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Impfpflicht

Schutzimpfung, die als Präventivmaßnahme für Menschen oder Tiere gesetzlich vorgeschrieben ist

Impfpflicht in DeutschlandBearbeiten

Geschichte der Impfpflicht in DeutschlandBearbeiten

 
Impfschein von 1887
(Rückseite)
 
Impfschein zur Pockenschutz-Erstimpfung 1965 und Wiederimpfung 1976 nach dem Gesetz von 1874

Im Deutschen Reich wurden 1874 alle Deutschen durch das Reichsimpfgesetz verpflichtet, ihre Kinder im Alter von einem und zwölf Jahren gegen die Pocken impfen zu lassen. Diese Impfpflicht wurde in der Weimarer Republik sowie in der Anfangsphase des Nationalsozialismus vorsichtig gelockert.[1] Nach dem 2. Weltkrieg gab es in der DDR seit den 1950er Jahren eine gesetzliche Impfpflicht, die ab den 1960er Jahren deutlich ausgeweitet wurde: Neben den Pocken wurde unter anderem gegen Diphtherie, Keuchhusten, Wundstarrkrampf, Kinderlähmung und Tuberkulose geimpft, ab 1970 war auch die Impfung gegen Masern verpflichtend. In der BRD bestand in den Jahren 1949 bis Ende 1975 eine allgemeine Impfpflicht gegen die Pocken, die danach bis in die 1980er Jahre eingeschränkt auf Kinder im Alter von einem und im Alter von zwölf Jahren fortbestand. Rechtsgrundlage der Impfpflicht war noch immer das Reichsimpfgesetz von 1874. In den 1950er Jahren wurde diese Impfpflicht diskutiert, weil sie nach Meinung einzelner Kritiker gegen das im Grundgesetz verankerten Persönlichkeitsrecht verstoße.[2] Das Bundesverwaltungsgericht entschied allerdings schon 1959, dass die Impfpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei.[3]

Wiedereinführung der Impfpflicht in DeutschlandBearbeiten

Rechtsgrundlage für die Impfpflicht ist seit 2001 § 20 Abs. 6 und Abs. 7 Infektionsschutzgesetz, der die Einführung der Impfpflicht über eine einfache Rechtsverordnung vorsieht:

(6) Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist. Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) kann insoweit eingeschränkt werden. […]
(7) Solange das Bundesministerium für Gesundheit von der Ermächtigung nach Absatz 6 keinen Gebrauch macht, sind die Landesregierungen zum Erlass einer Rechtsverordnung nach Absatz 6 ermächtigt. Die Landesregierungen können die Ermächtigung durch Rechtsverordnung auf die obersten Landesgesundheitsbehörden übertragen.

Die Einführung einer Impfpflicht wurde seit dem Wiederaufflammen der Masern in Deutschland immer wieder gefordert. So äußerte der Bundesminister für Gesundheit Hermann Gröhe 2015, eine Impfpflicht gegen die Masern sei für ihn „kein Tabu“ mehr.[4] Ebenfalls 2015 beschloss der Bundesparteitag der CDU, dass weitreichende Impfpflichten für Kinder eingeführt werden sollen.[5] 2019 wurde erneut die Einführung einer Impfpflicht gegen Masern gefordert.[6] Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderten, angesichts gehäufter Masernerkrankungen in Hildesheim und Meldungen von UNICEF über eine weltweit steigende Zahl dieser Erkrankungen die nötige Rechtsverordnung auszuarbeiten.

Am 11. April 2019 beschloss das Land Brandenburg als erstes Bundesland die Einführung der Masern-Impfpflicht für Kinder nach § 20 Abs. 7 IfSG., diese unterliegt der Prüfung und ist noch nicht umgesetzt.[7]

Impfpflicht nach BundesländernBearbeiten

Im Land Brandenburg besteht ein Antrag auf Impfpflicht gegen Masern, weitere Impfungen werden geprüft.

Impfpflicht im europäischen VergleichBearbeiten

Impfpflicht einzelner BevölkerungsgruppenBearbeiten

  • In der Bundeswehr besteht Impfpflicht gegen Tetanus, je nach dienstlicher Verwendung können weitere Pflichtimpfungen hinzukommen.
  • Für Hajj-Pilger besteht Impfpflicht gegen Meningokokken.
  • In den USA besteht für Soldaten eine Impfpflicht gegen Milzbrand.

Impfpflicht vor EinreiseBearbeiten

In Afrika, Südamerika und Asien wird Gelbfieber durch Stechmücken übertragen, Touristen wird daher eine Impfung in Risikogebieten dringend empfohlen. Eine Liste der Länder, die eine Gelbfieberimpfung verlangen, wird von der WHO veröffentlicht.[15]

Impfpflicht bei TierenBearbeiten

Europäische Union Innerhalb der EU besteht beim grenzüberschreitenden Verkehr für Hunde, Katzen und Frettchen Impfpflicht gegen Tollwut. Gleiches gilt für den Grenzübertritt zwischen der Schweiz und Norwegen und den EU-Ländern in beide Richtungen. Für die Einreise aus Drittstaaten ist ebenfalls eine Tollwutimpfung erforderlich, in vielen Fällen zusätzliche eine Bestimmung des Tollwut-Antikörper-Titers.
Deutschland In Deutschland besteht Impfpflicht für Rinder, Schafe und Ziegen gegen die Blauzungenkrankheit.[16][17] Gegen die Newcastle-Krankheit besteht eine Impfpflicht für Hühner- und Truthühnerbestände.[18]
Israel In Israel besteht für Rinder Impfpflicht gegen Botulismus.[19]

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Malte Thießen: Vom immunisierten Volkskörper zum präventiven Selbst. Impfungen als Biopolitik und soziale Praxis vom Kaiserreich zur Bundesrepublik. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 61, 2013, S. 35 – 64 (degruyter.com).
  2. Malte Thießen: Vorsorge als Ordnung des Sozialen. Impfungen in der Bundesrepublik und der DDR. In: Zeithistorische Forschungen. Band 10, Nr. 3, 2013.
  3. BVerwGE: Der durch das Impfgesetz vom 8. April 1874 angeordnete Impfzwang ist mit dem Grundgesetz vereinbar. In: Neue Juristische Wochenschrift. Band 9, Az. BVerwG I C 170.56, 14. Juli 1959, S. 78 – 83 (wolterskluwer-online.de).
  4. Hermann Gröhe: Impfung schützt vor Masern. Bundesministerium für Gesundheit, Berlin 15. Februar 2015 (bund.de [abgerufen am 21. Dezember 2015]).
  5. dpa/jr: CDU fordert gesetzliche Impfpflicht für Kinder. In: Die Zeit. 15. Dezember 2015, abgerufen am 21. Dezember 2015.
  6. Benjamin Bidder: Regierung prüft Masern-Impfpflicht für Kinder. In: Der Spiegel. 24. März 2019 (spiegel.de [abgerufen am 14. April 2019]).
  7. dpa/irb: Brandenburg will Masern-Impfpflicht einführen. In: Der Spiegel. 12. April 2019 (spiegel.de [abgerufen am 13. April 2019]).
  8. Irene Berres: Wo die Impfpflicht gilt - und wie sie wirkt. In: Der Spiegel. 3. April 2019 (spiegel.de [abgerufen am 13. April 2019]).
  9. a b In diesen Ländern Europas herrscht Impfpflicht. In: www.t-online.de. (t-online.de [abgerufen am 28. November 2018]).
  10. 11 vaccins obligatoires à partir du 1er janvier. In: Le Figaro. 31. August 2017, abgerufen am 31. August 2017 (französisch).
  11. Ab 2018 gilt in Frankreich die Impfpflicht für Kinder. In: NetMoms. Abgerufen am 3. Januar 2018.
  12. Italien beschließt Impfpflicht gegen zehn Krankheiten. In: Spiegel Online. 28. Juli 2017, abgerufen am 31. August 2017.
  13. Impfpraxis in Deutschland und anderen europäischen Ländern. (PDF) In: Wissenschaftliche Dienste; WD 9 - 3000 - 038/14. Deutscher Bundestag, 3. Juli 2014, abgerufen am 28. November 2018.
  14. Nadine Cibu und Côme Peguet: Pflicht gegen Zweifel: Frankreichs Kinder müssen geimpft werden. ARTE, abgerufen am 28. November 2018.
  15. Impfvorschriften bei der Einreise. In: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Abgerufen am 14. April 2019.
  16. Stephanie Gebhardt: Vieh-Impfpflicht gegen Blauzungenkrankheit rechtens. 30. Juni 2009, abgerufen am 28. November 2018.
  17. Impfpflicht ist rechtmäßig. 31. Juli 2009, abgerufen am 28. November 2018.
  18. https://tierseucheninfo.niedersachsen.de/anzeigepflichtige_tierseuchen/gefluegelseuchen/newcastle_krankheit/newcastle-disease-21656.html
  19. Hubert Brentrup: Botulismus beim Rind - eine Krankheit mit typischer und atypischer Symptomatik. Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, 26. Februar 1999.

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Impfpflicht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen