Neue Deutsche Medienmacher

NGO für gesellschaftliche Vielfalt in der Medienberichterstattung

Neue deutsche Medienmacher (NdM, Eigenbezeichnung auch Neue deutsche Medienmacher*innen, Aussprache mit Glottisschlag)[1] ist eine Nichtregierungsorganisation und bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden mit und ohne Migrationsgeschichte.

Neue Deutsche Medienmacher
(NdM)
Rechtsform gemeinnütziger eingetragener Verein
Gründung 2008
Sitz Berlin
Zweck Förderung kultureller Vielfalt durch ethnische Pluralität in den Medien
Vorsitz Sheila Mysorekar, Ferda Ataman
Geschäftsführung Konstantina Vassiliou-Enz
Website www.neuemedienmacher.de

ZieleBearbeiten

Größtes Ziel des Vereins ist es, der Vielfalt und Diversität der Gesellschaft sowie dem Einwanderungsland Deutschland eine adäquate Stimme zu verleihen und diese in der Berichterstattung durch die Medien sichtbarer zu machen. Nach Schätzungen aus dem Jahre 2013 haben rund 20 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, bei Journalisten lag dieser Anteil zu dem Zeitpunkt nur bei schätzungsweise 4 %.[2] Das Netzwerk ist ein unabhängiger, nationalitäten- und konfessionsübergreifender Zusammenschluss von Medienschaffenden.[3] Seine Mitglieder sind in allen deutschen Medienformen (Print, TV, Hörfunk, Online) vertreten, sowohl regional als auch überregional.

GeschichteBearbeiten

Gegründet wurde der Verein Anfang 2008. Anfang 2014 wird die Mitgliederzahl nach Angaben des Vereins mit mehr als 160 Vereinsmitgliedern, sowie 670 Netzwerkmitgliedern angegeben. Im Jahr 2018 beläuft sich die Zahl der Netzwerkmitglieder laut Homepage auf 1.250.[4] Die Gründung erregte Aufsehen in den deutschen Medien, so brachten u. a. die FAZ, die tageszeitung und die Frankfurter Rundschau umfangreiche Berichte.[5]

StrukturBearbeiten

Die Beisitzer sind

Geschäftsführerin des Vereins ist die ehemalige Zweite Vorsitzende Konstantina Vassiliou-Enz.[4]

TätigkeitenBearbeiten

Der Verein nennt neben diversen Projekten die folgenden Hauptaufgabenbereiche als Vereinszweck:

  • Interessenvertretung für „Medienschaffende mit Migrationsgeschichte
  • Umsetzung von Projekten und Initiativen für mehr Vielfalt in den Medien, auf inhaltlicher und personeller Ebene
  • Ansprechpartner für interkulturellen Journalismus
  • Forum für Information und Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung und Förderung
  • Publikmachung der Anliegen und Positionen des Netzwerkes insbesondere gegenüber Entscheidungsträgern in Medien und Politik
  • Mediale Integration

Konkrete größere Projekte sind bisher vor allem die Gründung lokaler und regionaler Netzwerke von Medienschaffenden, ein Mentoren-Programm, um junge Journalisten mit Migrationshintergrund zu fördern, die kostenfreie Recherche-Datenbank Vielfaltfinder.de mit Fachleuten mit Migrationshintergrund zu einem breiten Themenspektrum, die Entwicklung eines Glossars mit Formulierungshilfen für differenzierte Berichterstattung,[6] regelmäßig stattfindende Medientrainings (Projekttitel: „Wir bleiben im Gespräch“)[7] und die Informationsplattform für Geflüchtete Handbook Germany, die 2018 mit dem Digital Award des Bundesverbands Digitale Wirtschaft ausgezeichnet wurde.[8] Des Weiteren wurden die Neuen deutschen Medienmacher vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben mit der Koordination der nationalen Umsetzung des No Hate Speech Movement beauftragt.[9]

Die Vorsitzende Sheila Mysorekar und ihre Vorgängerin Marjan Parvand sowie Ferda Ataman nehmen auf Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel seit 2009 an jedem der einberufenen Integrationsgipfel im Kanzleramt teil.[10]

FinanzierungBearbeiten

Der Verein finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und zweckgebundene Fördermittel für gemeinnützige Projekte. Zu den Förderern gehören verschiedene Bundesministerien, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, sowie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Für die Projektarbeit erhielt der Verein in den Jahren 2013 bis 2017 Projektmittel in Höhe von aufsummiert 1,2 Mio. Euro durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.[11] Zudem erhielt der Verein im Jahr 2018 (Stand August 2018) Fördermittel in Höhe von ca. 450.000 Euro durch die Bundesregierung oder staatliche Institutionen.[12]

Im April 2020 veröffentlichte Jan-Philipp Hein in der Welt am Sonntag unter der Überschrift „Antirassismus als Geschäftsmodell“ eine Recherche zur Finanzierung des Vereins durch staatliche Mittel, nachdem er vom Verein dazu keine Auskunft erhalten hatte. Laut der Recherche erhält der Verein im Jahr 2020 folgende Gelder:[13][14]

Prominente MitgliederBearbeiten

Bekannte Mitglieder sind bis heute

Medienpreis „Die Goldene Kartoffel“Bearbeiten

Die Neuen deutschen Medienmacher vergeben seit 2018 den von ihnen geschaffenen Negativpreis Die Goldene Kartoffel „für besonders einseitige oder missratene Berichterstattung über Aspekte der Einwanderungsgesellschaft.“ Nach Aussage der Geschäftsführung wurde die Kartoffel als Namensgeber für den Preis gewählt, da sie „für besonders unterirdische Berichterstattung“ passe. Zum anderen habe die aus Südamerika stammende Kartoffel ebenfalls eine Einwanderungsgeschichte.[15]

Preisträger 2018Bearbeiten

Erster Preisträger im Jahr 2018 war Julian Reichelt, Chefredakteur der BILD-Zeitung.[15] Reichelt erschien zur Preisverleihung und lehnte den Preis mit der Begründung ab, „Kartoffel“ sei eine Bezeichnung, die auf deutschen Schulhöfen im Hinblick auf ethnische Herkunft verwendet werde.[16] Auf der Bühne sprach Reichelt zusammen mit Mohammad Rabie, einem geflüchteten Journalisten aus Syrien. Sibel Schick kritisierte in der taz, Reichelt habe ihn als Token instrumentalisiert.[17]

Preisträger 2019Bearbeiten

2019 wurde der Preis an die öffentlich-rechtlichen Talkshows Hart aber fair, Maischberger, Anne Will und Maybrit Illner vergeben, weil ihre „reißerisch, klischeehafte und diskriminierende“ Berichterstattung ein „verzerrtes Bild vom Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland entwerfen und Probleme überzeichnen“ würde.[18][19] Maybrit Illner und ihre Kollegen wiesen den Preis zurück.[20][21]

KritikBearbeiten

Der konservative Kolumnist Jan Fleischhauer kritisierte den Verein im Juni 2020 in seiner Focus-Kolumne als Teil einer „Anti-Hate-Speech-Industrie“.[14] Zuvor hatte ein satirischer Kolumnenbeitrag von Hengameh Yaghoobifarah (All cops are berufsunfähig) im Zusammenhang mit der Black Lives Matter-Bewegung imaginiert, Polizisten seien nur auf der Müllhalde unter ihresgleichen (vergleiche „All cops are bastards“). Innenminister Horst Seehofer, dessen Behörde den Verein unterstützt, hatte eine Strafanzeige gegen den Kolumnenbeitrag wegen Volksverhetzung erwogen, worauf sich zahlreiche Mitglieder des Vereins mit Yaghoobifarah solidarisierten. Fleischhauer wies darauf hin, dass die Glaubwürdigkeit von Anti-Hate-Speech-Medieninitiativen in Zweifel gerate, wenn damit rassistische Hassrede bekämpft, aber eine Beleidigung der Polizei verteidigt würde.[14]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gendern am Limit | MEEDIA. 9. Juni 2020, abgerufen am 19. Juni 2020 (deutsch).
  2. Horst Pöttker: Vielfalt in Medien - Mangel an Zahlen und Forschung. 2013 (mediendienst-integration.de [abgerufen am 10. November 2018]).
  3. Kontakt – Glossar | Neue Deutsche Medienmacher. Abgerufen am 9. November 2018.
  4. a b Neue Deutsche Medienmacher: Der Verein. Abgerufen am 1. August 2018.
  5. Der andere Blick (Memento vom 14. März 2010 im Internet Archive) auf fr-online.de, vom 27. Januar 2009
  6. Neue Deutsche Medienmacher: Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland. 2015, abgerufen am 8. Oktober 2018.
  7. Neue Deutsche Medienmacher: “Wir bleiben im Gespräch”: Start des Medientrainings-Newsletters. Abgerufen am 8. Oktober 2018.
  8. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: Informationsportal ausgezeichnet. Abgerufen am 8. Oktober 2018.
  9. Projektbeschreibung No Hate Speech Movement. In: www.neuemedienmacher.de. Abgerufen am 14. April 2016.
  10. Der Integrationsgipfel 2012 (Memento vom 11. September 2012 im Internet Archive) auf Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung, abgerufen am 23. Oktober 2012
  11. Bundesregierung: Drucksache 19/2376. (bundestag.de [PDF]).
  12. Bundesregierung: Drucksache 19/3784. (bundestag.de [PDF]).
  13. Jan-Philipp Hein: Journalistin Ferda Ataman: Antirassismus als Geschäftsmodell. In: Die Welt. 6. April 2020, abgerufen am 4. Juli 2020.
  14. a b c Jan Fleischhauer: Spur des Geldes: Wie der Staat mit Millionen eine linke Anti-Hass-Industrie unterstützt. In: Focus.de. 28. Juni 2020, abgerufen am 27. Juni 2020.
  15. a b Julian Reichelt bekommt „Goldene Kartoffel“Ein Meister der Panik-Schlagzeile, Konstantina Vassilou-Enz im Gespräch mit Vladimir Balzer, Deutschlandfunk Kultur Fazit 23. Oktober 2018
  16. Andrea Dernbach: Ein Jubiläum und eine Kartoffel für Julian Reichelt. In: Der Tagesspiegel. 3. November 2019, abgerufen am 29. Oktober 2019.
  17. Sibel Schick: Negativer Medienpreis: Chapeau, Herr Reichelt, aber… In: Die Tageszeitung: taz. 4. November 2018, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 11. Juli 2020]).
  18. Erica Zingher: Preis für diskriminierenden Journalismus: „Goldene Kartoffel“ für Talkshows. In: Die Tageszeitung: taz. 29. Oktober 2019, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 30. Oktober 2019]).
  19. Negativ-Medienpreis: "Goldene Kartoffel" geht an ARD- und ZDF-Talkshows. In: Spiegel Online. 29. Oktober 2019 (spiegel.de [abgerufen am 30. Oktober 2019]).
  20. Michael Hanfeld: Überzogene Talkshowkritik: Wer gefährdet hier die Demokratie? Hrsg.: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. November 2019, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 11. November 2019]).
  21. Joachim Huber: Rassismus, ein Thema wie jedes andere auch. In: Der Tagesspiegel. 30. Oktober 2019, abgerufen am 22. Dezember 2019.