Jüdische Speisegesetze

Kaschrut, halachische Vorschriften
(Weitergeleitet von Koscher)
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Die jüdischen Speisegesetze (hebräisch כַּשְרוּת Kaschrut, in aschkenasischer Aussprache Kaschrus „rituelle Unbedenklichkeit“) sind traditionelle religionsgesetzliche Vorschriften, der Halacha, für die Zubereitung und den Genuss von Speisen und Getränken; sie basieren auf den Speisegeboten der Tora. Nach diesen Vorschriften werden Lebensmittel in solche eingeteilt, die für den Verzehr erlaubt (כּשר „koscher“) und Lebensmittel, die für den Verzehr nicht erlaubt (טרײף treife) sind. Der heutige Umgang von Juden mit der Kaschrut ist sehr unterschiedlich und umfasst ein Spektrum von striktester Einhaltung durch orthodoxe Juden bis hin zu völliger Nichtbeachtung durch säkulare Juden, Juden, die die speziellen jüdischen Werte akzeptieren, das Judentum als Religion jedoch nicht praktizieren.

„Was ist koscher?“, Plakat in der Zwi-Perez-Chajes-Schule der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien
Ein Automat für koschere Gummibärchen aus Fisch- statt Schweinegelatine im Jüdischen Museum Berlin
Hechscher (Koscher-Zertifikat) in einem Restaurant in Tel Aviv

Die jüdischen Speisegesetze haben ihr Fundament in der Tora, den fünf Büchern Moses, und wurden im rabbinischen Judentum weiterentwickelt und zu einer der Säulen der Halacha, der jüdischen Religionsgesetze. Folgende Aspekte sind für die Kaschrut grundlegend:

  1. Die Unterscheidung von erlaubten und nicht erlaubten Tieren.
  2. Das Verbot des Blutgenusses.
  3. Die Aufteilung in „fleischige“ (hebräisch בשרי ‚basari‘), „milchige“ (חלבי ‚chalawi‘) und „neutrale“ (פרווה ‚parve‘) Lebensmittel.
  4. Spezielle Vorschriften für den Herstellungsprozess
  5. Spezielle Vorschriften für die Zubereitung
  6. Spezielle Vorschriften für Pessach
  7. Spezielle Vorschriften für den Schabbat

Im Allgemeinen werden von Nichtjuden die jüdischen Speisevorschriften auf das Verbot von Schweinefleisch reduziert. Die Speisevorschriften gehen jedoch weit darüber hinaus, sind dabei höchst kompliziert und werden zudem unterschiedlich ausgelegt.

Erklärungen der Kaschrut

Die Speisegesetze waren aus der Tora abgeleitete religiöse Vorschriften und nicht etwa Maßnahmen zur Krankheitsprävention, obwohl sie eine entsprechende Wirkung hatten. Die Speisegesetze werden also in einen sakralen Bereich gehoben und mit einer spirituellen Dimension versehen. Sie haben somit nicht die Heilung des Körpers, sondern die der Seele zum Ziel. In biblischen Zeiten waren Bakterien, Viren und andere Schadstoffe unbekannt. Erst in der Neuzeit wurde der gesundheitliche „Nebeneffekt“ der religiösen Vorschriften erkannt. Auch das Gebot (נטילת ידיים Netilat Jadajim), des rituellen Händewaschens vor dem Kochen und vor dem Essen, leistete ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Hygiene, obwohl das Gebot eine rituelle Reinheit bewirken soll.[1]

Körperliche Schädigung

Der mittelalterliche Gelehrte Maimonides erklärte, dass alle in der Tora verbotenen Speisen dem menschlichen Körper schaden. Mit den Kaschrut-Vorschriften habe die Tora den Juden also einen Schlüssel gegeben, mit dem sie das Gute von dem Schlechten unterscheiden können. Das Verbot von Muscheln, Kriechtieren, Krebsen, Austern, von Aas und dergleichen verringerten das Infektionsrisiko (z. B. Hepatitis). In den zahlreichen Lymphdrüsen des (verbotenen) Bauchfettes – begünstigt durch die Nähe des Darmes – häufen sich Krankheitserreger am leichtesten an; man denke auch an Trichinen im Schweinefleisch.[2] Die Begründung, dass etwa Schweinefleisch in heißem Klima nicht haltbar sei, war nicht der Grund.[3] Eher gilt, dass das Schwein in vielen Kulturen das bevorzugte Opfertier war. Da alles Schlachten in der Antike in den religiösen Bereich des Opferns gehörte, zog ein solches Verbot eine deutliche Trennlinie zu heidnischen Kulten.[4]

Seelische Schädigung

Nachmanides hingegen erklärte, auch andere Völker äßen die verbotenen Speisen, ohne dass sie Schaden dadurch erlitten. Die verbotenen Speisen schadeten den Juden nicht körperlich, sondern seelisch. Seiner Ansicht nach ist es bezeichnend, dass alle in der Tora für den Verzehr verbotenen Vögel Raubvögel sind (Adler, Falke, Habicht etc.), während die zum Verzehr erlaubten (u. a. Hühner, Taube, Ente, Gans) keine sind. Irgendetwas vom Raubvogel färbe auf den ab, der ihn verspeise. Auf diese Weise wird auch das Verbot des Blutgenusses verständlich: Der Genuss von Blut gewöhne an Grausamkeit und fördere mörderische, zerstörerische Sitten. An diesem Jahrtausende alten, strikten Verbot des Blutgenusses wird auch die Unsinnigkeit der christlichen Ritualmordlegende deutlich, wonach Juden angeblich das Blut von Christenkindern für ihre Matzen beim Pessachfest und zu verschiedenen magischen oder medizinischen Zwecken benötigen würden. Die Tora verbietet diese als „Greuel für JHWH“ wiederholt streng (Lev 18,21 EU; 20,2-5 EU; Dtn 12,31 EU; 18,10 EU). Die Legende kostete tausenden von Juden das Leben und hält sich bis heute in abgewandelten Formen. Auch die Tieropfer regelte die Tora streng und verbietet Juden unter anderem den Blutgenuss, da im Blut das Leben sei und dieses ausschließlich dem Schöpfergott gehöre (Gen 9,4 EU; Lev 3,17 EU; 7,26-28 EU; 17,10–14 EU). Mit diesem strengen Verbot grenzten sich die Juden dezidiert gegen den Brauch ab, der im Altertum üblich war, lebende Tiere im Opferakt zu verzehren mit dem Ziel, „die heilige Kraft des Blutes“ in sich aufzunehmen.

Heiligkeit

Das vornehmste Motiv der Speisegesetze ist jedoch das in Lev 19,2 EU geforderte Ideal der Heiligkeit, nicht als abstrakte Idee, sondern als beherrschendes Prinzip im täglichen Leben der Männer, Frauen und Kinder. „Die Speisegesetze erziehen uns zur Herrschaft über unsere Gelüste, sie gewöhnen uns daran, aufkeimende Wünsche zu unterdrücken, ebenso auch die Neigung, die Freude am Essen und Trinken als Zweck des menschlichen Daseins anzusehen“, wie im Sohar, dem bedeutendsten Schriftwerk der Kabbala ausgeführt wird.[5]

Göttliche Herkunft

Rabbiner betonen die göttliche Herkunft der Gebote. Interpretationen und Überlegungen seien stets nur „menschliche Auslegungsversuche des göttlichen Willens“. Diese Regeln wurden nach jüdischer Überlieferung den Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten durch Moses übermittelt.

Koschere Tiere

Die Tora unterscheidet im 3. Buch Mose (Kap. 11) die zum Verzehr gedachten Tiere in erlaubte (koschere) und nichterlaubte (nichtkoschere) Tiere. Nach dieser Regelung sind von den Tieren nur solche als koscher zu betrachten, die zweigespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sind (zum Beispiel Rinder, Schafe, Ziegen, Damwild). Damit ist beispielsweise Schweinefleisch als treife, das heißt als nicht koscher, einzustufen, da Schweine zwar gespaltene Hufe haben, aber nicht wiederkäuen. Auch Kamele sind nicht koscher, weil sie zwar wiederkäuen, aber keine vollständig gespaltenen Hufe haben. Dementsprechend fallen alle weiteren Landtiere (Pferde, Esel, Hasen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde, Katzen etc.) in die Rubrik der verbotenen Tiere.

Geflügel ist dann koscher, wenn die Tierarten domestiziert und keine Raubvögel sind, beispielsweise sind Hühner, Gänse erlaubt. Über Truthahn wurde lange Zeit rabbinisch diskutiert, er gilt heute allgemein als koscher. Straußenvögel dagegen sind nicht erlaubt.

Von den im Wasser lebenden Tieren sind solche koscher, die Flossen und Schuppen haben. Die meisten Süßwasserfische sind also erlaubt, aber der Aal oder der Wels, welche keine Schuppen haben, sind „treife“ und damit verboten. Ebenfalls nicht erlaubt sind von den Meerestieren all diejenigen, die keine Fische sind, zum Beispiel Hummer, Langusten, Muscheln, Tintenfische und Schnecken. Ebenfalls als „treife“ gelten sämtliche Reptilien, Kriechtiere und Insekten. Heuschrecken wurden dagegen in der Tora erlaubt, später aber aus rabbinischer Sicht verboten, weil die ursprünglich erlaubten vier Heuschreckenarten (vgl. Lev 11,20-22 EU) nicht mehr sicher bestimmt werden konnten.

Nach rabbinischen Vorschriften gelten alle Produkte von koscheren Tieren ebenfalls als koschere Lebensmittel. So ist die Milch eines koscheren Tieres (Kuh, Ziege) selbst koscher, während die eines nichtkoscheren Tieres (z. B. Pferd) nicht erlaubt ist. Eine Ausnahme bildet der Honig, der als koscher gilt, obwohl er von einem nichtkoscheren Tier (Biene) hervorgebracht wird.

Es sind verschiedene Voraussetzungen für eine Schlachtung koscherer Tiere einzuhalten. Hierzu gehört eine artgerechte Haltung, Das Tier muss möglichst stressfrei zur Schlachtung geführt werden. Zur Schlachtung vorgesehene Tiere dürfen das vorangehende Schlachten eines Tieres nicht mitbekommen.

Schächten

 
Schächtbewilligung aus Rom, 1762. Heute im Jüdischen Museum der Schweiz.

Ebenfalls auf der Tora basiert das Verbot des Blutgenusses. Obwohl es bereits in die sogenannten noachidischen Gesetze Eingang gefunden hat und entsprechend schon im 1. Buch Mose erwähnt wird, wird es später in der Tora häufiger wiederholt (so auch im 3. Buch Mose). Das rabbinische Judentum hat aus diesem Verbot weitreichende Vorschriften deduziert, die das Bereiten des koscheren Fleisches betreffen. So muss nach diesen Vorschriften das koschere Tier geschächtet werden, damit das Blut des Tieres möglichst vollständig herausfließt. Es hatte 2000 Jahre lang auch den Zweck, das sonst bis in das 20. Jahrhundert übliche eher grausame Töten eines Tieres zu vermeiden. Teilweise wurden noch lebende Tiere verzehrt.[6] Darüber hinaus ist dann das Fleisch vor der Zubereitung zu wässern, zu salzen und zu spülen, um das im Fleisch verbliebene Blut weitestgehend zu minimieren. Die Leber und das Herz muss vor dem Einsalzen der Länge und Breite nach aufgeschnitten werden und wird durch das Braten „gekoschert“. Generell muss Fleisch durchgebraten sein. Ein Steak muss deshalb „well done“ (gut durchgebraten) werden und nicht „rare“ (roh) oder „medium rare“ (halbroh). Nach biblischer Vorstellung ist das Blut der Sitz der Seele und darf daher keinesfalls verzehrt werden. Es ist verboten, den חֵלֶב Chelev eines Tieres zu essen. Dieser Ausdruck bezeichnet das feste, dichte Fett des Tieres, das an verschiedenen Stellen vorkommt, so beispielsweise an der Niere, am Darm oder am Magen. Der Verzehr des גִּיד הַנָּשֶׁה Gid HaNasche, des Ischiasnervs (oft fälschlich als Sehne bezeichnet) ist ebenfalls verboten. Daher müssen diese Bestandteile entfernt werden, bevor das Fleisch gegessen werden darf (Mischna Chullin, 7). Auch eine Fleischbeschau ist seit Jahrtausenden vorgeschrieben, mit der Veränderungen am Fleisch ausgeschlossen sein müssen, sonst darf das Fleisch nicht verzehrt werden.

Fleischig und milchig

 
Verschiedenfarbige Geschirrtücher für fleischiges und milchiges Geschirr

Vor allem rabbinischen Ursprungs ist die grundsätzliche Unterscheidung von fleischigen (hebräisch בשרי basari) und „milchigen“ (hebräisch חלבי chalawi) Speisen, welche als Weiterentwicklung des Gebotes gilt: „Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.“ (Ex 23,19 EU sowie Dtn 14,21 EU) Danach sind fleischige Speisen nicht nur Fleischprodukte, sondern alle Lebensmittel, in denen Fleischprodukte verarbeitet sind, während milchige Lebensmittel all diejenigen sind, in denen Milch oder Produkte aus Milch enthalten sind. Diese Unterscheidung ist für die Kaschrut deshalb wichtig, weil der gleichzeitige Verzehr von fleischigen und milchigen Speisen verboten ist und milchige Speisen nach dem Verzehr von fleischigen erst nach einer geraumen Zeit (je nach Tradition unterschiedlich, meist sechs Stunden) gestattet sind; die umgekehrte Reihenfolge erfordert einen kürzeren Zeitraum – offenbar wegen der schnelleren Verdauung milchiger Speisen. Vor allem im aschkenasischen Judentum hat sich zudem die Unterscheidung von fleischigem und milchigem Geschirr durchgesetzt, so dass fleischige Speisen nicht vom milchigen Geschirr gegessen werden dürfen und umgekehrt, damit eine Kontamination beider Essenssorten vermieden wird. Aus diesem Grund hat eine Küche von observanten Juden, also denjenigen, die die strenge rabbinische Auslegung der biblischen Gesetze befolgen, oft vierfaches Kochgeschirr, Geschirr und Besteck – jeweils eines für milchige und fleischige Speisen und zwei ebensolche für Pessach, an dem Gesäuertes verboten ist. Dazu gehört die Möglichkeit zum getrennten Geschirrspülen (zwei Sortimente an Spülgeräten oder auch zwei Spülmaschinen).

Koschere Restaurants bieten meist entweder nur „milchige“ oder nur „fleischige“ Gerichte an. Es gibt aber auch Restaurants, die beides anbieten und dabei dennoch die Regeln der Kaschrut einhalten. Hierzu wird eine Milchküche und eine Fleischküche vorgehalten, die die strikte Trennung der Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen und deren Küchengeräten ermöglichen.[7] Die Unterscheidung wird beim Servieren der Speisen beibehalten, indem verschiedenfarbige Tischdecken, Servietten, Teller und Besteck jeweils für milchige und fleischige Speisen verwendet werden. So kann ein Gast milchige Speisen, ein anderer Gast fleischige Speisen – selbst am gleichen Tisch – verzehren.

Neutrale Lebensmittel

Neben dieser Unterscheidung („fleischig“ und „milchig“) gibt es aber auch eine dritte Kategorie von Lebensmitteln, die man als parve, neutral, bezeichnet. Hierzu gehören nicht nur sämtliche Obst-, Gemüse- und Getreidesorten, sondern auch Eier, Honig und Fisch. Diese neutralen Lebensmittel können, mit Ausnahme von Fisch, sowohl zusammen mit fleischigen als auch mit milchigen Speisen verzehrt werden. Fisch gilt zwar als parve, darf aber nach den Vorschriften nicht zusammen mit Fleischigem zubereitet oder verzehrt werden. Es ist jedoch erlaubt, sie bei der gleichen Mahlzeit nacheinander von getrenntem Geschirr zu essen. Die Gesetzesausleger des sephardischen/orientalischen Judentums verbieten es, Fisch und Milch zusammen zu essen, aber es gibt auch welche, die das Braten von Fisch im Milchprodukt ‚Butter‘ erlauben.

Zertifizierung

 
Das eingekreiste U wird von der Orthodox Union zur Auszeichnung koscherer Lebensmittel in den USA verwendet. „Pareve“ bedeutet, dass darin weder milchige noch fleischige Bestandteile enthalten sind.

Da die Speisevorschriften im orthodoxen Judentum strengstens eingehalten werden, müssen die Produkte, meist Lebensmittel, zertifiziert werden, damit Gewähr besteht, dass sie diesen Vorschriften entsprechen. Die Zertifizierung, (hebräisch הכשר Hechscher), ist in Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika wie eine Art Siegel auf der Verpackung angebracht oder in entsprechenden Geschäften (z. B. in Bäckereien, Metzgereien) oder Restaurants ausgehängt. Die Überwachung der religiösen Vorschriften wird von einem Maschgiach vorgenommen und von einem Rabbinat verantwortet. Hechscharim werden von zahlreichen Rabbinaten vergeben und können von einander abweichen. Das Judentum kennt keine oberste Autorität (vergleichbar mit dem Papst). In jeder Gemeinde ist der zuständige Rabbiner (oder Oberrabbiner) derjenige, der entscheidet, welcher Auslegung der Toragebote er sich anschließt und diese seinen Gemeindemitgliedern vorgibt. In Deutschland und anderen Ländern, wo wenig observante Juden leben, werden die Lebensmittel oft nicht eigens mit einem Hechscher versehen, vielmehr werden Lebensmittel, die den jüdischen Speisegesetzen entsprechen und deren Verzehr für religiöse Juden unbedenklich ist, in einer Liste aufgeführt. Lediglich koschere Metzgereien oder Bäckereien, soweit es sie in diesen Ländern gibt, stehen unter einer besonderen Aufsicht und sind zertifiziert.

Besonderheiten

Wein

Obwohl Trauben-Wein ein pflanzliches Produkt ist und daher keiner spezifischen Kaschrut-Vorschrift unterliegt, ist es für orthodoxe Juden dennoch notwendig, nur Traubenwein mit einem Koscher-Zertifikat zu trinken. Dies wird damit begründet, dass Traubenwein in anderen Religionen eine rituelle Bedeutung hatte und hat und daher der Gefahr unterliegt, im Rahmen von Götzendienst gebraucht zu werden. Daher ist es üblich geworden, dass nur der Wein aus Trauben, der in der Produktion von hierfür beauftragten Juden begleitet wird, als koscherer Wein gilt und entsprechend zertifiziert ist. Das Gleiche gilt für Traubensaft und alle Lebensmittel, die Traubenwein oder Traubensaft enthalten. Auch dürfen koschere Weine und Säfte nicht mittels Gelatine (sogenannte „Gelatine-Tannin-Schönung“) geklärt sein.[8] Sollte in einem koscheren Restaurant nichtjüdisches Bedienungspersonal tätig sein, so darf es eine Weinflasche nur mit Handschuhen berühren.

Milch

Da Milch in früheren Zeiten durchaus auch Milch von nicht erlaubten Tieren sein konnte, hat es sich eingebürgert, dass auch Milch bezüglich der Kaschrut genau beobachtet wird und nur Milch als koscher gilt, die ein entsprechendes Zertifikat aufweist. Da es heute allerdings gänzlich unüblich geworden ist, Kuhmilch mit Stutenmilch zu strecken (Stutenmilch ist mittlerweile sehr viel teurer), ist zertifizierte Milch nur noch in ultraorthodoxen Kreisen üblich.

Käse

Auch Käse gilt als ein sensibles Produkt im Blick auf die Kaschrut. Dies hat aber weniger mit der Problematik der Milch zu tun, als vielmehr mit dem Herstellungsverfahren. Käse benötigt zur Gerinnung Lab, das früher stets tierisch war. Dies bringt das Problem mit sich, dass bei der Verwendung von tierischem Lab die Trennung von Milchigem und Fleischigem nicht eingehalten wird. Heute wird Hartkäse aber oft mit mikrobiellem Lab hergestellt. Auch werden viele vegetarische Käse mit Lab-Ersatzprodukten hergestellt und können daher gegessen werden.

Eier

Eier von koscheren Tieren (z. B. Hühnern) gelten prinzipiell als koscher, allerdings nur, wenn das aufgeschlagene rohe Ei auf Blutspuren untersucht wird und keine vorhanden sind. Etwa 15 % der braunen Eier weisen Gerinnsel wie Blut- oder Fleischflecken gegenüber weniger als einem Prozent bei weißen Eiern auf. Weiße Eier dieser Art lassen sich durch eine Durchleuchtung problemlos aussortieren. Wenn eine Blutspur im Inneren des Hühnereis vorhanden ist, darf das Ei nicht gegessen werden.

Gemüse und Obst

Obwohl Gemüse parve ist, muss es dennoch genau kontrolliert werden. Vor allem in Frischgemüse wie Feldsalat und Kohl können Insekten, Würmer und kleine Schnecken versteckt sein, die das Gemüse unkoscher machen würden.[9] Die Frucht eines Baumes während seiner ersten drei Jahre heißt ערלה Orlah und darf nicht gegessen werden.

Honig

Bienenhonig ist koscher, da er kein Ausscheidungsprodukt der (unkoscheren) Biene ist, sondern lediglich ihr Sammelprodukt. Er besteht aus Nektar, der von Bienen eingesammelt, aufbewahrt und zu den Waben transportiert wird. Während des Transports durch die Biene wird der Nektar umgewandelt und durch Enzyme in Honig verwandelt (Brachot 6b). Umstritten ist jedoch der Verzehr von Wespenhonig. Für Schawuot hat der Honig eine besondere Bedeutung. Wegen seiner Süße und seiner Nahrhaftigkeit wird er gern als Metapher oder Symbol für die Tora benutzt. Ebenso an Rosch ha-Schana, dem Neujahrsfest, an dem man sich שנה טובה ומתוקה schana tova u'metuka, „ein gutes und süßes Jahr“, wünscht und das Brot (Challa) nicht, wie sonst üblich, während des Segensspruchs zu Beginn der Mahlzeit gesalzen, sondern in Honig getaucht wird.[10]

Speisevorschriften für Pessach

 
Kaschern von Küchengeräten auf einem Stützpunkt der Israelischen Armee unter Aufsicht eines Militärrabbiners vor Pessach 2005; zu beachten ist die farbliche Kennzeichnung der Servierwagen für „Milchiges“ (blau) und „Fleischiges“ (rot).
 
Ein mit dem הכשר Hechscher (Siegel) כשר לפסח „Koscher für Pessach“ versehener Orangensaft

Eine ganz andere Qualität von Kaschrut bringt das jüdische Pessach-Fest mit sich. Denn gemäß dem 2. Buch Mose ist es nicht erlaubt, während des sieben Tage dauernden Festes „Gesäuertes“ (hebräisch חמץ Chametz) zu genießen oder auch nur zu besitzen. Das rabbinische Judentum hat auch hier ein ganzes System von Vorschriften deduziert, so dass heute alle Lebensmittel, in denen Getreide verarbeitet worden ist, für diese Zeit verboten sind. Alle Nahrungsmittel gehören dazu, die eine der fünf Getreidearten Weizen, Hafer, Roggen, Gerste und Dinkel enthalten und bei ihrer Herstellung mehr als 18 Minuten mit Wasser in Berührung waren, ohne gebacken zu werden. Brot, Cerealien, Kuchen, Kekse, Pizza, Nudeln und Bier gehören beispielsweise dazu. Allein Matzemehl, vorschriftsmäßig verarbeitetes Getreide, darf enthalten sein. Im aschkenasischen Judentum sind erschwerend nicht nur Getreide aller Art verboten, sondern auch Hülsenfrüchte, Reis und Mais (קִטְנִיּוֹת Kitniyot). In der Regel werden für das Pessachfest zwei andere als die üblichen Essgeschirre und Küchengeräte – jeweils für milchige und fleischige Gerichte – verwendet. Alternativ können das Geschirr und die Küchengeräte, die vorher mit Getreideprodukten in Berührung gekommen sind, speziell für das Pessachfest „gekaschert“ werden. Nachdem der Besitz von Chametz während des Pessachfests verboten ist, werden auch Haustiere mit Futter, die kein Chametz enthalten, gefüttert. All die Vorschriften sind sehr kompliziert und werden von Rabbinerkonferenzen erarbeitet.[11]

Kaschern für Pessach

Es gibt einige Gegenstände, die man nicht kaschern kann, wie Porzellan, Töpferware oder Emaille-Kochtöpfe. Bestimmte Gegenstände können ebenfalls nicht vollständig gereinigt werden, wie Siebe, Raspeln, Mühlen oder Taschenmesser etc., ebenso Gegenstände, die durch die Hitze des Kascherisierungsprozesses beschädigt werden können, etwa Messer mit angeklebten Griffen. Glasgeschirr muss nicht gekaschert werden. Es genügt, es dreimal gründlich auszuspülen.

Im Wesentlichen werden Kochgegenstände in heißem Wasser gekocht (הגעלת כלים hag'alat kelim). Die Gegenstände müssen sorgfältig gereinigt werden und dürfen 24 Stunden vor dem Kaschern nicht benutzt werden. Gegenstände, die Chametz direkt durch Feuer aufgenommen haben (ליבון Libbun), wie eine Bratpfanne oder ein Grill werden durch direktes Feuer gekaschert, indem sie zum Glühen gebracht werden. Um einen normalen Ofen für Pessach zu kaschern, darf man ihn 24 Stunden lang nicht benutzen. Danach muss er gründlich gereinigt und für ein paar Stunden auf die höchste Stufe gestellt werden. Ähnlich wird ein Geschirrspüler oder ein Mikrowellenherd vorbereitet. Spülbecken werden gründlich gereinigt. Danach wird Wasser in einem sauberen Topf, der während der vergangenen 24 Stunden nicht benutzt wurde, gekocht und das Wasser je dreimal auf alle Seiten des Beckens, inklusive des Abflusses, gegossen.[12][13] Meist werden zusätzlich alle Flächen, wie etwa die Küchentheke, mittels Stanniolpapier abgedeckt.

Speisevorschriften für den Schabbat

 
Ein Blech bedeckt eingeschaltete Herdplatten, um Speisen für das Schabbatmahl warm zu halten

Am Schabbat genügt es nicht, die Vorschriften für die zulässigen Speisen und die Trennung von milchigen und fleischigen Speisen einzuhalten, sondern auch das Verbot des Kochens. Orthodoxe Juden verrichten am Schabbat keine Tätigkeiten, die gemäß der Halacha als Arbeit definiert sind.[14] Die betreffenden Tätigkeitsbereiche sind in den 39 Melachot definiert. Zu vermeiden während des Feiertages ist es, ein Kochfeuer zu betreiben, Essen zuzubereiten oder einen Schalter zu betätigen. Erlaubt ist hingegen das Warmhalten vorgekochter Speisen. Das bekannteste Gericht ist der Tscholent, eine Art Eintopf, der problemlos stundenlang vor sich hin köcheln kann. Zum Warmhalten wird der Herd mit einer oder mehreren Platten eingeschaltet und anschließend mit dem Blech (בלעך), einer Herdabdeckung, abgedeckt. Danach werden die Töpfe mit dem fertig zubereiteten Essen zum Warmhalten obenauf gestellt, wo sie bis zum Ende des Schabbats verbleiben. Die Abdeckung der Heizstelle vermeidet die direkte Wirkung des Herdes auf die Speise, verhindert den Blick auf die Wärmequelle und schließt eine Kochtätigkeit des Menschen aus.[15] Alternativen für das Blech sind das „Unblech“ oder Schongarer („Slow Cooker“) mit Keramikeinsatz, die ebenfalls ein langes Warmhalten von Speisen ermöglichen, elektrische Warmhalteplatten oder Wärmeschränke. Diese Geräte funktionieren unabhängig vom normalen Küchenherd. Bevorzugt werden nicht regulierbare Geräte oder solche, bei denen Regler abdeckbar oder entfernbar sind.[15] Um Speisen im Backofen warm zu halten, verfügen viele moderne Geräte über einen Sabbat-Modus, der einen sicheren Dauerbetrieb ohne Eingreifen der üblichen Abschaltautomatik nach einigen Stunden ermöglicht.

Die Bedeutung der Speisevorschriften

Die Kaschrut hat drei Bedeutungsebenen:

  1. Die Reinhaltung des Körpers,
  2. die Reinhaltung der Seele und
  3. die Reinhaltung des Judentums, d. h. der Schutz vor (nicht erwünschter) Assimilation.

Die Aspekte der Reinhaltung des Körpers waren viele Jahrhunderte tatsächlich hygienische Vorschriften, die überdies die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen einschränkten bzw. gänzlich ausschlossen: Das Verbot, Schweinefleisch zu verzehren, schützte zwar vor einer über Jahrhunderte weit verbreiteten parasitären Krankheit von Schweinen, der Trichinellose. Diese medizinischen Kenntnisse waren jedoch im Altertum völlig unbekannt, so dass diese Vorschrift nur eine unbeabsichtigte, wenn auch positive Nebenwirkung der Speisevorschriften war. Möglicherweise ist das Verbot historisch begründet. Während der Herrschaft der Seleukiden unter Antiochus IV. wollte man die Menschen dazu zwingen, Schweinefleisch zu essen und schlachtete sogar auf dem Altar im Jerusalemer Tempel Schweine. Dies sollte öffentlich die Abwendung vom Judentum dokumentieren. Auch die Waschungen des Geschirrs mit reinem Wasser wurden unter Nichtjuden erst ab dem 18. Jahrhundert in Mitteleuropa gängige (und hygienische) Küchenpraxis, die es bis dahin ausschließlich im Rahmen der rituellen Speisevorschriften des Judentums gab.

Die Reinhaltung der Seele wiederum wurde und wird durch den bewussten Umgang mit Lebensmitteln be- und gefördert, die den Bezug zwischen der Speisenbereitung und der Herstellung ihrer dazu verwendeten Lebensmittel deutlich werden lassen soll, die letztlich einen Kontakt zu Gott herstellen, ein Aspekt, der von der religiösen Ummantelung entfernt, sich heute in vielen Bio- oder Fair-Trade-Produkten wiederfindet.

Auch wenn heute die jüdischen Speisevorschriften von vielen Juden entweder überhaupt nicht oder nur wenig beachtet werden, so darf nicht vergessen werden, dass die Kaschrut, ähnlich wie der Schabbat, identitätsstiftend für das Judentum war und ist. Das Judentum hatte seit 70 n. Chr. kein religiöses Zentrum und keinen eigenen Staat mehr. Die Rabbinen schufen allein mit der Halacha, dem Religionsgesetz, die Voraussetzung dafür, dass sich Juden, egal in welchem Land sie lebten, egal welche Sprache ihre Muttersprache war, als ein zusammengehöriges „Volk“ verstehen konnten. In diesem Rahmen der Halacha bildete die Kaschrut eine wichtige Säule.

Dies hat sich seit der Neuzeit und mit dem aufkommenden Reformjudentum grundlegend gewandelt, da sowohl die Assimilation an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft wichtig geworden war (Emanzipation der Juden), als auch die Verbindlichkeit der Halacha in Frage gestellt wurde. Insofern ist heute die Kaschrut im Reformjudentum der privaten Ausübung anheimgestellt, aber keineswegs bedeutungslos geworden.[16]

„Koscher“ in übertragener Bedeutung

Das jiddische Wort koscher hat in übertragener Bedeutung Eingang in die allgemeine Sprache gefunden. Im deutschen Sprachgebrauch bedeutet es „einwandfrei“, „unbedenklich“. Mit den Bezeichnungen nicht koscher oder nicht ganz koscher, wird „bedenklich“ oder „nicht geheuer“ gemeint.

Sonstiges

Der dem Begriff koscher vergleichbare islamische Begriff zur Regelung der islamischen Speisevorschriften ist halāl, jedoch sind die Vorschriften für „koscher“ und „halāl“ nicht deckungsgleich.

Literatur

  • Moshe Ben-Gideon: Alles koscher. Geschichten von vergessenen Genüssen der jüdischen Küche. Hirzel, Stuttgart 1999, ISBN 3-7776-0871-8.
  • Lea Fleischmann: Heiliges Essen: Das Judentum für Nichtjuden verständlich gemacht. Scherz, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-502-15147-0.
  • Michal Friedlander, Cilly Kugelmann (Hrsg.): Koscher und Co. Über Essen und Religion. Ausstellungskatalog Jüdisches Museum Berlin 2009, ISBN 978-3-89479-538-2.
  • Tuvia Hod: Rabbi, ist das koscher? Koscher-Liste 2004-2005. Doronia, Stuttgart 2004, ISBN 3-929895-19-6.
  • Rachel Heuberger: Koscher kochen. 36 Klassiker der jüdischen Küche und ihre Varianten. Eichborn, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-8218-0678-8.
  • Rachel Heuberger: Koscher Style. 80 köstliche Rezepte aus der jüdischen Küche. Heyne, München 2004, ISBN 3-89910-217-7.
  • Salcia Landmann: Koschere Köstlichkeiten. Rezepte und Geschichte. Hahn, München 2000, ISBN 3-87287-480-2 (früher unter den Titeln „Die koschere Küche“ bzw. „Bittermandel und Rosinen“).
  • Deborah und Hermann Simon: Jüdische Familienrezepte. Ein Kochbuch. 2. Aufl., Hentrich & Hentrich, Berlin 2010, ISBN 978-3-942271-16-5.
  • Shaul Wagschal: Koscher durch das Jahr. Pelican Publishing, Fehmarn 2004, ISBN 3-934522-08-4 (mit einem Anhang: „Besonderheiten bei der Beachtung der Kaschrut in Deutschland“ von Dov-Levy Barsilay).

Weblinks

Commons: Koscher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Kaschrutlisten

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Rituelles Händewaschen, chabad.org. Abgerufen am 9. November 2020.
  2. Max Grunwald: Die Hygiene der Juden. Im Anschluss an die Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911. Verlag der Historischen Abteilung der Internationalen Hygiene-Ausstellung, Dresden 1912 (Digitalisat)
  3. Hans-Jochen Gamm: Das Judentum: eine Einführung. LIT Verlag Münster, 2011, ISBN 978-3-643-10787-9, S. 52.{{#if:
  4. Johannes Reiss: Jüdische Speisegesetze, Österreichisches Jüdisches Museum. Abgerufen am 8. November 2020.
  5. Pentateuch und Haftaroth, mit Kommentar von Joseph Hermann Hertz. Verlag Morascha Zürich, 1984. Band III, S. 94–95.
  6. Geschichte des Schlachtens. Abgerufen am 9. November 2020.
  7. Kaffee auf dem Shul-Hof. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Jüdische Allgemeine. 16. Juni 2011, archiviert vom Original am 17. März 2017; abgerufen am 16. März 2017.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.juedische-allgemeine.de
  8. Alois Payer, Judentum als Lebensform; 4. Kaschrut -- die Speisegesetze, 26. April 1999. Materialien zur Religionswissenschaft. Abgerufen am 18. März 2017.
  9. Die neue Koscherliste ist da, Ha-Galil am 2. Juli 2010.
  10. Honig, Jüdische Allgemeine, 29. Mai 2012. Abgerufen am 9. November 2020.
  11. Pesah guide, The Committee on Jewish Law & Standards (englisch). Abgerufen am 8. November 2020.
  12. Gegenstände für Pessach kaschern, Chabad.org. Abgerufen am 8. November 2020.
  13. Chaim Jachter, Can One Kasher A Conventional Oven For Pesach?, hol Torah. Abgerufen am 8. November 2020.
  14. Bernhard S. Jacobson: Der Schabath und die Arbeit: Awodah und Malakhah haGalil, abgerufen am 4. November 2020
  15. a b Hebrew Institute od White Plains (Hrsg.): A Warm Environment and Warm Food on Shabbat. Version 2: March 2015 Auflage. (hiwp.org [PDF]).
  16. Stephen Guy: Das Essen und die Religion: Dargestellt am Beispiel des Judentums. Diplom.de, 11 April 2014, ISBN 978-3-8366-4267-5, S. 34–.{{#if: