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Brigitte Fassbaender

deutsche Sängerin und Regisseurin

LebenBearbeiten

Brigitte Fassbaender ist die Tochter der Schauspielerin Sabine Peters und des Baritons und Kammersängers Willi Domgraf-Fassbaender. Die erste gesangliche Ausbildung erhielt sie von ihrem Vater, der auch ihr einziger Gesangslehrer blieb. Von 1958 bis 1961 studierte Brigitte Fassbaender am Konservatorium in Nürnberg und debütierte bereits 1961 an der Bayerischen Staatsoper, der sie 10 Jahre als festes Ensemblemitglied angehörte.[1] Gastverpflichtungen führten sie an alle führenden Opernhäuser weltweit (u. a. Covent Garden,[2] Teatro alla Scala,[3] San Francisco Opera,[4] Lyric Opera of Chicago,[5] Metropolitan Opera,[6] Wiener Staatsoper[7] oder der Opéra national de Paris[8]). Brigitte Fassbaender war außerdem ab 1972 regelmäßiger Gast bei den Salzburger Festspielen,[9] 1980 übernahm sie die Mezzo-Partie in Verdis Messa da Requiem bei den Festspielen in der Arena di Verona,[10] 1983 und 1984 trat sie als Waltraute in der Götterdämmerung bei den Bayreuther Festspielen[11] auf und 1990 sang sie die Clairon in Capriccio beim Glyndebourne Festival.

Im Opernbereich verkörperte Brigitte Fassbaender ein ganz unterschiedliches Rollenspektrum, das nicht nur Partien wie Octavian in Der Rosenkavalier (ihre Paraderolle von 1967 bis 1988), Sesto in La clemenza di Tito, Dorabella in Così fan tutte oder Charlotte in Werther (eine ihrer Lieblingspartien) umfasste, sondern auch Prinz Orlofsky in Die Fledermaus, Orestes in Die schöne Helena, Brangäne in Tristan und Isolde, die Titelrolle in Carmen, Eboli in Don Carlos, Marina in Boris Godunov, Klytämnestra in Elektra, die Lady Milford in der Uraufführung von Gottfried von Einems Oper Kabale und Liebe (UA 17. Dezember 1976 Wiener Staatsoper[12][13]) oder die Gräfin Geschwitz in Götz Friedrichs Inszenierung von Alban Bergs Lulu an der Deutschen Oper Berlin (1982).[14]

Sie galt als Prototyp der »singenden Schauspielerin«,[15] denn Singen bedeutete für sie nie Selbstzweck, sondern war stets verbunden mit darstellerischer Leidenschaft, Detailarbeit im Szenischen und psychologischer Durchdringung der Werke.[16] Das Ergebnis war eine beeindruckende Bühnenpräsenz, beruhend auf gesanglicher Perfektion in Kombination mit einer vollkommen natürlich und authentisch wirkenden schauspielerischen Darstellung.[17]

Ein weiterer Schwerpunkt ihres Wirkens war der Konzert- und Liedgesang. Auch hier war ihr die Wahrhaftigkeit der künstlerischen Aussage, die den Zuhörer/Zuschauer erreicht, »letztlich wichtiger als der reine Schöngesang«.[18] Jährliche Liederabende gab Brigitte Fassbaender ab 1983 in der Wigmore Hall in London und ab 1986 bei der Schubertiade.[19] Ihr Repertoire umfasste Lieder u. a. von Franz Liszt, Richard Strauss, Johannes Brahms, Franz Schubert oder Gustav Mahler. Sie war die erste Sängerin, die – zusammen mit dem Pianisten und Komponisten Aribert Reimann – die drei großen Schubert-Zyklen (Die schöne Müllerin, Winterreise, Schwanengesang) aufnahm. 1992 schrieb Aribert Reimann für Brigitte Fassbaender den A-cappella-Zyklus Eingedunkelt (nach neun Gedichten von Paul Celan), den sie erstmals am 26. Juni 1993 bei der Schubertiade in Feldkirch aufführte.[20]

Über 250 CD- und Schallplattenaufnahmen, ein Großteil davon im Lied- und Konzertbereich, dokumentieren ihre Bedeutung als Sängerin. Ihre Tonträger erhielten zahlreiche Preise, darunter zweimal den renommierten Gramophone Award (1987, 1992).

1994 beendete sie ihre Karriere als Opern-, Lied- und Konzertsängerin. Von 1995 bis 1997 war Brigitte Fassbaender interimistische Operndirektorin am Staatstheater Braunschweig,[21] in den Jahren 1999 bis 2012 leitete sie als Intendantin das Tiroler Landestheater. 2002 wurde sie als künstlerische Leiterin des Eppaner Liedsommers berufen. Darüber hinaus hatte sie von 2009 bis 2017 die künstlerische Leitung des Richard-Strauss-Festivals in Garmisch-Partenkirchen inne. Von 2005 bis 2017 war sie als Nachfolgerin von Wolfgang Sawallisch Vorsitzende der Richard-Strauss-Gesellschaft (RSG) in München.

Seit 1992 ist die regelmäßige Regiearbeit wichtiger Bestandteil ihres Schaffens[22]. Bereits 1989 hatte sie als Spielleiterin den Rosenkavalier in München einstudiert, ein Jahr später folgte die erste eigene Inszenierung mit Rossinis Cenerentola in Coburg. Mit ihren inzwischen über 80 Inszenierungen gehört sie zu den renommierten Opernregisseuren der Gegenwart. Regieführung bedeutet für Brigitte Fassbaender »Fantasie anregen, inspirieren, Erfahrungen austauschen, Skrupel und innere Barrieren abbauen«[23]. Ihre künstlerische Lesart des Werkes folgt weder starren Konzepten noch dogmatischen Ansätzen, sondern geht auf die Individualität des Musikdramas ein, um es von seiner ganzheitlichen Seite neu zu fassen und zu gestalten, wobei die Musik für die Regisseurin die stärkste Inspirationsquelle ist. Genaues Timing mit der Musik und die subtile, detailgenaue Erarbeitung der Charaktere (sowohl der komischen als auch tragischen Momente) gehören zu den wichtigen Merkmalen ihrer Regiearbeit. Die Personenregie, der Mensch auf der Bühne, steht daher auch im Zentrum ihrer Arbeit. Angestrebt werden die »Wahrhaftigkeit der künstlerischen Aussage« sowie »Identifikationsmomente, von denen sich auch der Zuschauer betroffen fühlt«[24].

Brigitte Fassbaender ist außerdem als Gesangspädagogin tätig und engagiert sich für die Förderung junger Gesangstalente. Ihr Wissen gibt sie in Meisterkursen/Workshops im In- und Ausland an den sängerischen Nachwuchs weiter (u. a. Bregenzer Festspiele, Eppaner Liedsommer, Heidelberger Frühling, Wigmore Hall, Internationale Hugo-Wolf-Akademie, Internationale Meistersinger-Akademie, Richard-Strauss-Festival und Neue Stimmen). Zu ihren Schülern zählen unter anderem: Juliane Banse, Michelle Breedt, Anke Vondung, Christiane Libor, Martin Mitterrutzner und Janina Baechle. Sie ist als Jury-Mitglied bei wichtigen Wettbewerben vertreten (z. B. Das Lied. International Song Competition), 2012 war sie Jury-Vorsitzende des ARD-Wettbewerbs für Gesang, in gleicher Funktion 2014 und 2018 beim Internationalen Wettbewerb für Liedkunst der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart sowie 2015 beim Internationalen Hilde-Zadek-Gesangswettbewerb in Wien. 2017 übernahm sie die Schirmherrschaft der Internationalen Meistersinger Akademie in Neumarkt in der Oberpfalz.[25]

Brigitte Fassbaender übersetzte die Libretti von Jacques Offenbachs Robinson Crusoé (2006) und von Michael Nymans Love Counts (2008). 2010 verfasste sie den Text für Lulu – das Musical (nach Frank Wedekind, Musik: Stephan Kanyar). Die Uraufführung fand am 15. Mai 2010 im Tiroler Landestheater in Innsbruck statt. Dort folgte am 5. Mai 2012 die Uraufführung des Musicals Shylock! zu dem sie ebenfalls das Libretto geschrieben hatte (nach Shakespeares Tragikomödie Der Kaufmann von Venedig; Musik: Stephan Kanyar).[26] Neben der schriftstellerischen Tätigkeit ist für Brigitte Fassbaender vor allem die Malerei »regenerierende Kreativität«. Es entstanden u. a. Bilderbücher für Erwachsene und Kinder oder Illustrationen zu (Kinder)-Konzerten, auch für Ausstellungen stellt sie ihre Arbeiten gelegentlich zur Verfügung.[27][28]

EhrungenBearbeiten

InszenierungenBearbeiten

Diskografie (Auswahl)Bearbeiten

Oper/OperetteBearbeiten

MelodramBearbeiten

  • Rezitation von Enoch Arden (TrV 181) von Richard Strauss (Wolfram Rieger, Klav.) (Two Pianists, DDD 2013/14)
  • Rezitation von Das Schloss am Meere (TrV 191) von Richard Strauss (Wolfram Rieger, Klav.) (Two Pianists, DDD 2013/14)

LiedBearbeiten

KonzertBearbeiten

  • Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach (Dir. Wolfgang Gönnenwein) (EMI 1970, 1977)
  • Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach (Dir. Eugen Jochum) (Phonogram 1973, 1981, 1989)
  • Symphonie No. 9 d-Moll (op. 125) von Ludwig van Beethoven (Dir. Rudolf Kempe) (EMI 1974, 1977), (Dir. Karl Böhm) (DG 1981, 1986), (Dir. Rafael Kubelík) (Orfeo 1982)
  • Engel in Das Paradies und die Peri von Robert Schumann (Dir. Henryk Czyż) (EMI 1974, 1979)
  • Sinfonie Nr. 2, c-Moll (Auferstehung) von Gustav Mahler (Dir. Leopold Stokowski) (RCA-Schallplatten 1975, 1979), (Dir. Giuseppe Sinopoli) (DG 1986)
  • Petite messe solennelle von Gioacchino Rossini (Dir. Wolfgang Sawallisch) (Deutsche Schallplatten 1978; BMG Ariola München 1985), (Dir. Stephen Cleobury) (EMI 1986)
  • Messe in h-Moll von Johann Sebastian Bach (Dir. Eugen Jochum) (EMI 1982, 1999)
  • Alt-Rhapsodie von Johannes Brahms (Dir. Giuseppe Sinopoli) (DG 1983)
  • Das Lied von der Erde von Gustav Mahler (Dir. Carlo Maria Giulini) (DG 1984), (Orfeo d'Or 1987, Salzburger Festspieldokumente), Auszeichnung: Supersonic pizzicato Award
  • Requiem (op. 89) von Antonín Dvořák (Dir. Wolfgang Sawallisch) (BMG Ariola München 1985)
  • Paukenmesse (Hob. XXII:9) von Joseph Haydn (Dir. Leonard Bernstein) (Phonogram 1985), auch als DVD: CMajor 2012
  • Messias von Händel (Dir. Neville Marriner) (EMI 1985)
  • Deutsche Messe von Franz Schubert (Dir. Wolfgang Sawallisch) (EMI 1986)
  • Requiem von Paul Hindemith (Dir. Wolfgang Sawallisch) (Orfeo 1987)
  • Messe in Es-Dur (D.950) von Franz Schubert (Dir. Wolfgang Sawallisch) (EMI 1988)
  • Gurre-Lieder von Arnold Schönberg (Dir. Riccardo Chailly) (Decca 1990; Polygram 1990, Teldec 1990)
  • Das klagende Lied, Fünf Lieder nach Rückert, Des Knaben Wunderhorn (Drei Lieder), Lieder eines fahrenden Gesellen, Kindertotenlieder von Gustav Mahler (Dir. Riccardo Chailly) (Decca 1991, 1994, 2003)
  • Lieder und Tänze des Todes von Modest Mussorgsky (Dir. Neeme Järvi) (DG 1993)
  • Missa solemnis (op. 123) von Ludwig van Beethoven (Dir. Rafael Kubelík) (Orfeo 1995)
  • Kindertotenlieder von Gustav Mahler (Dir. Sergiu Celibidache) (MPhil 2017)
  • Great moments of Brigitte Fassbaender (Oper, Operette, Geistliche Musik, Lied) (EMI 1995)
  • The very best of Brigitte Fassbaender (Oper, Operette, Geistliche Musik, Lied) (EMI 2005)
  • Brigitte Fassbaender DGG Edition, 11 CDs (DG 2019)

Fernsehaufzeichnungen (Auswahl)Bearbeiten

Opern:

Interviews:

Literatur (Auswahl)Bearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Brigitte Fassbaender – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Cornelia Hofmann, Katharina Meinel: Dokumentation der Premieren von 1653 bis 1992. In: Hans Zehetmair, Jürgen Schläder (Hrsg.): Nationaltheater. Die Bayerische Staatsoper. München 1992, ISBN 3-7654-2551-6 (Premieren mit Brigitte Fassbaender, S. 317–329, 332–335)
  2. Aufführungen mit Brigitte Fassbaender im Royal Opera House/Covent Garden in London
  3. Brigitte Fassbaenders Auftritte an der Mailänder Scala
  4. Brigitte Fassbaenders Auftritte an der San Francisco Opera
  5. Aufführungsarchiv (Herodias in Salome, 1988) an der Lyric Opera of Chicago
  6. Brigitte Fassbaenders Auftritte an der Metropolitan Opera in New York
  7. Brigitte Fassbaenders Auftritte an der Wiener Staatsoper
  8. Aufführungen mit Brigitte Fassbaender an der Opéra national de Paris
  9. Brigitte Fassbaenders Auftritte bei den Salzburger Festspielen
  10. Besetzung der Aufführung vom 7. August 1980 bei den Festspielen in der Arena di Verona
  11. Aufführungsdatenbank der Bayreuther Festspiele
  12. Otto Schenk: »Ich kann's nicht lassen«. Rührendes und Gerührtes, Wien 2016
  13. Uraufführungsbesetzung
  14. Rollenporträts von Brigitte Fassbaender
  15. August Everding im Gespräch mit Brigitte Fassbaender, in: Da Capo. ZDF, Mainz 1995.
  16. Wolf-Eberhard von Lewinski: Brigitte Fassbaender. Interviews, Tatsachen, Meinungen. Atlantis Musikbuch-Verlag 1999, ISBN 3-254-08351-2, S. 11, 21.
  17. Markus Guggenberger: »Meisterklasse KS Brigitte Fassbaender«, Wotans Opernkritik - WordPress.com, 21. Oktober 2017
  18. Thomas Voigt: »Echo Klassik 2017: Brigitte Fassbaender«, in: crescendo. Das Magazin für klassische Musik & Lebensart. Abgerufen am 24. Oktober 2017.
  19. Veranstaltungen mit Brigitte Fassbaender bei der Schubertiade
  20. Information zur Uraufführung von A. Reimanns Zyklus Eingedunkelt für Alt-Solo am 26. Juni 1993 in Feldkirch
  21. Thomas Voigt: »Das Publikum zurückerobern. Brigitte Fassbaender als Operndirektorin in Braunschweig«, in: Opernwelt. 37 (1995), Nr. 6, S. 4–5, ISSN 0030-3690
  22. »Opernlegende Brigitte Fassbaender. Ihre zweite Karriere als Regisseurin« ZDF Kultur | aspekte, 8. März 2019, Video verfügbar bis zum 8. März 2020
  23. Christine Lemke-Matwey: Brigitte Fassbaender: »Was man jagt, ist schon verloren«, Interview, Zeit online, 26. Juni 2019, aus der Zeit Nr. 27/2019, 27. Juni 2019
  24. Oswald Panagl: Brigitte Fassbaender. Kammersängerin, Intendantin und Regisseurin, in: Oberbayerischer Kulturpreis 2015
  25. »Schirmherrin gedankt«, in: neumarktonline.de, 16. Juli 2017, 16. Jg., ISSN 1614-2853
  26. Brigitte Fassbaender, Autorin bei Felix Bloch Erben
  27. Brigitte Fassbaender: Ein ungewöhnliches Vorhaben. Weihnachtliche Vorlesegeschichten, mit Hörbuch. Athesia-Tappeiner Verlag, Bozen 2011, ISBN 978-88-7073-718-9.
  28. Brigitte Fassbaender als Malerin, in: meinbezirk.at, 5. August 2015.
  29. Stephanie Kaiser (Red.): Biografie. Brigitte Fassbaender. In: whoswho.de, abgerufen am 4. August 2015.
  30. Brigitte Fassbaender Orden Pour le Mérite
  31. Bekanntgabe der Verleihungen vom 1. März 2012 beim Bundespräsidenten
  32. Pressemitteilung vom 31. Oktober 2012 auf der Seite der Stadt, abgerufen am 4. November 2012.
  33. Susanne Benda: »Preis für Brigitte Fassbaender«, in: Stuttgarter Nachrichten, 16. März 2013.
  34. Ilka Trautmann: Richard-Strauss-Festival »Die Jahre in Garmisch-Partenkirchen werden mir unvergessen bleiben«, in: Kreisbote, 26. Juni 2017
  35. ECHO KLASSIK 2017: Brigitte Fassbaender erhält den Preis für ihr Lebenswerk. Pressemitteilung vom 10. Oktober 2017. Offizielle Internetpräsenz ECHO-Musikpreis. Abgerufen am 10. Oktober 2017.
  36. crescendo trifft: Brigitte Fassbaender, Axel Brüggemann im Gespräch mit Brigitte Fassbaender, Echo Klassik 2017. Abgerufen am 18. November 2017.
  37. Peter Krause: »Nur einmal Standing Ovations«, in: Welt.de. Abgerufen am 1. November 2017.
  38. »Herausforderung Heiterkeit«, in: Festspielzeit. Das Magazin der Bregenzer Festspiele, Sommer 2018, S. 4–7. Abgerufen am 14. August 2018.