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Hedda Korsch (geboren als Hedwig Franceska Luisa „Hedda“ Gagliardi; * 20. August 1890; † 11. Juli 1982 in Fort Lee, Bergen County, New Jersey, Vereinigte Staaten) war eine Pädagogin und Universitätsprofessorin.[1]

Inhaltsverzeichnis

FamilieBearbeiten

Sie war die älteste Tochter des Journalisten und Übersetzers Ernesto Gagliardi (14. April 1854–9. Juli 1933) und der Marie Pauline Adelheid Gagliardi (* 3. April 1858–10. August 1928), geborene Dohm, genannt „Miz“ oder „Mieze“, später „Maria“[2] Ihre jüngere Schwester war Luigia Gagliardi (25. September 1892–1974), genannt „Lieschen“. Ihre Großmutter mütterlicherseits war die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, zu deren Enkelinnen auch Katia Mann zählte.[3] Ihre Tante war Hedwig Pringsheim.

Im August 1913 heiratete Hedda Gagliardi den Marxisten Karl Korsch,[4] den sie in Jena kennengelernt hatte.[5] Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor,[6] Sybille (1915–1996), genannt „Billchen“, und Barbara Maria (* 1921). Sybille floh von Deutschland nach Großbritannien und emigrierte von dort als Hausgehilfin von Kurt Lewin in die USA. Als Kinderpsychologin war sie später am Albert Einstein College of Medicine tätig und trug nach Heirat den Familiennamen Escalona.[7]

Schule und StudiumBearbeiten

Hedda Gagliardi legte ihre Reifeprüfung am Auguste-Viktoria-Realgymnasium (Lyzeum und Studienanstalt) der Stadt Charlottenburg ab. Danach studierte sie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und an der Alma Mater Jenensis in Jena.[4] In einer Studentengruppierung traf sie u. a. auf Kurt Tsadek Lewin. Am 16. September 1916 promovierte sie in Berlin über Geoffrey Chaucer zum Thema Chaucer als Kritiker.[7]

Berufliche EntwicklungBearbeiten

 
Marxistische Arbeitswoche 1923 – sitzend v. li. n. re.: Karl August Wittfogel, Rose Wittfogel (1889–), unbekannt, Christiane Sorge, Karl Korsch, Hedda Korsch, Käthe Weil, Margarete Lissauer (1876–1932), Béla Fogarasi, Gertrud Alexander – stehend v. li. n. re.: Hede Massing, Friedrich Pollock, Eduard Ludwig Alexander, Konstantin Zetkin, Georg Lukács, Julian Gumperz, Richard Sorge, Karl Alexander (Kind), Felix Weil, unbekannt

Zwischen 1916 und 1921 arbeitete sie als Lehrerin für Deutsch und Englisch unter Schulleiter Martin Luserke an der von Gustav Wyneken gegründeten reformpädagogischen Freien Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, mit einer Unterbrechung von Oktober 1919 bis Oktober 1920, während der sie politisch für die USPD aktiv war, in der sie Mitglied wurde.[4] In Wickersdorf leitete sie eine der Kameradschaften, die jeweils aus etwa zehn Schülern und einem Lehrer bestanden. An der von dem ehemaligen Wickersdorfer Stipendiaten Ernst Putz und dem Reformpädagogen Max Bondy gegründeten Freien Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof bei Brückenau war sie danach von Mai 1922 bis März 1923 als Lehrerin für Englisch und Französisch tätig,[8] bevor sie dort durch ihre Kollegin Gertrud Kraker (* 1888) ersetzt wurde,[4] die danach auch an Luserkes Schule am Meer auf Juist unterrichtete.[9]

1923 nahm sie zusammen mit ihrem Ehemann an der Marxistischen Arbeitswoche teil. 1924 arbeitete sie in der sowjetischen Handelsmission in Berlins Lietzenburger Straße,[10][11] wurde dort jedoch wegen ihrer ehelichen Verbindung mit Karl Korsch entlassen. An der von Fritz Karsen gegründeten Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln war sie von 1926 bis 1933 als Lehrerin tätig,[12][13] bis sie nach der Machtabtretung an die Nationalsozialisten entlassen wurde, weil Zweifel an ihrer politischen Zuverlässigkeit bestanden. Ihren Beruf durfte sie in Deutschland daher nicht mehr ausüben.[14]

EmigrationBearbeiten

Im Herbst 1933 emigrierte sie mit ihrem Ehemann zunächst nach Dänemark, dann nach Schweden und über Großbritannien 1936 mit Tochter Barbara Maria in die USA.[7][4][15]

In Schweden unterrichtete sie an der sv:Viggbyholmsskolan bei Täby nahe Stockholm[12], einem Reform-Landschulheim der Quäker,[16] an dem u. a. der Schüler Wolfgang Leonhard Zuflucht gefunden hatte. In den Vereinigten Staaten war sie dann am Wheaton College in Norton, Massachusetts,[17] als Professorin und Ordinarius des Instituts für Deutsche Studien tätig.[18] 1940 lebte sie in Nortons Main Street.[19]

Ab 1944 war Hedda Korsch Mitautorin eines Projekts deutscher Emigranten in den Vereinigten Staaten, die für die Nachkriegszeit in Kooperation mit dem Bermann Fischer Verlag Schulbücher für Deutschlands Schulen und die Erwachsenenbildung entwickeln wollten. Initiator dieses Projekts war Fritz Karsen, der zu dieser Zeit am City College of New York lehrte. Hedda Korsch war an den Deutsch-Schulbüchern bzw. Lesebüchern beteiligt, zusammen mit Susanne Engelmann, Herbert Liedke, Joachim Maass und Detlev S. Schumann.[20]

Hedda Korsch sammelte die Schriften ihres Ehemannes, erschloss sie bibliographisch und schloss 1963 mit Giangiacomo Feltrinelli in Mailand einen Generalvertrag mit einer Option auf alle Werke, zunächst jedoch begrenzt auf die Absicht, innerhalb von 30 Monaten eine Auswahl der wichtigsten Schriften, u. a. Marxismus und Philosophie in deutscher, französischer und italienischer Sprache zu veröffentlichen.[21]

SchriftenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Gabriele Kreis: Frauen im Exil – Dichtung und Wirklichkeit, Claassen, Düsseldorf 1984. ISBN 3-630-61812-X.
  • William David Jones: The Lost Debate: German Socialist Intellectuals and Totalitarianism. University of Illinois Press, Champaign, Illinois, 1999
  • Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen. Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3.
  • Anne E. Dünzelmann: Stockholmer Spaziergänge – Auf den Spuren deutscher Exilierter 1933–1945. Books on Demand, Berlin 2017. ISBN 978-3744883993.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Korsch, Hedda in der Deutschen Biographie, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  2. Hedwig Pringsheim: Tagebücher 1885–1891, Bd. 1. Wallstein-Verlag, Göttingen 2013. ISBN 9783835309951, S. 524.
  3. Martina Löw, Bettina Mathes (Hrsg.): Schlüsselwerke der Geschlechterforschung. Springer-Verlag, Berlin 2012. ISBN 978-3-531-13886-2, S. 15 ff.
  4. a b c d e Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried: Sammeln – erschließen – vernetzen. Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014. ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 169.
  5. Karl Korsch: Revolutionary Theory. Douglas Kellner (Ed.), University of Texas Press 1977. ISBN 978-0-292-75739-4, S. 5–6, 24–25, 27, 31–32, 47, 64, 69–71, 102, 112, 170, 291, 295.
  6. Ph. Bourrinet: Karl Korsch (PDF-Datei; 401 KB), auf: left-dis.nl, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  7. a b c Cristina Herbst: Hedwig Pringsheim. Tagebücher, Bd. 5, 1911–1916. Wallstein-Verlag, Göttingen 2016. ISBN 978-3835318045, S. 760.
  8. Peter Dudek: Wir wollen Krieger sein im Heere des Lichts – Reformpädagogische Landerziehungsheime im hessischen Hochwaldhausen 1912–1927. Julius Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 2013. ISBN 978-3-7815-1804-9, S. 176.
  9. Kraker, Gertrud, 9. August 1888. In: BBF/DIPF/Archiv, Gutachterstelle des BIL - Personalbögen der Lehrer höherer Schulen Preußens. Auf: bbf-dipf.de, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  10. R. B.: Kein Sowjet-Haus für Westberlin, in: Die Zeit, 38 (1963), 20. September 1963, auf: zeit.de, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  11. Haus der Zukunft, in: Der Spiegel 39 (1971), 20. September 1971, auf: spiegel.de, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  12. a b Anne E. Dünzelmann: Stockholmer Spaziergänge – Auf den Spuren deutscher Exilierter 1933–1945. Books on Demand, Berlin 2017. ISBN 978-3744883993, S. 104.
  13. William David Jones: The Lost Debate: German Socialist Intellectuals and Totalitarianism. University of Illinois Press, Champaign, Illinois, 1999. S. 37.
  14. Gabriele Kreis: Frauen im Exil – Dichtung und Wirklichkeit, Claassen, Düsseldorf 1984. ISBN 3-630-61812-X, S. 160.
  15. Korsch, Karl, auf: bundesstiftung-aufarbeitung.de, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  16. Korsch, Karl, auf: uni-osnabrueck.de, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  17. Gerd Radde (Hrsg.): Schulreform — Kontinuitäten und Brüche. Das Versuchsfeld Berlin-Neukölln, Band I, 1912 bis 1945. Springer-Verlag, Berlin 2013. ISBN 978-3-322-96020-7, S. 137.
  18. Paul C. Helmreich: Wheaton College 1834–1957. A Massachusetts Family Affair. Cornwall Books, New York 2002. S. 303.
  19. 1940 Census: Hedda Korsch, auf: ancestry.com, abgerufen am 16. Dezember 2017.
  20. Monika Estermann et. al. (Hrsg.): Archiv für Geschichte des Buchwesens. Walter de Gruyter, Berlin 2000. ISBN 978-3110942965, S. 162.
  21. Michael Buckmiller: „Lehrer sind Sie lebenslang...“ – Erläuterungen zur Edition der Karl Korsch Gesamtausgabe, in: Carsten Klingemann, Michael Neumann, Karl-Siegbert Rehberg, Ilja Srubar, Erhard Stölting: Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1993. Springer-Verlag, Berlin. ISBN 978-3-322-97304-7, S. 345–346.
  22. Memories of Karl Korsch (Memento des Originals vom 5. Oktober 2017 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.marxistsfr.org, auf: marxists.org, abgerufen am 16. Dezember 2017.