Luftrettung

Einsatz von Rettungsmitteln über den Luftweg in Notfällen

Die Luftrettung ist der Einsatz von Rettungsmitteln über den Luftweg in der Notfallmedizin. Die Luftrettung wird dann eingesetzt, wenn die Lage ein schnelleres Eingreifen erfordert, als durch bodengebundene Rettungsdienste möglich ist. Das kommt meist in ländlichen Gebieten vor, wo dann meist ein Rettungshubschrauber verwendet wird; es fliegt aber z. B. in Australien im Outback der Flying Doctor Service Notfall- und auch reguläre ärztliche Einsätze mit Flugzeugen. Die Idee der Luftrettung geht u. a. auf die Pilotin Marie Marvingt zurück.

Der Rettungshubschrauber D-HNHA der Northern HeliCopter GmbH bei einem Einsatz an der Nordseeküste.

Luftrettung in Deutschland Bearbeiten

 
Der ADAC ist eines der größten Luftrettungsunternehmen. Hier RTH Christoph 32
 
Hubschrauber Christoph 43 der DRF-Luftrettung des Typs EC 135, Standort Karlsruhe

Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über ein nahezu flächendeckendes Luftrettungssystem, das seit Beginn der 1970er Jahre als Ergänzung zum bodengebundenen Rettungs- und Notarztdienst geschaffen wurde, wobei der ADAC eine Pionierrolle spielte. Es hat sich als äußerst wirksam erwiesen. Der hohe Stellenwert ist heute unbestritten. In Deutschland ist der Rettungsdienst Ländersache und wird daher durch Landesrettungsdienstgesetze geregelt. Zur Durchführung der Luftrettung greifen die Länder dabei auf unterschiedliche Organisationen zurück.

Derzeit gibt es 89 Rettungshubschrauber-Stationen in Deutschland. Die meisten davon sind in die primäre Luftrettung eingebunden. Das bedeutet, dass sie hauptsächlich sowohl als schneller Notarzt-Zubringer und Ersatz eines Notarzt-Einsatzfahrzeugs genutzt werden, jedoch auch Patiententransporte durchführen können, wenn zum Beispiel eine weiter entfernte Spezialklinik angeflogen werden muss oder kein Rettungswagen vorhanden ist. Die Intensiv-Transport-Hubschrauber sowie weitere Hubschrauber, wie etwa die des SAR-Dienst der Bundeswehr haben nicht die Primärluftrettung als offiziellen vorrangigen Auftrag, können aber in der Regel auch dazu genutzt werden, wenn erforderlich.

Luftrettungs-Stationen
Anzahl Standorte Betreiber[B 1]
35 33 ADAC Luftrettung gGmbH
12 12 Bundesministerium des Innern (mit für den Katastrophenschutz beschafften Hubschraubern)
30 28 DRF Luftrettung; inkl. drei Station der ehem. HSD Luftrettung und 5 Stationen der ehem. HDM Luftrettung
05 05 Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.Johanniter Luftrettung[1][2]
02 02 SAR-Dienst der Bundeswehr/Marine. Search and Rescue.
04 03 SAR-Dienst der Bundeswehr/Heer. Search and Rescue.
88 83
  1. Stand: Oktober 2018

Luftrettung in Österreich Bearbeiten

 
Rettungshubschrauber Christophorus 9 im Einsatz

Das Rückgrat der österreichischen Flugrettung bildet der Christophorus Flugrettungsverein an dem der ÖAMTC und das Rote Kreuz beteiligt sind.

Der ÖAMTC hat über sein Tochterunternehmen Heliair, das 24 EC 135 in Betrieb hat, die größte zivile Flotte dieses Hubschraubertyps in Europa und verleiht auch fünf Geräte an die ungarische Flugrettung OMSZ.[3] Darüber werden Standorte von privaten Unternehmern im Auftrag der Länder betrieben. Hinzu kommen temporäre Standorte während der Skisaison.

Luftrettung in der Schweiz Bearbeiten

 
Rega 1 EC 145

In der Schweiz werden Rettungshubschrauber mehrheitlich von der Schweizerischen Rettungsflugwacht („Rega“), einer gemeinnützigen privaten Stiftung für Luftrettung oder deren Partnergesellschaften betrieben. Die Rega und ihre Partner können in der Schweiz über die Alarmnummer 1414 angefordert werden. Für den Einsatz in Süddeutschland wird die REGA über die jeweiligen Rettungsleitstellen alarmiert.

Die Rega betreibt zwölf Luftrettungsstationen und eine Luftrettungsstation in Meyrin bei Genf mit einem Partner. Eine Ausnahme bildet der Kanton Wallis, in dem die Air Zermatt und die Air-Glaciers für die Luftrettung zuständig sind. Im Kanton Aargau betreibt die Alpine Air Ambulance AG (AAA) in Birrfeld einen Rettungshubschrauber der vom Aargauer Sanitätsnotruf in Aarau disponiert wird.[4]

Die erste Luftrettung in den Alpen erfolgte im November 1946 am Gauligletscher mit kufenberwehrten STOL-Flugzeuge vom Typ Fieseler Fi 56 „Storch“.

Luftrettung in Liechtenstein Bearbeiten

Seit Dezember 2018 betreibt die AP³ Luftrettung GmbH mit Sitz in Filderstadt (Deutschland) am Heliport Balzers in Liechtenstein den Rettungshubschrauber mit den Rufnamen Christoph Liechtenstein. Der Flugbetrieb wird von der AAA Alpine Air Ambulance AG mit Sitz in Wollerau (Schweiz) mit einem Hubschrauber des Typs Airbus EC 135 durchgeführt. Die AP³ Luftrettung ist ein Joint Venture der DRF Stiftung Luftrettung gemeinnützige AG (DRF Luftrettung) aus Deutschland mit der ARA Flugrettung aus Österreich und der AAA Alpine Air Ambulance aus der Schweiz.

 
Christoph Liechtenstein am Heliport Balzers
Rufname Ort Betreiber Flugbetrieb durch Lage Internet Bemerkung
Christoph Liechtenstein Balzers AP³ Luftrettung GmbH AAA Alpine Air Ambulance AG   Datenblatt

Luftrettung in Dänemark Bearbeiten

Die dänische Gesundheitsbehörde Sundhedsstyrelsen betreibt auf ihren vier Stützpunkten ausschließlich Hubschrauber des Typs Airbus Helicopters EC 135.

Rufname Stadt Region Betreiber Flugbetrieb durch Stationierungsort[5] Lage Internet Bemerkung
HEMS Billund Billund Syddanmark Sundhedsstyrelsen Norsk Luftambulanse AS Flughafen Billund   Datenblatt
HEMS Ringsted Ringsted Sjælland Flugplatz Ringsted   Datenblatt
HEMS Saltum Saltum Nordjylland Luftrettungszentrum Saltum   Datenblatt Der Rettungshubschrauber ist am 2. Januar 2019 in Betrieb genommen worden und
wurde von einem vorübergehenden Standort am Flughafen Aalborg aus geflogen,
bis die permanente Basis in Saltum im nördlichen Teil der Jammerbugt Kommune fertiggestellt wurde.[6] Die Basis wurde am 15. August 2021 in Betrieb genommen.[7]
HEMS Skive Skive Midtjylland Luftrettungszentrum Skive   Datenblatt

Flugrettung in Ungarn Bearbeiten

Seit 2020 befindet sich die Ungarische "Magyar Légimentő Nonprofit Kft." im Eigentum der Bereitschaftspolizei (Készenléti Rendőrség), die auch die technischen Voraussetzungen für die Luftrettung organisiert. Die fachliche medizinische Steuerung übernimmt weiterhin der Nationale Rettungsdienst (OMSZ).

Im Jahr 2019 wurde die Luftrettungsflotte um 9 eigene Hubschrauber erweitert, die derzeit von 7 Stützpunkten[8] aus die Luftrettungsaufgaben übernehmen:

Hubschrauber:

  • HA-HBG (ex. D-HECH)
  • HA-HBH (ex. D-HECL)
  • HA-HBI (ex. D-HECA)
  • HA-HBJ (ex. D-HECH)
  • HA-HBK (ex. D-HECM)
  • HA-HBL (ex. D-HECG)
  • HA-HBM (ex. LN-OOJ)
  • HA-HBN (ex. D-HTSH)
  • HA-HBO (ex. D-HECC)

Bi- und multilaterale Projekte in Europa Bearbeiten

 
Rettungshubschrauber Christoph Europa 2

Es gibt Projekte, an denen Organisationen mehrerer Staaten beteiligt sind. Zu nennen sind in diesem Kontext besonders:

Rufname Stadt Bemerkung
Christoph Europa 1 Aachen-Merzbrück Einsätze in Deutschland, Belgien und den Niederlanden.
Christoph Europa 2 Rheine Einsätze in Deutschland und den Niederlanden.
Christophorus Europa 3 Suben Europaweit erster Notarzthubschrauber im seit 2002 länderübergreifendem Betrieb: im Winterhalbjahr fliegt ein Hubschrauber des ADAC, im Sommerhalbjahr des ÖAMTC. Einsatzgebiet ist Bayern und Oberösterreich.
Christoph Europa 5 Niebüll Einsätze in Deutschland und Dänemark (v. a. Südjütland)
Christoph 9 Duisburg Einsätze in Deutschland und den Niederlanden.
Christoph 16 Saarbrücken Einsätze in Deutschland, Frankreich und Luxemburg.
Lifeliner 3 Nijmegen Einsätze in den Niederlanden und Deutschland.
Lifeliner Europa 4 Groningen Einsätze in den Niederlanden und Deutschland. Gemeinschaftlicher Betrieb durch ADAC und ANWB. In den Niederlanden wird der Standort ohne den Zusatz Europa geführt.
Air Rescue 3 Flughafen Findel Einsätze in Luxemburg, Belgien, Deutschland (Rheinland-Pfalz für die Region Trier sowie Saarland) und Frankreich.
REGA Schweiz (diverse) Die grenznah stationierten REGA-Hubschrauber aus der Schweiz fliegen ebenfalls regelmäßig Einsätze in Deutschland. So liegt mehr als die Hälfte der Einsatzorte von Rega 2 (Basel) in Südbaden.

Karte Bearbeiten

 
Standorte von Rettungshelikoptern
Gelb: Deutschland, Grün: Österreich, Rot: Schweiz, Hellblau: Luxemburg, Dunkelblau: Südtirol, Violett: Liechtenstein, Grau: Ausland


Zukunftsperspektive: Multikopter Bearbeiten

Seit 2018 lotete die ADAC Luftrettung gemeinsam mit dem deutschen Fluggerätehersteller Volocopter mögliche Vorteile des Einsatzes von bemannten Multikoptern im Rettungsdienst aus, wobei von vornherein der Zubringerdienst für den Notarzt zum Notfallort im Vordergrund stand. Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit fand im Herbst 2023 der Erstflug eines solchen Prototyps statt.[9] Es handelt sich dabei um einen Hubschrauber mit insgesamt 18 elektrisch betriebenen Rotoren. Perspektivisch wird davon ausgegangen, dass etwa ab 2027 Geschwindigkeiten von 100 bis 150 km/h und Reichweiten von 150 Kilometern erreicht werden können. Eine ebenfalls im Jahr 2023 fertiggestellte theoretische Machbarkeitsstudie legte unter diesen Bedingungen Vorteile ab einem Einsatzradius von 25 bis 30 Kilometern nahe, was sich – nicht zuletzt angesichts des Mangels an qualifizierten Notärzten und in den letzten Jahren deutlich verschlechterten Eintreffzeiten der Rettungsmittel – signifikant auf die Qualität der Notfallversorgung auswirken dürfte. Derzeit läuft eine Pilotstudie im Praxisbetrieb; sollte diese erfolgreich verlaufen, ist ab Ende 2024 ein Regelbetrieb mit Multikoptern im Rettungsdienst geplant und auch ein Export des Konzepts nach Frankreich angedacht.[10]

Siehe auch Bearbeiten

Literatur Bearbeiten

  • Hans-Ulrich Suckert, Marco Quinzio: Luftrettung in Deutschland. Medizin, Technologie und Menschlichkeit – im Einsatz für das Leben. Hrsg. Deutsche Rettungsflugwacht e.V., German Air Rescue, Deutsche Zentrale für Luftrettung (Filderstadt). W. Wolfsfellner MedizinVerlag, München 1996, ISBN 3-9802271-5-4.
  • Hubertus Bartmann: Luftrettung am Wasser. Begleitheft zum Aufbaulehrgang für Feuerwehrtaucher – Hubschraubereinsatz. ecomed-sicherheit, Landsberg/Lech 2005, ISBN 3-609-66928-4.
  • Roland Oster: Luftrettung. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-613-02846-3.
  • Tino Lorenz: Am Leben. Notarzt im Rettungshubschrauber. Heller, Taufkirchen 2007, ISBN 978-3-929403-24-4.
  • ADAC-Stationsatlas „Christoph – bitte kommen!“, Ausgabe 2011/12, Hrsg. ADAC-Luftrettung GmbH, W. Wolfsfellner MedizinVerlag, München 2011, ISBN 978-3-933266-71-2.
  • Holger Scholl: Luftrettung. Stumpf und Kossendey, Edewecht 2018, ISBN 3-932750-77-2 (Themenschwerpunkt).

Weblinks Bearbeiten

Commons: Luftrettung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Standorte. In: Johanniter [live]. 9. Juni 2016 (johanniter.de [abgerufen am 5. Februar 2018]).
  2. Team www.rth.info: rth.info | Betreiber. Abgerufen am 5. Februar 2018.
  3. Christophorus fliegt in Ungarn. auf ORF-Volksgruppen abgerufen am 26. Januar 2010
  4. AAA Rettungshelikopterbasen in Birrfeld und Balzers
  5. Baser. In: akutlaegehelikopter.dk. Abgerufen am 8. September 2019 (dänisch).
  6. Den nye akutlægehelikopter fløj til 17 patienter den første uge. In: akutlaegehelikopter.dk. Abgerufen am 8. September 2019 (dänisch).
  7. Saltum. In: nlaas.no. Abgerufen am 4. März 2022 (dänisch).
  8. Magyar Légimentő Nonprofit Kft. bázisai. In: legimentok.hu. Abgerufen am 11. Februar 2024 (ungarisch).
  9. Multikopter: Senkrechtsstarter für den Rettungsdienst. ADAC, 2. Oktober 2023, abgerufen am 21. November 2023 (deutsch).
  10. Multikopter. In: ADAC Luftrettung. 2023, abgerufen am 21. November 2023 (deutsch).