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Halle-Neustadt

Stadt in der ehemaligen DDR, heutiger Stadtteil von Halle (Saale)

Halle-Neustadt, im Volksmund auch Ha-Neu genannt, war eine Stadt im Bezirk Halle der Deutschen Demokratischen Republik und bezeichnet heute den Stadtteil Neustadt der Stadt Halle (Saale) mit seinen vier Stadtvierteln Nördliche Neustadt, Südliche Neustadt, Westliche Neustadt und Gewerbegebiet Neustadt.

Halle-Neustadt
Wappen
Wappen

Staat Deutschland
Bundesland Sachsen-Anhalt
Stadt Halle (Saale)
Stadtbezirk West
Fläche 9,855 km²
Einwohner 45.952 (31.12.2018)
Bevölkerungsdichte 4.663 Einwohner je km²
Art Großwohnsiedlung

Sie wurde am 12. Mai 1967 zur eigenständigen und kreisfreien Stadt erklärt, nachdem sie ursprünglich als neuer Stadtteil von Halle (Saale) erbaut worden war. Die Einwohnerzahl betrug Ende 1972 ca. 51.600 und erreichte am Jahresende 1980 mit 93.578 Einwohnern ihren Höchstwert. Am 6. Mai 1990 wurde Halle-Neustadt in die Stadt Halle (Saale) eingemeindet. Die Bevölkerungszahl hat sich seitdem etwa halbiert und betrug Ende 2018 45.952 Einwohner.[1]

GeographieBearbeiten

 
Blick auf Halle-Neustadt von einem Punkthochhaus. Links im Hintergrund sind die sog. Scheiben zu sehen. Rechts im Hintergrund ist das Waldgebiet der Dölauer Heide zu erkennen.

Halle-Neustadt liegt am Westrand der Saaleaue wenige Kilometer westlich der Altstadt von Halle (Saale). Das Wohngebiet wird dominiert durch acht, vorwiegend aus Plattenbauten bestehende Wohnkomplexe. Jedes dieser Gebiete enthielt früher eine Schule sowie Arztpraxen und Kindergärten und heute mindestens einen Supermarkt. Im Süden des Stadtteils liegt zusätzlich noch das Wohngebiet Südpark, das einem eigenen Wohnkomplex entspricht. Unmittelbar am Nordwestrand von Halle-Neustadt liegt der dörflich geprägte Stadtteil Nietleben. Während dieses beim Bau von Halle-Neustadt bestehen bleiben durfte, sind von der Ortschaft Passendorf im südlichen Teil der Neustadt nur noch wenige kleinere Häuser zu finden (siehe dazu Südliche Neustadt (Halle)).

Halle-Neustadt wird verkehrstechnisch erschlossen durch eine große vierspurige Allee, die „Magistrale“ genannt wird. Stadtbahngerecht (auf einem eigenen Gleiskörper) in der Mitte dieser Straße verläuft eine von mehreren Linien benutzte Straßenbahnstrecke der HAVAG einmal durch Halle-Neustadt hindurch. Diese verbindet es mit der Altstadt.[2] Von der Magistrale zweigen kleinere Erschließungsstraßen für die Wohnkomplexe ab. Von diesen zweigen wiederum noch kleinere Straßen ab, an denen die meisten Wohnblöcke stehen. Im ganzen Gebiet existiert ein weit ausgedehntes Netz aus Fuß- und Radwegen. Die Bundesstraße 80 führt von Osten kommend südlich als fast kreuzungsfreie Schnellstraße um Halle-Neustadt herum und verlässt das Gebiet im Westen in Richtung Lutherstadt Eisleben.[3]

Neben der Ost-West-verlaufenden Straßenbahnverbindung auf der Magistrale gibt es noch eine weitere am Nordostrand von Halle-Neustadt.[4] Diese verbindet den Stadtteil mit den nördlich gelegenen Stadtteilen Heide-Süd und Kröllwitz. Außerdem führt eine Strecke der S-Bahn Mitteldeutschland von Nord nach Süd in einem Tunnel mitten durch Halle-Neustadt.

 
Das Stadtteilzentrum mit den sog. Scheiben und der 1970 bis 1975 erbauten und 2005/06 sanierten Neustädter Passage.
 
Das Neustadt Centrum an der Magistrale

In der Mitte von Halle-Neustadt, unmittelbar nördlich der Magistrale existiert das Zentrum von Halle-Neustadt. Hier wurde in der Vergangenheit eine Fußgängerzone auf zwei Etagen mit verschiedenen Einkaufsläden gebaut. Ihren Abschluss findet diese im Westen an einem großen Einkaufszentrum, dass neben verschiedenen Händlern auch ein großes Kino beherbergt. Es wird Neustadt Centrum genannt.[5] Die dominantesten Gebäude des Zentrums sind jedoch die sog. Scheiben. Diese fünf länglichen Hochhäuser stehen bis auf eines seit vielen Jahren leer. Die Stadt bemüht sich, Investoren für eine Sanierung zu finden.[6] Im Zentrum von Halle-Neustadt existiert unter einem Platz ein Tunnelbahnhof der S-Bahnstrecke. In dem ehemals als Rathaus gebauten Gebäude südwestlich davon hat heute das sachsen-anhaltische Landesamt für Vermessung und Geoinformation (LVermGeo) eine Außenstelle.[7]

Halle-Neustadt bietet vielseitige Erholungsmöglichkeiten. Zum einen sind die Wohnblöcke fast durchgängig in Grünflächen eingebettet. Zusätzlich gibt es noch größere Parks wie den Südpark. Dieser erstreckt sich auf beiden Seiten eines Altwassers der Saale (siehe Kirchteich). Ein großer Teil des Nordrandes von Halle-Neustadt besteht aus einem lang gestreckten Landschaftspark. Nördlich des Zentrums gibt es dazu den Bruchsee in einem alten Muschelkalk-Steinbruch. Während des Winters ist eine Schwimmhalle geöffnet[8] und während des Sommers stehen drei Freibäder in der unmittelbaren Umgebung zur Verfügung.[9][10] Verschiedene Sportvereine unterhalten Sportplätze in und um Halle-Neustadt. Zuletzt gibt es eine provisorische Eissporthalle[11] und eine Pferderennbahn.

Im Südwesten von Halle-Neustadt gibt es das Gewerbegebiet Neustadt. Hier betreibt die Coca-Cola Company eine Flaschenfabrik und Abfüllstation.[12] Außerdem ist in den letzten Jahren eine Automatenfabrik der Firma Gollmann Kommissioniersysteme GmbH hinzugekommen.[13] Nördlich von Halle-Neustadt schließt sich auf der anderen Seite des Landschaftsparkes der Wissenschafts-, Forschungs- und Wirtschaftsstandort Weinberg Campus an, in dem verschiedene Institute der Martin-Luther-Universität sowie weitere Forschungseinrichtungen stehen.

BevölkerungskennzahlenBearbeiten

Die Stadt Halle (Saale) gab in ihrem Stadtteilkatalog 2015 Kennzahlen für die einzelnen Stadtviertel heraus. Im Folgenden werden daraus einige Kennzahlen der Wohngebiete Nördliche Neustadt, Südliche Neustadt und Westliche Neustadt genannt.[14]

Die Bevölkerung der Nördlichen Neustadt hatte 2015 ein Durchschnittsalter von 48,1 Jahren. Damit lag sie drei Jahre über dem Halleschen Durchschnitt. Sie hatte weiterhin 2015 einen Ausländeranteil von 8,1 %, was in einem für Halle durchschnittlichen Bereich liegt. Im Bundesdeutschen Vergleich ist der Ausländeranteil der Nördlichen Neustadt unterdurchschnittlich. Die Arbeitslosenquote der Nördlichen Neustadt betrug 2015 rund 13,8 %.

Die Südliche Neustadt hatte 2015 ein deutlich geringeres Durchschnittsalter mit 43,1 Jahren. Sie lag damit unter dem Durchschnittsalter der Stadt Halle. Der Ausländeranteil der Südlichen Neustadt lag 2015 bei 20,1 %. Damit lag sie sowohl im halleschen als auch im bundesdeutschen Vergleich überdurchschnittlich. Weiterhin war die Arbeitslosenquote in der Südlichen Neustadt 2015 mit 17,4 % auf einem für deutsche und hallesche Verhältnisse vergleichsweise hohen Niveau.

Die Westliche Neustadt hatte 2015 mit 51,5 Jahren ein noch höheres Durchschnittsalter als die Nördliche Neustadt. Weiterhin hatte sie mit 5,1 % einen selbst im halleschen Vergleich noch unterdurchschnittlichen Ausländeranteil und die Arbeitslosenquote liegt mit 13,5 % etwas niedriger, aber in derselben Größenordnung wie die der Nördlichen Neustadt.

GeschichteBearbeiten

Von der Gründung bis zur WiedervereinigungBearbeiten

 
1967 – Die Bahnverbindung nach Leuna und Buna, Bahnhof Halle-Neustadt, heute Zscherbener Straße

Die eigentliche Stadtgeschichte begann 1958 mit einer Konferenz des Zentralkomitee der SED zum Thema „Chemieprogramm der DDR“, auf der die Ansiedlung von Arbeitskräften in der Nähe der Chemiestandorte der Buna-Werke in Schkopau und der Leunawerke in Leuna beschlossen wurde. Nach umfangreichen Standortuntersuchungen und Planungen im Bezirk Halle beschloss das Politbüro der SED am 17. September 1963 den Aufbau der „Chemiearbeiterstadt“, von den Einwohnern meist kurz „Neustadt“ oder „Ha-Neu“ genannt, wobei die Stadt in größerer Entfernung von den Chemieanlagen errichtet wurde.

Chefarchitekt von Halle-Neustadt war Richard Paulick; seine Stellvertreter und Leiter von Entwurfsgruppen waren Joachim Bach, Horst Siegel, Karl-Heinz Schlesier, Sigbert Fliegel und Harald Zaglmaier.

Bereits zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert bestand die Notwendigkeit, aufgrund der rasant wachsenden Bevölkerung nach neuen Flächen für Wohnungsbau zu suchen. Dabei war die Nord-Süd-Ausdehnung der Stadt Halle – eingezwängt zwischen Saale im Westen sowie Bahngleisen und Industriegebieten im Osten – eines der Hauptprobleme. Aus diesem Grund fielen Überlegungen auf Gebiete westlich der Altstadt im Bereich der Ortslage Passendorf und der Saale. Wegen der äußerst schwierigen geologischen und vor allem hydrologischen Bedingungen durch Grund- und Hochwasser wurde die Entwicklung dieses Gebietes zu einem weiteren Wohnstandort für die Stadt Halle verworfen. In den 20er Jahren wurde die Idee nochmals aufgegriffen jedoch wieder ad acta gelegt. Zu einer größeren Neuanlage von Wohnraum in dieser Gegend kam es daher einzig nordöstlich des damals noch eigenständigen Vorortes Nietleben, wo eine Gartenstadt nach dem Vorbild der Dresdener Vorstadt Hellerau errichtet wurde.

Die neue Stadt wurde am Rande der Saaleaue zwischen der kleinen Ortschaft Zscherben sowie den halleschen Ortsteilen Passendorf und Nietleben platziert, wobei Passendorf größtenteils abgerissen wurde. Reste des dörflichen Charakters jener Siedlung, darunter auch das ehemalige Rittergut, sind nur entlang der Kamm- und Teichstraße erhalten geblieben. Mit der Errichtung des Wohngebietes Südpark wurde diese Straße schließlich zu einer Art dörflichen Oase im sonst von Hochhäusern geprägten Stadtbild.

 
Elan der frühen Jahre: „Aufbauhelfer“ von Rudolf Hilscher 1975

Am 1. Februar 1964 wurde das Plattenwerk eröffnet, das die Betonfertigteile für die Großplattenbauweise in der neuen Stadt produzierte. Am 15. Juli 1964 legte Horst Sindermann, erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, den Grundstein für den Bau der sozialistischen Wohnstadt westlich von Halle auf dem Gelände der Schule „Erste POS“. Im Gegensatz zu den folgenden Schulen, die nach Persönlichkeiten und Funktionären benannt wurden, behielt diese Schule den Namen „Erste POS“. Der Baustil dieser Schule und der zweiten POS „Ernst Thälmann“ hob sich vom Rest der insgesamt 28 Schulen deutlich ab. Die anderen Schulen wurden mit „atomsicheren“ Bunkern ausgestattet, in deren zentralen Kellergeschossen befanden sich jeweils eine Lüftungsanlage und an die Fensterscheiben anklappbare Betonelemente. Ein Beispiel dafür ist der Verbindungstrakt der 15. POS „Hermann-Matern“ und der ehemaligen 16. POS „Otto-Grotewohl“. Ein Jahr später, am 9. August 1965, zogen die ersten Mieter nach Halle-Neustadt.

Noch vor Fertigstellung des ersten Wohnkomplexes 1968 wurde am 12. Mai 1967 die neue Siedlung vom Stadtteil Halle-West zur Stadt Halle-Neustadt erklärt und das Gebiet formell aus dem Stadtgebiet von Halle herausgelöst. Von 1970 bis 1990 war Liane Lang Oberbürgermeisterin der Stadt.[15] Für die Stadt wurde ein eigener Friedhof Neustadt errichtet.

Die neue Stadt erhielt den offiziellen Beinamen „Sozialistische Stadt der Chemiearbeiter“. Sowjetische Soldaten der 27. Garde-Mot. Schützendivision, die in der nahegelegenen Kaserne Heide-Süd untergebracht waren, wurden mit zahlreichen Arbeitseinsätzen zum Aufbau kommandiert. Eine Vielzahl von Wohnblöcken im nördlichen Stadtgebiet waren für deren Familien reserviert und standen nach Abzug der Truppen zu Beginn der 1990er Jahre leer.

 
Typische Ansicht der Wohnblöcke in Halle-Neustadt um 1978

Da wesentliche zentrale Infrastruktureinrichtungen erst spät oder nie fertiggestellt wurden – so gab es zur DDR-Zeit zum Beispiel nie ein Hotel oder ein Warenhaus in der Stadt –, blieb Halle-Neustadt kaum mehr als eine Schlafstadt für die im Schichtrhythmus der Chemieanlagen lebenden Chemiearbeiter und deren Familien. Die Erschließung der Stadt blieb, trotz des zentralen „Rennbahnkreuzes“, unbefriedigend, da die zentrale Straßenbahnlinie entlang der Magistrale in der DDR nicht gebaut wurde, offiziell aufgrund zu geringer Straßenbahnstromkapazitäten. Busse und die S-Bahn trugen die Hauptlast des öffentlichen Personennahverkehrs. Über den in der Stadtmitte gelegenen Tunnelbahnhof sowie den S-Bahnhof Zscherbener Straße gab es eine direkte Pendlerverbindung Richtung Merseburg zu den Chemiekombinaten Buna Schkopau und Leuna passend zu deren Schichtzeiten. Eine vorhandene Straßenbahnlinie vom Stadtzentrum Halle (Saale) aus Richtung Heide tangierte nur den VIII. Wohnkomplex am östlichen Rand, erschloss also nur einen Bruchteil der Stadt.

1982 wurde das Kino Prisma als letzter Kinoneubau der DDR eröffnet, das eine der wenigen kulturellen Einrichtungen blieb. 1999 wurde das Kino zugunsten eines Einkaufscenters mit Multiplex-Kino abgerissen. Für Kultur und anspruchsvolleres Einkaufen blieb die Altstadt von Halle unverzichtbar. Naherholungsmöglichkeiten bieten der Mischwald der angrenzenden Dölauer Heide mit dem Heidesee und der „Kanal“ aus Resten des unvollendeten Umgehungskanals Halle.[16]

Im Gegensatz zu späteren Großplattensiedlungen der DDR wurde Halle-Neustadt großzügig geplant, mit Kunst am Bau versehen und vor allem im zwischen 1964 und 1968 errichteten I. Wohnkomplex üppig begrünt. Dessen architektonischer Höhepunkt ist ein 380 Meter langer elfgeschossiger Wohnblock, der „Block 10“, das größte je in der DDR gebaute Wohnhaus. Damit dieser keinen Sperrriegel darstellte, welcher hätte umständlich umlaufen werden müssen, war er an drei Stellen mit Durchgängen für Fußgänger versehen worden. In diesem Block wohnten bis zu 2500 Menschen, mehr als seinerzeit in Wörlitz, ein damals oft verwendeter Vergleich. Ein Teil dieses Blockes wurde von einem Pflegeheim genutzt.

In den weiteren acht Wohnkomplexen wurde später wesentlich enger gebaut, so dass deutlich weniger Platz für Grünflächen blieb. Das war größtenteils dem Wohnungsbauprogramm der DDR geschuldet. Der Bedarf an Wohnraum konnte jedoch vor allem in Halle und Halle-Neustadt bis 1990 nicht abgedeckt werden.

Die Gestaltung eines Stadtzentrums war schwierig, da nach der ursprünglichen Baukonzeption jeder der fünf Baukomplexe ein eigenes Zentrum mit Kaufhalle, Ambulatorium, Apotheke, Post und Gaststättenkomplex haben sollte, dazu kamen Schulen, Kindergärten und Sportanlagen. Am zentralen Platz sollte ein 100 Meter hohes markantes „Haus der Chemie“ erbaut werden, welches aus Kostengründen nie realisiert wurde. So klaffte über Jahre hinweg eine große Baugrube zwischen der Hauptpost und dem Kino Prisma, in der sich das Grund- und Regenwasser sammelte und im Winter mehrere Rodelstrecken mit diversen Schwierigkeitsgraden darstellte.

Eine Besonderheit war der Verzicht auf Straßennamen, stattdessen wurden alle Wohnblöcke und Eingänge nach einem für Außenstehende kaum zu durchschauenden Prinzip durchnummeriert. Nach der Wende 1989/90 wurde dieses System zugunsten von Straßennamen abgeschafft. Ausgangspunkt dafür war das Kreuz „Magistrale/S-Bahn“. Jeder Wohnkomplex hatte einen oder zwei Ziffern für die Hunderterstelle mit Ausnahme der Häuser entlang der Magistrale, die alle eine führende ‚0‘ hatten, wenn der Eingang zur Magistrale zeigte. Die Zehnerstelle hing davon ab, die wievielte Straße vom zentralen Kreuz aus gesehen betrachtet wurde. Die Einerstelle war das entsprechende Gebäude – beispielsweise hatte der I. Wohnkomplex die ‚6‘ als erste Stelle. Eine typische Adresse war beispielsweise Block 107 Haus 2.

Staats- und Parteichef Erich Honecker hatte nur wenig Interesse am Lieblingsprojekt seines Vorgängers Walter Ulbricht und dessen Chemiekampagne. Er konzentrierte sich stattdessen auf die Hauptstadt Berlin und das republikweite Wohnungsbauprogramm. Erst 1989 wurde das Rathaus errichtet, das jedoch wegen Eingemeindung nach Halle nie seiner eigentlichen Bestimmung diente. Das Zentrum der Stadt war die Neustädter Passage auf zwei Ebenen mit mehreren Kaufhäusern, Fachgeschäften, Zentral-Poliklinik, Hauptpost und dem Haus der Dienste entlang der „Scheiben“. In diesem Bereich sollte auch das Rathaus der Stadt Halle-Neustadt entstehen, der Bau war bei den damaligen Entscheidungsträgern umstritten, wurde mehrfach unterbrochen und erst im Jahr 1990 fertiggestellt. Die „Scheiben“ sind fünf 18-geschossige Hochhäuser mit Mittelgangstruktur, die einerseits als Studentenwohnheime der Martin-Luther-Universität, aber auch als Arbeiterwohnheime der Chemiekombinate Buna und Leuna genutzt wurden. Sie wurden 1970 bis 1975 errichtet und stehen heute bis auf eine Scheibe leer. Mit dem Abriss tut sich die Stadtverwaltung bis heute schwer, da die Scheiben ein Rückgrat der Neustädter Architektur bilden. Die Neustädter Passage wurde 2005 und 2006 umfassend erneuert. Am Rande Halle-Neustadts war auch der mächtige Komplex der Bezirksverwaltung Halle und der Kreisdienststelle Halle-Neustadt des MfS untergebracht, in dem nach der Wende das Finanzamt und die Universität Halle seinen Sitz haben bzw. hatten.

Nach 1990Bearbeiten

 
Nach dem Hochwasser von 2013 neu gebaute Eissporthalle in der Nördlichen Neustadt

Nach einer Abstimmung anlässlich der Kommunalwahl am 6. Mai 1990 wurde Halle-Neustadt mit der Stadt Halle vereinigt. Seither umfasst das ehemalige Stadtgebiet den Großteil vom Stadtbezirk West der Stadt Halle, mit den Stadtteilen Nördliche Neustadt, Südliche Neustadt, Westliche Neustadt und Gewerbegebiet Neustadt.

Die Einwohnerzahl ist seit 1990 deutlich auf 45.952 Einwohner (Stand: Ende 2018) gesunken.[1] Die Generation der Erstmieter, mittlerweile meist im Rentnerstand, wohnt noch recht gern in diesem Stadtteil, der sich längst zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt hat.[17][18] Der zunehmende Wohnungsleerstand führte dazu, dass inzwischen die ersten Wohnblocks im Rahmen des Programmes Stadtumbau Ost abgerissen werden. Gleichzeitig wird der Wohnungsbestand aber auch saniert, wodurch die zwischenzeitlich nicht sehr beliebten Plattenbauwohnungen eine bessere Wohnqualität erhalten. Dazu dienten auch die Erweiterung des Straßenbahnnetzes auf der Magistrale zwischen dem jetzigen Stadtbezirk West und anderen Stadtbezirken der Stadt Halle und der Bau mehrerer Supermärkte und Einkaufszentren, von denen das 2000 eröffnete Neustadt-Centrum das bedeutendste ist.

2006 fand in Halle-Neustadt eine Ausstellung der Kulturstiftung des Bundes unter dem Titel „Shrinking Cities“ zu sogenannten schrumpfenden Städten statt.

Nachdem eine Fußgängerbrücke aufwendig saniert worden war, fiel sie wenige Jahre später dem Neubau der Straßenbahnstrecke zum Opfer. Einige Fußgängertunnel wurden durch oberirdische Querungen mit Ampeln ersetzt, die der Beruhigung des Fahrzeugverkehrs dienen sollen.

Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung „Stadtumbau 2010“ bilden Alt- und Neustadt von Halle das Thema Balanceakt Doppelstadt. Projekte auf dem Gebiet der Neustadt sind der Bau einer Skateranlage im Südosten des Stadtteilzentrums sowie die Neugestaltung des zentralen Platzes im Wohngebiet Am Tulpenbrunnen und der sogenannten Grünen Galerie.[19]

Im Juni 2013 waren die östlichen und südöstlichen Teile Halle-Neustadts beim Saalehochwasser von Überflutung bedroht. Der Deich am Gimritzer Damm drohte einzubrechen. Den Bewohnern wurde dringend empfohlen, die Gefährdungsgebiete zu verlassen.[20]

Nachdem die während des Hochwassers von 2013 beschädigte alte Eissporthalle aus DDR-Zeiten abgerissen werden musste, wurde im Jahre 2014 in der Nördlichen Neustadt eine neue, moderne Eissporthalle errichtet.[21]

Entwicklung der EinwohnerzahlBearbeiten

 
Nach der Wende wurde viel saniert. Bild von sogenannten Y-Hochhäusern in Plattenbauweise aus dem Jahr 2006: saniert und unsaniert. Mittlerweile ist auch das rechts im Bild saniert.

Die Einwohnerzahl von Halle Neustadt nahm während des Baus der Stadt in der DDR schnell auf über 90.000 Einwohner zu. In den ersten Jahren nach der Wende bis ungefähr 2010 verlor die Siedlung die Hälfte ihrer Einwohner wieder. Nach einigen Jahren der Stagnation der Einwohnerzahl ist seit ungefähr 2015 wieder ein Wachstum zu erkennen, das jedoch deutlich langsamer ist als in den Anfangsjahren. Die folgende Tabelle und das folgende Diagramm zeigen die Entwicklung der Einwohnerzahl Halle-Neustadts ohne Wohnheimplätze.[22][23]

Jahr Einwohner
1965 595
1966 3.982
1968 19.208
1970 35.180
1974 67.956
Jahr Einwohner
1983 91.563
1990 ca. 90.000
1993 83.803
1996 77.650
1999 65.084
Jahr Einwohner
2000 58.195
2005 50.293
2010 45.157
2015 45.025
2018 45.952
 

WappenBearbeiten

 
Wappen von Halle-Neustadt

Das Wappen wurde am 15. Juli 1984 von der Stadtverordnetenversammlung Halle-Neustadt auf einer festlichen Sitzung anlässlich des 20. Jahrestages der Grundsteinlegung beschlossen. Dieses Stadtwappen hatte bis zum 6. Mai 1990, dem Zeitpunkt der Eingemeindung der Stadt nach Halle, seine Gültigkeit.

Blasonierung: „In Rot drei aus einer aufbrechenden gold-grünen Knospe auffliegende silberne Tauben; darüber ein liegender goldener Schlüssel, dessen Schließblatt in Form eines sechseckigen Benzolrings gestaltet und dessen Bart mit einem sechsstrahligen roten Stern belegt ist.“

Mittelpunkt des Wappenbildes bildet eine stilisierte Taubengruppe als Symbol des Friedens. Die Tauben sind an Pablo Picassos Friedenstauben angelehnt. Die Stadt konnte und kann nur im Frieden erblühen. Die Taubengruppe erhebt sich aus einer aufbrechenden Knospe, symbolisiert Freude, Optimismus und Zukunft. Die Taubengruppe hat bereits ihre eigene symbolische Tradition durch den bekannten Taubenbrunnen. Der in Gold gehaltene Schlüssel im Wappenbild verkörpert die zehntausendfache Schlüsselübergabe in der neuen Stadt, die den Weg freigab für eine bessere Lebensqualität und das zukunftsweisende Konzept. Um die Funktion Halle-Neustadts als Chemiearbeiterstadt zu verdeutlichen, wurde das Schließblatt des Schlüssels in Form eines Benzolrings grafisch umgesetzt. Das Wappen symbolisiert die engen Beziehungen zwischen Halle und Halle-Neustadt durch die Verwendung und Einbeziehung eines sechsstrahligen Sterns aus dem Wappen der Stadt Halle. Der rottingierte Schild soll den Bezug zur Arbeiterbewegung darstellen.

LiteraturBearbeiten

  • Peer Pasternack (u. a.): 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt. Idee und Experiment. Lebensort und Provokation. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, ISBN 978-3-95462-287-0.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Stadt Halle (Saale): Veröffentlichungen – Themenbereich Statistik, Wahlen, Gebietsgliederung
  2. Michael Falgowski: Straßenbahn Gigantisches Bauprojekt erschließt Neustadt. Online veröffentlicht auf https://mz-web.de am 12. August 2013.
  3. Landesamt für Vermessung und Geoinformation Sachsen-Anhalt: Sachsen-Anhalt-Viewer. Online zu finden auf: https://lvermgeo.sachsen-anhalt.de, aufgerufen am: 22. Mai 2019.
  4. Detlef Färber: Bauarbeiten in Rekordzeit Bald sollen wieder Bahnen am Gimritzer Damm rollen. Veröffentlicht online aufhttps://mz-web.de am 3. Oktober 2018.
  5. Website des Einkaufszentrums Neustadt Centrum Halle. Zugriff am 22. Mai 2019.
  6. MZ Artikel zu den Scheiben vom 24. Februar 2014
  7. Kontaktdaten auf der Website des Landesamts für Vermessung und Geoinformation, Zugriff am 22. Mai 2019.
  8. Website der Schwimmhalle auf https://baden-in-halle.de, Zugriff am 22. Mai 2019.
  9. https://baden-in-halle.de, dort die Unterkapitel Freibad Saline und Naturbad Angersdorfer Teiche. Zugriff am 22. Mai 2019.
  10. Enrico Seppelt: Heidebad in Halle startet die Badesaison. Online veröffentlicht auf https://dubisthalle.de am 12. April 2019.
  11. Dirk Skrzypczak: Vier Jahre nach der Flut Provisorium soll wieder richtige Eissporthalle werden Veröffentlicht online auf https://mz-web.de am 2. Oktober 2017.
  12. Anne Schneemelcher: Coca-Cola-Abfüllstation in Neustadt Ein Schluck Halle für alle. Online veröffentlicht auf https://mz-web.de am 6. August 2015.
  13. Enrico Seppelt: Apotheken-Automaten-Hersteller Gollmann eröffnet neues Werk in Halle-Neustadt. Online veröffentlicht auf dubisthalle.de https://dubisthalle.de am 12. April 2018.
  14. Stadt Halle (Saale), Fachbereich Einwohnerwesen: Stadtteilkatalog 2015 (online), dort S. 15f., aufgerufen am 13. September 2019.
  15. Mitteldeutsche Zeitung: 50 Jahre Halle-Neustadt – Chronologie, Reportagen, Veranstaltungen und Bilder zum 50-jährigen Jubiläum der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt. Abgerufen am 25. November 2014.
  16. Andere Kanäle auf der Webpräsenz des Saale-Elster-Kanal Fördervereins e.V.
  17. Bundesfamilienministerium: Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten. (PDF-Datei; 174 kB) abgerufen am 25. November 2014.
  18. Deutsches Jugendinstitut: Governance-Strategien und lokale Sozialpolitik. (Memento des Originals vom 4. Oktober 2013 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dji.de (PDF-Datei; 959 kB) abgerufen am 25. November 2014.
  19. Internationalen Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt: Halle (Saale): Balanceakt Doppelstadt. (Memento des Originals vom 16. Mai 2014 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.iba-stadtumbau.de
  20. Hallespektrum: Krisenstab empfiehlt dringend das Verlassen von Gefährdungsgebieten. am 5. Juni 2013.
  21. halle.de: Sparkassen Eisdom. Informationen zur neuen Eissporthalle. Aufgerufen am 13. September 2019.
  22. Pasternack u. a. (2014), dort Seite 592.
  23. Stadt Halle (Saale), Fachbereich Einwohnerwesen: Halle in Zahlen. (online) aus den Jahren 2000 bis 2018.

Koordinaten: 51° 29′ N, 11° 55′ O