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François Darlan

französischer Admiral und Politiker

Karriere in der französischen MarineBearbeiten

François Darlan entstammte einer angesehenen Familie aus Nérac, die eine lange Verbindung zur französischen Marine hatte. Sein Vater Jean-Baptiste Darlan war Abgeordneter der Nationalversammlung für das Département Lot-et-Garonne und bekleidete 1896/97 das Amt des Justizministers.

Zwischen 1899 und 1902 wurde Darlan an der Marineschule (École Navale) in Lanvéoc ausgebildet und diente zeitweilig im Fernen Osten. Während des Ersten Weltkriegs kommandierte er eine landgestützte Marinebatterie und kämpfte 1916 in der Schlacht um Verdun.[1] Nach Kriegsende befehligte Darlan das Schulschiff Jeanne d’Arc und ab 1926 den Panzerkreuzer Edgar Quinet im Rang eines Kapitäns zur See.

Durch seinen Patenonkel Georges Leygues, langjähriger Marineminister, erfuhr Darlans Karriere einen raschen Aufstieg.[2] 1929 wurde er zu Leygues' Kabinettschef ernannt sowie zum Konteradmiral befördert und vertrat Frankreich 1930 während des Londoner Flottenvertrages. 1932 erhielt Darlan die Ernennung zum Vizeadmiral und zwei Jahre später das Kommando über das französische Atlantikgeschwader in Brest. Am 1. Januar 1937 wurde Darlan Generalstabschef der Marine und zum Admiral befördert. Er nutzte seine politischen Kontakte, um erfolgreich für eine Aufrüstung der Marine zu werben und der wachsenden Bedrohung durch die deutsche Kriegsmarine sowie der italienischen Marina Militare zu begegnen.

Um seine Ebenbürtigkeit mit dem Ersten Seelord der Royal Navy zu betonen, erhielt Darlan am 6. Juni 1939 die Ernennung zum Flottenadmiral (Amiral de la Flotte), der eigens für ihn geschaffen worden war.[3]

Rolle im Zweiten Weltkrieg und innerhalb des Vichy-RegimesBearbeiten

Im Juni 1940 gehörte Darlan zu den Offizieren, die den Kampf Frankreichs in Nordafrika gegen das nationalsozialistische Deutschland nicht fortsetzen wollten. Er unterstützte die Forderung nach einem Waffenstillstand. Er befahl den Großteil der französischen Mittelmeerflotte nach Nordafrika. Ein Teil dieser Flotte, mit ca. 1300 Marineangehörigen an Bord, wurde von der Royal Navy in der Operation Catapult am 3. Juli in Mers-el-Kébir versenkt. Die Royal Navy wollte damit verhindern, dass die französische Flotte den Deutschen in die Hände fiele. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika (Operation Torch, 8. bis 16. November 1942) ließ Hitler die Planung für das Unternehmen Anton aktualisieren; am 11. November 1942 besetzten zwei Armeen der Wehrmacht große Teile der „Freien Zone“ Vichy-Frankreichs; die italienische 4. Armee besetzte die Côte d’Azur und eine italienische Division landete auf der Insel Korsika.

Die Admiralität des Vichy-Regimes ordnete am 27. November 1942 die Selbstversenkung von Darlans verbliebener Flotte im Hafen von Toulon an, um den Deutschen deren Übernahme zu verwehren.

 
Reichsmarschall Hermann Göring (rechts) mit Marschall Philippe Pétain (Mitte) und François Darlan (links) bei Gesprächen in St. Florentin-Vergigny (1941)

Darlan handelte mit deutschen Militärs den Waffenstillstand von Compiègne vom 22. Juni 1940 aus. Demzufolge hatte Frankreich Hitler-Deutschland drei Militärbasen zu übergeben: eine in Syrien, was sofort ausgeführt wurde, die übrigen in Bizerta (im heutigen Tunesien) und in Dakar in Französisch-Westafrika. Diesem Waffenstillstandsvertrag zufolge ging die französische Armee überwiegend in deutsche Kriegsgefangenschaft, die verbleibende „Waffenstillstandsarmee“ des Vichy-Regimes von 100.000 Mann hatte an der Seite Hitler-Deutschlands zu kämpfen, um die freien französischen Kolonien zu besetzen. Des Weiteren hatte der unter Darlans persönlichem Kommando stehende Marinegeheimdienst „Service de Renseignement Marine“ der deutschen Kriegsmarine Informationen über alliierte Schiffsbewegungen zu liefern.

Darlan wurde Minister der Handels- und Kriegsmarine in der ersten Regierung Marschall Henri Philippe Pétain (Vichy-Regime). Sogleich wurde er Vizepräsident des Staatsrats mit dem Haushalt für Innen- und Außenministerium. Im Dezember 1940 ersetzte er Pierre Laval als Regierungschef. Gleichzeitig übernahm er Außen-, Innen- und Kriegsministerium. Darlan schuf das Generalkommissariat für die „Judenfrage“ und verkündete das zweite „Judenstatut“ im Juni 1941. Bis zum April 1942 leitete er die Regierung und musste dann auf Druck Adolf Hitlers zurücktreten. Er blieb aber designierter Nachfolger des Staatschefs Pétain und Oberkommandierender aller französischen Streitkräfte des Vichy-Regimes.

Gefangennahme in Algier, weiterbestehender EinflussBearbeiten

Am 7. November 1942 wurde Darlan unvorhergesehen nach Algier gerufen, um seinem Sohn in Lebensgefahr beizustehen, der im Hospital Maillot in der Eisernen Lunge lag. Dort wurde er von der Landung der Alliierten in Nordafrika (Operation Torch) überrascht. Er wurde zusammen mit General Alphonse Juin, dem befehlshabenden vichy-französischen Kommandanten für Französisch-Nordafrika durch Schüler des Lycée Ben Aknoun festgenommen. Darlan gelang allerdings – befreit durch die Garde mobile – die Rückkehr zur Admiralität, der er Widerstand gegen die Alliierten befahl. Er sandte am folgenden Morgen ein Telegramm nach Vichy, in dem er ein Bombardement der alliierten Truppentransporte im Raum Algier durch die deutsche Luftwaffe forderte. Am Abend kapitulierte Darlan allerdings für Algier. Am 10. November 1942 befahlen Darlan und Juin unter dem Druck der US-Generäle Mark W. Clark und Dwight D. Eisenhower die Feuereinstellung in Oran und am 11. November in Marokko. Daraufhin wurde er von Pétain für abgesetzt erklärt. Es erfolgte die Besetzung der bis dahin „unbesetzten“ Südzone Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht (Unternehmen Anton). Darlan unterschrieb am 13. November die Bedingungen des „Abkommens Clark-Darlan“.

Nach einer Debatte mit General Charles Noguès proklamierte sich François Darlan am 14. November zum „Hochkommissar“ in Französisch-Afrika, im Namen des „verhinderten Marschalls“ und unter Berufung auf den vierten Teil der konstitutionellen Akte, der ihn zum designierten Nachfolger von Marschall Pétain erklärte (siehe auch: Vichy-Regime im befreiten Afrika 1942 bis 1943). Darlan setzte im Einverständnis mit General Eisenhower unter der Bezeichnung „Hochkommissariat von Frankreich in Afrika“ dort das im Mutterland faktisch entmachtete Vichy-Regime fort, unterstützt von einem Conseil Impérial (= Reichsrat), dem er die französischen Territorien und Streitkräfte in Nordafrika und im französischen Westafrika unterstellte. Dies brachte General Charles de Gaulle enorm auf, der seit 1940 von London aus die Streitkräfte des France libre, des „Freien Frankreich“ an der Seite der Alliierten kommandierte, und bestätigte dessen Abneigung gegen die USA.

Nach einem erneuten Zusammentreffen seines Hochkommissariats mit dem Alliierten Kommando entschied sich Darlan am 14. November, mit den ihm unterstehenden Streitkräften in den Krieg gegen Hitler-Deutschland einzutreten. Die Mehrzahl französischer Truppen in Afrika folgte Darlans Befehl, aber einige Einheiten schlossen sich den deutschen Truppen im heutigen Tunesien an. Gleichzeitig hielt Darlan die Diskriminierungsgesetze Pétains gegen die Juden aufrecht und die Opfer des Vichy-Regimes in den Konzentrationslagern in Algeriens Süden weiter gefangen. Forderungen nach Demokratisierung oder Emanzipation der muslimischen Bevölkerung Algeriens erteilte er eine Absage.

ErmordungBearbeiten

Am 24. Dezember 1942 fiel Darlan in seinem Hauptquartier in Algier einem Attentat des Studenten Fernand Bonnier de La Chapelle zum Opfer. Er wurde von zwei Kugeln getroffen. Darlan starb einige Stunden später. Der Attentäter gehörte monarchistischen Kreisen an und arbeitete mit gaullistischen Widerstandsgruppen zusammen.[4] Darüber hinaus sind die näheren Hintergründe des Attentats unklar.

La Chapelle wurde am 26. Dezember 1942 hingerichtet. Eisenhower entschloss sich, die Hinrichtung nicht zu unterbinden, da er den Mord als kriminelle und nicht als politisch motivierte Tat betrachtete.[5]

Am 21. Dezember 1945 rehabilitierte die Revisionskammer des Appellationsgerichts in Algier postum La Chapelle und kassierte das Todesurteil. Die Tat sei, so die Begründung, im Interesse der Befreiung Frankreichs geschehen («dans l’intérêt de la libération de la France»).

LiteraturBearbeiten

  • Elmar Krautkrämer: Admiral Darlan, de Gaulle und das royalistische Komplott in Algier 1942 . In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 32, Heft 4, 1984, S. 529–581.[1]
    • dsb.: Frankreichs Kriegswende 1942. Die Rückwirkungen der alliierten Landung in Nordafrika. Darlan, de Gaulle, Henri Giraud und die royalistische Utopie. Peter Lang, Bern 1989
  • René Pierre Gosset: Expédients provisoires (Reportage), Fasquelle, Paris 1945
  • Henri Michel: Vichy, année 1940, Robert Laffont, Paris 1967
  • Henri Michel: Darlan, Paris, Hachette, 1993
  • Yves Maxime Danan: La vie politique à Alger de 1940 à 1944, Paris, L.G.D.J., 1963
  • Christine Levisse-Touzet: L’Afrique du Nord dans la guerre, 1939–1945, Paris, Albin Michel, 1998
  • José Aboulker und Christine Levisse-Touzet: 8 novembre 1942: Les armées américaine et anglaise prennent Alger en quinze heures, Paris, « Espoir », n° 133, Paris 2002
  • George F. Howe: North West Africa: Seizing the initiative in the West, Center of Military history, US Army, Library of Congress, 1991
  • Arthur L. Funck: The politics of Torch, University Press of Kansas, 1974
  • Les Cahiers Français, La part de la Résistance Française dans les évènements d’Afrique du Nord (Rapports des chefs des groupes de volontaires qui se sont emparés d’Alger le 8 novembre 1942), Commissariat à l’Information du Comité National Français, London 1943 (offizielle Berichte über den Putsch vom 8. November 1942 in Algier)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Horne, Alistair (1993). The Price of Glory: Verdun 1916. New York: Penguin. p. 248. ISBN 978-0-14-017041-2.
  2. Auphan, Paul; Mordai, Jacques (1959). The French Navy in World War II. Naval Institute Press. p. 10. ISBN 9781682470602. Retrieved 3 February 2018.
  3. Korda, Michael (2007). Ike: An American Hero. New York: HarperCollins. p. 325. ISBN 978-0-06-075665-9. Retrieved 10 May 2013.
  4. Für das Attentat und die Hintergründe vgl. Jean-Louis Crémieux-Brilhac: La France Libre, Bd. 1: De l'appel du 18 juin à la libération, Paris, Gallimard, Neuausgabe 2001, S. 589ff.
  5. Rick Atkinson: An army at dawn. The war in North Africa, 1942–1943. Henry Holt, New York 2002, ISBN 0-8050-6288-2, S. 251–252.
VorgängerAmtNachfolger
Pierre Étienne FlandinAußenminister von Frankreich
10. Februar 194118. April 1942
Pierre Laval
Marcel PeyroutonInnenminister von Frankreich
14. Februar 194118. Juli 1941
Pierre Pucheu