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Paul Reiner (* 3. Februar 1886 in Bleiweishof bei Nürnberg; † 2. November 1932 in Zürich) war ein deutscher Reformpädagoge. Er kam aus der Jugendbewegung, war Mitbegründer des ersten deutschen Abstinenten-Jugendbundes und des süddeutschen Wandervogels sowie der reformpädagogischen Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist.[1]

Inhaltsverzeichnis

Schule und StudiumBearbeiten

Reiner war um 1909 kurzzeitig Schüler der Freien Schulgemeinde Wickersdorf (Thüringen), um seine Reifeprüfung abzulegen.

Von 1910 bis 1913 studierte er mit dem Ziel auf das Lehramt die Fächer Chemie, Mineralogie, Physik, Soziologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. In Heidelberg war er Assistent des Nationalökonomen und Soziologen Alfred Weber. Seine Dissertation im Fachbereich Chemie, die er ebenfalls in Heidelberg verfasste, befasste sich mit der Turmalingruppe (Mischreihe im trigonalen Kristallsystem kristallisierender Ringsilikate).[2]

Als Assistent am Mineralogischen Institut in Heidelberg lernte er den Dichter Friedrich Gundolf und Edgar Salin kennen und wurde dem Dichter Stefan George vorgestellt. In der Folge gehörte er kurzzeitig dem George-Kreis an.[3][4]

FamilieBearbeiten

Er heiratete die an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf tätige Krankenschwester Anni (1891–1972), geborene Hochschild.[3] Aus dieser Ehe gingen vier Töchter hervor.

TätigkeitenBearbeiten

Nach seiner Promotion im Jahr 1913 war er zunächst Lehrer an der reformpädagogischen Odenwaldschule. Während der Novemberrevolution 1918 wurde er durch Hedda Korsch dazu motiviert, sich im Sinne der Jugendbewegung politisch zu engagieren. Im Jahr 1919 war er Mitglied des Vorstandes der Entschiedenen Jugend Deutschlands (EJD), Deutschlands erster revolutionärer Schüler- und Studentenbewegung, die bis 1921 agierte.[5] Diese war eine Protestbewegung von Schülern und Studenten aus dem Bürgertum, die sich mit radikalen Positionen in das proletarische Aufbegehren zu Beginn der Weimarer Republik einzubringen suchte.[6][7] Im thüringischen Kabinett, einer Koalition aus SPD und KPD, war Reiner Mitarbeiter des ultralinken leninistischen Karl Korsch.

1919 wurde er Lehrer an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Im selben Jahr gab es in der Schulleitung einen Wechsel von Martin Luserke zu Gustav Wyneken. An dem Landerziehungsheim baute Paul Reiner eine George-Kameradschaft auf, die er leitete.[4] Georges Gedicht Die Hüter des Vorhof wurde zur Richtschnur seines Handelns.[3] Wöchentlich hielt er ein Staatspolitisches Seminar ab.[8]

Gemeinsam mit dem Schulgründer und -leiter Wyneken vertrat er die FSG Wickersdorf auf der im Jahr 1920 angesetzten Reichsschulkonferenz in Berlin. Bei dieser ging es um eine systematische Neuordnung des Schulsystems nach dem Ende des Kaiserreichs und des Ersten Weltkrieges. Die Ergebnisse der Reichsschulkonferenz erschienen ihm unbefriedigend, nicht revolutionär genug, um die steife Verkrustung der wilhelminischen Ära abzuschütteln.

Das Verhältnis zu Schulleiter Wyneken trübte sich so weit ein, dass Paul Reiner zu dessen entschiedenem Gegner wurde. Da er nicht der einzige Lehrer war, der gegenüber Wynekens pädagogischen Vorstellungen und seiner Amtsführung äußerst kritisch eingestellt war, bildete sich im Laufe der Zeit eine regelrechte Opposition gegen Wyneken heraus. Dabei handelte es sich um das so bezeichnete Triumvirat, das sich neben Reiner aus den Pädagogen Martin Luserke und Rudolf Aeschlimann zusammensetzte. Ein maßgeblicher Grund für die Oppositionsbewegung gegen Wyneken und dessen Getreue waren Vorwürfe, dieser habe mit Schülern homoerotischen Kontakt und sexuellen Verkehr gehabt. Nach Ansicht des Triumvirats verboten sich derart gestaltete Beziehungen zwischen den Lehrkräften und ihren Schülern. Verschärfend kam hinzu, dass das nicht nur als persönliche bzw. private Präferenz zu deuten war, sondern von Wyneken und anderen Mitgliedern seines schulinternen Sympathisantenkreises explizit als Teil ihrer grundlegenden reformpädagogischen Vorstellungen und Überzeugungen dargestellt wurde. Das führte zum sogenannten Eros-Prozess und zu einer gerichtlichen Verurteilung Wynekens.

Der aus der Schweiz stammende und seit 1915 in Wickersdorf Französisch lehrende Fernand Petitpierre (1879–1972), der zu Wynekens Gefolgsleuten zählte, verließ die FSG Wickersdorf Ende März 1922 (kam jedoch nach der späteren Sezession des Triumvirats im Jahr 1926 zurück). Für seinen erzwungenen Rückzug machte er in einem Schreiben an Wyneken dezidiert Luserke, Reiner und Aeschlimann verantwortlich. Das Triumvirat habe nach dem Eros-Skandal gegen Wyneken das Lehrerkollegium von allen Wyneken-Anhängern säubern wollen:

Gott, wie froh bin ich, nicht mehr mitten in diesem Senat [Lehrerkollegium] zu sitzen! D. f. [Dafür], als Zuschauer mit Vergnügen. Es ist doch herrlich, dass W.dorf [Wickersdorf] aus den Kämpfen nicht heraus kommt. Jedenfalls wird Reiner, der an Ihnen bewiesen hat, wie schneidig er den Besen zu schwingen versteht, auch hier schnell den Kehricht aus dem Lehrerzimmer & alles Indésirable [Unerwünschte] aus dem Gutshof gefegt haben! Hätten Sie sich träumen lassen, dass Ihr W.dorf später so eine Art Dreifamilienhaus [Luserke, Reiner, Aeschlimann mit Ehefrauen und Kindern] werden sollte? Dass die Frau [keine bestimmte, sondern der weibliche Einfluss auf den Schulalltag] mal so wichtig werden sollte? Jammervoll. Und aus der einstigen Flamme im Wappen haben sie nun eine Zuchtrute gemacht für unbotmässige Lehrer. Du sollst keine andern…

Petit-Pierre veröffentlichte in den 1930er und 1940er Jahren unter dem Pseudonym René Lermite homoerotische Gedichtbände. Er gehörte zu den Lehrern der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, die dort ihre pädophilen Neigungen ausgelebt haben.[10]

Der Disput führte einerseits dazu, dass Wyneken und seine Anhänger die entschiedene Opposition des Triumvirats als Verrat an der gemeinsamen Sache, dem reformpädagogischen Schulprojekt FSG Wickersdorf, und ihnen als Kollegen empfanden. Auf der anderen Seite musste Wyneken die Schulleitung dadurch an Martin Luserke abgeben, der schon zuvor in dieser Leitungsfunktion gewesen war. Da Wyneken jedoch in unmittelbarer Nähe verblieb und als Schulgründer fast täglich in den Schulalltag einzugreifen versuchte, brachte seine Absetzung keine nachhaltige Lösung.[11]

Reiner schloss sich im Frühjahr 1924 zusammen mit den anderen dem Projekt Luserkes an, eine neue Reformschule zu gründen. Zu Pfingsten 1924 reisten Reiner, Luserke und Aeschlimann mit ihren Kameradschaften, den Bären, Pinguinen und Wölfen von der FSG Wickersdorf, ans Meer. Dort, am „Rand der bewohnbaren Welt“, wollten sie einen geeigneten Standort für eine neue Schule lokalisieren. Eine freundschaftlich bis nahezu familiär anmutende Kameradschaft bestand aus einer Gruppe von etwa zehn Schülern und einem Lehrer. Auf der Nordseeinsel Juist wurden sie fündig. Zusammen mit Luserke, Aeschlimann und Fritz Hafner, ihren Ehefrauen sowie sonstigen Angestellten der FSG Wickersdorf und ihren insgesamt elf Kindern, kam es im Frühjahr 1925 zur Sezession. Sie verließen die FSG Wickersdorf per 30. März 1925 und zogen gemeinsam mit ihren Familien nach Juist um. Dort eröffneten sie nach den bereits im Vorjahr eingeleiteten baulichen, konzeptionellen und organisatorischen Aktivitäten Ostern 1925 die Schule am Meer.[3] Diese sollte die Sexta bis zur Oberprima umfassen und zum Reifezeugnis führen. Sechzehn bisherige Schüler der FSG Wickersdorf folgten ihnen als erste neue Schüler der Schule am Meer, darunter Herbert von Borch.

Reiner leitete dort künftig das so bezeichnete Seminar, das sich mit politischen und kulturellen Themenkomplexen befasste. Er war Kuratoriumsmitglied der Stiftung Schule am Meer. Zudem war er Herausgeber des Periodikums Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer, das sich an die Eltern der Schüler, an Förderer, ehemalige Schüler, Vertrauensleute und sonstige Personengruppen richtete, die zur Schulgemeinde gerechnet wurden.[12] Paul Reiner löste Luserke auf Juist zeitweise in der Schulleitung ab, wurde dann jedoch schwer krank und musste letztlich die Schule verlassen, um auf dem medizinisch besser versorgten Festland eine angemessene ärztliche Behandlung zu bekommen. Diese war mittelfristig nicht erfolgreich, so dass Paul Reiner nach jahrelanger Krankheit im Alter von nur 46 Jahren in der Schweiz verstarb.[13]

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Peter Dudek: Versuchsacker für eine neue Jugend – Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 82
  2. Paul Reiner: Beiträge zur Kenntnis der Turmalingruppe. Diss. Ruprecht-Karls-Universität, Winter, Heidelberg 1913
  3. a b c d Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009. ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 82.
  4. a b Carola Groppe: Stefan George, der George-Kreis und die Reformpädagogik zwischen Jahrhundertwende und Weimarer Republik. In: Bernhard Böschenstein, Wolfgang Graf Vitzthum, Bertram Schefold, Jürgen Egyptien (Hrsg.): Wissenschaftler im George-Kreis. Die Welt des Dichters und der Beruf der Wissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin 2005. ISBN 978-3-1101-8304-7, S. 311–328. (Zitatstelle S. 320)
  5. Ulrich Linse: Die Entschiedene Jugend 1919–1921. Deutschlands erste revolutionäre Schüler- und Studentenbewegung (= Quellen und Beiträge zur Geschichte der Jugendbewegung, Band 23). dipa, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-7638-0223-1
  6. Reinhard Preuß: Verlorene Söhne des Bürgertums. Linke Strömungen in der deutschen Jugendbewegung 1913–1919. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1991, ISBN 3-8046-8774-1
  7. Barbara Stambolis: Jugendbewegt geprägt: Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. Vandenhoeck & Ruprecht 2013, ISBN 978-3-8470-0004-4, S. 767
  8. Stefan Helbing et. al. (Hrsg.): Stefan George. Dokumente seiner Wirkung. Aus dem Friedrich Gundolf Archiv der Universität London (= Publications of the Institute of Germanic Studies, University of London, Vol. 18). Castrum Peregrini Presse, Amsterdam 1974, S. 210.
  9. Peter Dudek: „Der Ödipus vom Kurfürstendamm“. Ein Wickersdorfer Schüler und sein Muttermord 1930. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015, ISBN 978-3-7815-2026-4, S. 58.
  10. Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 174.
  11. Peter Dudek: Der Ödipus vom Kurfürstendamm: Ein Wickersdorfer Schüler und sein Muttermord 1930. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2015, ISBN 978-3-7815-2026-4, S. 59
  12. Peter Dudek: Versuchsacker für eine neue Jugend – Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 197
  13. Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie. Eine biographische Rekonstruktion. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46119-4, S. 388 f.