Zwergplanetenkandidat

Objekt, das möglicherweise die Definition eines Zwergplaneten erfüllt, das aber noch nicht so eingestuft ist.

Ein Zwergplanetenkandidat ist ein Objekt des Sonnensystems, das nach der Definition der Internationalen Astronomischen Union (IAU) am 24. August 2006 in Prag möglicherweise ein Zwergplanet ist, wobei nicht sicher ist, ob das Objekt allen Kriterien genügt oder nicht.

Hubble-Aufnahme von (225088) Gonggong mit Mond Xiangliu. Gonggong ist der größte bekannte Zwergplanetenkandidat und trotz Durchmesser von ca. 1500 km nicht offiziell als Zwergplanet eingestuft.

Zwergplanetendefinition gemäß IAU 2006Bearbeiten

Ein Objekt ist gemäß der IAU ein Zwergplanet, wenn es die folgenden Kriterien erfüllt:

  • Es befindet sich in einer Umlaufbahn um die Sonne
  • Es hat genügend Masse, so dass es sich in einem hydrostatischen Gleichgewicht befindet und eine annähernd runde Form annimmt
  • Es hat die Nachbarschaft der Umlaufbahn nicht von anderen Objekten geräumt, es ist kein Bahnräumer.[1]

Planeten räumen ihre Bahn von anderen Objekten. Natürliche Satelliten (Monde) umkreisen nicht direkt die Sonne, sondern einen anderen Bezugskörper. Asteroiden sind nicht rund genug.

Probleme mit der Anwendung der ZwergplanetendefinitionBearbeiten

Einige Kriterien lassen sich durch Beobachtung von der Erde aus zumindest annäherungsweise klären, andere Kriterien sind nur sehr schwer überprüfbar.

  • Die Bahn eines Körpers lässt sich berechnen, somit lässt sich klären, ob er gemäß Kriterium eins die Sonne umläuft und ob er gemäß Kriterium drei seine Bahn geräumt hat, oder nicht.
  • Die Masse lässt sich in vielen Fällen durch Beobachtungen der Bahnstörungen näherungsweise bestimmen, durch Radarmessungen lässt sich der Durchmesser von Objekten zumindest näherungsweise bestimmen.
  • Die Beurteilung der Rundheit nach der äußeren Form verursacht in der Praxis ein Problem, das sich aus der Ferne nur schwer lösen lässt. Die Klärung der Frage wird entsprechend der Entfernung schwieriger. Die Rundheit lässt sich nicht direkt aus Masse und Durchmesser herleiten. Es gibt zwar einen Zusammenhang zwischen viel Masse, großem Durchmesser und Rundheit, es gibt jedoch auch Objekte, die verhältnismäßig massereich sind, aber nicht rund wie Asteroid Vesta oder der Mond Proteus, der derzeit als der größte nicht runde Körper gilt. Andererseits gibt es Objekte, die einen vergleichsweise kleinen Durchmesser und wenig Masse haben und trotzdem rund oder annähernd rund sind wie die Monde Mimas und der Grenzfall Miranda. Ob sich ein Körper im hydrostatischen Gleichgewicht befindet (oder zur Zeit der Entstehung befand), hängt vom Material ab, aus dem der Körper besteht, und von der Temperatur, die im Inneren des Objekts bei der Entstehung herrschte. Objekte, die hauptsächlich aus Eisen oder Gestein bestehen, kommen schwerer in ein hydrostatisches Gleichgewicht als Objekte, die Flüssigkeiten oder plastische Materialien enthalten wie Wassereis, Methaneis, Kohlenmonoxideis, Stickstoffeis oder andere tiefschmelzende Materialien. Die Überprüfung der Rundheit benötigt eine Beobachtung aus verhältnismäßig kurzer Entfernung, sie wird durch eine sehr dunkle oder kontrastreiche Oberfläche des Objekts weiter erschwert.

ZwergplanetenkandidatenBearbeiten

Die Abhängigkeit von der Beantwortung der Frage nach der Rundheit beziehungsweise dem hydrostatischen Gleichgewicht führt in der Praxis dazu, dass sich eine weitere Gruppe von Objekten bildet, bei denen die Rundheit nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angenommen oder zumindest nicht ausgeschlossen werden kann, die jedoch auch mit den neuesten vorhandenen Mitteln bisher nicht bewiesen werden konnte. Diese Gruppe bildet nun die Gruppe der Zwergplanetenkandidaten, im Englischen “possible dwarf planets” genannt. Es gibt aufgrund der Entdeckungen der letzten Jahre insbesondere im Kuipergürtel und darüber hinaus eine wachsende Zahl von Kuipergürtelobjekten, die mit den bisherigen Mitteln nicht eindeutig klassifiziert werden können. Viele dieser Objekte sind offiziell noch nicht benannt. Es gibt je nach Definition dutzende oder hunderte Zwergplanetenkandidaten, sie übertreffen in der Zahl aber in jedem Fall die Zahl der von der IAU bis 2019 offiziell bestätigten fünf Zwergplaneten Ceres, Pluto, Eris, Makemake und Haumea um ein Vielfaches.[2]

Die Kriterien sagen nichts aus über Objekte, die nach heutigem Wissen bei ihrer Entstehung in einem hydrostatischen Gleichgewicht waren, später erkalteten und seitdem durch Einschläge von anderen Objekten ihre Kugelgestalt wieder verloren haben. Ebenfalls definieren sie nicht genau, wie stark die Form eines Objekts von einer Form des hydrostatischen Gleichgewichts abweichen kann, um dennoch noch rund genug – im Sinne der Definition – zu sein.

Zwergplanetenkandidaten gemäß Mike BrownBearbeiten

Der Astronom Mike Brown war an der Entdeckung zahlreicher Zwergplaneten und Zwergplanetenkandidaten beteiligt. Er treibt die Debatte der Kandidaten weiter unter der Überschrift Free the dwarf planets weiter als die IAU. Er unterscheidet die Zwergplanetenkandidaten anhand ihres Durchmessers in fünf verschiedene Gruppen mit unterschiedlich großer Wahrscheinlichkeit. Die Zählweise ist kumulativ, das heißt, die 27 Objekte mit Durchmesser von über 600 km schließen die 10 Objekte mit Durchmesser über 800 km mit ein usw. Am 13. September 2019 zählten dazu im äußeren Sonnensystem (also ohne Ceres und die übrigen Objekte im Asteroidengürtel) insgesamt 741 Objekte (in der folgenden Liste sind in jeder Gruppe die davor genannten Objekte enthalten):

  • 68 Objekte mit Durchmesser über 500 km, die wahrscheinlich Zwergplaneten sind (likely to be dwarf planets).
  • 130 Objekte mit Durchmesser über 400 km, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Zwergplaneten sind (probably dwarf planets).
  • 741 Objekte mit Durchmesser über 200 km, die möglicherweise Zwergplaneten sind (possibly dwarf planets).[3]

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. International Astronomical Union | IAU. Abgerufen am 4. April 2017: „(2) A “dwarf planet” is a celestial body that (a) is in orbit around the Sun, (b) has sufficient mass for its self-gravity to overcome rigid body forces so that it assumes a hydrostatic equilibrium (nearly round) shape [2], (c) has not cleared the neighbourhood around its orbit.“
  2. Michael E. Brown: Free the dwarf planets! Abgerufen am 4. April 2017.
  3. Michael E. Brown: How many dwarf planets are there in the outer solar system? Abgerufen am 31. Oktober 2017 (englisch).