Olympische Sommerspiele 1900/Leichtathletik – Marathon (Männer)

Wettbewerb bei den Olympischen Sommerspielen 1900

Die in der französischen Hauptstadt Paris im Rahmen der Weltausstellung Paris 1900 (Exposition Universelle et Internationale de Paris) ausgetragenen Internationalen Wettbewerbe für Leibesübungen und Sport (Concours Internationaux d’Exercices Physiques et de Sports) umfassten auch einen Marathonlauf. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ordnete diesen Wettbewerb dem Programm der Olympischen Spiele 1900 (Spiele der II. Olympiade) zu. Die Austragung fand am 19 Juli 1900 statt.

Olympische Ringe
Leichtathletik
Sportart Leichtathletik
Disziplin Marathonlauf
Geschlecht Männer
Ort Croix Catelan
Teilnehmer 13 Athleten aus 6 Ländern
Wettkampfphase 19. Juli 1900
Medaillengewinner
Silbermedaillen Silber Michel Théato (Dritte Französische RepublikDritte Französische Republik FRA/LuxemburgLuxemburg LUX)
Bronzemedaillen Bronze Émile Champion (Dritte Französische RepublikDritte Französische Republik FRA)
Rang 3 Ernst Fast (SchwedenSchweden SWE)

Olympiasieger wurde Michel Théato, dem fälschlicherweise die französische Staatsbürgerschaft zugeordnet wurde, er war jedoch Luxemburger. Zweiter wurde der Franzose Émile Champion vor dem Schweden Ernst Fast.

VorgeschichteBearbeiten

Der Marathonlauf war von Beginn an und ist bis heute fester Bestandteil der leichtathletischen Wettkämpfe. Bei Olympischen Spielen erfährt dieser Wettbewerb stets eine besondere Aufmerksamkeit, denn er ist umgeben vom mythischen Flair der griechischen Antike. Schon der Marathonlauf während der ersten Olympischen Spiele in Athen an historischer Stelle begeisterte eine enorme Menschenmasse. Dies sollte sich nach Vorstellung der Organisatoren in Paris wiederholen. Der anlässlich der Weltausstellung ausgeschriebene Lauf stand jedoch unter einem äußerst ungünstigen Stern.

Langstreckenläufe waren in jener Zeit nicht ungewöhnlich. Es hatte sich bereits eine Szene von Berufsläufern gebildet, die von Ort zu Ort tingelten und um die Geldpreise wetteiferten. Vielfach handelte es sich um Läufe in einem Stadion, die mehrere Stunden dauerten. Auch während der Weltausstellung gab es etwa einen 6-Stunden-Lauf, der vom IOC nicht als olympisch angesehen wurde.

 
Läufer beim Profirennen

Am 8. Juli, elf Tage vor dem olympischen Marathonlauf, fand der seit 1896 ausgetragene Langstreckenlauf über 40 km von Conflans nach Paris statt, an dem sich 132 Berufsläufer beteiligten. Sportfunktionäre, Läufer und Zuschauer stellten sich nun die Frage, warum man nur kurze Zeit später einen Lauf von gleicher Länge veranstaltete, bei dem es so gut wie nichts zu gewinnen gab. Die Presse urteilte entsprechend negativ und gab dem Rennen den Namen Marathon des Fortifs (Festungs-Marathon), unter dem dieser Lauf in die Geschichte einging. Es war also nicht verwunderlich, dass nur sechzehn Läufer den Wettkampf aufnahmen. Dennoch dürfte ein gewisses Prestige nicht zu bestreiten sein, denn sieben Nationen waren unter den Läufern vertreten.

Die vielen Legenden, die sich um Olympiasieger Michel Théato ranken, machen auch vor den Fotografien nicht halt. Das weitverbreitetste Foto zeigt einen Läufer in einem quergestreiften Trikot mit der Nummer 62, wie er von einem Streckenposten mit einer Wasserspritze besprüht wird. Es war lange Zeit das vermeintlich einzige bekannte Foto vom olympischen Marathonlauf, und deshalb ging man davon aus, dass es den Sieger darstellt. Tatsächlich entstand das Foto jedoch beim elf Tage zuvor ausgetragenen Rennen der Berufsläufer. Es handelt sich hier also nicht um Théato.

Der zweite unglückliche Umstand betraf die Temperaturen, die am Tag des Wettkampfes, dem 19. Juli, herrschten. Je nach Streckenabschnitt hatte man 35 bis 39 Grad Celsius gemessen. Der Streckenverlauf war ein Rundkurs entlang den alten äußeren Befestigungsanlagen (den fortifications) im Uhrzeigersinn um den Stadtkern von Paris herum, wo heute der innere Autobahnring verläuft (Boulevard Périphérique). Diese 40,26 km lange Strecke war ein weiterer Grund für Unmut und vielerlei Streitigkeiten.

Rekorde / BestleistungenBearbeiten

In dieser Disziplin wurden aufgrund der unterschiedlichen Streckenbeschaffenheiten keine offiziellen Weltrekorde, sondern nur Weltbestleistungen geführt.

Der olympische Rekord wurde im Renne von 1896 auf einer Streckenlänge von 40 Kilometern aufgestellt:

Olympischer Rekord 2:58:50 min Spyridon Louis Königreich Griechenland  GRE OS Athen 10. April 1896

Bei diesen Olympischen Spielen wurde der olympische Rekord auf einer Streckenlänge von 40,26 Kilometern um 55 Sekunden verfehlt.

MedaillenBearbeiten

Wie schon bei den I. Olympischen Spielen vier Jahre zuvor gab es jeweils eine Silbermedaille für den Sieger und Bronze für den zweitplatzierten Athleten. Der Sportler auf Rang drei erhielt keine Medaille.

RennverlaufBearbeiten

 
Kurz nach dem Start: der spätere Sieger Michel Théato hier an vorletzter Stelle

19. Juli 1900, 14:36 Uhr

Der Start erfolgte auf dem Vereinsgelände des Racing Club de France dem Croix Catelan, das auch Schauplatz aller übriger leichtathletischen Wettbewerbe war. Zu Beginn wurde die Laufbahn aus Gras viermal umrundet, bevor es hinaus in die Stadt ging. Die Streckenposten, von denen die meisten einige Tage zuvor mittels Annonce in einer Zeitung angeworben worden waren, schienen überfordert. Nicht nur, dass sie nicht in der Lage waren, die Läufer vor dem Gewirr an Kutschen, Fahrrädern und einem riesigen Gefolge neugieriger Mitläufer zu schützen, auch waren sie über den Streckenverlauf durch die winkligen Straßen anscheinend nicht ausreichend informiert und leiteten einige Läufer auf Umwege. Markierungen gab es ohnehin nicht.

Die französischen Läufer führten von Beginn an, nur der Schwede Ernst Fast konnte mithalten. Die ortskundigen und über den Streckenverlauf bestens informierten Franzosen, allen voran einer der Favoriten, Georges Touquet-Daunis, bahnten sich ihren eigenen Weg durch das Chaos. Um den Führenden rankt sich eine Anekdote, wonach er nach knapp der Hälfte der Strecke in einem Bistro nahe dem Porte de Clignancourt hastig ein Bier trank und kurz danach mit Magenproblemen aufgeben musste.

Der erst neunzehn Jahre alte Ernst Fast übernahm nun die Führung, doch lange konnte er sich nicht an der Spitze behaupten. Ein anderer Favorit, Émile Champion, und ein unbekannter Läufer namens Michel Théato überholten Fast. Champion wurde von einem Tempomacher unterstützt, dem Berufsläufer Ducro. Auch dieser Umstand war ein Ärgernis insbesondere für die ausländischen Läufer und ein Beispiel für die planlose Organisation. Auf den letzten Kilometern setzte sich Théato deutlich von Champion ab und gewann mit einer Zeit knapp unter drei Stunden. Erst fünf Minuten später folgte Champion. Der Rückstand von Fast, der Dritter wurde, betrug bereits mehr als eine halbe Stunde. Nur sieben Läufer erreichten das Ziel, die übrigen mussten den unsäglichen Zuständen Tribut zollen und gaben vorzeitig auf.

 
Der spätere zweitplatzierte Émile Champion (Nr. 2) unterwegs bei einer Trinkstärkung

Nach Ende der Veranstaltung gab es zahlreiche Proteste. Ernst Fast beklagte sich darüber, dass er angeblich von einem Polizisten absichtlich fehlgeleitet wurde und erst von erstaunten Passanten wieder auf den richtigen Weg geschickt wurde, dadurch jedoch einen uneinholbaren Rückstand hinnehmen musste. Der Fünfte, der US-Amerikaner Arthur Newton, behauptete jahrelang, dass die französischen Läufer aufgrund ihrer Streckenkenntnis abgekürzt hätten, denn schließlich habe er zur Hälfte des Rennens die Führung übernommen und sei danach von niemanden mehr überholt worden. Dick Grant, Landsmann von Newton, verklagte sogar die Veranstalter und führte einen jahrelangen ergebnislosen Prozess.

So haftet dem olympischen Marathon von Paris bis heute ein Makel an. Dieser wird vom IOC noch dadurch verstärkt, dass der Sieger, Michel Théato, bis heute in den Siegerlisten fälschlicherweise als Franzose geführt wird. Inzwischen ist durch Auffinden seiner Geburtsurkunde festgestellt worden, dass Théato in Luxemburg geboren wurde. Théato lebte zwar in Paris, aber zur Annahme der französischen Staatsbürgerschaft war er definitiv zu jung. Als Mitglied beim Club amical et sportif de Saint-Mandé rühmte sich sein Club und ganz Frankreich nach dem Sieg seiner Person, so dass man seine Herkunft nicht weiter verfolgte. Auch das IOC hat diese Erkenntnis in ihren veröffentlichten Siegerlisten und im Medaillenspiegel bislang nicht berücksichtigt.

Ebenso wenig lässt sich ein Gerücht aus der Welt schaffen, wonach Théato ein Bäckerjunge war, der sich seine Kondition beim Austragen der Brötchen geholt habe und die Hitze während des Marathons deshalb gut verkraftete, weil er diese aus der Backstube gewöhnt war. Sein Sieg war überraschend und für viele Beobachter unerklärlich, verständlicherweise bediente man sich dieser einfachen Begründung. Tatsächlich war Théato jedoch Möbeltischler.

Auch Dick Grants Staatsbürgerschaft ist falsch angegeben. Er war ebenso wie sein Bruder Alex Grant, der unter anderem am 800-Meter-Lauf teilnahm, kanadischer Staatsbürger. Da die beiden Brüder in den USA studierten und Alex für den New York Athletic Club und die University of Pennsylvania, Dick Grant für die Harvard University antrat, wurden sie als US-Amerikaner gelistet.[1]

ErgebnisseBearbeiten

 
Michel Théato beim Zieleinlauf
Platz Athlet Land Zeit (h)
1 Michel Théato offiziell: Dritte Französische Republik  Frankreich / tatsächlich: Luxemburg  Luxemburg 2:59:45
2 Émile Champion Dritte Französische Republik  Frankreich 3:04:17
3 Ernst Fast Schweden  Schweden 3:37:14
4 Eugène Besse Dritte Französische Republik  Frankreich 4:00:43
5 Arthur Newton Vereinigte Staaten 45  USA 4:04:12
6 Dick Grant offiziell: Vereinigte Staaten 45  USA / tatsächlich: Kanada  Kanada k. A.
7 Ronald MacDonald Kanada  Kanada
Georges Tourquet-Daunis Dritte Französische Republik  Frankreich DNF
Auguste Marchais Dritte Französische Republik  Frankreich
William Saward Vereinigtes Konigreich 1801  Großbritannien
Ion Pool Vereinigtes Konigreich 1801  Großbritannien
Frederick Randall Vereinigtes Konigreich 1801  Großbritannien
Johan Nyström Schweden  Schweden

LiteraturBearbeiten

  • Volker Kluge: Olympische Sommerspiele. Die Chronik I. Athen 1896 – Berlin 1936. Sportverlag Berlin, Berlin 1997, ISBN 3-328-00715-6.
  • Karl Lennartz, Walter Teutenberg: II. Olympische Spiele 1900 in Paris. Darstellung und Quellen. AGON Sportverlag, Kassel 1995, ISBN 3-928562-20-7.
  • Bill Mallon: The 1900 Olympic Games. McFarland & Company, Inc., Jefferson, North Carolina 1998, CIP 97-36094.
  • Walter Mallmann: Olympischer Marathon. Sport und Medien Verlag 1993, ISBN 3-9803182-4-9.
  • Ekkehard zur Megede, Die Geschichte der olympischen Leichtathletik, Band 1: 1896–1936, Verlag Bartels & Wernitz KG, Berlin, 2. Auflage 1970

WeblinksBearbeiten

FußnotenBearbeiten

  1. Kevin B. Wamsley, American Boys in Paris: Canadian Participation in the Games of 1900. Fourth International Symposium for Olympic Research (Online-Version bei der LA84 Foundation; PDF; 34 kB), abgerufen am 19. Juli 2018