Sócrates (Fußballspieler)

brasilianischer Fußballspieler

Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira (bekannt als Dr. Sócrates; * 19. Februar 1954 in Belém; † 4. Dezember 2011 in São Paulo[1]) war ein brasilianischer Fußballspieler und Kinderarzt.

Sócrates
Sócrates (2005)
Personalia
Voller Name Sócrates Brasileiro Sampaio
de Souza Vieira de Oliveira
Geburtstag 19. Februar 1954
Geburtsort BelémBrasilien
Sterbedatum 4. Dezember 2011
Sterbeort São Paulo, Brasilien
Größe 192 cm
Position Mittelfeld
Herren
Jahre Station Spiele (Tore)1
1974–1978 Botafogo FC (SP) (101)
1978–1984 Corinthians São Paulo 297 (172)
1984–1985 AC Florenz 25 00(6)
1985–1988 CR Flamengo 25 00(6)
1988–1989 FC Santos 23 00(7)
1989 Botafogo FC (SP)
2004 Garforth Town 1 00(0)
Nationalmannschaft
Jahre Auswahl Spiele (Tore)
1979–1986 Brasilien 60 0(22)
1 Angegeben sind nur Ligaspiele.

Karriere

Bearbeiten

Sócrates debütierte am 17. Mai 1979 im Spiel gegen Paraguay und spielte insgesamt 60-mal für die brasilianische Fußballnationalmannschaft. Dabei erzielte der Mittelfeldregisseur 22 Tore. Er war Mannschaftskapitän bei den Fußballweltmeisterschaften 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko.

Der Mann mit dem längsten Namen unter allen bis dahin offiziell registrierten WM-Teilnehmern war die treibende Kraft in der Offensive der brasilianischen Nationalmannschaft der 1980er. Sócrates bildete zusammen mit Zico, Falcão und Toninho Cerezo das „magische Mittelfeld-Quartett“ Brasiliens, das auch die „Fantastischen Vier“ genannt wurde. Dieses Team gewann, obwohl besonders vor der WM 1982 in Spanien haushoch favorisiert, zwar nie den Weltmeistertitel, gilt aber in Brasilien zusammen mit der 1970er Weltmeistermannschaft um Pelé dennoch als die bisher beste Seleção. 1986 nahm Brasilien wieder an der WM teil und scheiterte erneut unglücklich knapp vor dem Halbfinale. Man traf im Viertelfinale auf Europameister Frankreich und lieferte sich ein Duell, das als eines der bis dahin besten der WM-Geschichte gilt. Nach der Verlängerung kam es zum Elfmeterschießen, in dem Sócrates, der Elfmeter immer aus dem Stand schoss, seinen Elfmeter verschoss. Platini und Júlio César vergaben ebenfalls und Frankreich gewann das Elfmeterschießen mit 4:3. Nach der WM trat Sócrates von der Nationalmannschaft zurück. Falcão und Zico folgten ebenfalls, so dass eine der großen Ären der brasilianischen Nationalelf zu Ende ging.

Sócrates, der 192 cm groß war, aber nur Schuhgröße 41 hatte und berühmt für seine Absatzkicks und Steilpässe mit der Hacke war, galt als Enfant terrible des brasilianischen Fußballs.[2] Nach eigener Aussage rauchte er täglich 20 Zigaretten, trainierte eher wenig, feierte aber umso mehr. Bei Corinthians São Paulo setzte er basisdemokratische Strukturen durch (die sogenannte Democracia Corinthiana), so dass die Spieler fortan alles bestimmten, von den Trainingszeiten bis hin zum Speiseplan. Zudem rief er die Fans dazu auf, sich gegen die Militärdiktatur und für die Demokratie zu engagieren. Zu seinen fußballerischen und politischen Mitstreitern gehörten der Kommunist und linke Verteidiger Wladimir sowie der junge Spieler Walter Casagrande. Während der zwei Meisterschaften 1982 und 1983 nutzten Casagrande und die Democracia Corintiana immer wieder den Fußballplatz zur Demonstration ihrer politischen Einstellung, um beispielsweise in Trikots aufzulaufen, die den Slogan „Demokratie jetzt“ trugen. Sócrates war studierter Arzt und wurde daher auch Dr. Sócrates genannt. Da er parallel zu seiner Laufbahn als Fußballprofi sein Studium absolvierte, verpasste er die Teilnahme an der WM 1978 in Argentinien.

Nach seiner aktiven Zeit als Fußballer arbeitete er als Kinderarzt in einem Krankenhaus von Ribeirão Preto. Doch er tat sich wie sein ehemaliger Teamkamerad Zico auch als kritischer Beobachter der Fußballszene hervor und plädierte für ein kreatives, offensives Spiel. Immer wieder setzte er sich für Reformen des Spiels ein, beispielsweise für Torkameras und mehrere Schiedsrichter. Als eine mögliche Lösung, die Partien attraktiver zu machen, propagierte er auch, nur noch mit neun Feldspielern zu spielen. Er befand das heutige Spiel als zu wenig kreativ und allzu sehr von der Athletik bestimmt. Auch den brasilianischen Fußball kritisierte er wiederholt heftig und forderte die Rückkehr zum kreativen Offensivspiel. Die 1994er-Mannschaft nannte er wegen ihrer eher defensiven Spielweise „unbrasilianisch“. 2004 geriet der 50-jährige Sócrates noch einmal in die Schlagzeilen, als er beim Amateurverein Garforth Town einen Einmonatsvertrag unterschrieb und in der neunten englischen Liga auflief.

Im August 2011 wurde Sócrates mit Magenblutungen und entzündeter Leber in ein Krankenhaus eingeliefert und verbrachte mehrere Tage auf der Intensivstation. In diesem Zusammenhang machte er seine Alkoholprobleme öffentlich.[3] Am 4. Dezember 2011 starb er im Alter von 57 Jahren in São Paulo an einer durch eine Darminfektion verursachten Sepsis.

Wissenswertes

Bearbeiten
 
Der politisch sehr engagierte Sócrates (rechts) bei einer Kundgebung im Jahr 1984 im Rahmen der Demokratiebewegung in Brasilien

Auch Sócrates’ jüngerer Bruder Raí war erfolgreicher Nationalspieler und zeitweilig Kapitän der brasilianischen Nationalelf; Raí wurde mit Brasilien 1994 Weltmeister.

Der Titel der 2002 von Stephan Geiger publizierten Wissenschaftssatire Sokrates flankt! Eine kleine Philosophiegeschichte des Fußballs spielt mit der Doppeldeutigkeit des Namens „Sokrates“ (einerseits der Fußballer Sócrates, andererseits der griechische Philosoph Sokrates).

Éric Cantona war Moderator eines Fernsehdokumentarfilms, der 2012 unter dem Namen „Rebellen am Ball“ bei Arte ausgestrahlt wurde. Diese beschäftigte sich mit Sócrates Rolle innerhalb der Demokratiebewegung Brasiliens[4]. Eines der Themen war Sócrates und die Demokratie von Corinthians.

Wenige Stunden nach dem Tod von Sócrates gewann Corinthians zum fünften Mal in der Vereinsgeschichte die brasilianische Meisterschaft. Vor dem Anpfiff der entscheidenden Partie gegen den Stadtrivalen Palmeiras São Paulo (Endstand: 0:0) nahmen die Spieler von Corinthians im Mittelkreis Abschied von Sócrates. In Nachahmung von Sócrates’ Geste beim Torjubel streckten die Akteure ihre Faust nach oben.[5] Die Beerdigung von Sócrates in Ribeirão Preto fand ebenfalls am selben Tag statt.

Nationalmannschaft

Bearbeiten

Botafogo-SP

  • Gewinn des Vicente Feola Turniers: 1976
  • Gewinn des Taça Cidade de São Paulo: 1977

Corinthians São Paulo

Flamengo Rio de Janeiro

Auszeichnungen

Zitate über Sócrates

Bearbeiten

„Brasilien hat einen seiner geschätztesten Söhne verloren, auf dem Platz war er ein Genie. Außerhalb des Platzes war er politisch aktiv, besorgt um sein Volk und sein Land.“

Dilma Rousseff, zum Todeszeitpunkt Präsidentin Brasiliens[7]

„Ein Stück unserer Geschichte brach mit seinem Tod weg und ging verloren.“

Paolo Rossi, Fußballweltmeister 1982[7]

Literatur

Bearbeiten
  • Michael Horeni: Die Begnadeten: Schönheit, Schmerz und Einsamkeit: Fußballgötter und ihre Abstürze – Franz Beckenbauer, George Best, Diego Maradona, Mesut Özil, Michel Platini, Sócrates. C.Bertelsmann Verlag, München 2022. ISBN 978-3-641-28834-1.
Bearbeiten
Commons: Sócrates – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Bearbeiten
  1. Zum Tode Sócrates'. Doktor Demokratie geht vom Platz auf Spiegel Online am 4. Dezember 2011
  2. Sócrates: Von Fahnen und Freiheiten. In: Null Acht
  3. Sócrates gibt Alkoholproblem zu focus.de vom 29. August 2011
  4. Artikel über den Dokumentarfilm "Rebellen am Ball"
  5. Corinthians zwischen Trauer und Jubel kicker.de
  6. Mundialito auf rsssf.org
  7. a b Brazil football legend Socrates dies at 57. bbc.com, 4. Dezember 2011, abgerufen am 8. Januar 2020 (englisch).