Bisexualität

sexuelle oder romantische Orientierung oder Neigung zum eigenen und anderen Geschlechtern

Als Bisexualität (eigentlich Ambisexualität, nach der lateinischen Vorsilbe bi- für zwei) bezeichnet man die sexuelle Orientierung oder Neigung, sich zu mehr als einem Geschlecht emotional und/oder sexuell hingezogen zu fühlen.[1][2] Als Kurzform ist das Adjektiv bi gebräuchlich. Bisexualität gehört mit weiteren Orientierungen wie der Pansexualität zu den nicht-monosexuellen Orientierungen.[3]

BegriffswandelBearbeiten

Als Bisexualität wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts das Vorhandensein von zweierlei Geschlechtsmerkmalen an einem Individuum betrachtet, was man heute als Hermaphroditismus, Zwittertum oder Intersexualität einordnen würde. Die These der konstitutionellen Bisexualität geht darüber hinaus davon aus, dass dies der normale Entwicklungsprozess der menschlichen Sexualität und Geschlechtsentwicklung sei. Jede Anlage sei vorhanden; in der Regel würde sich jedoch ein binäres Geschlechtsmerkmal weiterentwickeln, während das andere rudimentär vorhanden bleibe.[4] Für den Menschen werden die Geschlechtschromosomen (Gonosom) als für diese Entwicklung bestimmende Erbanlage von der Genetik angesehen.[5]

Dieses entwicklungsbiologische Begriffsverständnis wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts von einer Auffassung verdrängt, die sowohl in der Wissenschaft als auch in der Umgangssprache eine sexuelle bzw. erotische Ausrichtung beschreibt. Infolge der patriarchalen Grundlage und Strukturen vieler vormoderner Gesellschaften sind verlässliche historische Aussagen oft auf die Sexualität von Männern beschränkt. Eine literarische Bewegung, die weibliche Interessen widerspiegelte, entstand erst später. Die Liebe zwischen zwei Freundinnen bildete dabei eines der populärsten Themen. Manifeste sexuelle Beziehungen blieben aber wegen ihrer gesellschaftlichen Anstößigkeit grundsätzlich ausgespart. Stattdessen war romantisierend zum Beispiel im Europa des 18. Jahrhunderts von der Freundschaft oder Seelenverwandtschaft zwischen zwei Frauen die Rede, die auch durch die Heirat mit einem Mann nicht unterbrochen werden konnte. Etwas anders verhielt es sich in der arabischen Welt, wenn die Lebenswelt von Frauen in den Fokus der Literatur geriet.

Sigmund Freud stellte 1915 die These auf, dass die ursprüngliche Anlage des Menschen bisexuell sei.

„Der Psychoanalyse erscheint […] die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der anderen Seite der normale [d. h. heterosexuelle] wie der Inversionstypus [d. h. der homosexuelle] entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit […]“[6]

Freud hat sich nie klar zu den Ursachen dieser „Einschränkung“ geäußert. In anderen Schriften, insbesondere im Zusammenhang mit dem Ödipuskomplex, scheint er Heterosexualität als eine ursprüngliche Anlage zumindest des Mannes, Homosexualität dagegen als eine durch bestimmte familiäre Konstellationen verursachte Abweichung anzunehmen. Noch bis in die 1970er Jahre hinein wurde von vielen Psychoanalytikern die Bisexualitätsthese nicht diskutiert und Homosexualität als psychische Krankheit angesehen.

Wissenschaftliche Untersuchungen in westlichen IndustrieländernBearbeiten

 
Kinseys Skala heterosexueller, bisexueller und homosexueller Zuordnung (1953)

Wie hoch der Anteil der Bisexualität in der Bevölkerung ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Aussagen in der Literatur bewegen sich weit auseinander. Vielfach wird der Kinsey-Report zitiert, der 1948 etwa 46 % der männlichen Bevölkerung[7] als „bis zu einem gewissen Grad bisexuell“ einstufte. Tatsächlich werden bisexuelle Orientierungen eher selten ausgelebt. Einige Sexualwissenschaftler erklären dies mit der Durchsetzung einer monosexuellen Norm bzw. Heteronormativität in unserer Kultur.[8][9]

Eine britische Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2015 ergibt einen Anteil von 19 % Bisexuellen (Personen, die sich selbst auf der Kinsey-Skala im Bereich von 1 bis 5 einstufen), bei den 18- bis 24-Jährigen sogar 43 % Bisexuelle.[10][11] Dabei benutzen nur zwei Prozent der Befragten die Bezeichnung „bisexuell“ für sich selbst.[12] Eine Studie der Universität Essex um Gerulf Rieger kam zu dem Schluss, dass 74 % der Frauen, welche sich als heterosexuell bezeichnen, und insgesamt 82 % aller Frauen bisexuell seien. In der Untersuchung wurden körperliche Reaktionen (wie geweitete Pupillen) auf das Betrachten nackter Menschen in Videos untersucht.[13][14][15] Die TAZ-Redakteurin Saskia Hödl wies in einem Kommentar darauf hin, dass in einer anderen Studie ähnliche körperliche Reaktionen allerdings auch beim Betrachten von Videos kopulierender Affen nachweisbar gewesen wären.[15]

Eine schwedische Studie an eineiigen Zwillingen aus dem Jahr 2008 sieht einen komplexen Zusammenhang verschiedener Faktoren, die die sexuelle Orientierung steuern. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Ausprägung dieser Orientierung bei Männern einen genetischen Einfluss von etwa 35 % (Frauen etwa 18 %) hat; welche anderen Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen, ist jedoch unklar. Sicher scheint jedoch zu sein, dass frühe Kindheitserfahrungen oder Erziehung zumindest bei der Entwicklung der männlichen sexuellen Orientierung keine Rolle spielen.[16]

Forscher aus Dänemark und den USA veröffentlichten 2017 einen Artikel im Magazin Archives of Sexual Behavior, in dem sie schlussfolgerten, dass Frauen und Männer, die vor der Geburt dem Hormon Progesteron ausgesetzt waren, häufiger bisexuell sind.[17]

Eine 2005 veröffentlichte, kontrovers diskutierte Studie über bisexuelle Männer in den USA kam zu dem Schluss, dass eine bisexuelle Selbstbezeichnung nur in etwa zwei Prozent der Fälle eine Sexualpräferenz für zwei Geschlechter bedeutet. Drei Viertel der als bisexuell bezeichneten Probanden seien homosexuell, der Rest heterosexuell. Die Grundlage dieser Aussage war die apparativ gemessene sexuelle Erregung des Penis während des Anblicks von erotischem Bildmaterial, das entweder Männer oder Frauen zeigte.[18] Aufgrund eines Berichts in der New York Times erhielt die Untersuchung die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.[19] Die Studie wird von der National Gay and Lesbian Task Force abgelehnt, die auf methodische Schwachpunkte aufmerksam machte.[20] Darüber hinaus kritisierte die Organisation Fairness and Accuracy in Reporting (FAIR), die New York Times habe es versäumt, auf frühere Veröffentlichungen des Koautors J. Michael Bailey aufmerksam zu machen. Dieser habe in der Vergangenheit für ein Recht der Eltern plädiert, homosexuellen Nachwuchs mit Hilfe der Eugenik auszuschließen, sobald dies technisch möglich sei.[21][22]

Bisexualität in anderen KulturenBearbeiten

 
Bisexueller Geschlechtsverkehr, dargestellt auf einem römischen Fresko aus Pompeji (79 n. Cr.)
 
Druckgrafik von Nishikawa Sukenobu (Anfang 18. Jahrhundert)

In manchen Gesellschaften, wie der griechisch-römischen Antike oder der islamischen Welt, galt die erotische Anziehung zu zwei Geschlechtern als nahezu universelle Norm.[23] Die ausschließliche Fixierung auf ein Geschlecht, heute als Homosexualität und Heterosexualität bezeichnet, wurde nur selten zum Thema gemacht. Wo dies geschah, etwa in Pseudo-Lukians Die Arten zu lieben, ist die ironische Intention des Autors unverkennbar. So wird der eine von zwei Diskutanten in diesem fiktiven Dialog aus dem beginnenden vierten Jahrhundert n. Chr. mit dem Stigma der Effeminiertheit bedacht, weil sich sein erotisches Interesse ausschließlich auf Frauen richtet, während der andere als Kauz erscheint, da er aufgrund seiner sexuellen Neigungen einen rein männlichen Haushalt führt.

Auch viele islamische Geistliche des Mittelalters sahen, obwohl sie den gleichgeschlechtlichen Verkehr gemäß ihrer Religion als schwere Sünde bewerteten, die erotische Anziehung gegenüber zwei Geschlechtern als eine Grundgegebenheit des menschlichen Daseins an. So schreibt der im Jahr 1201 n. Chr. verstorbene hanbalitische Rechtsgelehrte Ibn al-Dschauzī: „Derjenige, der behauptet, dass er keine Begierde empfindet [wenn er schöne Knaben erblickt], ist ein Lügner, und wenn wir ihm glauben könnten, wäre er ein Tier, nicht ein menschliches Wesen.“

Sexuelle Beziehungen wurden im Islam relativ offen bei ihrem Namen genannt. Gebräuchlich war vor allem der Begriff sihaq (dt. „Reiben“) als Bezeichnung für die sexuelle Praktik der Tribadie.[24] Die Liebe zwischen zwei Frauen wurde dabei literarisch nicht als Widerspruch zur Ehe konstruiert, obwohl manche Juristen die Tribadie als strafbare außereheliche Aktivität ansahen. Deren Nachweis durch die von der Scharia verlangten vier Augenzeugen war aber praktisch unmöglich, so dass dieses Verbot rein theoretischer Natur blieb.[25]

Weitergehende FormenBearbeiten

Polysexualität wird im Oxford English Dictionary definiert als „viele verschiedene Arten von Sexualität beinhaltend bzw. gekennzeichnet durch viele verschiedene Arten von Sexualität“.[26] Eine andere Definition von Polysexualität lautet „sexuelle Anziehung für viele, aber nicht alle Gender“.[27]

Bisexualität im TierreichBearbeiten

Bisexualität ist relativ häufig im Tierreich beobachtbar. So gelten etwa die Bonobos als eine vollständig bisexuelle Tierart, die vor allem für ihren ausgeprägten Lesbianismus bekannt ist. Angenommen wird hier eine über die Vermehrung hinausgehende Multifunktionalität sexuellen Verhaltens.

Siehe auchBearbeiten

Portal: Homo- und Bisexualität – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Homo- und Bisexualität

LiteraturBearbeiten

  • Andreas Frank: Engagierte Zärtlichkeit – Das schwul-lesbische Handbuch über Coming-Out, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Homosexualität, Nordersted, 2020, ISBN 9783752610628.
  • Agnes Frei: Lieb doch die Männer und die Frauen: Bisexualität – der zweite siebte Himmel. Essays und Reportagen, Gedichte und Geschichten. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-499-12542-0.
  • Marjorie Garber: Die Vielfalt des Begehrens. Bisexualität von der Antike bis heute. Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14817-0.
  • Bettina Schmitz: Psychische Bisexualität und Geschlechterdifferenz, Passagen Verlag, Wien 1996, ISBN 3-85165-242-8.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Der Bi-Begriff. BiNe – Bisexuelles Netzwerk e. V., abgerufen am 9. Juni 2020.
  2. Understanding Bisexuality. American Psychological Association, abgerufen am 9. Juni 2020 (englisch).
  3. Definition - Bisexuell.net. Abgerufen am 28. März 2020.
  4. H.-J. Voß: Geschlecht: Wider die Natürlichkeit. Schmetterling, Stuttgart 2011.
  5. Lizzie Buchen: The fickle Y chromosome. In: Nature, Band 463, 2010, S. 149, doi:10.1038/463149a, Volltext
  6. Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Die Studie erschien erstmals im Jahr 1905; das oben gegebene Zitat ist ein Zusatz in der Auflage 1915. Hier zitiert nach: Sigmund Freud, Studienausgabe, Band V Sexualleben. Hrsg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey. Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag), 4. Auflage 1972, S. 56.
  7. Alfred C Kinsey: Sexual Behavior In The Human Male. 1949, S. 656 (archive.org [abgerufen am 31. Dezember 2019]).
  8. Gibt es Heterosexualität?, von Gunter Schmidt
  9. Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert: Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung, ISBN 978-3-7799-0791-6, (online)
  10. 1 in 2 young people say they are not 100 % heterosexual, YouGov UK, 14. August 2015.
  11. Deutsche Welle (www.dw.com): Bisexualität - "Du gehörst nicht zu uns!" | DW | 23.10.2018. Abgerufen am 28. März 2020 (deutsch).
  12. Jen Yockney: This is why more young people say they are not 100 % straight or gay, gaystarnews.com, 18. August 2015
  13. Most women are bisexual or gay but never straight, study suggests. New York Times, 5. November 2015, abgerufen am 17. November 2015.
  14. Getting in touch with our female sexuality. (Nicht mehr online verfügbar.) Universität Essex, 5. November 2015, archiviert vom Original am 18. November 2015; abgerufen am 17. November 2015.
  15. a b Reiz-Reaktions-Maschine_Frau. 5. November 2015, abgerufen am 17. November 2015.
  16. So nah am anderen Ufer, Die Zeit
  17. Augsburger Allgemeine: Studie: Verändert Progesteron die sexuelle Orientierung? Abgerufen am 28. März 2020.
  18. G. Rieger, M. L. Chivers, J. M. Bailey: Sexual arousal patterns of bisexual men. Psychol Sci. 2005 Aug; 16 (8): S. 579–584. PMID 16102058
  19. Benedict Carey: Straight, Gay or Lying? Bisexuality Revisited. New York Times, 5. Juli 2005
  20. National Gay and Lesbian Task Force: The Problems with „Gay, Straight, or Lying?“ (Memento vom 22. Juli 2011 im Internet Archive), Juli 2005
  21. Fairness & Accuracy in Reporting: New York Times Suggests Bisexuals Are „Lying“. Paper fails to disclose study author’s controversial history., 8. Juli 2005.
  22. Vgl. A. S. Greenberg, J. M. Bailey: Parental selection of children's sexual orientation. Arch Sex Behav. 2001 Aug; 30 (4): S. 423–437. PMID 11446202
  23. Islam und »schwule« Liebespoesie im maurischen Spanien (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive). Textausschnitt aus: John Boswell, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality (übers.)
  24. ...wie das Reiben von Safran, taz vom 14. März 1996
  25. Marriage, Adultery and Homosexuality(entl.), auf people.well.com
  26. John Simpson (Hrsg.) Oxford English Dictionary. Oxford University Press, USA 2009, ISBN 9780199563838. (Definition im Orignal: „encompassing or characterized by many different kinds of sexuality“)
  27. Mykel Board: Pimple No More. In: Naomi S. Tucker (Hrsg.): Bisexual Politics: Theories, Queries, and Visions. Routledge, New York 2013, ISBN 978-1-56023-869-0.