Ouessant

französische Gemeinde

Ouessant (bretonisch Enez Eusa, englisch Ushant) ist eine französische Insel und eine Gemeinde mit 835 Einwohnern (Stand 1. Januar 2017) vor der bretonischen Küste im Atlantik. Sie ist die westlichste Siedlung Frankreichs (ausgenommen Überseegebiete). Die Insel gehört zur Region Bretagne, zum Département Finistère, zum Arrondissement Brest und zum Kanton Saint-Renan.

Ouessant
Wappen von Ouessant
Ouessant (Frankreich)
Ouessant
Region Bretagne
Département Finistère
Arrondissement Brest
Kanton Saint-Renan
Koordinaten 48° 27′ N, 5° 6′ WKoordinaten: 48° 27′ N, 5° 6′ W
Höhe 0–61 m
Fläche 15,58 km2
Einwohner 835 (1. Januar 2017)
Bevölkerungsdichte 54 Einw./km2
Postleitzahl 29242
INSEE-Code
Website www.ouessant.fr

Lage und BeschaffenheitBearbeiten

 
Lage der Insel
 
Karte der Insel

Die 15,58 km² große Insel liegt etwa 20 Kilometer westlich der Küste des Finistère im äußersten Osten der Keltischen See. Die Insel stellt den westlichsten Teil des französischen Mutterlandes dar und markiert wie die Scilly-Inseln im Norden den äußersten westlichen Abschluss des Ärmelkanals sowie den nördlichen Abschluss des Seegebietes Iroise.

Ouessant besteht wie nahezu alle bretonischen Inseln aus Granitgestein. An ihrer höchsten Erhebung erreicht die Insel 61 m. Die Form der Insel erinnert entfernt an eine Krabbe.

Wirtschaft und TourismusBearbeiten

Die Gemeinde Ouessant besteht aus offiziell 92 Weilern; Hauptort und Sitz der Verwaltung ist Lampaul.

Viele Einwohner leben heute vom Tourismus und dem Dienstleistungsgewerbe. Die Anzahl der Arbeitskräfte in den nautischen Berufen (Fischer, Seeleute oder Leuchtfeuerwärter) ist rückläufig. Die Landwirtschaft spielt kaum noch eine Rolle. Für die Imkerei ist die Insel wichtig, da es auf ihr einen reinen, Varroa-freien Bestand der bretonischen Dunklen Biene gibt.

In den Sommermonaten kommen zahlreiche Tagestouristen, die für einige Stunden die Insel erkunden. Gästen, die länger bleiben, stehen einige kleinere Hotels und Privatunterkünfte zur Verfügung. Die Insel ist landschaftlich reizvoll, bietet aber weder bedeutende Badestrände noch herausragende touristische Sehenswürdigkeiten. Erwähnenswert sind der im Westen gelegene, 55 Meter hohe Leuchtturm Phare du Créac’h mit einem kleinen Museum über maritime Signaleinrichtungen, der im Osten gelegene Phare du Stiff, der für Besucher begehbar ist, der zwischen beiden Leuchttürmen verlaufende Küstenwanderweg sowie die Kirche in Lampaul.

Nach Ouessant besteht eine tägliche Fährverbindung von Brest über die deutlich kleinere, bewohnte Nachbarinsel Molène, die unterwegs angelaufen wird. Ebenso besteht eine Fährverbindung vom Fischerdorf Le Conquet nach Ouessant, durch die Fähre Le Fromveur. Ferner ist ein kleiner Flugplatz vorhanden, der vom Flughafen Brest aus angeflogen wird.

Bedeutung für die SeefahrtBearbeiten

Die Insel markiert für die von Südwesten aus dem Atlantik kommenden Schiffe den Eingang zum Ärmelkanal. Der weithin sichtbare Leuchtturm Phare du Créac’h, besser bekannt als Ushant Lighthouse, ist für Seefahrer das erste Leuchtfeuer nach der Überquerung der Biskaya und die wichtigste Kursmarke für die Einfahrt in den Ärmelkanal. Nordwestlich des Leuchtturms liegt ein Verkehrstrennungsgebiet zur Regulierung der Schifffahrt bei der Kursänderung vom Atlantik in den Ärmelkanal und umgekehrt. Ein Radarturm neben dem Leuchtturm Phare du Stiff im Nordosten der Insel dient der Kontrolle des Verkehrstrennungsgebietes. Daneben steht ein Sendemast für NAVTEX.

Historische BedeutungBearbeiten

„Die Insel des Weltenendes“ besaß mehrere Megalithanlagen, darunter den von Admiral Antoine-Jean-Marie Thévenard im Jahre 1800 so benannten „Heidentempel“. Das eckige Gehege, eine sogenannte „Quadrilatère“, ist nur noch als Aquarell des Malers Jean-Baptiste Debret erhalten. Überlebt hat der kleine ovale Steinkreis von Pen-ar-Lan im äußersten Westen der Insel.

Archäologische Ausgrabungen begannen 1988. Sie weisen auf eine Präsenz des Menschen während der Jungsteinzeit hin. Von der späten Bronzezeit bis zur frühen Eisenzeit (750 bis 450 vor Christus) war das Dorf nicht die einzige Siedlung der Insel. Spuren eines Muschelkults weisen auf die Verehrung einer bretonischen Meeres- und Fruchtbarkeitsgöttin hin, von der Artemidor von Ephesos berichtet. Die Überreste zeigen auch außergewöhnlich reiche Spuren aus der Römerzeit. Tausende von Keramik-Artefakte beweisen, dass dieses Dorf auch die protokeltischen kulturellen Strömungen aufnahm. Paulus Aurelius (Saint Pol), der die Insel missionierte, gründete der Sage nach um 517 ein Kloster auf Ouessant; ein anderes wurde von Gildas dem Weisen gegründet. Noch nach 1900 wurden auf Ouessant alte Balladen in bretonischer Sprache aufgezeichnet, die zuvor als ausgestorben galten.

Ouessant ist bekannt für seine maritime Vergangenheit, sowohl bezüglich der Fischerei, aber, und vor allen Dingen, auch wegen seiner herausragenden Funktion als Landmarke im Ärmelkanal. Der Leuchtturm Phare du Stiff, dessen Bau 1695 unter dem Festungsbaumeister Vauban begonnen und 1700 beendet wurde, war der erste französische Leuchtturm am Ärmelkanal (siehe auch Liste von Leuchttürmen in Frankreich). Im engeren und weiteren Seegebiet vor Ouessant fanden 1778, 1781 und 1794 bedeutende Seeschlachten statt.

Von Juli 1940 bis Sommer 1944 war Nordfrankreich von Truppen der Wehrmacht besetzt, die Frankreich binnen weniger Wochen im Westfeldzug zum Waffenstillstand von Compiègne gezwungen hatten. Danach errichteten sie an der Ärmelkanalküste eine Kette von Verteidigungsbauwerken (Atlantikwall). Am 6. Juni 1944 („D-Day“) begann die Landung der Alliierten in der Normandie. Auf Ouessant waren einige Wehrmacht-Soldaten stationiert. Während der Schlacht um Brest sagten sie sich von ihrer Truppe los, stellten sich auf die Seite der Inselbevölkerung und vertrieben mit Schüssen ein deutsches Boot, das nach ihnen als „Vermisste“ suchen sollte.[1]

SchiffshavarienBearbeiten

1896 sank die Drummond Castle nach der Kollision mit einem Felsen. 243 der 246 Menschen an Bord kamen ums Leben.

Im Mai 1922 kollidierte 25 Meilen vor der Insel der britische Passagierdampfer Egypt mit einem französischen Frachter und sank innerhalb weniger Minuten, wobei 87 Passagiere und Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Es war eine der schwersten Schiffstragödien in dieser Region zu Friedenszeiten.

Am 16. März 1978 sank zehn Kilometer vor der Insel der Öltanker Amoco Cadiz und verschmutzte die Küste der Bretagne.

Ouessant als Motiv in Malerei, Literatur, Film, Fotografie und MusikBearbeiten

Der Maler Charles Cottet hielt die Aufbahrung eines dreijährigen englischen Mädchens, das beim Untergang der Drummond Castle ertrunken war, nachträglich auf einem Ölgemälde fest, das sich heute im Petit Palais (Paris) befindet. Das Mädchen und die Trauernden sind in traditioneller bretonischer Tracht dargestellt.[2] Eine andere Version des Bildes befindet sich im Museum in Nantes.

 
Charles Cottet: Totenwache für ein Kind in Ouessant. Musée d'Arts de Nantes.

Der französische Organist und Komponist Charles Tournemire (1870–1939) besaß ein Haus auf Ouessant und ließ Wildheit und unbändige Naturgewalten dieser Insel in seine spätromantischen Kompositionen einfließen. Yann Tiersen setzte der Insel, auf der er auch lebt, mit seinen Klavierstücken im Album Eusa I 2016 ein musikalisches Denkmal.

Der junge Bernhard Kellermann hielt sich einige Zeit auf der Insel auf. Hier ist der Schauplatz seiner Erzählung Das Meer (1910).

Im Jahr 1929 drehte der Regisseur Jean Epstein mit Einwohnern der Insel den Stummfilm Finis Terræ, der teilweise auf Ouessant spielt. Auch in dem französischen Spielfilm Die Frau des Leuchtturmwärters aus dem Jahr 2004 wurde dem kargen Leben auf der rauen Insel ein Denkmal gesetzt.

Der Phare de la Jument im Südwesten von Ouessant ist das Motiv der sehr bekannten Fotografie von Jean Guichard aus dem Jahr 1989, das den Leuchtturmwärter in der offenen Türe des Turmes zeigt, der gerade von einer riesigen Welle eingehüllt wird.

BevölkerungsentwicklungBearbeiten

Jahr 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2010 2017
Einwohner 1938 1814 1450 1221 1062 932 871 835
Quellen: Cassini und INSEE

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Le Patrimoine des Communes du Finistère. Flohic Editions, Band 2, Paris 1998, ISBN 2-84234-039-6, S. 843–851.
  • Jean-Paul Le Bihan, Jean-François Villard: Archéologie d'une île à la pointe de l'Europe: Ouessant, Tome 1, Le site archéologique de Mez-Notariou et le village du premier âge du Fer. 2007

WeblinksBearbeiten

Commons: Ouessant – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Lars Hellwinkel: Hitlers Tor zum Atlantik. Links Verlag 2012.
  2. Abbildung auf parismuseescollections.paris.fr