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Karin Kneissl

österreichische Außenministerin
Karin Kneissl (2017)
Ban Ki-moon, Karin Kneissl, Heinz Fischer (Jänner 2018)

Karin Kneissl (* 18. Jänner 1965 in Wien) ist eine österreichische parteilose Politikerin, ehemalige Diplomatin, Energieanalytikerin und Nahostexpertin.

Seit 18. Dezember 2017 ist sie Bundesministerin für Europa, Integration und Äußeres der Republik Österreich. Sie ist ein von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) nominiertes Mitglied der österreichischen Bundesregierung Kurz.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

BildungBearbeiten

Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte Kneissl in der jordanischen Hauptstadt Amman, wo ihr Vater als Pilot des Königs Hussein I. tätig und am Aufbau der nationalen Fluggesellschaft ALIA (Vorläuferin der Royal Jordanian) beteiligt war.[1]

Von 1983 bis 1987 studierte sie an der Universität Wien Jus und Arabistik, was sie mit Magister iuris und Diplom der Vereinten Nationen in Arabisch abschloss. In ihrer Jugend- und Studentenzeit war sie u. a. für Amnesty International aktiv und unterstützte Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen weltweit.[2][3]

Anschließend recherchierte sie für ihre Dissertation im Völkerrecht über den Grenzbegriff der Konfliktparteien im Nahen Osten. Stationen waren die Hebräische Universität von Jerusalem und eine Universität in Amman (Jordanien). Während des Studiums arbeitete sie als Volontärin im Hospiz St. Louis in Jerusalem und in einer Bank in Amman. Mit einem Fulbright-Stipendium war sie 1989–91 am Center for Contemporary Arab Studies an der Universität Georgetown in Washington. In der Folge absolvierte sie 1991/92 den cycle international der École nationale d’administration (ENA) in Paris. 1992 legte sie der Universität Wien ihre Dissertation vor und wurde zur Dr. iur. promoviert. Anders als in ihrem Lebenslauf an verschiedenen Stellen angegeben, war sie 1992/93 nicht Mitgründerin der österreichischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.[4]

Kneissl spricht sieben Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Arabisch, Spanisch, Italienisch sowie jeweils Grundkenntnisse in Hebräisch und Ungarisch).[5]

Berufliche LaufbahnBearbeiten

1990 trat sie in den diplomatischen Dienst des Außenministeriums der Republik Österreich ein. Von 1990 bis 1998 wirkte sie unter anderem im Kabinett des Außenministers, im Völkerrechtsbüro und war in Paris und Madrid auf Auslandsposten.

Nach ihrem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst im Herbst 1998 war sie bis 2003 als freie Journalistin für deutsch- und englischsprachige Printmedien tätig. Unter anderem war sie Slowenien-Korrespondentin für Die Presse und schrieb Artikel für die Neue Zürcher Zeitung. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie ab 2002 durch ihre politischen Analysen zu den Themenfeldern Nahost und Energiepolitik im Österreichischen Rundfunk (ORF) bekannt.

Daneben unterrichtete Karin Kneissl von 1995 bis 2004 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Ab 2000 lehrte sie parallel an der Diplomatischen Akademie Wien sowie als Gastlektorin an der Landesverteidigungsakademie und der Militärakademie in Wiener Neustadt. Weitere Lehrtätigkeiten waren an der katholischen, französischsprachigen Université Saint-Joseph in Beirut und dem Centre international des sciences de l'homme (CISH) in Byblos (Libanon) sowie ab 2007 an der EBS (European Business School) im deutschen Oestrich-Winkel. Schwerpunkte ihrer Lehrtätigkeit sind Völkerrecht, die Geschichte des Nahen Ostens und der Energiemarkt.[6] Sie ist Autorin mehrerer Fachpublikationen und Sachbücher.[5]

Kneissl war ab 2003 Vizepräsidentin der österreichischen Gesellschaft für politisch-militärische Studien STRATEG[7][8][5] und von 2011 bis 2015 im Vorstand der von ihr mitgegründeten Organisation Whistleblowing Austria.[9][10]

Am 10. Mai 2017 wurde sie in den Aufsichtsrat des Wiener Städtische Versicherungsvereins bestellt.[11]

Politische Tätigkeit und PositionenBearbeiten

Von 2005 bis 2010 war Karin Kneissl als unabhängige Kandidatin auf der Liste der ÖVP im Gemeinderat von Seibersdorf.[11][12]

Nachdem Karin Kneissl als zukünftige Außenministerin bekannt gegeben worden war, stachen mehrere der im Rahmen ihrer vorherigen publizistischen Arbeit getätigten Aussagen ins Auge. So hatte sie sich 2012 wohlwollend gegenüber den Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien geäußert.[1][13]

Für Aufsehen sorgte außerdem ihr im Buch Mein Naher Osten getätigter Vergleich, der von Theodor Herzl begründete Zionismus gleiche der an den deutschen Nationalismus angelehnten „Blut-und-Boden-Ideologie“.[14]

Größere Aufmerksamkeit weckten ihre Äußerungen bezüglich der europäischen Flüchtlingskrise ab 2015. So kritisierte sie in diesem Zusammenhang das Vorgehen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel als „grob fahrlässig“ und das EU-Türkei-Abkommen vom 18. März 2016 als „Unfug“. Kneissl äußerte, dass es sich bei den Migranten größtenteils um Wirtschaftsflüchtlinge und zu 80 Prozent um junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren handele, die sie als „testosterongesteuert“ bezeichnete. Dass diese weder Wohnung noch Arbeit hätten und somit „nicht mehr zu einer Frau kommen“ und damit „keinen Status als Mann in einer traditionellen Gesellschaft“ hätten, sei einer der Gründe für die Revolten in der arabischen Welt gewesen. Im Juli 2016 kritisierte Kneissl den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, den sie als „Zyniker der Macht“, „Brüsseler Cäsar“, „rüpelhaft“ und „arrogant“ bezeichnete und dem sie vorwarf, „Vereinbarungen zu brechen, wenn es ihm nützlich scheint“.[1][14] Die Predigten von Papst Franziskus „lassen immer wieder auf Ignoranz und eine gefährliche Naivität schließen“ meinte sie, als Franziskus die Flüchtlingslager in Griechenland mit Konzentrationslagern verglich.[15]

Seit 18. Dezember 2017 ist sie auf Vorschlag der FPÖ parteilose Außenministerin der Republik Österreich in der Regierung Kurz.[16][17]

PrivatesBearbeiten

Kneissl ist ledig, ihr Lebensgefährte ist der Unternehmer Wolfgang Meilinger.[18] Sie lebt seit 1998 in Seibersdorf bei Wien, wo sie auch einen kleinen Bauernhof betreibt.[19] Am 30. Juni 2012 war sie im Rahmen des jährlich vom AAI Graz (Afro-Asiatisches Institut) organisierten Multikultiballs Ehrengast.[20]

PublikationenBearbeiten

  • Der Grenzbegriff der Konfliktparteien im Nahen Osten. Dissertation, Universität Wien, 1991.
  • Hizbollah: Libanesische Widerstandsbewegung, islamische Terrorgruppe oder bloß eine politische Partei? Eine Untersuchung der schiitischen Massenbewegung Hizbollah im libanesischen und regionalen Kontext. Landesverteidigungsakademie, Wien 2002, ISBN 3-901328-69-6.
  • Der Energiepoker: Wie Erdöl und Erdgas die Weltwirtschaft beeinflussen. FinanzBuch, München 2006, ISBN 3-89879-187-4; 2., überarbeitete Auflage 2008, ISBN 978-3-89879-448-0.
  • Die Gewaltspirale: Warum Orient und Okzident nicht miteinander können. Ecowin, Salzburg 2007, ISBN 978-3-902404-39-8.
  • Testosteron macht Politik. Braumüller, Wien 2012, ISBN 978-3-99100-068-6.
  • Die zersplitterte Welt: Was von der Globalisierung bleibt. Braumüller, Wien 2013, ISBN 978-3-99100-086-0.
  • Mein Naher Osten. Braumüller, Wien 2014, ISBN 978-3-99100-112-6.
  • Prinz Eugen: Vom Außenseiter zum Genie Europas. Belvedere, Wien 2014, ISBN 978-3-902805-58-4.
  • Wachablöse: Auf dem Weg in eine chinesische Weltordnung. Frank & Frei, 1. September 2017, ISBN 978-3950434842

WeblinksBearbeiten

  Commons: Karin Kneissl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Karin Kneissl: Nahost-Expertin mit kontroversen Ansichten. In: Tiroler Tageszeitung (online), 16. Dezember 2017.
  2. Christian Ultsch: Konservativer Freigeist auf dem Sprung zurück ins Außenamt. In: DiePresse.com. 8. Dezember 2017, abgerufen am 12. Dezember 2017.
  3. Karin Kneissl: Immer mehr Kritik an NGOs wegen Flüchtlingsrettung. Kronen Zeitung, 16. Juli 2017, abgerufen am 21. Dezember 2017.
  4. profil: Karin Kneissls geschönter Lebenslauf, 9. Jänner 2018
  5. a b c „Linzer Torte“ mit Karin Kneissl, Radio Öberösterreich, 29. November 2015.
  6. Lebenslauf von Karin Kneissl, Website von Karin Kneissl, abgerufen am 20. Dezember 2017
  7. Kneissl sorgt für Verwirrung. In: profil. Nr. 52/2017–01/2018, 23. Dezember 2017, S. 13.
  8. Beatrix Karl, Wolfgang Mantl, Klaus Poier, Manfred Prisching, Anita Ziegerhofer (Hrsg.): Steirisches Jahrbuch für Politik 2015. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2016, ISBN 978-3-205-20419-0, S. 376 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Über uns. Whistleblowing Austria (WBA), archiviert vom Original am 23. Juni 2011; abgerufen am 25. Dezember 2017.
  10. Online-Abfrage Vereinsregisterauszug. Bundesministerium für Inneres, 25. Dezember 2017, abgerufen am 25. Dezember 2017 (ZVR-Zahl: 017042888. Funktionsperiode 04.07.2011 – 03.07.2014 (nicht aktuell)).
  11. a b Über mich, Website von Karin Kneissl, abgerufen am 10. Dezember 2017
  12. Die Gemeindeorgane (Memento vom 10. April 2009 im Internet Archive), Website der Marktgemeinde Seibersdorf
  13. Mit markigen Sprüchen bei FPÖ gepunktet. In: ORF.at vom 17. Dezember 2017.
  14. a b Nahost-Experten mit Hang zur Kontroverse wird Außenministerin. In: kleinezeitung.at, 16. Dezember 2017.
  15. Karin Kneissl: Die neue Flapsigkeit – im Vatikan und in der Hofburg. In: DiePresse.com vom 26. April 2017.
  16. Die neue Regierung: Viele Quereinsteiger, ORF-Online, 16. Dezember 2017.
  17. Michael Völker: FPÖ-Ministerliste ist fix: Kickl wird Innenminister. derStandard.at, abgerufen am 15. Dezember 2017.
  18. Andrea Hodoschek: Kneissls Partner: Investor und Glücksritter. kurier.at, 4. Februar 2018, abgerufen am 6. Februar 2018.
  19. Ingrid Altermann: Dr. Karin Kneissls Kleine Farm. In: Krone bunt, 17. Juli 2016, S. 22f.
  20. Ehrengast – Dr. Karin Kneissl. In: multikulti.at. 25. Mai 2012, abgerufen am 21. Dezember 2017.