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Pierre Laval (1940)

Pierre Etienne Laval (* 28. Juni 1883 in Châteldon, Département Puy-de-Dôme; † 15. Oktober 1945 im Gefängnis Fresnes, Département Val-de-Marne) war ein französischer Politiker der Dritten Republik und des Vichy-Regimes.

Zu Beginn seiner politischen Karriere war Pierre Laval Sozialist. Während der 1920er und -30er Jahre bekleidete er verschiedene Regierungsämter und war zweimal französischer Premierminister (1931/1932 und 1934/1935). Nach der Niederlage Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wirkte Laval entscheidend an der Errichtung des État français (Vichy-Regime) mit. Im Gegensatz zu Staatschef Philippe Pétain forderte Laval eine umfassende Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich. Ab 1942 verdrängte Laval Marschall Pétain aus dessen unumschränkter Machtstellung an der Staatsspitze und forcierte die französische Kollaborationspolitik mit den deutschen Besatzungsbehörden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Laval zum Tode verurteilt und hingerichtet.

LebenBearbeiten

Frühe JahreBearbeiten

 
Pierre Laval als Anwalt (1913)

Pierre Laval war der Sohn eines Gastwirts und Hotelbesitzers aus der Gemeinde Châteldon in der Auvergne. Trotz seiner einfachen Herkunft besuchte er ab 1898 ein Pariser Lycée, das er mit dem Baccalauréat abschloss. Anschließend begann Laval ein Zoologie-Studium, wechselte jedoch zu den Rechtswissenschaften. Während des Studiums beeinflussten ihn die Schriften des Syndikalisten Georges Sorel und die Lehre des Blanquismus, weshalb er 1905 in die sozialistische Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO) eintrat. Aufgrund von Krampfadern musste Laval seinen zweijährigen Wehrdienst im französischen Heer vorzeitig abbrechen.

1909 beendete Laval sein Studium und ließ sich als Rechtsanwalt in Paris nieder. Die französische Gesellschaft war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg durch Arbeitskämpfe und Streiks gekennzeichnet. Laval verteidigte die Interessen der Arbeiterbewegung und machte sich einen Namen als Anwalt sozialistischer Gewerkschafter der CGT. Auf einer Gewerkschafts-Konferenz sagte er über sich selbst: „Ich bin ein Genosse unter Genossen, ein Arbeiter unter Arbeitern.“[1]

AbgeordneterBearbeiten

 
Pierre Laval (1931)

Nach den Parlamentswahlen vom April 1914 zog Laval für den Wahlbezirk Saint-Denis in die Abgeordnetenkammer (Chambre des Députés) ein und war mit nur 31 Jahren jüngster Abgeordneter der sozialistischen Fraktion.[2] Laval vertrat nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs pazifistische Positionen, opponierte jedoch in der Kammer nicht gegen die Union sacrée. Er sprach sich für einen Verhandlungsfrieden mit dem Deutschen Reich aus. Als er die wachsende Kritik an seinen Positionen bemerkte, unterstützte er ab 1917 den Kurs des nationalistischen Premierministers Georges Clemenceau. Aufgrund starkter Stimmenverluste der Sozialisten in den Wahlen von 1919 verlor Laval sein Abgeordnetenmandat.

In den Jahren 1931 und 1932 sowie 1935 und 1936 war er französischer Ministerpräsident. 1934 vertrat er sein Land bei den Verhandlungen des Völkerbundes über die Saarfrage. Als Außenminister entwarf er 1935 zusammen mit seinem britischen Amtskollegen Samuel Hoare den Hoare-Laval-Pakt, der die Handlungsfähigkeit des Völkerbunds im Italienisch-Äthiopischen Krieg garantieren sollte und durch den Italien Zugeständnisse in Äthiopien erhalten hätte. Insgesamt verfolgte er aber eine Großbritannien gegenüber kritische Außenpolitik, während er sich um eine Annäherung an die Sowjetunion und das faschistische Italien bemühte. Das Time-Magazine kürte Laval 1931 zum Man of the Year. Mit dem Wahlsieg der Volksfront unter Léon Blum wurde Laval einer der entschiedensten Oppositionellen und schloss sich den konservativen Kreisen um Marschall Henri Philippe Pétain an.

Vichy-RegimeBearbeiten

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs sorgte Laval im Parlament dafür, dass die Macht am 10. Juli 1940 an Pétain übertragen und damit die Dritte Republik beendet wurde. Am 16. Juli 1940 wurde Laval stellvertretender Ministerpräsident – vorerst gab es keinen Ministerpräsidenten – und später Außenminister des Vichy-Regimes. Am 13. Dezember 1940 wurde Laval von Pétain entlassen und verhaftet, weil Pétain nicht so eng mit dem NS-Regime zusammenarbeiten wollte wie von Laval gefordert.

In der Hoffnung, die Beziehungen zur Besetzungsmacht zu verbessern, berief Pétain Laval am 18. April 1942 erneut zum Ministerpräsidenten,[3] woraufhin die US-Regierung ihren Botschafter aus Vichy abberief. In der folgenden Zeit wurde er der wichtigste Entscheidungsträger des Vichy-Regimes; der Einfluss des greisen Pétain wurde geringer.[4]

In einer Rundfunkansprache am 22. Juni 1942 bekräftigte er, er hoffe auf einen Sieg Deutschlands – andernfalls werde sich der Bolschewismus überall ausbreiten.[5] Er rief die Franzosen auf, sich freiwillig zum Service du travail obligatoire in der deutschen Industrie zu melden. In anderen Punkten versuchte er die Forderungen des deutschen Besatzungsregimes abzuschwächen, hatte damit aber kaum Erfolg. Im Juli 1942 sorgte er dafür, dass jüdische Kinder in die Vernichtungslager deportiert wurden, mit den Worten: „Aus Gründen der Menschlichkeit hat der Ministerpräsident (entgegen den ursprünglichen deutschen Anweisungen) durchgesetzt, dass Jugendliche und Kinder unter 16 Jahren ihre Eltern begleiten dürfen.“ In Verhandlungen rang er der deutschen Militärregierung die Zusicherung ab, Menschen mit französischem Pass nicht zu deportieren. Im Januar 1943 gründete Laval die Milice française, die unter der Führung von Joseph Darnand stand. Bis August 1944 blieb er Ministerpräsident.

Exil und TodBearbeiten

Im September 1944 wurde Laval – nach eigener Aussage gegen seinen Willen – nach Sigmaringen gebracht, wo er zunächst gemeinsam mit Marschall Pétain das Schloss Sigmaringen von Friedrich von Hohenzollern bewohnte. Im Januar 1945 zog er mit 19 Mitgliedern seines Kabinetts in das etwa 14 km entfernte Schloss in Wilflingen. Er führte in beiden Orten eine Exilmarionettenregierung mit Kabinettssitzungen, eigener französischer Tageszeitung, einem Rundfunksender und eigener Wache.

Am 20. April 1945 verließ er das Schloss Wilflingen.[6] Später wurde er mit einem Flugzeug der Luftwaffe vor den anrückenden Truppen der Alliierten nach Barcelona ausgeflogen. Die Regierung von General Franco ging nach einer Bedenkzeit von 90 Tagen auf den Antrag der Regierung de Gaulle ein und lieferte Laval am 30. Juli 1945 in Österreich an die Amerikaner aus. Diese überstellten ihn unverzüglich der französischen Regierung in Paris.

Laval wurde angeklagt und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Nachdem er am 6. Oktober 1945 versucht hatte, sich mit Zyankali umzubringen, wurde er im Gefängnis von Fresnes medizinisch versorgt und schließlich mit mehrtägiger Verspätung am Mittag des 15. Oktober 1945 durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Sein Grab befindet sich auf dem Cimetière Montparnasse in Paris.

LiteraturBearbeiten

  • Renaud Meltz: Pierre Laval. Un mystère français. Perrin, Paris 2018.[7]
  • Christiane Florin: Philippe Pétain und Pierre Laval. Das Bild zweier Kollaborateure im französischen Gedächtnis. Peter Lang, Frankfurt am Main 1997.
Über den Prozess vor dem Haute cour de justice (Oktober 1945)
  • Fred Kupferman: Le Procès de Vichy : Pucheu, Pétain, Laval. Éditions Complexe, 2006. (frz.)
  • Fred Kupferman: Pierre Laval. Balland, 1987. Neuauflage: Tallandier, 2016. (frz.)
  • René de Chambrun: Le « Procès » Laval. France-Empire, Paris 1984. (frz.)
  • Géo London: Le Procès Laval. Bonnefon, Lyon 1946. (frz.)
Belletristik

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Henry Torrés: Pierre Laval. Oxford University Press, New York 1941, S. 17–20.
  2. Le Petit Parisien, 27. April 1914 u. 11. Mai 1914. Saint-Denis est un des arrondissements de la Seine, qui en compte trois. Il compte 8 sièges en 1914. Laval obtient 8 885 voix au 1er tour, contre 6 486 à Marcel Habert, et 2 973 et 2 168 voix pour deux candidats radicaux. Dictionnaire des parlementaires : « Au second tour, Laval obtient 10 912 voix et Habert, 8 587 ».
  3. Glühender Hitler-Verehrer in Vichy. In: Deutschlandradio Kultur. (deutschlandradiokultur.de [abgerufen am 19. April 2017]).
  4. zur Frage, ob Pétain geradezu eine Marionette in den Händen einer Gruppe um Laval war siehe: Anja Köhler: Vichy und die französischen Intellektuellen: die „années noires“ im Spiegel autobiographischer Texte. Dissertation. Tübingen 2001, S. 56 f. (online)
  5. Je souhaite la victoire allemande, parce que, sans elle, le bolchevisme demain s'installerait partout.
  6. Das Kriegsende in Sigmaringen 1945. (Memento des Originals vom 12. November 2017 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.sigmaringen.de Website der Stadt Sigmaringen.
  7. Claudia Mäder: Pierre Laval: Wie ein einfacher Franzose zum Kollaborateur des Hitler-Regimes wurde. In: Neue Zürcher Zeitung, 2. Februar 2019.
VorgängerAmtNachfolger

Théodore Steeg
Fernand Bouisson
Philippe Pétain
François Darlan
Premierminister von Frankreich
27. Januar 1931–6. Februar 1932
7. Juni 1935–22. Januar 1936
16. Juli 1940–13. Dezember 1940
18. April 1942–19. August 1944

André Tardieu
Albert Sarraut
François Darlan
Charles de Gaulle

Aristide Briand
Louis Barthou
Paul Baudouin
François Darlan
Außenminister von Frankreich
14. Januar 1932–20. Februar 1932
13. Oktober 1934–24. Januar 1936
28. Oktober 1940–13. Dezember 1940
18. April 1942–20. August 1944

André Tardieu
Pierre-Étienne Flandin
Pierre-Étienne Flandin
Georges Bidault

Georges Leygues
Pierre Pucheu
Innenminister von Frankreich
27. Januar 1931–14. Januar 1932
18. April 1942–20. August 1944

Pierre Cathala
Adrien Tixier

René Renoult
Justizminister von Frankreich
9. März 1926–19. Juli 1926

Maurice Colrat