Susan Sontag

US-amerikanische Schriftstellerin, Essayistin und Publizistin (1933-2004)

Susan Sontag, geborene Rosenblatt, (geb. 16. Januar 1933 in New York City, New York; gest. 28. Dezember 2004 ebenda) war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin. Sie war bekannt für ihren Einsatz für Menschenrechte sowie als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika.[1]

Susan Sontag, 1966
Susan Sontag, 1979

LebenBearbeiten

 
Von rechts nach links: Tatyana Tolstaya; Mark Strand; Susan Sontag; Richard Locke und Derek Walcott

Susan Sontag wurde als Tochter des Exportkaufmanns Jack Rosenblatt und der Lehrerin Mildred Jacobsen geboren, die beide jüdischer Herkunft waren. Während die Eltern sich berufsbedingt in der Republik China aufhielten, wurde sie von den Großeltern aufgezogen. Nachdem der Vater 1939 in China an Tuberkulose gestorben war, heiratete die Mutter 1945 Nathan Sontag, einen Captain der U.S. Army. Susan und ihre Schwester Judith übernahmen den Nachnamen des Stiefvaters, obwohl er sie nicht adoptierte. 1946 zog die Familie nach Canoga Park, einem Stadtteil von Los Angeles.

 
Juan Bastos: Susan Sontag (2009)

1949 ging Susan Sontag zunächst an die University of California, Berkeley, wechselte aber noch im selben Jahr an die University of Chicago und studierte Literatur, Theologie und bei Leo Strauss Philosophie. Früh entwickelte sie eine Leidenschaft für deutschsprachige Literatur; im Dezember 1949 besuchte sie Thomas Mann, dessen Werk sie bis zu ihrem Tod verbunden blieb, in seinem kalifornischen Exil.[2] 1950 heiratete sie – mit 17 Jahren – den Soziologen Philip Rieff, an dessen Lehrveranstaltungen sie teilnahm. Mit ihm gemeinsam veröffentlichte sie eine Studie über den Einfluss von Sigmund Freud auf die moderne Kultur. Nach zwei Jahren kam ihr Sohn David zur Welt, 1958 erfolgte die Scheidung. 1956 besuchte Sontag in Harvard ein Seminar über Klassische Deutsche Philosophie bei Paul Tillich. In Harvard schrieb sie ihre Doktorarbeit in Philosophie und lernte dort ebenso Jacob und Susan Taubes kennen, die gemeinsam mit Tillich zu ihren Mentoren und Förderern wurden.[3] Herbert Marcuse bezeichnete sie als ihren Freund und Hannah Arendt lernte sie kennen, als sie mit Mitte 20 nach New York zog.[4]

Von 1988 bis zu ihrem Tod lebte sie mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen.

 
Susan Sontags Grab auf dem Cimetière Montparnasse

Susan Sontag wohnte im New Yorker Stadtteil Chelsea. Als öffentlich stark wahrgenommene Intellektuelle war sie u. a. im New York Institute for the Humanities aktiv, zu dessen Mitgliedern sie gehörte. Sie trat als scharfe Kritikerin der Regierung Bush jr., insbesondere des Irakkriegs, in Erscheinung. Neben Mary McCarthy und Joan Didion galt sie als die US-amerikanische femme de lettres.

Sontag starb Ende 2004 im Alter von 71 Jahren in New York an Leukämie und wurde auf dem Cimetière Montparnasse in Paris beigesetzt. Über ihre letzten Tage schrieb ihr Sohn, der Journalist und Autor David Rieff, das Buch Tod einer Untröstlichen, das 2009 im Carl Hanser Verlag erschien.

WerkBearbeiten

EssaysBearbeiten

Große Beachtung fanden ihre kunst- und kulturkritischen Essays. Insbesondere zwei fototheoretische Auseinandersetzungen, in denen sich Sontag mit ästhetischen und moralischen Aspekten der Fotografie befasste, gehören zu ihren wichtigsten Texten. In der Essaysammlung Über Fotografie analysiert Sontag das Verhalten der Menschen angesichts der modernen Bilderflut. Eine der zentralen Thesen des Buches lautet, dass das Fotografieren seinem Wesen nach ein „Akt der Nicht-Einmischung“ (S. 17) sei. Diese Nicht-Einmischung sieht Sontag im Bereich des Fotojournalismus als paradigmatisch an. Insgesamt bewirke die moderne Bilderflut eine Abstumpfung der Menschen, so Sontag.

Die These der Abstumpfung wird im Essay Das Leiden anderer betrachten dahingehend revidiert, dass die Fotografie die Vermittlung von Leiden zwar nicht verunmögliche, jedoch diese Funktion nicht alleine übernehmen kann. Sontag zufolge setzt eine solche Vermittlung politisches Wissen und ein moralisches Wertesystem für die Analyse voraus. Um dies aufzuzeigen, widmet sich Sontag in einer eingehenden „Ikonografie des Leidens“, vom Mittelalter bis hin zur Kriegsfotografie, wobei Robert Capas ikonische Fotografie eines im Spanischen Bürgerkrieg gefallenen Soldaten, aufgenommen in dem Moment, in dem ihn die tödliche Kugel traf, eines der Schlüsselwerke des Essays bildet.

FilmeBearbeiten

Umstritten war ihre Haltung zum Werk Hans-Jürgen Syberbergs, dessen Film Hitler, ein Film aus Deutschland (1977) sie gelobt hatte. In verschiedenen Bereichen war sie auch für Theater und Film tätig. 1993 inszenierte sie während des Bosnienkrieges in Sarajevo das Theaterstück Warten auf Godot von Samuel Beckett.

Großen Widerspruch erfuhr ihre Einschätzung, die „weiße Rasse“ sei der „Krebs der Menschheitsgeschichte“ und Amerika sei „auf Völkermord gegründet“,[5] doch am öffentlichsten war die Empörung, als sie die Terroranschläge am 11. September 2001 zur Folge der Supermachtspolitik der USA erklärte.[5][6][7]

Auszeichnungen (Auswahl)Bearbeiten

 
Passage Susan Sontag 19. Arrondissement, Paris
 
Susan Sontag Platz in Sarajevo

Werke (Auswahl)Bearbeiten

ProsaBearbeiten

  • The Benefactor (1963, deutscher Titel Der Wohltäter, übers. v. Louise Eisler-Fischer, Rowohlt, Reinbek 1966, ISBN 3-596-11414-4)
  • Death Kit (1967, deutscher Titel Todesstation, übers. v. Jörg Trobitius, Hanser, München 1985, ISBN 3-446-13128-0)
  • I, etcetera (1978, deutscher Titel Ich, etc., Erzählungen, übers. v. Marianne Frisch, Hanser 1979, ISBN 3-446-12826-3)
  • The Vulcano Lover (1989, dt. Der Liebhaber des Vulkans, übers. v. Isabell Lorenz, Hanser, München 1993, ISBN 3-446-16017-5)
  • In America (2000, deutscher Titel In Amerika, übers. v. Eike Schönfeld, Hanser, München 2002, ISBN 3-446-20091-6)

TheaterstückeBearbeiten

  • Alice in Bed, deutsch: Alice im Bett, Stück in acht Szenen, übers. v. Wolfgang Wiens, Verlag der Autoren, Frankfurt/M. 1991, ISBN 3-88661-123-X
  • Baby, deutsch: Baby, übers. v. Harry Rowohlt, Verlag der Autoren, Frankfurt/M., Theatertexte 2012, U: Thalia Theater Hamburg 1994
  • Lady from the Sea, deutsch: Die Frau vom Meer, übers. v. Renate u. Wolfgang Wiens, Theatertexte 2012, U: Teatro Communale Ferrara 1998; DE: Deutsches Theater Berlin 2003
  • The Way We Live Now. Illustrationen Howard Hodgkin. New York : Farrar, Straus, Giroux, 1991. Text zuerst im New Yorker, 1986 (deutsch So leben wir jetzt, übers. v. Karin Graf, Parkett/Der Alltag, Zürich, Frankfurt/M. 1991, ISBN 978-3-907509-16-6)

Essays, Essaysammlungen und andere SchriftenBearbeiten

Für eine Liste der einzelnen Essays siehe: Susan Sontag/Essays und theoretische Schriften

 
Erstes Cover von Against Interpretation, 1966

Buchveröffentlichungen einzelner EssaysBearbeiten

 
The way we live now, 1991
  • Notes on „Camp“, 1964[10]
  • Trip to Hanoi, 1969 (deutsch Reise nach Hanoi, übers. v. Anne Uhde, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1969.)
  • On Photography 1977, (deutsch Über Fotografie, übers. v. Mark W. Rien u. Gertrud Baruch, Hanser, München 1978, ISBN 978-3-446-12428-8)
  • Illness as Metaphor, 1978 (deutsch Krankheit als Metapher, übers. v. Karin Kersten u. Caroline Neubaur, Hanser, München 1978, ISBN 978-3-446-12630-5)
  • Aids and Its Metaphors, 1989 (deutsch Aids und seine Metaphern, übers. v. Holger Fliessbach, Hanser, München 1989, ISBN 978-3-446-15403-2; wieder in: Krankheit als Metapher. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2003, ISBN 978-3-596-16243-7)
  • Regarding the Pain of Others, 2003 (deutsch Das Leiden anderer betrachten, übers. v. Reinhard Kaiser, Hanser, München 2003, ISBN 3-446-20396-6 – Essay über die Kriegsfotografie, in dem Sontag teilweise die Aussagen ihres früheren Essays On Photography revidiert)

SammelbändeBearbeiten

Teilweise deckungsgleich mit: Kunst und Antikunst. Essays. Rowohlt, Reinbek 1968 (deutsch von Mark W. Rien).
Deutsch: Gesten radikalen Willens. S. Fischer, Frankfurt 2011, ISBN 978-3-596-18945-8 (deutsch von Jörg Trobitius).

Sonstige kleinere SchriftenBearbeiten

AutobiografischesBearbeiten

FilmografieBearbeiten

Regie und DrehbuchBearbeiten

  • 1969: Duett för kannibaler (Duet for Cannibals)
  • 1971: Zwillinge (Brother Carl)
  • 1974: Promised Lands
  • 1983: Unguided Tour AKA Letter from Venice

DokumentarfilmeBearbeiten

  • 1966: Galaxy
  • 1979: Town Bloody Hall
  • 1983: Zelig (Interview)
  • 1984: Mauvaise conduite
  • 1987: Do Not Enter: The Visa War Against Ideas
  • 1991: Joseph Cornell: Worlds in a Box
  • 2003: Die Liebhaberin des Vulkans – Mit Susan Sontag in New York
  • 2003: Campus, le magazine de l'écrit
  • 2006: Absolute Wilson
  • 2011: Susan Sontag. Denkerin und Diva / Une diva engagée / The glamour of seriousness (Regie: Birgitta Ashoff)[12]
  • 2014: Regarding Susan Sontag (Regisseurin: Nancy Kates)

FernsehenBearbeiten

  • 1965: Monitor – (Folge: Always on Sunday) und (Folge: Cheese! Or What Really Did Happen in Andy Warhol's Studio) (TV-Serie)
  • 1972: Vive le cinéma – Episode vom 15. Oktober 1972 (TV-Serie)
  • 1984: Àngel Casas Show – (Episode 124) (TV-Serie)
  • 1989: The Poet Remembers (Spielfilm)
  • 1989: Everyman – Just an Illness (TV-Serie)
  • 2002: Negro sobre blanco – (Episode vom 8. Dezember 2002) (TV-Serie)
  • 2003: Alexandria – (Episode vom 11. November 2003) (TV-Serie)

RezeptionBearbeiten

Zu Susan Sontags zehntem Todestag veranstalteten im November 2014 die Münchner Kammerspiele in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Bayerischen Rundfunk und dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München ein Symposium mit dem Titel Radikales Denken. Zur Aktualität Susan Sontags.[13], das Sontags Aktualität zeigt:

„Der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger, die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, der Autor Thomas Meinecke, die Philosophin Juliane Rebentisch, die Publizistin Carolin Emcke oder der Popliteratur-Forscher Eckhard Schumacher loten ein bemerkenswert weites, ungebrochen fruchtbares intellektuelles Feld aus.[14]

Jens-Christian Rabe

LiteraturBearbeiten

  • Gero von Boehm: Susan Sontag. 12. Mai 1989. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1, S. 201–209.
  • Anna-Lisa Dieter, Silvia Tiedtke (Hrsg.): Radikales Denken. Zur Aktualität Susan Sontags. Diaphanes, Zürich 2017, ISBN 978-3-03734-929-8.
  • Jan Engelmann, Richard Faber, Christine Holste (Hrsg.): Leidenschaft der Vernunft. Die öffentliche Intellektuelle Susan Sontag. Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-4325-3.
  • Stephan Isernhagen: Susan Sontag. Die frühen New Yorker Jahre. Tübingen 2016, ISBN 978-3-16-153936-7.
  • Michael Krüger, interviewt von Petra Hallmayer: Denken als Lust. Michael Krüger eröffnet das Susan-Sontag-Symposion. Ein Gespräch mit dem Verleger über die große Essayistin. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 272, 26. November 2014, ISSN 0174-4917, S. R20.
  • Benjamin Moser: Sontag. Her life and work. HarperCollins, London 2019, ISBN 978-1-9826-8865-3. Rezension von Johana Hedva: Sie, etc. Zu Benjamin Mosers Susan-Sontag-Biografie. In: Merkur, Heft 851, April 2020, S. 5–21.
  • Sigrid Nunez: Sempre Susan. Erinnerungen an Susan Sontag. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Aufbau-Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-35-103849-6.
  • David Rieff: Swimming in a Sea of Death. A Son’s Memoir. Simon & Schuster, 2008, ISBN 978-0743299473.[15][16]
    • dt.: Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag. Übersetzt von Reinhard Kaiser. Carl Hanser, München 2009, ISBN 978-3-446-23276-1.
  • Daniel Schreiber: Susan Sontag. Geist und Glamour. (Biographie) Aufbau, Berlin 2007, ISBN 978-3-351-02649-3.[17]
  • Kai Sina: Susan Sontag und Thomas Mann. Wallstein, Göttingen 2017.
  • Tanja Zimmermann: Ein Kriegsfoto aus Bosnien. Beglaubigungen und Verweigerungen durch Ron Haviv, Susan Sontag und Jean-Luc Godard. In: Zwischen Apokalypse und Alltag. Kriegsnarrative des 20. und 21. Jahrhunderts. Hrsg. von Natalia Borissova, Susi K. Frank, Andreas Kraft. Transkript, Bielefeld 2009, ISBN 3837610454, S. 237–262.

WeblinksBearbeiten

Commons: Susan Sontag – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Thomas Kleine-Brockhoff: Die Revisionistin.. In: Die Zeit, 26. Juni 2003.
  2. Kai Sina: Susan Sontag und Thomas Mann. Wallstein, Göttingen 2017.
  3. Grande Dame der US-Literatur. Zum 80. Geburtstag von Susan Sontag auf 3sat.de, abgerufen am 17. Mai 2017
  4. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. auf friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de, abgerufen am 17. Mai 2017
  5. a b US-Autorin Susan Sontag gestorben, Deutsche Welle, 28. Dezember 2004, abgerufen am 18. März 2020
  6. Susan Sontag: Grande Dame und Enfant terrible der US-Literatur, 12.10.03, abgerufen am 18. März 2020
  7. „Die Wahrheit ist, dass Mozart, Pascal, Boolesche Algebra, Shakespeare, parlamentarische Regierung, Barockkirchen, Newton, die Emanzipation von Frauen, Kant, Marx und die Ballette Balanchine nicht wieder gut machen, was diese besondere Zivilisation auf die Welt gebracht hat. Die weiße Rasse ist der Krebs der Menschheitsgeschichte.“ Susan Sontag, Partisan Review, Winter 1967, p. 57; Notes on Susan, The New York Review of Books, Eliot Weinberger, 2007
  8. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In: friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de (PDF).
  9. FENA Agencija: Susan Sontag dobila svoj trg u Sarajevu (Bosnian) Oslobodjenje.ba. 14. Januar 2010. Abgerufen am 21. August 2011.
  10. Notes On "Camp" In: interglacial.com (englisch)
  11. Annette Brüggemann: Der ununterbrochene Dialog. In: Deutschlandfunk, 20. März 2008.
  12. Inhaltsangabe der Dokumentation (Memento vom 18. Mai 2011 im Internet Archive) bei arte.tv. Abgerufen am 24. August 2013.
  13. Programm des Symposiums (Memento vom 6. Januar 2015 im Internet Archive), abgerufen am 2. Dezember 2014.
  14. Jens-Christian Rabe: Bill Haley und die Bakchen. Zwischen Essay und Uni: Die Tagung „Radikales Denken – Zur Aktualität Susan Sontags“ in den Münchner Kammerspielen., in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 276, 1. Dezember 2014, ISSN 0174-4917, S. 14.
  15. Uwe Wittstock: Das öffentliche Sterben der Susan Sontag. Rezension in Die Welt, 5. Februar 2008.
  16. Das öffentliche Sterben der Susan Sontag, erstes Kapitel.
  17. Ursula März: Kultfigur der Literaturszene. In: Deutschlandradio Kultur, 16. Januar 2008.