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Bernardo Bellotto, genannt Canaletto: Die Elbe bei Dresden, Blick auf die Stadtsilhouette vom Neustädter Ufer
Die wiederaufgebaute Frauenkirche

Als Dresdner Barock (1694 bis 1763) wird die spezifische Ausformung des Barock- und Rokokostils unter dem sächsischen Kurfürsten und späteren polnischen König August dem Starken (1670–1733) und seinem Sohn Friedrich August II. (1696–1763) bezeichnet. Neben französischen Einflüssen haben vor allem italienische Vorbilder die Formensprache des Baustils der Residenzstadt Dresden beeinflusst, welcher auf ganz Sachsen (und auf Polen, vor allem Warschau) ausstrahlte und auch als Sächsischer Barock oder Augusteischer Barock bezeichnet wird.

Inhaltsverzeichnis

Die Zeit des Dresdner BarockBearbeiten

 
Der Dresdner Zwinger

August der Starke hatte als junger Prinz 1687–89 eine Grand Tour durch Europa unternommen, die ihn durch nordeuropäische Länder, aber auch durch Frankreich, Spanien, Italien und schließlich über Wien und Prag zurück nach Dresden führte. Aufgewachsen in einer Umgebung, die nachhaltig von der Sächsischen Renaissance geprägt war, sollten seine gesammelten Eindrücke nicht fruchtlos bleiben. Als er nach dem plötzlichen Tod seines Bruders 1694 unerwartet zum Kurfürsten aufstieg, wurde bald er zum Prototyp des Barockfürsten und Mäzens und damit schließlich zu einer weltgeschichtlichen Figur. Die elementare Kraftnatur des Sächsischen Herkules drückte schon bald der Stadt und dem Land seinen Stempel auf. Es begann der Umbau der Residenzstadt zu einem barocken Gesamtkunstwerk. „Auch dieser August“, befand Carl Justi in Anspielung auf den Kaiser Augustus, „fand eine kleine Hauptstadt aus Fachwerk vor und ließ eine große steinerne zurück“.

 
Schloss Pillnitz, Wasserpalais (im „exotischen“ Stil mit Chinoiserien)

Die reizvolle Lage an der Elbe und das milde Klima des Elbtales mit dem Weinanbau an der Sächsischen Weinstraße waren die ideale Ausgangsbasis für eine Überarbeitung der gesamten Landschaft nach italienischem Vorbild. Der Elbstrom wurde ähnlich dem venezianischen Canal Grande eine von prächtigen Gebäuden kulissenhaft eingefasste Wasserstraße, wobei immer die Gesamtwirkung im Vordergrund stand. Die in Pillnitz ausgestellte Prachtgondel ist den venezianischen Gondeln nachempfunden. Durch den Erwerb der polnischen Königskrone 1697 wurde August der Starke zum Herrscher über ein weiträumiges Reich, Sachsen-Polen. Dadurch stieg das provinzielle Dresden zu einer Metropole von europäischem Rang auf. Neben Wien wurde sie zur großen Mittlerin der Kultur zwischen Ost und West. August der Starke ließ in Warschau die Sächsische Achse erbauen, während das Kronentor des Zwingers polnisch beeinflusst erscheint. Der Dresdner Hof wurde auch europaweit bekannt für seine opulenten Hoffeste und Veranstaltungen (siehe: Blüte von Kunst, Kultur und höfischen Vergnügungen).

 
Rekonstruierte barocke Bürgerhäuser am Neumarkt (Dresden)

Die mehrfach ergänzten Dresdner Bauvorschriften waren ein Ausdruck absolutistischen Willens in der Architektur. Sie forderten die ausschließliche Steinbauweise und schrieben die Anzahl und Höhe der Stockwerke sowie die Verputzfarben vor. Sie kamen vor allem beim barocken Wiederaufbau der Neuen Königsstadt zur Anwendung, aber auch im Bereich des Neumarktes entstanden neue Straßenzüge mit einheitlichem Erscheinungsbild. Der Ingenieuroffizier August Christoph von Wackerbarth leitete ab 1697 das kurfürstlich-sächsische Bauwesen und wurde 1706 Generalintendant der Zivil- und Militärgebäude sowie Vorgesetzter des zivilen Oberbauamts; als faktischer Bauminister wurde er zum „Regisseur des Dresdner Barock“ (Fritz Löffler). Der Westfale Matthäus Daniel Pöppelmann, Architekt des Zwingers sowie der Schlösser Pillnitz und Moritzburg, wurde zum Vertreter des – von Italien her geprägten und über Wien und Prag vermittelten – beschwingten Hochbarock. Zacharias Longuelune führte ab 1713 den französischen klassizistischen Barock in Dresden ein. Der schon der nächsten Generation angehörende Johann Christoph Knöffel, ein von Wackerbarth entdeckter und geförderter Sachse, schuf schließlich die Synthese der Stile und begründete damit das sächsische Rokoko. 1728 avancierte er neben den beiden Vorgenannten zum dritten Oberlandbaumeister. In Leipzig wirkten gleichzeitig Christian Döring und George Werner, den man später als „Leipzigs Knöffel“ bezeichnete. „Charakteristisch ist für den sächsischen Barock, daß sich das Reiche und Bewegte eigentümlich mit Verstandeskühle verbindet.“[1]

 
Bernardo Belotto: Dresden, Frauenkirche und Rampische Gasse, zwischen 1749 und 1753

Während der 37-jährigen Regierungszeit Augusts des Starken entstanden der Zwinger, die Frauenkirche, das Taschenbergpalais, das Schloss Pillnitz, das Japanische Palais, das Schloss und der Barockgarten Großsedlitz und die Rampische Gasse mit besonders erkerreichem bürgerlichen Barock. Die am Wasser gelegene Stadt mit ihren Türmen, Kuppeln und Palästen bot für Baumeister und Künstler viele Aufträge; der lebhafte Kunstsinn von Hof, Adel und Bürgerschaft schuf eine anregende Atmosphäre und so hinterließen die drei Oberlandbaumeister oder auch der Bildhauer Balthasar Permoser eindrucksvolle Spuren; weit über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus verbreiteten geniale Handwerker den Ruhm des Dresdner Barock, so der Goldschmied Dinglinger und die Porzellankünstler Böttger, Kändler und Höroldt. Ein Jahr vor seinem Tod verlieh der Herrscher der rechtselbischen Stadtseite den Namen „Neue Königsstadt“ (Neustadt), worauf sich für die linkselbische Seite der Begriff „Altstadt“ einbürgerte.

Sein Sohn und Nachfolger Friedrich August II. setzte 1733 diese Bautätigkeit fort. Hatte aufgrund des Religionswechsels Augusts des Starken zum Katholizismus die Dresdner Bürgerschaft ab 1726 die evangelische Frauenkirche als ein die gesamte Stadt überragendes monumentales Glaubenszeugnis durch den Ratszimmermeister George Bähr errichten lassen, von August dem Starken allerdings großzügig gefördert, so ließ Friedrich August II., der ebenfalls den polnischen Thron bestiegen hatte, nun als Gegenzeichen die Katholische Hofkirche erbauen, die bei aller ziselierten Feinheit noch einmal den Charakter des Hochbarocks und des Zwingers wiederaufnahm. In ihr scheint alles vereinigt, was seit der Romanik der katholischen Kirchenarchitektur an Wirkungsvollem zu Gebote stand. Friedrich August II. hatte im Gegensatz zu seinem Vater wenig politisches Talent und Interesse und überließ alles seinem Premierminister Heinrich von Brühl, was sich schließlich verhängnisvoll auswirkte. Doch machte er Dresden durch seine Liebe zur italienischen Oper und eine ausgeprägte Sammelleidenschaft für Kunstschätze zu einer noch glanzvolleren Barockstadt. 1746 erwarb er von Francesco III. d’Este, Herzog von Modena, für 100.000 venezianische Zecchini (entspricht etwa 650 kg Gold) die 100 besten Werke der Este'schen Kunstsammlung für die Dresdner Gemäldegalerie Alter Meister, welcher sie bis heute Weltgeltung verschaffen.

 
Die Stadtfestung Dresdens um 1750 – rechtselbisch die Neue Königliche Stadt

Mit dem Beginn des Siebenjährigen Krieges 1756 wurde das Augusteische Zeitalter des Barock abrupt beendet. Als sich die verbündete österreichische Armee der von den Preußen besetzten Stadt näherte, rief der preußische Gouverneur zu Vergeltungsaktionen auf und ließ die Stadt teilweise abbrennen. 1760 belagerten die Preußen Dresden erfolglos und beschossen dabei die Innenstadt, zahlreiche Gebäude wurden zerstört, jedoch danach zumeist wieder aufgebaut.

Im Zweiten Weltkrieg führten die Luftangriffe auf Dresden dann faktisch zum Untergang der historischen Barockstadt. Auch wenn viele Bauwerke im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt endgültig beseitigt wurden, schafften es Hans Nadler und seine Mitstreiter im Denkmalamt neben manchen engagierten Ehrenamtlichen, wichtige Ruinen wie das Dresdner Schloss, die Semperoper, das Coselpalais, das Taschenbergpalais, die Dreikönigskirche für einen späteren Wiederaufbau zu sichern. Die Rekonstruktion der Frauenkirche war nur dank der Erhaltung des Trümmerbergs möglich, den man zum Kriegsmonument erklärt hatte. Zwinger, Hofkirche und Kreuzkirche wurden alsbald wieder restauriert, die Schlösser Moritzburg und Pillnitz hatten den Krieg zum Glück unbeschadet überstanden.

 
Dresden (2008)

Nach der Wende und friedlichen Revolution in der DDR und der deutschen Wiedervereinigung wurden nicht nur einzelne Gebäude, allen voran die Frauenkirche und das Residenzschloss, rekonstruiert, sondern ganze Plätze und Straßenzüge, so weitgehend der Neumarkt, während der Altmarkt in den 1950er Jahren modern wieder aufgebaut wurde. Manche Barockhäuser in der inneren Neustadt hatten den Krieg überlebt und wurden nun saniert; weiteres ist noch in der Planung, während einige original erhaltene Bauwerke (wie das Schloss Übigau) noch immer auf ihre Rettung warten (ebenso manch ländliche Barockbauten wie Schloss Wölkau). Wiederhergestellt ist auch das berühmte Elbpanorama, der Blick auf die Silhouette der Altstadt. Die überaus reichen, weitgehend geretteten Sammlungen aus der Barockzeit werden vor allem in der Gemäldegalerie und im Residenzschloss präsentiert, so im Grünen Gewölbe, Münzkabinett, Kupferstichkabinett, in der Rüstkammer und in der Türckischen Cammer, die Porzellansammlung im Zwinger. Jedoch finden sich auch über das ganze Land verstreut viele sehenswerte und bedeutende Zeugnisse des Augusteischen Barock.

Barocke Bauwerke in DresdenBearbeiten

 
Das wiederaufgebaute Coselpalais

GebäudeBearbeiten

Der größte Teil der noch erhaltenen barocken Bauwerke befindet sich in den elbnahen Gebieten und liegt in dem Teil des Elbtalkessels, der von 2004 bis 2009 als UNESCO-Welterbe Kulturlandschaft Dresdner Elbtal geschützt war. Ein großformatiges Panoramabild von Dresden zur Zeit des Barock befindet sich im Panometer Dresden.

Andere BauwerkeBearbeiten

Augusteischer Barock außerhalb DresdensBearbeiten

Bauten des KönigsBearbeiten

Bauten des Adels und der BürgerBearbeiten

Bauten in WarschauBearbeiten

Die Dresdner Stadtarchitektur nach 1763Bearbeiten

Dem Dresdner Barock folgte der Klassizismus, Biedermeier und die Zeit Sempers (1800 bis 1870). Dem schloss sich die erste Blütephase der Villenbebauung und des Neobarock an, in der Webergasse oder in schlichterer Form in der Wilschen Gasse (Wilsdruffer Straße).

Künstler des Dresdner BarockBearbeiten

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Ulli Arnold, Werner Schmidt (Hrsg.): Barock in Dresden. Kunst und Kunstsammlungen unter der Regierung des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen und des Königs August II. von Polen genannt August der Starke 1694–1733 und des Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen und Königs August III. von Polen 1733–1763. Edition Leipzig, Leipzig 1986, ISBN 3-361-00002-5.
  • Hagen Bächler, Monika Schlechte: Führer zum Barock in Dresden (= Die bibliophilen Taschenbücher. 611). Fotografien von Reinhard Möller. Harenberg, Dortmund 1991, ISBN 3-88379-611-5.
  • Alfred Döring: Die neue Königsstadt. Alten-Dresdens Aufbau nach dem Brande von 1685. Verein für Geschichte Dresdens, Dresden 1920.
  • Walter Hentschel: Die sächsische Baukunst des 18. Jahrhunderts in Polen. 2 Bände. Henschel, Berlin 1967.
  • Fritz Löffler: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten. 17. Auflage. Seemann, Leipzig 2012, ISBN 978-3-86502-000-0 (umfassendes Standardwerk).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Udo von Alvensleben (Kunsthistoriker), Dresden und das Augusteische Zeitalter, in: Besuche vor dem Untergang, Adelssitze zwischen Altmark und Masuren, Aus Tagebuchaufzeichnungen zusammengestellt und herausgegeben von Harald von Koenigswald, Frankfurt/M.-Berlin 1968, S. 19-30, hier S. 30