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Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch

Terroranschlag in Christchurch, Neuseeland
Ambox current red.svg Dieser Artikel beschreibt ein aktuelles Ereignis. Die Informationen können sich deshalb rasch ändern.

Koordinaten: 43° 32′ S, 172° 37′ O

Masjid-al-Noor-Moschee von Canterbury, Christchurch (2006)
Lage von Christchurch auf der Südinsel Neuseelands

Bei einem Anschlag in zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) wurden am 15. März 2019 49 Menschen getötet und 48 Menschen durch Schüsse verletzt.[1] Einer der Verletzten erlag später noch seinen Schusswunden im Krankenhaus. Die Tat ist nach der Zahl der Todesopfer das schwerste Verbrechen in der Geschichte Neuseelands seit 1943. Als Tatverdächtiger inhaftiert und wegen Mordes angeklagt wurde der aus Australien stammende Rechtsextremist Brenton Tarrant.[2] Der Täter griff gezielt islamische Zentren der Stadt an und berief sich bei seinen Handlungen auf eine Reihe rechter und islamophober Theorien wie u. a. die des sogenannten Großen Austausches.[3]

Inhaltsverzeichnis

TathergangBearbeiten

 
Lage der beiden Moscheen in Christchurch

Nach Augenzeugenberichten schoss um etwa 13:45 Uhr Ortszeit ein mit Action-Camcorder und kugelsicherer Weste ausgestatteter Mann in der Masjid-al-Noor-Moschee im Ortsteil Riccarton mit einer halbautomatischen Schusswaffe gezielt auf Muslime, die sich zum Freitagsgebet versammelt hatten. Per Live-Streaming auf Facebook konnten Menschen online verfolgen, wie der Täter nach einer kurzen Autofahrt den Zielort erreichte und das Feuer auf im Eingangsbereich stehende Personen eröffnete, die Moschee betrat und innerhalb weniger Minuten zahlreiche in den Räumen Anwesende niederstreckte. Nach dem Verlassen begann der Täter im Freien um sich zu schießen, wechselte an seinem Auto seine Selbstladewaffe und kehrte nochmals zurück.[4] Im Gebäude feuerte er erneut auf bereits am Boden Liegende, anschließend auf dem Weg zu seinem Fahrzeug sowie auf der Fahrt vom Tatort weg auf Passanten.[5] Bei diesem ersten Terrorakt wurden 42 Menschen getötet.

Der Täter fuhr zum Linwood Islamic Centre, einer Moschee im Stadtteil Linwood. Dort erschoss er weitere sieben Personen und wurde dabei von einem Anwesenden, der aus Afghanistan stammte, attackiert.[6] Daraufhin verließ der Täter das Areal und wurde später auf der Flucht von der Polizei gestellt.

OpferBearbeiten

Bei den Anschlägen wurden insgesamt 50 Menschen im Alter von 3 bis 71 Jahren getötet,[7] davon 42 in der Masjid-Al-Noor-Moschee im Stadtteil Riccarton, sieben im Linwood Islamic Centre in Linwood und ein Opfer starb im Christchurch Hospital der Stadt.[8] Nach offiziellen Angaben wurden 48 Personen mit Schusswunden im Krankenhaus der Stadt behandelt, darunter auch Kinder.[9] Unter den Opfern befand sich der Unternehmer und neuseeländische Futsal-Nationalspieler Atta Elayyan.[10]

Die angegriffenen Besucher des Freitagsgebets in den beiden Moscheen gehörten zu der rund 50.000 Menschen zählenden muslimischen Minderheit Neuseelands (etwa 1,04 % Bevölkerungsanteil).[11] Unter den bislang bekannten Getöteten und Verletzten sind nach ersten Informationen neben Neuseeländern Menschen aus Afghanistan, Bangladesch, Indien, Palästina, Jordanien, Tunesien, Somalia und Syrien.[12][13]

TatverdächtigerBearbeiten

Bei dem Schützen handelt es sich um den 28-jährigen Australier Brenton Tarrant,[2][14] der seit zwei Jahren in der südlich von Christchurch gelegenen Stadt Dunedin lebte und dort auch die zur Tatzeit verwendeten Waffen legal erworben haben soll. Er ist seit 2018 Mitglied eines örtlichen Schützenvereins, bei dem er mit einem halbautomatischen AR-15-Gewehr trainierte.[15] Der mutmaßliche Täter wurde von Australiens Premierminister Scott Morrison als Rechtsextremist eingestuft.

Der Verdächtige streamte Video der Tat mithilfe eines Action-Camcorders. Facebook, YouTube, Google und Twitter sperrten später das Filmmaterial nach Aufforderung durch die neuseeländische Polizei.[16] Reddit sperrte eine Vielzahl an Foren auf denen das Video geteilt beziehungsweise die Tat glorifiziert wurde, auch solche die die Verbreitung zu unterbinden versuchten.[17] Australische und neuseeländische Internetdienstleister blockierten außerdem 4chan, 8chan, LiveLeak und andere Internetseiten auf denen Filmmaterial zugänglich gemacht wurde.[18] Es kursiert jedoch weiterhin im Netz.[16] Unter dem Namen des mutmaßlichen Täters fanden sich in sozialen Medien Dokumente, in denen er die Tat angekündigt und seine Ziele benannt hatte.[5] Er postete Links zu einem Manifest über den Austausch von Bevölkerungen, in dem er sein von Rassismus und Islamfeindlichkeit geprägtes und gegen Migration gerichtetes Weltbild darstellt und sich selbst als „Ethnonationalisten“ und „Ökofaschisten“ bezeichnet.[19] Außerdem spielte er während des Videomitschnitts im Autoradio unter anderem Musik ab, die von serbischen Nationalisten im Bosnienkrieg verwandt wurde.[20] Kopien des Manifestes sandte er vor Beginn seiner Attacken auch an das Büro der Premierministerin sowie an rund 70 weitere Adressen in Neuseeland.[21] Der Schütze beschriftete seine Massenmordwaffen und Magazine mit rund zwei Dutzend historischen Siegen der europäischen Christenheit über Muslime, Türken und Osmanen und Namen seiner mörderischen „Vorbilder“, die terroristische Anschläge verübt haben, einschließlich der Zahl „14“, welche auf die Fourteen Words verweist.[22]

Auf einer Pressekonferenz der Polizei am 16. März 2019 gab der New Zealand Commissioner of Police Mike Bush bekannt, dass es sich nach den zu dem Zeitpunkt vorliegenden Erkenntnissen um einen Einzeltäter gehandelt habe. Er teilte weiters mit, dass ein Polizist mit seinem Dienstwagen das Fluchtfahrzeug gerammt und unter Gefahr den Täter überwältigt habe. Im Inneren wurden weitere Waffen und Sprengkörper gefunden. Die Polizei nahm neben dem Täter drei weitere Personen fest, darunter eine Frau. Später wurde verlautet, dass davon zumindest eine nichts mit den Anschlägen zu tun hatte.[23] Die restlichen Festgenommenen sollen wegen anderer Delikte weiterhin in Gewahrsam sein. Keine der anderen verdächtigen Personen sei zuvor auf einer Gefährderliste aufgetaucht.[24][25][26][27] Der Haftrichter ordnete am Tag nach der Tat Untersuchungshaft für den 28-Jährigen bis zum 5. April 2019 an.

ReaktionenBearbeiten

Der australische Premierminister Scott Morrison erklärte, dass Australien zu den Neuseeländern stehe. Neuseeland sei wie Australien eine Heimat für Menschen aller Glaubensrichtungen, Kulturen und Hintergründe. Es sei absolut kein Platz in diesen Ländern für Hass und Intoleranz, die extremistische, terroristische Gewalt hervorgebracht hätten.[28] Zahlreiche weitere Länder verurteilten den Anschlag und bekundeten ihr Beileid.

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern beschrieb diesen Tag als einen der dunkelsten des Landes.[29] Ardern distanzierte sich von Rassismus und Extremismus und fügte hinzu, dass Neuseeland eine stolze Nation mit mehr als 200 Ethnien, 160 Sprachen und gemeinsamen Werten darstelle.[30] In einer Rede vor dem Parlament stellte sie am 19. März fest, dass sie nie den Attentäter bei seinem Namen nennen werde. Sie bat darum, die Namen der Opfer über den des Täters zu stellen und die Erinnerung an sie aufrechtzuerhalten.[31]

Der australische rechtskonservative Senator Fraser Anning nannte die Einwanderungspolitik Neuseelands und den Islam als Gründe für die Anschläge,[32] was wütende Reaktionen im In- und Ausland auslöste.[33] Er wurde später von einem 17-jährigen Australier mit einem Ei beworfen.[34][35]

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete den Angriff als einen Anschlag auf die offene und tolerante Gesellschaft und erklärte, an der Seite der Menschen in Neuseeland zu stehen.[36]

Der britische Innenminister Sajid Javid betonte, „Online-Plattformen tragen Verantwortung, die Arbeit der Terroristen nicht für sie zu erledigen. Dieser Terrorist hat seine Schießerei mit der Absicht gefilmt, um seine Ideologie zu verbreiten. Technologieunternehmen müssen mehr tun, um zu verhindern, dass seine Nachrichten auf ihren Plattformen übertragen werden“. Internetfirmen, die die Verbreitung verbotener Inhalte zulassen, sollten sich darauf vorbereiten, dass sie mit der ganzen Kraft des Gesetzes konfrontiert werden.[37]

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan setzt das Täter-Video vom Massaker in Christchurch im türkischen Kommunalwahlkampf ein, das auf Großleinwände, ebenso wie Ausschnitte aus dem „Manifest“ des Täters, projiziert werden. Dem Westen wirft er einen Kreuzzug gegen die Türkei vor.[38] Er warnte, Australier mit antimuslimischer Gesinnung könnten das gleiche Schicksal erleiden wie Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich gekämpft hatten.[39] Er forderte für den Täter die Todesstrafe.[39] Sein politischer Bündnispartner Devlet Bahçeli von der rechtsextremen MHP sagte, die Türkei werde „die Kreuzritter im eigenen Blut ersäufen“.[40] Morrison warf Erdogan Beleidigung der australischen und neuseeländischen Soldaten vor, die im Ersten Weltkrieg fielen.[39] Der neuseeländische Außenminister Winston Peters verurteilte Erdoğans Verwendung des Filmmaterials scharf.[38] Er kündigte an, in die Türkei zu reisen, um Erdogan „zu konfrontieren“. Australien bestellte wegen der Äußerungen Erdoğans den türkischen Botschafter ein.[39]

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Morning update: 49 people killed and 48 injured in terror attack. In: New Zealand Herald. NZME. Publishing, 15. März 2019, abgerufen am 15. März 2019 (englisch).
  2. a b Attentat in Christchurch: Polizei findet weiteren Toten. In: Spiegel Online. 16. März 2019, abgerufen am 16. März 2019.
  3. Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: Die Identitären – mehr als nur ein Internet-Phänomen. Bundeszentrale für politische Bildung, 26. Januar 2017, abgerufen am 20. März 2019.
  4. Mass shooting suspect obtained guns legally, NZ prime minister says, abc15.com, 16. März 2019. (englisch)
  5. a b Christchurch shootings: 49 dead in New Zealand mosque attacks. In: BBC News. 15. März 2019, abgerufen am 15. März 2019 (englisch).
  6. 'Come here!': the man who chased away the Christchurch shooter, The Guardian, 17. März 2019.
  7. Christchurch mosque shooting: The faces of the victims. Otago Daily Times. 16. März 2019. Abgerufen am 16. März 2019.
  8. What we know so far about the New Zealand shooting. In: The Guardian.
  9. 40 killed as gunmen open fire in two mosques in New Zealand's Christchurch. In: CNN, 15. März 2019. 
  10. NZ futsal goalkeeper among those killed in Christchurch terror attacks. bcnews.com.fj. 16. März 2019. Abgerufen am 16. März 2019.
  11. Mehr als 40 Tote bei Terroranschlag in Neuseeland. In: Spiegel Online. 15. März 2019, abgerufen am 15. März 2019.
  12. Christchurch shootings: First victim named as families wait anxiously. In: BBC. 16. März 2019, abgerufen am 16. März 2019 (englisch).
  13. Elle Hunt: Several nationalities among Christchurch mosque victims. In: The Guardian. 15. März 2019, abgerufen am 15. März 2019 (englisch).
  14. Christchurch-Anschlag: Was wir wissen - was wir nicht wissen. In: Zeit Online. 15. März 2019, abgerufen am 15. März 2019.
  15. Vaughan Elder, Tim Miller: Otago rifle club 'in shock', accused 'bought gun in Dunedin'. In: Otago Daily Times. Allied Press Limited, 16. März 2019, abgerufen am 16. März 2019 (englisch).
  16. a b Sonja Peteranderl: Terror als Livestream - Polizei will Anschlag-Videos aus dem Netz tilgen. In: Spiegel online. 15. März 2019, abgerufen am 15. März 2019.
  17. Reddit schließt „Seht Leute sterben“-Forum nach Anschlag in Neuseeland. In: Futurezone. Futurezone, 16. März 2019, abgerufen am 25. März 2019.
  18. Makena Kelly: New Zealand ISPs are blocking sites that do not remove Christchurch shooting video. In: The Verge. Vox Media, 18. März 2019, abgerufen am 25. März 2019 (englisch).
  19. Christchurch: Attentäter interessierte sich für rechtsextreme Soldaten in der Bundeswehr. In: Spiegel Online. 16. März 2019 (spiegel.de [abgerufen am 18. März 2019]).
  20. Oliver Kühn: 49 Tote bei Anschlägen: Was wir über den Täter von Christchurch wissen. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 19. März 2019]).
  21. Christchurch mosque shootings: Accused gunman sent manifesto to Prime Minister Jacinda Ardern's office before attack. In: New Zealand Herald. NZME. Publishing, 16. März 2019, abgerufen am 16. März 2019 (englisch).
  22. New Zealand mosque shooter names his ‘idols’ on weapons he used in massacre. In: Daily Sabah. 15. März 2019, abgerufen am 25. März 2019 (englisch).
  23. Conan Young: Lone gunman responsible for Christchurch terror attacks - police. In: Radio New Zealand. 16. März 2019, abgerufen am 16. März 2019 (englisch).
  24. Mehrere Tote nach Überfall auf zwei Moscheen in Neuseeland. Spiegel Online, 15. März 2019, abgerufen am selben Tage.
  25. 40 Tote bei Angriff auf Moscheen. ORF, 15. März 2019, abgerufen am selben Tage.
  26. 40 Tote nach Schüssen in Moscheen: "Rechtsextremer Terrorist" soll Angriff verübt haben. Focus, 15. März 2019, abgerufen am selben Tage.
  27. 49 Tote bei Angriffen auf Moscheen - Premier spricht von Terrorakt, Welt, 15. März 2019.
  28. Australian PM asks for flags to be flown at half-mast. CNN, 15. März 2019.
  29. Neuseeländische Premierministerin: „Einer der dunkelsten Tage“, Tiroler Tagblatt.
  30. "We were not chosen for this act of violence because we condone racism, because we are an enclave for extremism. We were chosen for the very fact that we are none of these things. (...) We are a proud nation of more than 200 ethnicities, 160 languages. And amongst that diversity we share common values." New Zealand PM full speech: 'This can only be described as a terrorist attack.' CNN, 15. März 2019
  31. Jacinda Ardern: ‘We cannot know your grief, but we can walk with you at every stage’. In: The Spinoff. 19. März 2019, abgerufen am 19. März 2019.
  32. 'Sickening', Islamophobic remarks by Australian senator Fraser Anning after Christchurch attack, says Shanmugam, straitstimes. Abgerufen am 18. März 2019.
  33. Indonesia summons Australian ambassador over Fraser Anning's Christchurch remarks, The Guardian. Abgerufen am 18. März 2019.
  34. https://www.jetzt.de/politik/eggboy-zerschlaegt-fraser-anning-nach-anschlag-in-neuseeland-rohes-ei-am-kopf
  35. Egg Boy speaks after egging Senator Fraser Anning for lashing out at Muslims, news.com. Abgerufen am 18. März 2019.
  36. https://www.sueddeutsche.de/politik/anschlag-auf-moscheen-merkel-wir-stehen-an-der-seite-der-menschen-in-neuseeland-1.4369703
  37. Christchurch attack: tech firms must clean up platforms - Javid, The Guardian, 16. März 2019.
  38. a b Erdoğan shows Christchurch attack footage at rallies, The Guardian. Abgerufen am 18. März 2019.
  39. a b c d Umstrittene Aussagen zu Anschlägen: Neuseelands Außenminister will Erdogan konfrontieren. In: Spiegel Online. 20. März 2019 (spiegel.de [abgerufen am 20. März 2019]).
  40. Erdogan setzt Video von Massaker im Wahlkampf ein, Tagesspiegel. Abgerufen am 18. März 2019.