Piotrków Trybunalski

Stadt in Polen

Piotrków Trybunalski [ˈpʲɔtrkuf trɨbuˈnalski] (deutsch Petrikau) ist eine kreisfreie Stadt mit etwa 79.000 Einwohnern in Zentralpolen in der Woiwodschaft Łódź.

Piotrków Trybunalski
Wappen von Piotrków Trybunalski
Piotrków Trybunalski (Polen)
Piotrków Trybunalski
Piotrków Trybunalski
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Łódź
Powiat: Kreisfreie Stadt
Fläche: 67,26 km²
Geographische Lage: 51° 24′ N, 19° 41′ OKoordinaten: 51° 24′ 0″ N, 19° 41′ 0″ O
Einwohner: 73.370
(30. Jun. 2019)[1]
Postleitzahl: 97-300 bis 97-312
Telefonvorwahl: (+48) 44
Kfz-Kennzeichen: EP
Wirtschaft und Verkehr
Straße: Autobahn A 1
Schienenweg: Koluszki–Tschenstochau
Nächster int. Flughafen: Łódź-Lublinek
Gmina
Gminatyp: Stadtgemeinde
Fläche: 67,26 km²
Einwohner: 73.370
(30. Jun. 2019)[1]
Bevölkerungsdichte: 1091 Einw./km²
Gemeindenummer (GUS): 1062011
Verwaltung (Stand: 2013)
Bürgermeister: Krzysztof Chojniak
Adresse: Pasaż Rudowskiego 10
97-300 Piotrków Trybunalski
Webpräsenz: www.piotrkow.pl



Königliches Schloss
Bernhardinerkirche zur Erhöhung des Heiligen Kreuzes
Polnische Bronzemedaille 1978 zum 400. Jubiläum des Krontribunals in Piotrków Trybunalski.

Die Stadt liegt auf der Ebene von Piotrków an den Flüssen Strawa und Strawka, einem Nebenfluss der Pilica.

Stadtwappen und StadtfahneBearbeiten

Als eine von nur drei polnischen Städten führt Piotrków Trybunalski den weißen polnischen Staatsadler (in der frühen piastischen Form ohne Krone) im roten Feld als Stadtwappen.

GeschichteBearbeiten

Petrikau wurde 1217 erstmals erwähnt als eine Handelssiedlung an der wichtigen Straße von Pommern nach Rus und Ungarn und später aus Masowien nach Breslau. Die Stadt erhielt 1292 das Stadtrecht. Petrikau wurde um 1300 zu einer Kreisstadt in der Woiwodschaft Kalisch. Der König Kasimir III. der Große erließ hier 1347 das Statut von Piotrków, eine Erweiterung des Statuts von Wiślica. Petrikau wurde zu einem wichtigen Zentrum des politischen Lebens Polens. Von diesem König ermuntert, zogen große Scharen von vertriebenen deutschen Juden nach Polen. Petrikau wurde zu einer der größten jüdischen Siedlungen im Lande.

Ab 1455 wurde die Stadt zu einem der Sitze des Sejm und zum Ort der Tagungen des Adels, später auch der Synode. Am 26. Mai 1496 veröffentlichte König Johann I. Albrecht hier sein „Petrikauer Privileg“, das die Privilegien des Adels erweiterte und die Freiheiten der Bürger und Bauern einschränkte.

1555 wurde hier am Reichstag die geistliche Gerichtsbarkeit über die zunehmenden Nichtkatholiken aufgehoben. Der Einfluss der Reformation wurde auch bei der Szlachta, dem Adel, sichtbar, es waren 70 katholische (55 Laien und 15 Bischöfe), 58 protestantische und 2 orthodoxe Abgeordnete an dieser Versammlung.[2]

Petrikau wurde 1578, neben Lublin, zum Sitz des Krontribunals (des höchsten Gerichts für Polen, das Tribunal des Großfürstentums Litauen saß in Grodno) – daher der Beiname „Trybunalski“. Die Juden wurden aus der Stadt vertrieben. Erst 100 Jahre später wurde das Ansiedelungsverbot für Juden aufgehoben. Die Stadt erhielt 1684 eine Poststation. Die ersten deutschen Siedler, oft aus Schwaben, kamen um 1705 in die Gegend und gründeten Dörfer, die zum großen Teil ihre Bräuche und die Sprache bis 1945 behielten. Im Jahr 1793 wurde Polen zum zweiten Mal geteilt. Petrikau kam zur neugeschaffenen preußischen Provinz Südpreußen und erhielt preußische Kreisbehörden. Viele deutsche Siedler, vor allem aus der Gegend von Oels und Breslau, ließen sich in der Stadt und der Gegend nieder und begründeten die später blühende Textilindustrie. Nach dem Frieden von Tilsit kam Petrikau mit der ganzen Provinz Südpreußen an das Herzogtum Warschau und blieb von 1807 bis 1815 Kreisstadt im neuen Departement Kalisch. Die Stadt kam 1815 zu Kongresspolen und gehörte zur Woiwodschaft (ab 1837 Gouvernement) Kalisch. Die Stadt erhielt 1846 eine Eisenbahnverbindung mit Warschau. Nach 1860 entstand die Industrie (Lebensmittel-, Maschinen- und Bauindustrie). Petrikau wurde 1867 zum Sitz eines russischen Gouvernements und behielt diesen Rang bis 1915. Die Glashütte „Hortensja“ begann ab 1889 die Produktion. Die Textilfabrik „Manufaktura Piotrkowska“ wurde 1896 eröffnet. Im Jahre 1905 gab es viele Streiks und Demonstrationen der Arbeiter.

Petrikau hatte 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn, 51.000 Einwohner, davon etwa 25.000 Juden und 1500 Deutsche. Am 5. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg: Schwere Kämpfe der polnischen 19. Infanteriedivision mit dem 16. Panzerkorps der Wehrmacht. Von 1939 bis 1949 wurde das erste NS-Sammellager (Ghetto) im besetzten Polen mit etwa 25.000 Insassen errichtet und darin ein erster Judenrat zwangsweise eingesetzt: Ghetto Piotrków Trybunalski. Von den Gefangenen wurden etwa 22.000 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet, etwa 3000 in Zwangsarbeitslager geschickt.[3] Im Zwangsarbeitsbetrieb Dietrich & Fischer (DiFi) kam es zu Erschießungen, Dietrich wurde 1958 vom Landgericht Hamburg freigesprochen.[4] In der Gegend bildeten sich viele Widerstandsgruppen, die sich im Sommer 1944 massiv am Partisanenkampf gegen die Deutschen beteiligten. Laut Lagebericht der deutschen Polizei[5] hatten die beiden Gemeinden Petrikau und Radziejów zusammen 71.500 Einwohner, davon seien mittlerweile 15 % Deutsche und „noch“ 85 % Polen gewesen. Juden lebten keine mehr im Gebiet. Mit dem Einmarsch der Roten Armee im Jahr 1944 wurde die Stadt von der Besatzung durch Nazi-Truppen befreit. Petrikau hatte 1945 etwa 40.000 Einwohner und war Kreishauptstadt. Seit diesem Jahr tobten auch heftige Kämpfe zwischen der kommunistischen Geheimpolizei mit ihren Spezialverbänden und dem bewaffneten antikommunistischen Untergrund.

Am 20. April 1946 eroberten antikommunistische Verbände der Polnischen Heimatarmee unter Hauptmann Sojczyński die Stadt und befreiten 57 Häftlinge aus dem Gefängnis der Geheimpolizei. Am 8. August wurden weitere 43 Häftlinge durch einen Angriff befreit. Die Tätigkeit der antikommunistischen Partisanen nahm erst 1953 ihr Ende. Von 1949 bis 1970 wurde Piotrków Trybunalski zu einem Industriezentrum aufgebaut. Die Stadt wurde 1975 Hauptstadt der neugeschaffenen Woiwodschaft Piotrków und wuchs schnell durch viele Eingemeindungen. Die Stadt wurde 1999 wieder zur Kreisstadt und kreisfreien Stadt.

WirtschaftBearbeiten

Die Stadt ist nach Łódź das zweitgrößte Industriezentrum der Woiwodschaft und besitzt: Glasindustrie, Maschinenindustrie, Papierindustrie, Textilindustrie, Holzindustrie, Baumaterialindustrie, außerdem einige größere Logistik-Unternehmen und Bauunternehmen.

VerkehrBearbeiten

Derzeit verbinden folgende Straßen die Stadt mit dem Straßennetz:

  • Autostrada A1/Droga krajowa 1 (E75): Gdańsk – Toruń – Łódź – Piotrków Trybunalski – Częstochowa – Cieszyn
  • Droga krajowa 8 (E67): Kraków – Piotrków Trybunalski – Warschau – Białystok – Budzisko
  • Droga krajowa 12: Leszno – Kalisz – Piotrków Trybunalski – Radom – Lublin – Chełm – Dorohusk
  • Droga krajowa 91: Częstochowa – Radomsko – Piotrków Trybunalski – Głuchów

Die Stadt besitzt derzeit zwei Umfahrungen, die Ostumfahrung der DK12 (ca. 5 km) und die Nordwestumfahrung der A1, DK1 und DK8 (ca. 16 km).

Darüber hinaus befinden sich die Südumfahrung (geplante S12) und die Umfahrung der Innenstadt (DK91) in Planung.

Piotrków Trybunalski liegt an der Bahnlinie von Warschau nach Częstochowa, die Güterstrecke Piotrków Trybunalski–Biały Ług zweigt hier ab. Früher bestand ferner die Schmalspurbahnstrecke Piotrków Trybunalski–Sulejów.

Hochschulen und SchulenBearbeiten

In Piotrków Trybunalski gibt es mehrere Filialen von größeren Hochschulen: der Jan-Kochanowski-Universität in Kielce, der Łódźer Hochschule für Wirtschaft und Geisteswissenschaften, der Łódźer Handelshochschule und eigenständige Lehranstalten, wie die Lehrerhochschule und eine Außenstelle des Instituts für Umweltpflege an der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau.

Piotrków Trybunalski hat außerdem (Stand 2013)[6]:

  • 13 städtische Kindergärten,
  • 8 Grundschulen,
  • 5 Mittelschulen,
  • 10 weiterführende Schulen.

SehenswürdigkeitenBearbeiten

 
Große Synagoge
  • Stadtpfarrkirche zum Heiligen Apostel Jakob, Gotik mit barocken Kapellen, 13. bis 14. Jahrhundert
  • Ehemaliges Dominikanerkloster mit der Kirche zum Heiligen Iacentius und der Heiligen Dorothea, Gotik um 1350
  • Bernhardinerkirche zur Erhöhung des Heiligen Kreuzes, Barock, um 1626
  • Evangelische Kirche (ehemalige Piaristenkirche), Barock um 1689
  • Ehemaliges Jesuitenkollegium mit der Kirche zum Heiligen Franciscus Xaver, Barock, um 1695
  • Russisch-orthodoxe Allerheiligenkirche, Klassizismus, um 1844
  • Kleine Synagoge, Barock, um 1790
  • Große Synagoge, heute Stadtbibliothek
  • Königliches Schloss (Wohnturm), Spätgotik, um 1511
  • Schloss Byki, Renaissance, um 1590
  • Bürgerhäuser am Ring, 17./18. Jahrhundert, ursprünglich Spätbarock, Fassaden umgebaut im 19. Jahrhundert
  • zahlreiche Häuser im Jugendstil, insbesondere in der Allee 3. Maja
  • Friedhöfe: in der „Friedhofsallee“ längs des Flusses Strawka: katholischer, evangelischer, russisch-orthodoxer, Neuer jüdischer Friedhof und Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg, mit vielen interessanten Grabsteinen (teilweise aus dem 17. und 18. Jahrhundert, hierher aus älteren innerstädtischen Friedhöfen überführt)

PartnerstädteBearbeiten

Piotrków Trybunalski hat seit 2017 neun Partnerstädte und pflegt mit Petrinja in Kroatien, Udine in Italien und Velenje in Slowenien Städtefreundschaften:[7]

Stadt Land seit
Esslingen am Neckar Deutschland 1992
Kostroma Russland 2009
Maladsetschna Weißrussland 1996
Marijampolė Litauen 2002
Mosonmagyaróvár Ungarn 2001
Nes Ziona Israel 2017
Riwne Ukraine 1997
Vienne Frankreich 2005
Žagubica Serbien 2011

PersönlichkeitenBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Piotrków Trybunalski – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Population. Size and Structure by Territorial Division. As of June 30, 2019. Główny Urząd Statystyczny (GUS) (PDF-Dateien; 0,99 MiB), abgerufen am 24. Dezember 2019.
  2. Lorenz Hein: Italienische Protestanten und ihr Einfluß auf die Reformation in Polen während der beiden Jahrzehnte vor dem Sandomirer Konsens 1570, Brill, Leiden 1974, ISBN 978-9-00403-893-6, S. 14
  3. deathcamps.orgs: Ghetto Piotrków Trybunalski.
  4. LG Hamburg, 2. Juli 1958. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Bd. XIV, bearbeitet von Irene Sagel-Grande, H. H. Fuchs und C. F. Rüter. Amsterdam : University Press, 1976, Nr. 463, S. 739–806 Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 18. Februar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www1.jur.uva.nl
  5. Meldung der deutschen Gendarmerie in Radziejów vom 25. Juni 1942.
  6. Website der Stadt, Oświata (Memento des Originals vom 29. Januar 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.piotrkow.pl, abgerufen am 10. Februar 2013.
  7. Piotrków Trybunalski - Oficjalny portal miejski ǀ Miasta Partnerskie. Abgerufen am 30. September 2019.