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Chassidismus

mystische Richtungen der jüdischen Religion

Chassidismus oder Hassidismus (von hebräisch חסידות chassidut, chassidus ‚Frömmigkeit‘) bezeichnet verschiedene voneinander unabhängige Bewegungen im Judentum.

Gemeinsam ist diesen Bewegungen die strenge Einhaltung religiöser Regeln, der hohe moralische Anspruch sowie eine besondere Empfindung der Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung gefunden hat.

Insbesondere werden unterschieden:

Inhaltsverzeichnis

Chassidim in der Zeit des Zweiten TempelsBearbeiten

Da jeder Fromme als Chassid bezeichnet werden kann, ist häufig unklar, ob mit den in den Quellen erwähnten Chassidim einfach die Gesamtheit der frommen Juden oder eine konkrete, strukturierte Gruppe gemeint ist.

Fassbar als Gruppe werden Chassidim als eine Vereinigung endzeitlich orientierter Gruppen um 300 bis 175 v. Chr., die nach 1. Makkabäer 2, 29–38 auf der Suche nach Recht und Gerechtigkeit ihre Wohnsitze verließen und in die Wüste zogen, um den religionspolitischen Zwangsmaßnahmen der Seleukiden zu entgehen. Widerstandslos ließen sie sich am Sabbat überfallen, nur um das Sabbatgebot nicht zu entweihen. Nach 2. Makkabäer 5, 24–26 eroberte Apollonius unter Ausnutzung dieser Mentalität Jerusalem am Sabbat. Erst Judas Makkabäus beschloss, sich auch am Sabbat zu verteidigen, und erreichte die Unterstützung der Chassidim. Es gelang, die Seleukiden unter Antiochos IV. erfolgreich zu bekämpfen und aus dem Land zu vertreiben.

Der Chassidismus des MittelaltersBearbeiten

Vor dem Hintergrund der Judenverfolgungen während der Kreuzzüge entwickelte sich der Chassidismus in Deutschland parallel zur Entstehung der christlichen Mystik von etwa 1150 bis 1250 vor allem in den SchUM-Städten Speyer, Worms und Mainz sowie in Regensburg. Prägend waren insbesondere die Angehörigen der aus Italien eingewanderten Familie der Kalonymiden:

Der Chassidismus ist keine philosophische oder theologische Lehre, sondern die religiöse Praxis des Chassid (hebräisch ‚der Fromme‘, abgeleitet vom Begriff ‚Gnade‘, ‚Güte‘), die sich insbesondere im Gebet als spiritueller Übung äußert. Bestimmende Momente sind dabei:

  • die Abwendung von der Welt,
  • vollkommener seelischer Gleichmut.

Auch unter den Juden im Herrschaftsbereich des Islam entwickelte sich im 13. Jahrhundert eine mystische Richtung, ähnlich wie in der islamischen Mystik. Beispiele dafür sind Judah ibn Malka in Marokko sowie Obadja ibn Abraham in Ägypten, Enkel von Maimonides.

Der osteuropäische ChassidismusBearbeiten

EntstehungBearbeiten

Der Chassidismus im osteuropäischen Judentum hat mit dem deutschen Chassidismus des Mittelalters nur wenig mehr als den Namen gemeinsam und übertrifft diesen erheblich an Bedeutung. Er entstand nach den Judenpogromen während des Chmelnyzkyj-Aufstandes unter Führung des Saporoger Kosaken Bohdan Chmelnyzkyj im Jahre 1648, als in Osteuropa über 700 jüdische Gemeinden vernichtet wurden.

Der Legende nach ist Israel ben Elieser (um 1700–1760), genannt Baal Schem Tov („Meister des guten Namens“), der Begründer des osteuropäischen Chassidismus. Seine Gründungsreisen wurden dokumentiert, in denen er als Wunderheiler und Exorzist von Dämonen und bösen Geistern (shaydim) auftrat. Die spätere chassidische Hagiographie spielte die Bedeutung seiner Wunderheilertätigkeit und seiner magischen Praktiken herunter und betonte dagegen sein Charisma, seine Lehre und Anziehung auf Menschen und seine ekstatische Persönlichkeit.[1] Er war Waise und genoss wenig jüdische Bildung. Gemäß der späteren chassidischen Legende nach soll er aber Visionen gehabt haben, in denen ihm kein Geringerer als der Prophet Ahija von Schilo erschienen sein soll, der als Lehrer des bedeutenden Propheten Elija gilt.[2] Zu seinen wichtigsten Nachfolgern gehören Rabbi Dow Bär, der „Maggid von Mesritsch“, und Rabbi Jakob Josef von Polonoje.

Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich der Chassidismus in jüdischen Gemeinden Polen-Litauens, Österreich-Ungarns und Deutschlands. Seit dem Holocaust konzentrieren sich die chassidischen Gemeinden auf New York City und Jerusalem, ferner auf Zentren wie Antwerpen, London, Manchester und Montreal.

InhalteBearbeiten

Der Baal Schem Tov und seine Nachfolger betonten den Wert des traditionellen Studiums der Tora und der mündlichen Überlieferung, des Talmud und seiner Kommentare. Daneben gewann die mystische Tradition der Kabbala erheblichen Einfluss. Über dieses Studium hinaus steht im Chassidismus das persönliche und gemeinschaftliche religiöse Erlebnis an vorderster Stelle.

Die Chassidim (Mehrzahl von Chassid) versammeln sich besonders am Sabbat und den jüdischen Festtagen um ihrem Rabbi (jiddisch Rebbe), um in Gebet, Liedern und Tänzen und auch religiöser Ekstase Gott näher zu kommen.

Der chassidische Rabbi, genannt Zaddik (‚Gerechter‘, ‚Bewährter‘, von hebräisch zedek = ‚Gerechtigkeit‘), ist ein charismatischer Führer und Mittelpunkt der Gemeinde und gibt die chassidischen Lehren – oftmals in Form von Erzählungen und Gleichnissen – an seine Schüler weiter. Berühmtes Beispiel für einen Zaddik ist Rabbi Nachman von Bratslav, Urenkel des Baal Schem Tov und Gründer einer eigenen chassidischen Richtung, des Bratslaver Chassidismus. Jedes Jahr zum jüdischen Neujahrsfest treffen sich tausende Chassiden in Uman in der Ukraine, da das Verbringen des jüdischen Neujahrs Rosch ha-Schana an dessen Grab als glücksbringend gilt.[3]

Im Chassidismus kommt der Musik, die nach mystischer Anschauung einen göttlichen Ursprung hat, eine zentrale Bedeutung zu. Gesangsmelodien (niggun) wurden teilweise sogar höher gewertet als gesprochene Gebete. Chassidim sprachen dem Zaddik die Fähigkeit zu, durch Gesang die Seele eines Menschen auszuloten und sie in eine höhere Existenzebene zu versetzen. Viele Melodien wurden von Volksliedern übernommen und uminterpretiert.[4] Auch dem Tanz kommt im Chassidismus eine wichtige Rolle zu. In diesem wird der Gottesdienst nicht nur mit der Seele, sondern mit dem ganzen Körper vollzogen.[5]

Chassidische Gemeinden sind Teil des orthodoxen Judentums.

Gegner des ChassidismusBearbeiten

Zur Zeit seiner Entstehung erwuchs dem Chassidismus innerhalb des Judentums Widerstand aus zwei entgegengesetzten Richtungen: einerseits aus den Reihen der Mitnagdim (jidd. Misnagdim, wörtlich: ‚Gegner‘). Dies waren talmudisch geschulte Kreise, mit Zentrum in litauischen Jeschiwot. Wichtigster Vertreter der Mitnagdim war der Gaon von Wilna, der 1772 und 1782 den Chassidismus mit einem Bann belegte. Er befürchtete aufgrund der Spontanität und der Lebenslust der Chassidim Nachlässigkeit bei der Erfüllung der Mitzwot (‚Gebote‘); auf Unverständnis stieß auch die Ablehnung von Kasteiung und asketischer Lebensweise seitens der Chassidim und die Forderung, dass selbst ein Zaddik Teschuva (hebr. ‚Umkehr‘, ‚Rückkehr‘) tun muss, um sich spirituell weiterzuentwickeln.[6]

Andererseits empfanden die Maskilim, die Aufklärer um Moses Mendelssohn, den Chassidismus der Ostjuden als rückständig. Zwischen säkular geprägter, rationaler Aufklärung und der Mystik des Chassidismus entstand eine schwer überwindbare tiefe Kluft.

Bekannte ChassidimBearbeiten

 
Mosche Teitelbaum

Die bekanntesten chassidischen Rabbiner im 18. und 19. Jahrhundert, deren Leben auch von Chajim Bloch in seiner Sammlung Chassidische Geschichten nacherzählt werden, sind folgende:

Der heutige ChassidismusBearbeiten

Chassidische Traditionen wurden in Europa mit der Vernichtung der osteuropäischen Juden durch den Nationalsozialismus beinahe ausgelöscht. In Israel und Amerika, aber auch in Westeuropa (London, Antwerpen, Zürich, Wien) konnte sich der Chassidismus erfolgreich reorganisieren und ist heute, auch aufgrund des starken Bevölkerungswachstums chassidischer Gruppen, wieder in einem starken Aufschwung.

Die bekannteste chassidische Gemeinschaft der Gegenwart stellen die Lubawitscher der Chabad-Bewegung (über 16.500 Familien insgesamt; ursprünglich aus Ljubawitschi im heute russisch-weißrussischen Grenzgebiet stammend); die zahlenmäßig größte Gruppe sind die Satmarer (26.000 Familien; ursprünglich aus Satu Mare im heute rumänisch-ungarischen Grenzgebiet stammend). Weitere größere Gemeinschaften sind die Gerer (11.500 Familien; ursprünglich aus Góra Kalwaria bei Warschau stammend), die Belzer (7.000 Familien; ursprünglich aus dem galizianischen Bels stammend) und die verschiedenen Wischnitzer Sekten (10.000 Familien, geteilt zwischen vier Hauptströmungen; ursprünglich aus Wyschnyzja in der Bukowina stammend). Daneben gibt es hunderte weitere kleine Sekten. 2016 gab es über 130.000 chassidische Familien weltweit und mehr als 230 Zaddikim.[7]

Martin Buber (1878–1965) hat Anfang des 20. Jahrhunderts den Chassidismus über viele Jahre untersucht und mehrere Bücher darüber geschrieben. Ein zentrales Werk sind seine Erzählungen der Chassidim, worin er überlieferte Weisheitsgeschichten sammelte und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte.

Im deutschen Sprachraum hat daneben Friedrich Weinreb (1910–1988) die mystische Tradition des Ostjudentums in seinen Büchern beleuchtet.

BelegeBearbeiten

  1. ENCYCLOPAEDIA JUDAICA, Second Edition, Volume 10, pg 744, Haim Hillel Ben-Sasson
  2. Peretz Golding: The Baal Shem Tov—A Brief Biography – Jewish History. Chabad.org. Abgerufen am 12. März 2013.
  3. In Uman erschienen zur Feier des jüdischen neuen Jahres fast 30.000 Chassidim, unian, 14. September 2015
  4. Ḥasidism. In: Encyclopaedia Judaica, Band 8 (Gos–Hep), 2. Auflage, Keter Publishing House, 2007, S. 393–434, hier S. 427
  5. Shmuel Barzilai: Musik und Exstase (Hitlahavut) im Chassidismus. Peter Lang GmbH, Frankfurt a. M. 2007, ISBN 978-3631556665, S. 72
  6. Yosef Yitzchak Schneerson von Lubawitsch: Kuntres Bikur Chicago, New York 1955, S. 22–24; keine ISBN
  7. Marcin Wodziński: Historical Atlas of Hasidism. Princeton University Press, 2018, S. 192–205.

LiteraturBearbeiten

SachbücherBearbeiten

ArtikelBearbeiten

ZeitschriftenBearbeiten

  • Heichal Habesht ist die bedeutendste zeitgenössische Fachzeitschrift zu Theologie und Geschichte des Chassidismus. Erscheint seit 2002 vierteljährlich in Monsey, NY.

Chassidische GeschichtenBearbeiten

  • Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim. Zürich 1949. Neuausgabe mit Register und Vorwort: Manesse, Zürich 2016, ISBN 978-3-7175-2368-0.
  • Georg Langer: Der Rabbi, über den der Himmel lachte. Die schönsten Geschichten der Chassidim. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-25457-4.
  • Friedrich Weinreb: Das Geheimnis der mystischen Rose.
  • Georg Langer: Neun Tore. Das Geheimnis der Chassidim. Aus dem Tschechischen von Friedrich Thierberger. Melzer, Neu-Isenburg 2004, ISBN 3-937389-38-5.

BelletristikBearbeiten

  • Chaim Potok: Die Erwählten. Hamburg 2002, Erstveröffentlichung 1967. ISBN 3-434-54506-9.- Roman über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Sohn eines chassidischen Rebbe und dem Sohn eines liberalen Rabbis im New York Mitte der vierziger Jahre.
  • Isaac Bashevis Singer: Die Gefilde des Himmels. Eine Geschichte vom Baal Schem Tow. Erzählung. (Reaches of Heaven. A Story of the Baal Shem Tov. New York 1980) deutsch: Carl Hanser Verlag, München, Wien 1982, ISBN 3-446-13532-4.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Chassidismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Chassid – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen