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Sunniten

größte Glaubensrichtung im Islam
(Weitergeleitet von Sunnitisch)
Verteilung muslimischer Volksgruppen:
Grün: sunnitische Gebiete; Rot: schiitische Gebiete; Blau: Ibaditen (Oman)

Die Sunniten bilden die größte Glaubensrichtung im Islam. Ihre Glaubensrichtung selbst wird als Sunnitentum oder Sunnismus bezeichnet. Die Bezeichnung ist von dem arabischen Wort Sunna (‚Brauch, Handlungsweise, überlieferte Norm, Tradition‘) abgeleitet. Diejenigen, die der sunnat an-nabī, der „Sunna des Propheten“ (sc. Mohammed), folgen, werden im Arabischen als ahl as-sunna („Leute der Sunna“) und im Türkischen als Ehl-i Sünnet bezeichnet, was im Deutschen üblicherweise als „Sunniten“ wiedergegeben wird. Neben ahl as-sunna wird im Arabischen für die Sunniten häufig der erweiterte Ausdruck ahl as-sunna wal-dschamāʿa (arabisch أهل السنة والجماعة, DMG ahl as-sunna wal-ǧamāʿa ‚Leute der Sunna und der Gemeinschaft‘) verwendet, der die Vorstellung einer alles umfassenden Gemeinschaft wecken soll.[1]

Heute gelten die Schiiten als die wichtigste Gegengruppe zu den Sunniten, allerdings hat sich das sunnitische Selbstbewusstsein im Mittelalter nicht nur in Absetzung zu den Schiiten, sondern auch zu den Charidschiten, Qadariten und Murdschi'iten herausgebildet. Eine der wenigen internationalen Initiativen zur Klärung der sunnitischen Identität war die Sunnitenkonferenz von Grosny im August 2016. Auf ihr wurden die Takfīrī-Salafisten und andere extremistische Gruppen wie der Islamische Staat aus dem sunnitischen Islam ausgeschlossen.[2]

VerbreitungBearbeiten

Sunniten stellen in den meisten islamischen Ländern die Mehrheit der Muslime, mit Ausnahme von Iran, Irak, Oman, Libanon, Aserbaidschan sowie Bahrain. In Bahrain sind ca. 75 Prozent der Bevölkerung schiitisch, doch wird das politische Leben seit dem 18. Jahrhundert von wenigen tribalen sunnitischen Familien beherrscht.[3]

LehrrichtungenBearbeiten

 
Islamische Konfessionen und Rechtsschulen

Im Bereich der NormenlehreBearbeiten

Im Bereich der Normenlehre (Fiqh) werden heute allgemein vier Lehrrichtungen als sunnitisch anerkannt, nämlich diejenigen der Hanafiten, der Malikiten, der Schafiiten und der Hanbaliten.[4][2] Unterschiede zwischen diesen Lehrrichtungen zeigen sich nicht nur bei rechtlichen Fragen, sondern auch auf ritueller Ebene, so zum Beispiel beim rituellen Gebet und den Reinheitsbestimmungen.

Diese Vierer-Zahl stand allerdings keineswegs schon immer fest. So rechnete zum Beispiel ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 1037) neben diesen vier Gruppen auch die Anhänger von al-Auzāʿī (gets. 774), Sufyān ath-Thaurī (gest. 778), Ibn Abī Lailā (gest. 765) und Abū Thaur (gest. 854) sowie die Zahiriten zu den Sunniten.[5]

Im Bereich der GlaubenslehreBearbeiten

Auf dogmatischer Ebene werden die Sunniten üblicherweise in drei Gruppen eingeteilt: 1. die nach Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. 935) benannten Aschʿariten, 2. die nach Abū Mansūr al-Māturīdī (gest. 941) benannten Māturīditen und 3. eine unterschiedlich benannte dritte Gruppe, die traditionalistisch orientiert ist und die von Māturīditen und Aschʿariten befürwortete rationale Spekulation des Kalām ablehnt. Der syrische Gelehrte Ibn Faqīh Fussa (gest. 1661) bezeichnet diese dritte traditionalistische Gruppe als Hanbaliten.[6] Sein ein Jahrhundert später lebender Landsmann Muhammad ibn Ahmad as-Saffārīnī (gest. 1774) verwendet für sie den Namen Atharīya, der von dem arabischen Wort für die tradierten Überlieferungen (āṯār) abgeleitet ist; allerdings meint er damit ebenfalls die Anhänger von Ahmad ibn Hanbal.[7]

Ein dritter Name, der für diese traditionalistisch orientierte Gruppe verwendet wird, ist „Leute des Hadith“ (ahl al-ḥadīṯ). Er wird zum Beispiel im Abschlussdokument der Konferenz von Grosny verwendet. Allerdings wird hier nur denjenigen „Leuten des Hadith“ die Zugehörigkeit zum Sunnitentum zugesprochen, die bei den mehrdeutigen Aussagen des Korans auf Interpretation verzichten.[2]

Auch die Salafisten betrachten sich als Sunniten. Sie sind sogar der Auffassung, dass sie die einzig wahre Form des Sunnitentums vertreten, und sprechen den Aschʿariten und und Māturīditen die Zugehörigkeit zum Sunnitentum teilweise ab.[8]

Im Bereich der Wissensgewinnung und EthikBearbeiten

Daneben gibt es noch andere Unterteilungen. Der tunesische Gelehrte Muhammad ibn al-Qāsim al-Bakkī (gest. 1510) zum Beispiel unterteilte die Sunniten entsprechend ihrer Wissensgewinnung (istiqrāʾ) in die folgenden drei Gruppen:

  1. die Leute des Hadith (ahl al-ḥadīṯ): Ihre Prinzipien stützen sich auf die hörbasierten Beweise, nämlich das Buch, die Sunna und den Idschmāʿ.
  2. die Leute der Theorie und des intellektuellen Gewerbes (ahl an-naẓar wa-ṣ-ṣināʿa al-fikrīya): Zu ihnen gehören die Aschʿariten und die Hanafiten, wobei letztere Abū Mansūr al-Māturīdī als ihren Meister ansehen. Sie stimmen in den rationalen Prinzipien bei allen Fragen überein, bei denen es keinen hörbasierten Beweis gibt, in den hörbasierten Prinzipien bei allem, was die Vernunft nur als möglich begreift, und in den rationalen wie auch den hörbasierten Prinzipien bei allen anderen Fragen. Außerdem stimmen sie bei allen dogmatischen Fragen überein, außer bei der Frage der Erschaffung (takwīn) und der Frage des Taqlīd.
  3. die Leute des Empfindens und der Enthüllung (ahl al-wiǧdān wa-l-kašf): Das sind die Sufis. Ihre Prinzipien entsprechen im Anfangsstadium den Prinzipien der beiden anderen Gruppen, im Endstadium stützen sie sich aber auf Enthüllung (kašf) und Eingebung (ilhām).[9]

Die Sufis werden auch im Abschlussdokument der Konferenz von Grosny als eigene Gruppe erwähnt. Dort heißt es, dass auch diejenigen als Sunniten gelten, die im Wissen, der Ethik und der Läuterung des Inneren „Leute des reinen Sufismus“ (ahl at-taṣauwuf aṣ-ṣāfī) sind, nach der Methode, wie sie al-Dschunaid und die „Imame der Rechtleitung“ (aʾimma al-hudā), die seinem Weg folgten, praktiziert haben.[2]

BegriffsgeschichteBearbeiten

Ahl as-sunnaBearbeiten

Einer der frühesten Belege für die Bezeichnung ahl as-sunna stammt von dem basrischen Gelehrten Muhammad Ibn Sīrīn (gest. 728). Er wird im Ṣaḥīḥ von Muslim ibn al-Haddschādsch mit der Aussage zitiert: „Früher hat man nicht nach dem Isnād gefragt. Als aber die Fitna ausbrach, sagte man: ‚Nennt uns Eure Gewährsleute‘. Man schaute dann auf sie: Wenn es Leute der Sunna (ahl as-sunna) waren, übernahm man ihren Hadith. Wenn es aber Leute der Neuerungen (ahl al-bidaʿ) waren, übernahm man ihren Hadith nicht.“[10] G.H.A. Juynboll vermutet, dass das Wort Fitna in dieser Aussage nicht den ersten Bürgerkrieg (656–661) nach der Ermordung von ʿUthmān ibn ʿAffān meint, sondern den zweiten Bürgerkrieg (680–692),[11] in dem die islamische Gemeinschaft in vier Parteien (ʿAbdallāh ibn az-Zubair, die Umayyaden, die Schiiten unter al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid und die Charidschiten) zerfallen war. Der Begriff sunna kennzeichnete in dieser Situation eine bestimmte politische Haltung, die einschloss, dass man die ersten beiden Kalifen ausreichend verehrte.[12] So wird von asch-Schaʿbī (gest. zwischen 721 und 729) überliefert, dass er es für einen Teil der Sunna hielt, Abū Bakr und ʿUmar ibn al-Chattāb zu lieben und ihren Vorrang zu kennen.[13]

Der Ausdruck ahl as-sunna war immer eine lobende Bezeichnung. Abū Hanīfa (gest. 767), der mit den Murdschi'a sympathisierte, bestand darauf, dass diese „Leute der Gerechtigkeit und Leute der Sunna“ (ahl al-ʿadl wa-ahl as-sunna) seien.[14] Nach Josef van Ess bedeutete der Ausdruck damals nicht viel mehr als „honorige und rechtgläubige Menschen“.[15] Singular zu ahl as-sunna war ṣāḥib sunna („Anhänger der Sunna“). So bezeichnete zum Beispiel ʿAbdallāh ibn al-Mubārak (gest. 797) denjenigen, der sich von qadaritischen Lehren fernhielt.[16] Die Bezeichnungen ahl as-sunna und ahl al-ʿadl („Leute der Gerchtigkeit“) blieben noch lange miteinander austauschbar. So verwendet der Hanafit Abū l-Qāsim as-Samarqandī (gest. 953), der für die Samaniden einen offiziellen Katechismus verfasste, mal die eine und mal die andere Bezeichnung für die eigene Gruppe.[17]

Ahl as-sunna wal-dschamāʿaBearbeiten

Im 9. Jahrhundert begann man, den Ausdruck ahl as-sunna mit positivem Akzent zu erweitern. Abū l-Hasan al-Aschʿarī benutzte gerne solche Wendungen wie ahl as-sunna wa-l-istiqāma („Leute der Sunna und Geradheit“) und ahl as-sunna wa-l-ḥadīṯ („Leute der Sunna und des Hadith“)[18] bzw. umgekehrt ahl al-ḥadīṯ wa-s-sunna. Der Ausdruck ahl as-sunna wal-ǧamāʿa ist zum ersten Mal in einer Schrift des in Nischapur lebenden Schiiten Fadl ibn Schādhān (gest. 874) belegt. Er bezeichnete damit seine Gegner, die am Hadith orientiert waren.[19] Der Begriff ǧamāʿa war stärker politisch konnotiert; man bekannte sich damit zu einer „Gemeinschaft“. Allerdings war nicht ganz klar, welche Gemeinschaft damit gemeint war. Für al-Dschāhiz (gest. 869) waren ahl al-ǧamaʿa („Leute der Gemeinschaft“) die Muslime ganz allgemein, für andere die Urgemeinde, in der die Prophetengefährten gelebt hatten.[20]

Erst später wurde der Ausdruck ahl as-sunna wal-ǧamāʿa zu einer festen Prägung. Der erste hanafitische Theologe, der ihn als Bezeichnung für die eigene Gruppe verwendete, war Abū l-Laith as-Samarqandī (gest. 983).[17] Schams ad-Dīn al-Maqdisī (10. Jhdt.) erklärte, dass dieser Ausdruck als lobende Bezeichnung auf einer ähnlichen Ebene stand wie die Bezeichnung ahl al-ʿadl wa-t-tauḥīd („Leute der Gerechtigkeit und des Einheitsbekenntnisses“), die für die Muʿtaziliten benutzt wurde, oder allgemeinen Bezeichnungen wie Mu'minūn („Gläubige“) oder aṣḥāb al-hudā („Leute der Rechtleitung“) für Muslime, die als rechtgläubig betrachtet wurden.[21]

Übersetzung in westliche SprachenBearbeiten

Im Deutschen wird der Begriff ahl as-sunna wal-ǧamāʿa üblicherweise mit Sunniten wiedergegeben. Bis zum 19. Jahrhundert war auch die Schreibweise Sonniten verbreitet.[22][23] In manchen älteren Veröffentlichungen wird für die sunnitischen Muslime auch die Bezeichnung „orthodoxe Muslime“ verwendet. Kate Chambers Seelyes zum Beispiel gab 1920 in ihrer Übersetzung von al-Baghdādīs Al-Farq baina l-firaq den Begriff ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa mit “the orthodox” wieder.[24]

Glaubenslehren nach Abū l-Hasan al-AschʿarīBearbeiten

Die Glaubenslehren der Sunniten werden in verschiedenen Bekenntnisschriften festgehalten, wobei sich die einzelnen Lehrpunkte je nach Zugehörigkeit des Autors zu einer bestimmten Lehrtradition unterscheiden. Abū l-Hasan al-Aschʿarī, der Begründer der aschʿaritischen Lehrrichtung, nennt in seinem Werk Maqālāt al-islāmīyīn die folgenden Lehrpunkte als kennzeichnend für die Sunniten (ahl al-ḥadīṯ wa-s-sunna):

  • Sie bekennen sich zu Gott, seinen Engeln, seinen (heiligen) Schriften, seinen Propheten, dem was von Gott (als Offenbarung) gekommen ist und dem, was zuverlässige (Gewährsmänner) vom Propheten überliefert haben […]
  • Sie bekennen, dass Gott ein einziger, ewiger Gott ist […] und dass Mohammed sein Diener und Prophet ist, dass das Paradies Wahrheit ist und die Hölle Wahrheit ist, dass die Stunde (d. h. der jüngste Tag) unzweifelhaft kommen wird und Gott die Insassen der Gräber auferwecken wird.
  • Sie bekennen, dass Gott auf seinem Throne sitzt, wie Er es gesagt hat: „Der Rahmān sitzt auf dem Throne“ (Sure 20:5) […]
  • Sie bekennen, dass man von den Namen Gottes nicht sagen darf, dass sie etwas anderes sind als Gott, wie es Muʿtaziliten und Charidschiten behaupten […]
  • Sie halten am Hören und Sehen fest und sprechen es Gott nicht ab, wie es die Muʿtaziliten tun […]
  • Sie lehren, dass es auf der Erde nichts Gutes und nichts Schlechtes gibt außer dem, was Gott will […]
  • Sie lehren, dass niemand imstande ist, etwas zu tun, bevor er es wirklich tut […] Sie bekennen ferner, dass es keinen Schöpfer außer Gott gibt, dass Gott die schlechten Taten der Menschen schafft, dass Gott überhaupt die Handlungen der Menschen schafft und dass die Menschen nichts zu erschaffen vermögen […]
  • Sie bekennen, dass Gott den Gläubigen hilft, ihm zu gehorchen, aber sich von den Ungläubigen zurückzieht […]
  • Sie lehren, dass der Koran die unerschaffene Rede Gottes ist […]
  • Sie lehren, dass Gott am jüngsten Tage mit den Augen gesehen wird, so wie man den Mond in der Vollmondnacht sieht […]
  • Sie erklären niemanden von denen, die sich nach der Qibla wenden, für ungläubig, wegen einer Sünde, die er begeht wie Zinā, Diebstahl und ähnlicher schwerer Sünden […]
  • Sie bekennen, dass Gott der Wandler der Herzen ist.
  • Sie bekennen sich zur Fürsprache (šafāʿa) des Gottesgesandten sowie dazu, dass sie sich auf diejenigen aus seiner Umma erstreckt, die schwere Sünden begangen haben […]
  • Sie bekennen, dass der Glaube aus Wort und Tat besteht und zunehmen und abnehmen kann, und sie behaupten weder, dass er geschaffen noch dass er unerschaffen ist […]
  • Sie lehren, dass Gott das Schlechte nicht befohlen, sondern verboten hat, und dass er das Gute befohlen hat und an dem Schlechten kein Gefallen hat, auch wenn hinsichtlich dessen ein Wollender ist.
  • Sie erkennen das Recht der Altvorderen (salaf) an, die Gott erwählt hat, aufgrund ihrer Gefährtenschaft zu seinem Propheten. Sie halten sich an ihre Vortrefflichkeiten und enthalten sich eines Urteils hinsichtlich dessen, was den Kleinen und Großen unter ihnen strittig ist. Sie stellen Abū Bakr voran, dann ʿUmar, dann ʿUthmān, dann ʿAlī und bekennen, dass sie die rechtgeleiteten Kalifen und die vorzüglichsten aller Menschen nach dem Propheten sind […]
  • Sie halten die Hadithe für wahr, die über den Gottesgesandten überliefert sind, dass Gott zum untersten Himmel herabsteigt und fragt, ob es jemanden gibt, der um Vergebung bittet. […]
  • Sie bekennen, dass Gott am jüngsten Tage kommen wird, wie Er gesagt hat: „Und es kommt Dein Herr und die Engel reihenweise“ (Sure 89:22)
  • Sie befinden es für gut, am Fest, am Freitag und in Gemeinschaft hinter jedem Imam zu beten, sei er fromm oder sündhaft, bekräftigen das Überstreichen der Schuhe als Sunna sowohl bei dauerndem Aufenthalt als auch auf der Reise und bekräftigen die Pflicht zum Dschihad gegen die Beigeseller, seit der Zeit, da Gott seinen Propheten entsandt hat, bis zur letzten Schar, die gegen den Daddschāl kämpft, und (noch) weiter.
  • Sie befinden es für gut, für die Imame der Muslime um Wohlergehen zu bitten, nicht gegen sie mit dem Schwert zu Feld zu ziehen und nicht in der Fitna zu kämpfen. Sie halten ferner das Auftreten des Daddschāl für wahr, und das Jesus, der Sohn der Maria, ihn töten wird.
  • Sie glauben an Munkar und Nakīr, an die Himmelfahrt Mohammeds (miʿrāǧ), an das Traumgesicht im Schlaf, und dass das Bittgebet für die verstorbenen Muslime und das Almosen für sie nach ihrem Tode ihnen zugutekommt.
  • Sie glauben, dass es auf der Welt Zauberer gibt, dass der Zauberer ein Kāfir ist, wie Gott gesagt hat, und der Zauber etwas Innerweltliches ist.
  • Sie befinden es für gut, für jeden, der von den Leuten der Qibla gestorben ist, das Totengebet zu sprechen, sowohl den Frommen als auch den Sündhaften, und erkennen erbrechtliche Beziehungen mit ihnen an.
  • Sie bekennen,
    • dass das Paradies und das Höllenfeuer erschaffen sind,
    • dass derjenige, der stirbt, zu dem für ihn bestimmten Termin stirbt, auch wenn er getötet wird,
    • dass der Lebensunterhalt von Gott kommt, sowohl der Erlaubte als auch der Verbotene,
    • dass der Satan dem Menschen einflüstert, ihm Zweifel eingibt und ihn schlägt (vgl. Sure 2:275),
    • dass Gott die Frommen durch Wunderzeichen, die er an ihnen zeigt, auszeichnen kann,
    • dass die Sunna nicht durch den Koran abrogiert wird,
    • dass das Schicksal der Kinder bei Gott liegt, der, wenn er will, sie bestraft und, wenn er will, mit ihnen tut, was er will […]
  • Sie befinden es für gut, den Ratschluss Gottes geduldig zu ertragen, sich an das zu halten, was Gott geboten, zu meiden, was er verboten hat, und mit Rat und Tat aufrichtig für die Muslime zu wirken.
  • Sie üben die Religion, durch Gottesdienst gemeinsam mit anderen, durch guten Ratschlag für die Gemeinschaft der Muslime sowie durch Vermeidung von schweren Sünden, von Zinā, Lüge, Eiferertum, Stolz, Hochmut, Herabsetzung der Menschen und Selbstgefälligkeit.
  • Sie befinden es für gut, sich von jedem, der zu einer Bidʿa aufruft, fernzuhalten, sich mit der Rezitation des Korans und Niederschreiben der Traditionsnachrichten zu beschäftigen, sich mit dem Fiqh zu beschäftigen, in Bescheidenheit, Demut und Anstand, indem man reichlich Gutes tut, Schädigung vermeidet, Verleumdung und üble Nachrede unterlässt und Speise und Trank (sc. hinsichtlich ihrer Erlaubtheit) prüft.[25]

Die Sunniten als die „gerettete Sekte“Bearbeiten

Ein bekannter Hadith besagt, dass sich die muslimische Umma in 73 Sekten aufspalten wird, von denen nur eine gerettet werden wird.[26] Bei den Sunniten gibt es die Vorstellung, dass sie diese „gerettete Sekte“ (firqa nāǧiya) sind. So erklärt zum Beispiel ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 1037) in seinem häresiographischen Werk al-Farq baina l-firaq („Der Unterschied zwischen den Sekten“), dass es 20 rāfiditische, 20 charidschitische, 20 qadaritische 10 murdschiitische Sekten und darüber hinaus die Dschahmīya und die Karrāmīya gebe. Das seien die 72 irrenden Sekten. Die 73. Sekte, die die „gerettete Sekte“ sei, seien die Sunniten (ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa). Sie setzen sich nach al-Baghdādī aus zwei Gruppen zusammen, nämlich den Anhängern des Ra'y und den Anhängern des Hadith. Beide stimmten sie jedoch in den Grundlagen der Religion (uṣūl ad-dīn) überein. Unterschiede beständen lediglich bei den Ableitungen (furūʿ) aus den Normen hinsichtlich der Frage, was erlaubt und was verboten ist. Diese Unterschiede seien jedoch nicht so groß, dass sie sich gegenseitig für vom rechten Weg abgeirrt hielten.[27]

Sunniten in DeutschlandBearbeiten

In Deutschland leben ungefähr 2,6 Millionen Sunniten.[28] Die meisten der in Deutschland lebenden Sunniten stammen ursprünglich aus der Türkei sowie aus Marokko, Albanien, Mazedonien, Kosovo, Afghanistan, Syrien, Irak, Tunesien, Bosnien und Herzegowina, Libanon, Ägypten, Palästina und Pakistan. Die Sunniten stellen mit einem Anteil von etwa 74 % die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime dar. Neben den nach Deutschland eingewanderten Sunniten sowie ihren Nachkommen, geht man von mehreren Tausend in Deutschland lebenden Konvertiten (einerseits gebürtige Deutsche, andererseits Einwohner mit Migrationshintergrund – nicht islamisch geprägter Länder –, wie beispielsweise Italien, Polen, Griechenland, Russland, Spanien etc.) aus.

Die bekanntesten Deutschen, die zum sunnitischen Islam konvertierten, sind Ayyub Axel Köhler (Funktionär und ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland), Murad Wilfried Hofmann (Autor und ehemaliger deutscher Botschafter), Frank Bubenheim (deutscher Übersetzer islamischer Texte), Kristiane Backer (Autorin und ehemalige Fernsehmoderatorin des englischsprachigen Fernsehsenders MTV Europe), Danny Blum (Fußball-Bundesliga Profi), Kollegah (deutscher Rapper), die beiden islamistischen Prediger Pierre Vogel (ehemaliger Profiboxer) und Sven Lau (rechtskräftig verurteilter Unterstützer einer ausländischen terroristischen Vereinigung namens Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar) sowie Bernhard Falk (verurteilter ehemaliger linksextremistischer Terrorist und späterer islamistischer Aktivist).

OrganisationenBearbeiten

Die vier bedeutendsten und mitgliederstärksten muslimisch-sunnitischen Vereine und Dachverbände in Deutschland sind:

Diese vier Dachverbände haben sich 2007 zum Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) zusammengeschlossen und verstehen sich als offizieller Ansprechpartner für den deutschen Staat. Eine Anerkennung als Religionsgemeinschaft oder Körperschaft des öffentlichen Rechts steht jedoch noch aus. Es ist umstritten, ob der Koordinationsrat der Muslime als Dachorganisation die Voraussetzungen für eine Anerkennung erfüllt.[29]

LiteraturBearbeiten

Arabische Quellen
  • ʿAbd al-Qāhir al-Baġdādī: Al-Farq baina l-firaq. Ed. Muḥammad ʿUṯmān al-Ḫišn. Maktabat Ibn Sīnā, Kairo o. D., S. 38f. Digitalisat – Engl. Übers. von Kate Chambers Seelye unter dem Titel Moslem Schisms and Sects. Columbia University Press, New York, 1920. S. 38f. Digitalisat
Sekundärliteratur
  • Edward Badeen: Sunnitische Theologie in osmanischer Zeit. Ergon, Würzburg, 2008.
  • Abbas Barzegar: „The Persistence of Heresy: Paul of Tarsus, Ibn Saba, and Historical Narrative in Sunni Identity Formation“ in Numen 58 (2011) 207–231.
  • Josef van Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. De Gruyter, Berlin, 2011. Bd. II., S. 1270–79.
  • Matthew Kuiper: „The Roots and Achievements of the Early Proto- Sunni Movement: A Profile and Interpretation“ in Muslim World 104 (2014) 71–88.
  • William Montgomery Watt, Michael Marmura: Der Islam II. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1985. S. 260–68.
  • Muhammad Qasim Zaman: Religion and politics under the early ʿAbbāsids: the emergence of the Proto-Sunnī elite. Brill, Leiden, 1997.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Watt/Marmura: Der Islam II. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte. 1985. S. 267.
  2. a b c d Abschlussdokument der Grosny-Konferenz von 2016, arabisches Original und deutsche Übersetzung.
  3. Vgl. Pierre-Jean Luizard: Histoire politique du clergé chiite, xviiie-xxie siècle. Fayard, Paris, 2014. S. 256.
  4. Beschluss 152 (17/1) der Internationalen Islamischen Fiqh-Akademie vom 28. Juni 2006 „hinsichtlich des Islams, der einen Umma und der dogmatischen und normenwissenschaftlichen Lehrrichtungen“ (bi-šaʾn al-islām wa-l-umma al-wāḥida wa-l-maḏāhib al-ʿaqadīya wa-l-fiqhīya).
  5. al-Baġdādī: Al-Farq baina l-firaq. S. 39, 273.
  6. Ibn Faqīh Fuṣṣa: ʿAin al-aṯar fī ʿaqāʾid ahl al-aṯar. Dār al-Maʾmūn li-t-Turāṯ, Damaskus, 1987. S. 53 Online-Version
  7. Muḥammad ibn Aḥmad aṣ-Ṣaffārīnī Lawāmiʿ al-anwār al-bahīya wa-sawāṭiʿ al-asrār al-aṯarīya. Muʾassasat al-Ḫāfiqain, Damaskus, 1982. Bd. I, S. 73. Digitalisat
  8. Namira Nahouza: Wahhabism and the Rise of the New Salafis. Theology, Power and Sunni Islam. Tauris, London, 2018. S. 144–147.
  9. Abū ʿAbdallāh Muḥammad ibn al-Qāsim al-Bakkī: Taḥrīr al-maṭālib fīmā taḍammanathū ʿAqīdat Ibn Ḥāǧib. Muʾassasat al-Maʿārif, Beirut, 2008. S. 40f. Digitalisat
  10. Ṣaḥīḥ Muslim, Muqaddima, Bāb anna al-isnād min ad-dīn wa-ʾanna r-riwāya lā takūn illā ʿan aṯ-ṯiqāt
  11. G.H.A. Juynboll: Muslim tradition. Studies in chronology, provenance and authorship of early ḥadīṯ. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1983. S. 17f.
  12. Zaman: Religion and politics under the early ʿAbbāsids. 1997, S. 50f.
  13. Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Ed. Šuʿaib al-Arnāʾūṭ. 11. Aufl. Muʾassasat ar-Risāla, Beirut, 1996. Bd. IV, S. 310. Digitalisat
  14. Abū Ḥanīfa: Risāla ilā ʿUṯmān al-Battī. Ed. Muḥammad Zāhid al-Kauṯarī. Kairo, 1949. S. 38. Digitalisat.
  15. Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. II, S. 1273.
  16. Muḥammad ibn Aḥmad al-Malaṭī: Kitāb at-tanbīh wa-r-radd ʿalā ʾahl al-ahwāʾ wa-l-bidaʿ. Ed. Sven Dedering. Schwarz, Berlin, 2009. S. 143. Digitalisat
  17. a b Ulrich Rudolph: Al-Māturīdī und die sunnitische Theologie in Samarkand. Brill, Leiden 1997. S. 66.
  18. Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. II, S. 1274.
  19. Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. II, S. 1276.
  20. Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. II, S. 1275f.
  21. Šams ad-Dīn al-Muqaddasī: Kitāb Aḥsan at-taqāsīm fī maʿrifat al-aqālīm. Ed. M. J. de Goeje. 2. Aufl. Brill, Leiden 1906. S. 37. Digitalisat – Französische Übersetzung André Miquel. Institut Français de Damas, Damaskus, 1963. S. 88.
  22. Brockhaus von 1809
  23. Pierer von 1859
  24. Kate Chambers Seelyes: Moslem Schisms and Sects. 1920, S. 38.
  25. Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-iḫtilāf al-muṣallīn. Ed. Hellmut Ritter. 2. Aufl. Steiner, Wiesbaden, 1963. S. 290–297. Digitalisat – Vgl. die Übersetzung bei Joseph Schacht: Der Islām mit Ausschluss des Qur'āns. Mohr/Siebeck, Tübingen 1931, S. 54–61. Digitalisat
  26. Watt/Marmura: Der Islam II. Politische Entwicklungen und theologische Konzepte. 1985. S. XVI.
  27. al-Baġdādī: Al-Farq baina l-firaq. S. 38f. - Engl. Übers. S. 38 (der Ausdruck ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa ist hier mit “the orthodox” übersetzt).
  28. Mitgliederzahlen: Islam, in: Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e. V. (Abkürzung: REMID), abgerufen am 30. Januar 2016.
  29. Was muslimischen Verbänden die Anerkennung als Religionsgemeinschaft bringt, in: Berliner Zeitung vom 27. August 2016, abgerufen am 17. Februar 2017