Der Landratsbezirk Hungen war ein Landratsbezirk im Großherzogtum Hessen. Er bestand von 1822 bis 1841 und ging dann im Kreis Hungen auf.

Umfang des LandratsbezirksBearbeiten

1821/1822 wurden die Ämter im Großherzogtum aufgelöst und in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen Landratsbezirke gebildet. Der Landratsbezirk Hungen wurde 1822 gebildet und bestand aus den Gebieten der Besitzungen der Grafen von Solms:

VerwaltungseinheitenBearbeiten

Administrative VerwaltungBearbeiten

Die Administrative Einteilung legte die Bürgermeistereien fest, welche dem Landrat unterstanden. Dabei wurden mehrere kleinere Ortschaften häufig durch eine Bürgermeisterei verwaltet. Seit 1822 konnten die Hessischen Gemeinden ihre Bürgermeister selbst wählen und es wurden keine Schultheiße mehr eingesetzt. Die folgenden 33 Bürgermeistereien wurden im Landratsbezirk bestimmt:[1]

  1. Bellersheim
  2. Bettenhausen
  3. Birklar mit Muschenheim
  4. Dorfgüll mit Holzheim
  5. Eberstadt mit Oberhörgern
  6. Einartshausen
  7. Ettingshausen
  8. Freienseen
  9. Gambach
  10. Gonterskirchen
  11. Griedel
  12. Grüningen
  13. Hattenrod
  14. Hungen
  15. Inheiden
  16. Langsdorf
  17. Lardenbach mit Ilsdorf
  18. Laubach
  19. Lich
  20. Münzenberg (Solmscher und großherzoglicher Anteil)
  21. Niederweisel mit Hausen und Oes
  22. Nonnenroth mit Niederbessingen und Röthges
  23. Obbornhofen
  24. Oberbessingen mit Münster
  25. Ruppertsburg
  26. Södel
  27. Traishorloff
  28. Traismünzenberg (Solmscher und großherzoglicher Anteil)
  29. Utphe
  30. Villingen
  31. Wetterfeld
  32. Wölfersheim mit Weckesheim
  33. Wohnbach mit Arnsburg

Die Domanialanteile (großherzoglich) von Münzenberg und Traismünzenberg wurden in Auftrag des Staats die übrigen Teile im Namen der Standesherrn verwaltet.

JustizverwaltungBearbeiten

Gleichzeitig mit der Bildung der Landratsbezirke wurden Landgerichte installiert, die jetzt unabhängig von der Verwaltung waren. Es wurden drei Landgerichtsbezirke geschaffen. Für die Solms-Braunfelser Ämter Hungen, Wölfersheim und Grünningend das Landgericht Hungen, für die Solms-Licher Ämter Lich und Niederweisel das Landgericht Lich und für die Solms-Laubacher Ämter Laubach und Utphe sowie dem Solms-Rödelheimer Ort Einartshausen das Landgericht Laubach[1][2]. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.[3]

FinanzverwaltungBearbeiten

Für die Einnahmen aus Staatseigentum (den sogenannten Domanialen) waren die Rentämter zuständig. Für Orte Arnsburg, Freienseen, Gonterskirchen Laubach und Nonnenroth war das Demanialrentamt Grünberq zuständigt, für großherzoglichen Anteile an Münzenberg und Traismünzenberg das zum Rentamt Friedberg.[1]

Davon getrennt war die Steuerverwaltung. Für den Landratsbezirk war die Ober-Einnehmerei Giessen zuständig. Der Steuerbezirk Hungen waren in vier Distrikts-Einnehmereien gegliedert denen die folgenden Bürgermeister zugeordnet waren.[1]

  1. Grüningen mit Dorfgüll, Eberstadt, Gambach, Griedel, Holzheim, Münzenberg, Obbornhofen und Traismünzenberg
  2. Hungen mit Bellersheim, Inheiden, Obbornhofen, Södel, Traishorloff, Utphe, Weckesheim, Wolfersheim und Wohnbach
  3. Laubach mit Einartshausen, Freienseen, Gonterskirchen, Ilsdorf, Lardenbach, Münster, Nieberbessingen, Nonnenroth, Oberbessingen, Röthges, Ruppertsburg, Villingen und Wetterfeld
  4. Lich mit Arnsburg, Bettenhausen, Birklar, Ettingshausen, Hattenrod, Langsdorf und Muschenheim.

Die Orte Hausen, Niederweisel und Oes gehoren zur Distrikts-Einnehmerei Butzbach. Der Landratsbezirk Hungen gehört zum Hauptzollamt Lollar.

ForstverwaltungBearbeiten

Aus dem Landratsbezirk gehörten zum „Forst Friedberg“ das Forstrevier Butzbach die Orte Gambach, Griedel, Hausen, Holzheim, Niederweisel und Oes, sowie das Forstrevier Rockenhausen mit den Orten Bellersheim, Bettenhausen, Eberstadt, Münzenberg, Obbornhofen, Oberhörgern, Södel, Traismünzenberg, Weckesheim, Wolfersheim, und Wohnbach. Zum Forstrevier Schiffenberg des „Forsts Gießen“ gehörten Dorfgüll und Grüningen.[1]

KirchenverwaltungBearbeiten

Die die Orte des Landratsbezirks bilden 31 evangelische Pfarreien. Zum „Inspektorat Hungen“ gehören: Bellersheim, Gambach mit Oberhörgern, Griedel, Grüningen, Holzheim, Hungen, Langsdorf mit Bettenhausen, Münzenberg, Muschenheim mit Birklar, Niederbessingen, Obbornhofen, Rothges, Traismünzenberg, Villingen mit Nonnenroth, Wölfersheim mit Weckesheim. Dem „Inspektorat Lich“ wurden die Pfarreien Eberstadt, Ettingshausen mit Hattenrod, Hausen mit Oes, Lich, Münster mit Oberbessingen, Niederweisel und Södel zugeordnet. Zum gräflich Solms-Laubachische Consistorium zu Laubach gehören folgende Pfarreien: Freienseen, Gonterskirchen, Lardenbach mit Ilsdorf, Laubach, Ruppertsburg, Traishorloff mit Inheiden und Utphe, Wetterfeld und Wohnbach. Zum gräflich Solms-Rödelheimische Consistorium zu Rodelheim gehört die Pfarrei Einartshausen.

Historische BeschreibungBearbeiten

Die „Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen“ berichtet 1829 über den Landratsbezirk Hungen:[1]
Die Lage wird beschrieben als: »Der Bezirk enthält 44 Orte die bis auf die Domonialantheile an Münzender und Traismünzenberg alle standesherrlich sind und es gehören hiervon 18 dem Fürsten von Solms-Braunfels, 11 dem Fürsten von Solms-Lich, 12 dem Grafen von Solms-Laubach und 1 dem Grafen von Solms-Rödelheim. Die Orte Niederweisel, Hausen und Oes liegen abgesondert und sind von den Gebietstheilen des Bezirks Friedberg umgeben. Der Bezirk liegt, die getrennten Orte abgerechnet, zwischen dem 50° 21′ und 50° 36′ nördlicher Breite, und zwischen dem 26° 20′ und 26° 48′ östlicher Länge, und gehört zum größern Theil zur Welterau und nur der südlichste Theil zum Vogelsberg. Die Grenzen sind gegen Norden: die Bezirke Giessen und Grünberg, gegen Osten: die Bezirke Schotten und Nidda, gegen Süden: die Bezirke Schotten, Nidda und Friedberg, gegen Westen: die Bezirke Friedberg und Giessen.«
Die Natürliche Beschaffenheit als: »a) Oberfläche und Boden: Die Höhen der Feldkrücker Hohe haben ihren Abfall gegen Hungen hin. Ein Ast gehet durch den östlichen Theil des Bezirks, gegen Laubach, wo der Gaulskopf 989 Hess. Fuß (0,25m) hoch ist, einerseits nach dem Bezirk Grünberg, anderseits bis Münzenberg und Griedel. Die Höhe bei Grüningen ist 1117 Hess. Fuß über der Meeresfläche erhaben. Der Boden ist theils fruchtbar und schwer theils aber auch ziemlich schlecht wie bei Hungen. b) Gewässer: 1) die Horloff; 2) die Wetter
Die Bevölkerung als: »Diese beträgt 25,701 Seelen; unter diesen sind 24,706 Evangelische, 138 Katholiken, 36 Mennoniten und 821 Juden, die zusammen 5 Städte, 2 Marktflecken, 35 Dörfer, 2 Weiler überhaupt 4438 Häuser bewohnen.«
Die Naturprodukte als: »811 Pferde; 90 Fohlen; 64 Bullen; 1258 Ochsen; 9317 Kühe; 1472 Rinder; 5739 Schweine; 15,225 Schaafe; 456 Ziegen; 75 Esel. Waizen, Korn, Gerste und Hafer; Hülsenfrüchte, viel Flachs, Futterkräuter etwas Hafer. Eisensteingruben sind zu Inheiden, Nonnenroth und Hungen, deren Erze auf der Friedrichshütte bei Ruppertsburg geschmolzen werden. Zu Muschenheim sind die Gruben nicht im Betrieb weil die Erze zu geringhaltig sind. Bei Eberstadt befindet sich ein mächtiges Braunkohlenlager, das durch seinen Reichthum an Alaun sich auszeichnet, sodann eins bei dem Hessenbrücker Hammer bei Wetterfeld, dessen Kohlen aus vestem bituminösen Holz bestehen, und darum sehr sind. Eine reiche Salzquelle ist bei Oberhörgern, die aber nicht benutzt wird, so wie das Sauerwasser bei Trais nur bei den Einwohnern im Gebrauche ist. Inheiden und Wohnbach haben ergiebig Steinbrüche. Bei Laubach und Griedel wird Basalt angetroffen, so wie sich auch am erster Ort versteinerte theils zu Elsenminer gewordenes Holz und Siegelerde findet.«
Das Gewerbe und Handel als: »Ackerbau und Viehzucht sind die Hauptgewerbe. Die Leineweberei wird sehr stark betrieben, namentlich zu Bellersheim, Birklar Grüningen, Hattenrod, Inheiden, Muschenheim, Niederbessingen, Nonnenroth Röthges, Traishorleff, Utphe, Villingen, Wetterfeld, jedoch wird n den meisten Orten die Weberei nur im Winter vorgenommen. Zu Freienseen und Lordenbach ist die Siamoisenweberei im Gange. Die Kette besteht aus Leinen und der Einschlag aus Baumwolle. Auch befindet sich zu Freienseen eine für Baumwollen- und Leinengarn. Strumpfwirker sind zu Gambach, und zu Laubach besteht eine Barchentfabrik. Zu Lich wird die Brandeweinbrennerei sehr stark getrieben, auch giebt es viele Brandeweinbrenner zu Grüningen, Hungen, Langsdorf etc. Im Bezirk finden sich 2 Eisenwerke, die Friedrichshütte bei Ruppertsburg und der Hessenbrücker Hammer bei Wetterfeld. Erstere, eine Eisenschmelze besteht aus einem Hochofen, einem Zain- und Kleinhammer, und erhält ihre Erze namentlich von Inheiden, Nonnenroth und Hungen. Die Eisengußwaaren sind von vorzüglicher Schönheit. Der Hessenbrücker Hammer, aus einem Staabhammer bestehend, bezieht die Masseln zum Theil aus dem Nassauischen. Zu Oberbessingen besteht eine Papiermühle. Getreide kann der Bezirk ausführen, obgleich manche Orte solches kaum zum Selbstbedarf bauen. Auch Flachs, Rindvieh und Schweine, gemästet als mager, geben einen Ausfuhr-Artikel ab. Leinwnad, Siamoisen, Barchent, Brandewein und Eisenguß gehen größtentheils in das Ausland. Die Einwohner von Södel, die sich meistens vom Handel nähren, und zum Theil nicht unbedeutende Geschäfte in Leinwand machen, kaufen die Leinwand in der ganzen Umgegend auf und beziehen die Frankfurter Messen wo sie solche absetzen. Die Chaussee von Friedberg nach Gründern geht mitten durch den Bezirk, und namentlich durch die Orte Södel, Wolfersheim, Utph, Inheiden, Hungen, Nonnenroth und Röthges. Von Holzhein zieht eine Chaussee bei Langgöns auf die Hauptstraße, wodurch der Bezirk mit der Hauptstraße so wie mit Nebenstraßen der Provinz in Verbindung steht.«

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f Georg W. Wagner: Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen: Provinz Oberhessen, Band 3 Oktober 1830, S. 131ff (Online bei Google Books)
  2. Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt 1822, Nr. 15 (online bei der Bayrischen Staats-Bibliothek S. 182)
  3. Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren vom 7. August 1848. In: Großherzog von Hessen (Hrsg.): Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1848 Nr. 40, S. 237–241 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 42,9 MB]).