol
Lage der Gemeinde Thaur im Bezirk Innsbruck-Land (anklickbare Karte)
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Thaur von Nordwesten
Thaur von Nordwesten
Quelle: Gemeindedaten bei Statistik Austria

Geografie Bearbeiten

Thaur liegt am östlichen Fuß der Nordkette, an der alten Dörferstraße von Innsbruck nach Hall und ist eines der MARTHA-Dörfer. Die Gemeinde bildet ein Haufendorf in leichter Hanglage, das hauptsächlich nördlich dieser Straße gelegen ist. Den höchsten Punkt des Gemeindegebietes bildet die Hintere Bachofenspitze (2668 m ü. A.) in der Gleirsch-Halltal-Kette.

Nachbargemeinden Bearbeiten

Innsbruck Scharnitz Absam
Rum   Hall in Tirol
Ampass

Geschichte Bearbeiten

Ein Urnengräberfeld aus der Bronzezeit weist darauf hin, dass das Gebiet schon um 1000 v. Chr. besiedelt war.

Der Name Thaur stammt eventuell aus der keltischen Sprache und bedeutet ‚Fels, Berg(pass)‘, vgl. Tauern. Eine weitere Namensherkunft könnte das rätoromanische taur bzw. tgauraZiege“ darstellen, und somit auf Weidenutzung hinweisen. 827 wird Thaur in der sogenannten Quartinus-Urkunde als „Taurane“ erstmals genannt – dortiger Besitz wird an das Kloster Innichen übertragen.[1]

Im Mittelalter war die Salzgewinnung von Bedeutung.

Die Burg von Thaur wurde im 13. Jahrhundert ausgebaut und war Gerichtssitz. Nach einem Brand und einem schweren Erdbeben sind heute nur noch Ruinen vorhanden.

Die Gemeinde hat fünf Kirchen aufzuweisen. Bedeutend ist die barocke Wallfahrtskirche Romedikirchl oberhalb des Ortes. Sie ist nahe der vermutlichen Heimstatt des Heiligen Romedius, dem Schloss Thaur, erbaut. Vom einst stolzen Schloss sind nur mehr Ruinen erhalten. Einst war Schloss Thaur eine der größten Burgen im Inntal.

Seit 1959 hatte die Gemeinde Anteil an der Tiroler Zollfreizone (Katastralgemeinde Thaur II, eine Exklave im Haller Gemeindegebiet). 1971 wurde ein weiterer Streifen am Inn als Gewerbe- und Industriezone gewidmet (Gewerbe- und Industriezone Au).[2]

Nach den Grundzusammenlegungen (Flurbereinigungen) in der Thaurer Au bis 2006[3][4] werden nun auch die Thaurer Felder, von alters her recht zerstückelte Gründe, bereinigt.[5] Inwieweit das dort noch lesbare Römische Wegenetz, das als bedeutendes archäologisches Denkmal der frühen Siedlungsgeschichte des Mittelinntales unter Denkmalschutz steht, tatsächlich aus der Römerzeit stammt, ist noch unklar.[6][7]

Bevölkerungsentwicklung Bearbeiten

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Einwohnerentwicklung von Thaur

Kultur und Sehenswürdigkeiten Bearbeiten

 
Pfarrkirche Thaur
 
Romediuskirche (Thaur)
 
Volksschule
 
Denkmalgeschütztes Haus in der Bauerngasse
 
Auch der Gasthof Purner steht unter Denkmalschutz.
  • Burgruine Thaur: Ehemals größte Burganlage im Inntal und Gerichtssitz. Im 13. Jahrhundert im Besitz der Grafen von Andechs, später im tirolischen. Ab dem 16. Jahrhundert zunehmender Verfall. Seit einigen Jahren Theateraufführungen.[8]
  • Unweit neben der Burgruine die Romediuskirche (Thaur): Die Kirche zu den Hll. Aposteln Peter und Paul ist die ehemalige Wallfahrtskirche zum Hl. Romedius, einem Eremiten aus dem heutigen Südtirol. 1432 geweiht. Neu errichtet 1648. Stuckaturen und Altäre aus dem Rokoko.[8]
  • Katholische Pfarrkirche Thaur Maria Himmelfahrt: Spätgotischer Bau. Urkundlich erwähnt 1244. Geweiht 1487. 1766 barock umgestaltet. Im 19. Jahrhundert entbarockisiert und mit Fresken von Franz Pernlochner versehen. Klassizistischer Hochaltar mit spätgotischer Muttergottes. Vier Rokokoaltäre im Langhaus.[8]
  • Vigilkirche: Erstmals urkundlich im 14. Jahrhundert erwähnt. 1643 von Salinenbeamten neu erbaut. Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert.[8]
  • Ulrichskirche und Afrahof: Ursprünglich romanische Anlage. Im 16. Jahrhundert umgebaut. Hölzerne Westempore und Kassettendecke aus dem 16. Jahrhundert. Spätgotische Malereien des Meisters der Magdalenenkapelle in Hall in Tirol. Flügelaltärchen aus dem 16. Jahrhundert.[8]
  • Lorettokapelle: An der Haller Straße, Station einer ehemaligen Wallfahrt. Erbaut und gestiftet von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol. Renaissancesäulenaltar aus dem ehemaligen Haller Damenstift.[8]
  • Ansitz Madleinhof
  • Kaisersäule: Die 1700 Meter hoch gelegene Kaisersäule erinnert an den Besuch von Kaiser Franz I. am 22. Oktober 1815.[8]

Brauchtum Bearbeiten

In Thaur wird die Krippentradition großgeschrieben. Fast in jedem Haus findet sich eine Weihnachtskrippe. Viele Künstler aus dem Dorf haben sich mit dem Bauen von – meist orientalischen – Bergen, dem Schnitzen von Figuren oder dem Malen der Hintergründe befasst. Die bekannteste Künstlerfamilie sind die Giner. Das Brauchtum wird mit Krippenausstellungen und Mullerlaufen (einem Fasnachtsbrauch) gepflegt.

Thaur ist die einzige verbleibende Gemeinde in Tirol, in der noch eine Palmeselprozession veranstaltet wird. Dabei wird eine lebensgroße Christusfigur auf einem Esel – beide geschnitzt – von der Pfarrkirche unter Glockengeläute zur Schlosskirche gezogen, wo in der Allerheiligenlitanei um Schutz und Hilfe gebetet wird, und anschließend in das Nachbardorf Rum weitergeführt. Der Weg zurück nach Thaur führte früher über die noch autofreie Dörferstraße, heute jedoch auf einem Feldweg.

Ebenfalls findet als einzige Gemeinde noch eine Grablegungsprozession am Karfreitag statt. Wie bei einem Begräbnis wird ein lebensgroßer Christuskörper unter den Klängen der Musikkapelle, die Trauermärsche spielt, und dem Beten des schmerzhaften Rosenkranzes durch das Dorf getragen. In der Kirche wieder angekommen, wird der „Grablieger“ in das große, den ganzen Altarraum verdeckende, Heilige Grab gelegt. Bei der Feier der Osternacht am Folgetag wird die Auferstehung bildlich mit dem Hochziehen der Heilig-Grab-Leinwand und dem Erscheinen des auferstandenen Christus dargestellt. Weiters wird an Christi Himmelfahrt die Himmelfahrt sichtbar vollzogen: Christus schwebt von vier Engeln begleitet im Mittelschiff der Pfarrkirche nach den Fürbitten während des feierlichen Hochamtes durch ein Loch in der Decke „zum Himmel auf“.

Der Thaurer Partisanerbund, eine 1660 begründete Vereinigung, die bei Prozessionen das Allerheiligste begleitet, wurde 2013 von der UNESCO unter der Bezeichnung Sakramentsgarden in Tirol als Immaterielles Kulturerbe in Österreich anerkannt.

Wirtschaft und Infrastruktur Bearbeiten

Südlich der neuen Bundesstraße nach Hall liegt ein bedeutendes Industrie- und Gewerbegebiet, das direkt an das der Gemeinde Hall angrenzt. Von großer Bedeutung ist der Gemüseanbau in den umliegenden Feldern. Thaur ist Sitz der Unternehmen Physiotherm (Infrarotkabinen) und Tyromont (Berg- und Pistenrettungsgeräte, z. B. Akja, gegründet 1953).

Unweit südlich von Thaur liegt die Inntal Autobahn (A12), und damit auch die Europastraße E45 bzw. E60. Noch davor liegt die Tiroler Straße (B171). Thaur wird von der Landesstraße L372 durchquert. Im Industriegebiet, an der Gemeindegrenze zwischen Hall und Thaur, befindet sich die S-Bahn-Haltestelle Hall-Thaur, die im Halbstundentakt bedient wird. Mit dem Flughafen Innsbruck existiert eine Fluganbindung in nicht allzu weiter Entfernung.

Politik Bearbeiten

Bürgermeister Bearbeiten

Zum Bürgermeister von Thaur wurde 2016 Christoph Walser gewählt. Er gewann mit 50,49 % gegen seine Konkurrenten, den amtierenden Bürgermeister Konrad Giner (28,83 %), Thomas Rainer (8,78 %) und Josef Bertsch (11,9 %).[9] Im Jahr 2022 wurde er mit 69,43 % wiedergewählt.[10] Im November 2023 trat Walser zurück. Zu seinem Nachfolger wurde vom Gemeinderat am 5. Februar 2023 Martin Plank gewählt.[11]

Gemeinderat Bearbeiten

Der Gemeinderat besteht aus 15 Mitgliedern und setzte sich nach der Wahl 2016 aus Mandaten der folgenden Parteien zusammen:[9]

  • 4 Bürgermeisterliste Konrad Giner
  • 6 Thaurer Einheitsliste
  • 1 SPÖ und parteiunabhängige Liste Thaur
  • 1 Bürger in Thaur
  • 1 DU-zählst.at
  • 2 Die Grünen Thaur

Bei der Wahl 2022 ergab sich folgende Verteilung:[10]

  • 8 Neue Thaurer Einheitsliste – Team Christoph Walser (NEHL)
  • 3 Die Grünen & Unabhängigen Thaur (GR&UN)
  • 2 SPÖ und parteiunabhängige Liste Thaur (SPÖ)
  • 1 MFG Menschen Freiheit Grundrechte (MFG)
  • 1 Gemeinsam für Thaur (GFT)

Wappen Bearbeiten

Blasonierung: In Silber auf grünem Dreiberg drei rotbedachte Türme.[12]

Das 1953 verliehene Gemeindewappen entspricht dem Siegel des vom 13. Jahrhundert bis 1809 bestehenden Gerichtes Thaur.[13] Die drei Türme deuten auf die einstige Burg Thaur hin, von der nur noch eine Ruine übrig ist.

Persönlichkeiten Bearbeiten

Söhne und Töchter des Ortes Bearbeiten

Mit Thaur verbunden Bearbeiten

Literatur Bearbeiten

  • Gemeinde Thaur: Örtliches Raumordnungskonzept. Fortschreibung Umweltbericht zur strategischen Umweltprüfung (SUP). November 2014 (pdf, 8,3 MB; thaur.tirol.gv.at, abgerufen am 29. März 2015) – umfangreiche Bestandsaufnahme naturrelevanter Aspekte im Gemeindegebiet.

Weblinks Bearbeiten

Commons: Thaur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Martin Bitschnau, Hannes Obermair: Tiroler Urkundenbuch, II. Abteilung: Die Urkunden zur Geschichte des Inn-, Eisack- und Pustertals. Bd. 1: Bis zum Jahr 1140. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2009, ISBN 978-3-7030-0469-8, S. 61–64, Nr. 86.
  2. Die Thaurer Dorfgeschichte: 1971. Verein für Dorfgeschichte Thaur: chronos-thaur.at, abgerufen am 13. März 2015.
  3. Grundzusammenlegung Thaurer Au West, tirol.gv.at (PDF; 569 kB)
  4. Margit Plank: Grundzusammenlegung: Thaurer Au unter Dach und Fach! In: Hannes Giner (Hrsg.): Der Schlossbichler – Zeitschrift für Thaur. 3. Jahrgang, Nr. 8, April 2006, S. 6 (thaur.tirol.gv.at [PDF; 4,7 MB; abgerufen am 8. Februar 2024]).
  5. Bescheid (…) für die Zusammenlegung „Thaurer-Felder“. (PDF; 280 KB) In: portal.tirol.gv.at. Amt der Tiroler Landesregierung, Agrarbehörde, 27. Mai 2009, abgerufen am 13. Februar 2019 (direkter Download).
  6. Johannes Pöll: Jahresbericht zur archäologischen Denkmalpflege 2009. Bundesdenkmalamt, 2009, S. 31, archiviert vom Original am 1. Juli 2016; abgerufen am 28. Oktober 2017.
  7. Auf den Thaurer Feldern gab es früher viele Siedlungen. In: meinbezirk.at. 14. Juli 2010, abgerufen am 24. Oktober 2019.
  8. a b c d e f g Dehio Tirol, Verlag Anton Schroll & Co. Wien 1980, S. 804–808
  9. a b Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen 2016 | Gemeinde Thaur. In: wahlen.tirol.gv.at. 2016, abgerufen am 2. August 2017.
  10. a b Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen 2022 | Gemeinde Thaur. In: wahlen.tirol.gv.at. 2022, abgerufen am 12. August 2022.
  11. ORF Tirol vom 6. Februar 2024: Martin Plank ist neuer Bürgermeister (abgerufen am 6. Februar 2024)
  12. Landesgesetzblatt für Tirol, Nr. 4/1953. (Digitalisat)
  13. Eduard Widmoser: Tiroler Wappenfibel. Tyrolia-Verlag, Innsbruck 1978, ISBN 3-7022-1324-4, S. 27.
  14. tirol ORF at red: Rücktritt von WK-Präsident Christoph Walser. 10. November 2023, abgerufen am 10. November 2023.