Jean-Louis Trintignant

französischer Schauspieler (1930–2022)

Jean-Louis Xavier Trintignant (* 11. Dezember 1930 in Piolenc, Département Vaucluse; † 17. Juni 2022 in Collias, Département Gard[1]) war ein französischer Schauspieler. Neben der Arbeit am Theater übernahm er ab Mitte der 1950er-Jahre Rollen in mehr als 140 Film- und Fernsehproduktionen. Mit Hauptrollen in Filmen wie Ein Mann und eine Frau (1966), Z, Meine Nacht bei Maud (beide 1969), Drei Farben: Rot (1994) und Liebe (2012) etablierte er sich als einer der großen Stars des französischen Kinos.[2]

Jean-Louis Trintignant 2012
Jean-Louis Trintignant, Porträt von Alain Elorza 2007

LebenBearbeiten

Kindheit und Ausbildung, Beginn der TheaterkarriereBearbeiten

Jean-Louis Trintignant wuchs als jüngerer von zwei Söhnen einer wohlhabenden provenzalischen Industriellenfamilie in Pont-Saint-Esprit auf. Sein Vater, Raoul Trintignant, war Bürgermeister der Stadt und stand während des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Résistance, wurde in Marseille inhaftiert und kehrte erst nach dem Krieg zu seiner Familie zurück. Trintignants Mutter Claire (geborene Tourtin) wurde im März 1943 kurzfristig von der Gestapo inhaftiert. Enttäuscht über die Geburt eines zweiten Sohnes erzog sie Jean-Louis Trintignant bis zu seinem siebten Lebensjahr als Mädchen.

Früh begeisterte sich Trintignant für Poesie, unter anderem für die Werke Jacques Préverts.[3] Seine Schulzeit verbrachte er in Avignon, wo er das Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur 1950 schrieb er sich zum Studium der Rechtswissenschaft in Aix-en-Provence ein,[2] ging aber stattdessen nach Paris, wo er eine Ausbildung an der Filmhochschule IDHEC begann. Ursprünglich mit dem Ziel herauszufinden, wie man Schauspieler führt, besuchte er einen Schauspielkurs.[4] Er nahm Unterricht bei Charles Dullin und Tania Balachova.[2] Trintignant benötigte mehr als ein Jahr, um seinen südfranzösischen Akzent abzulegen, der auf der Bühne hinderlich gewesen wäre.[4]

Trintignant begann seine Theaterlaufbahn in der Rolle des jugendlichen Helden. Zunächst spielte er kleinere Rollen, etwa am Théâtre National Populaire in Paris. Seine Bühnenpremiere hatte er mit der Compagnie Raymond Hermantier in Jean Mogins Chacun selon sa faim, danach gab er den Mortimer in Friedrich Schillers Drama Maria Stuart. Kurz darauf spielte er am Schauspielhaus von Saint Etienne den Macbeth von Shakespeare. 1953 war Trintignant mit den Stücken Britannicus und Don Juan auf Frankreichtournee und bekam anschließend in Responsabilité limitée von Robert Hossein seine erste größere Rolle in Paris. Dies führte dazu, dass ein Filmagent auf ihn aufmerksam wurde.[5]

Ein weiterer anfänglicher Berufswunsch Trintignants war es, Rennfahrer zu werden. Sein Onkel, Maurice Trintignant, gewann 1954 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans und zweimal den Großen Preis von Monaco. 1980 ging Trintignant dort selbst an den Start. Das 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps 1981 beendete er als Gesamtsiebter. Anfang der 1980er Jahre nahm er an mehreren Rallycross-Rennen in Frankreich teil.

Karriere als FilmschauspielerBearbeiten

1955 begann er seine Karriere als Filmschauspieler in dem Kurzfilm Pechiney von Marcel Ichac, dem das Spielfilmdebüt in Christian-Jaques TKX antwortet nicht (1956) folgte. In Das Gesetz der Straße (1956) von Ralph Habib ist er als Gegenspieler von Jean Gabin zu sehen. Roger Vadims im selben Jahr veröffentlichter Streifen Und immer lockt das Weib, in dem er den schüchternen Ehemann von Brigitte Bardot spielt, machte ihn in Frankreich bekannt. Zwischen 1956 und 1959 war Trintignants Karriere durch den Militärdienst unterbrochen, den er unter anderem in Deutschland ableistete.

International bekannt wurde Trintignant 1966 durch Ein Mann und eine Frau des befreundeten Regisseurs Claude Lelouch. In dem teils in Farbe, teils in Schwarz-Weiß gedrehten Melodram spielen er und seine Filmpartnerin, Anouk Aimée, zwei alleinerziehende Eltern, die trotz komplizierter Vergangenheit zueinander finden. Lelouchs Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes und einen Oscar. Fortan konnte sich Trintignant seine Rollen frei aussuchen,[2] und es folgten Werke wie Sergio Corbuccis Italowestern Leichen pflastern seinen Weg (1968), in dem er den stummen Rächer Silence spielt. Angeboten aus den USA folgte Trintignant nicht.[6]

1969 wurde Trintignant für seine Darstellung eines unbequemen Untersuchungsrichters in Costa-Gavras’ hochgelobtem Polit-Thriller Z als bester Schauspieler auf dem Filmfestival von Cannes ausgezeichnet. Im Jahr zuvor hatte er bereits für den Part des eleganten, redegewandten Mannes in Alain Robbe-Grillets Der Lügner (1968) den Darstellerpreis der Berlinale erhalten.

In den 1970er-Jahren zählte Trintignant zu den gefragtesten Charakterschauspielern Europas. Unter anderem war er die erste Wahl für Bernardo Bertoluccis Skandalfilm Der letzte Tango in Paris (1972). Trintignant arbeitete mit dem Regisseur an den Dialogen, lehnte jedoch eigenen Angaben zufolge die männliche Hauptrolle ab, da seine Tochter den Film für „zu unzüchtig“ hielt.[6] Zu Trintignants bekanntesten Filmen dieser Zeit gehört Das wilde Schaf (1973) mit Jean-Pierre Cassel, Romy Schneider und Jane Birkin. Mit den Komödien Une journée bien remplie (1973) und Der Schwimmeister (1979), zu denen er auch die Drehbücher schrieb, versuchte Trintignant sich auch als Filmregisseur zu etablieren, allerdings ohne Erfolg. Als Synchronsprecher lieh er Jack Nicholson seine Stimme für die französische Fassung von Stanley Kubricks Horrorfilm The Shining (1980).[7][8]

Im Alter wurde Trintignant bezüglich seiner Rollen immer wählerischer. Unter anderem musste er für den Part des pensionierten Richters und verbitterten Menschenfeinds in Krzysztof Kieślowskis Oscar-nominiertem Trilogie-Abschluss Drei Farben: Rot (1994) erst von seiner Tochter Marie überzeugt werden.[9] Ab Mitte der 2000er Jahre zog sich Trintignant, der nach eigener Ansicht vor allem ein Theaterschauspieler war,[10] aufs Land zurück und nahm nur noch Bühnenengagements an und an Lesungen teil.

Dem österreichischen Regisseur Michael Haneke gelang es dennoch, ihn als Erzähler für die französische Fassung des Films Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009) sowie für die Hauptrolle (neben Emmanuelle Riva) in Liebe (2012) zu gewinnen. Das Drama um ein pensioniertes Musikprofessorenpaar aus Paris, dessen Liebe auf die Probe gestellt wird, als die Frau einen Schlaganfall erleidet, wurde mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes und dem Oscar als bester fremdsprachiger Film preisgekrönt und brachte Trintignant erneut das Lob der Fachkritik sowie den Europäischen Filmpreis und seinen ersten César ein.

Am 23. September 2013 kündigte Trintignant an, mit einer Lesung von Gedichten Boris Vians, Robert Desnos’ und Jacques Préverts Anfang Oktober desselben Jahres im Antipolis Théâtre d’Antibes seine Schauspielkarriere zu beenden. „Nach diesen beiden Vorstellungen mach ich nichts mehr. Weder Theater noch Kino. Ich überlasse den Jungen den Platz“, sagte Trintignant.[11] 2017 kehrte er gleichwohl in einer Hauptrolle in Michael Hanekes Happy End auf die Kinoleinwand zurück, was ihm erneut eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis einbrachte. Seine letzte Rolle auf der Kinoleinwand hatte er 2019 in Die schönsten Jahre eines Lebens, einer Fortsetzung des Erfolgsfilms Ein Mann und eine Frau von 1966, in dem er erneut an der Seite von Anouk Aimée spielte und unter Regie von Claude Lelouch stand.

PrivatesBearbeiten

Jean-Louis Trintignant war ab 1954 in erster Ehe mit Colette Dacheville verheiratet, die unter dem Künstlernamen Stéphane Audran eine erfolgreiche Schauspielerin wurde. Noch verheiratet, lernte Trintignant bei den Dreharbeiten zu Und immer lockt das Weib (1956) Brigitte Bardot kennen, mit der er eine von der Presse vielbeachtete Liaison begann.[12] Nach seiner Scheidung von Audran heiratete Trintignant 1961[13] das frühere Scriptgirl Nadine Marquand. Diese wurde unter dem Namen Nadine Trintignant eine bekannte Regisseurin, unter deren Regie Jean-Louis Trintignant mehrfach spielte und die auch die Karriere ihrer gemeinsamen Tochter Marie maßgeblich förderte. Aus der Ehe mit ihr stammen drei gemeinsame Kinder. 1970 verloren sie eine Tochter durch plötzlichen Kindstod. Neben der überlebenden Tochter, Marie (1962–2003), wurde auch Sohn Vincent (* 1973) Schauspieler. Während Dreharbeiten mit ihrer Mutter 2003 in Vilnius wurde Marie Trintignant von ihrem alkoholisierten Freund, dem Sänger Bertrand Cantat, im Streit erschlagen. Die Verurteilung und kurze Haft Cantats löste in Frankreich heftige Debatten aus.[14] Seine dritte Ehefrau war die Ex-Rennfahrerin Marianne Hoepfner Trintignant.[15]

Jean-Louis Trintignant starb im Juni 2022 im Alter von 91 Jahren. Zuvor hatte er 2018 erklärt, an Prostatakrebs erkrankt zu sein, aber keine Behandlung dagegen zu suchen.[16]

FilmografieBearbeiten

Schauspieler (Auswahl)Bearbeiten

RegieBearbeiten

  • 1973: Une journée bien remplie ou Neuf meurtres insolites dans une même journée par un seul homme dont ce n’est pas le métier
  • 1979: Der Schwimmeister (Le maître-nageur)

DrehbücherBearbeiten

  • 1972: Der letzte Tango in Paris (Ultimo tango a Parigi, Mitarbeit an den Dialogen)
  • 1973: Une journée bien remplie ou Neuf meurtres insolites dans une même journée par un seul homme dont ce n’est pas le métier
  • 1979: Der Schwimmeister (Le maître-nageur)
  • 1993: L’oeil écarlate

AuszeichnungenBearbeiten

Motorsport-StatistikBearbeiten

Le-Mans-ErgebnisseBearbeiten

Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Teamkollege Platzierung Ausfallgrund
1980 Deutschland  Malardeau Kremer Racing Porsche 935 K3 Frankreich  Xavier Lapeyre Frankreich  Anne-Charlotte Verney Ausfall Getriebeschaden

LiteraturBearbeiten

DokumentarfilmeBearbeiten

  • Jean-Louis Trintignant. Warum ich lebe. (OT: Jean-Louis Trintignant. Pourquoi je vis.) Fernseh-Dokumentation, Frankreich, 2012, 76:10 Min., Buch: Luis Paraz, Regie: Serge Korber, Produktion: arte France, Zeta Productions, Ciné Developpement, Film-Informationen von ARD.
    „Der sonst extrem verschlossene Trintignant offenbart im Vertrauen auf seinen Freund hier zum ersten Mal auch sehr Persönliches.“
  • Jean-Louis Trintignant – Lebensfreude elegant. Gespräch mit Video-Einspielungen, Frankreich, 2012, 43:30 Min., Moderation: Vincent Josse, Produktion: arte France, Redaktion: Square, deutsche Erstsendung: 18. November 2012 bei arte, Film-Informationen von arte, (Memento vom 8. April 2015 im Internet Archive).

WeblinksBearbeiten

Commons: Jean-Louis Trintignant – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Interviews

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Amaury Giraud: L'acteur Jean-Louis Trintignant est décédé à 91 ans. In: Le Monde. 17. Juni 2022, abgerufen am 18. Juni 2022 (französisch).
  2. a b c d hy: Jean-Louis Trintignant. In: Internationales Biographisches Archiv 39/2005 vom 1. Oktober 2005, ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 37/2012, in: Munzinger-Archiv.
  3. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe.@1@2Vorlage:Toter Link/www.arte.tv (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Dokumentarfilm, arte, 2012 (4:30 Min. ff.).
  4. a b Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (11:00 Min. ff.).
  5. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (13:00 Min. ff.).
  6. a b Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (37:20 Min. ff.).
  7. Der kultivierte Grübler - Jean-Louis Trintignant wird 90 - Berliner Tagesspiegel vom 10. Dezember 2020
  8. Blow up - Hommage an Jean-Louis Trintignant auf arte.tv (The Shining ab ca. 4:10 min)
  9. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (63:30 Min. ff.).
  10. Cannes-Pressekonferenz (französisch/englisch) (Memento des Originals vom 10. Februar 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.festival-cannes.fr vom 20. Mai 2012 (3:00 Min. ff.; abgerufen am 16. Juli 2012).
  11. Dpa: Jean-Louis Trintignant beendet seine Karriere. In: Zeit online, 23. September 2013.
    feb/AFP: Schicht mit 82: Schauspielstar Jean-Louis Trintignant geht in Rente. In: Spiegel Online, 23. September 2013.
    SpOn zitiert wie folgt: „Ich mache nichts mehr. Weder Theater, noch Kino. Platz für die Jungen.“
  12. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (16:00 Min. ff.).
  13. Jean-Louis Trintignant. In: World who’s who: Europa biographical reference. Routledge, London 2002 (Online-Datenbank).
  14. https://www.stern.de/lifestyle/leute/prozess-der-tod-der-marie-trintignant-3073842.html, aufgerufen am 28. Januar 2022.
  15. Französischer Filmstar: Jean-Louis Trintignant gestorben. In: Der Spiegel. 17. Juni 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 31. August 2022]).
  16. Manon Bricard: Jean-Louis Trintignant : jeunesse, femmes, mort... Biographie d'un immense acteur. Abgerufen am 27. Juni 2022 (französisch).