Nördliche Kalkalpen

Gebirgszugsystem der Nordalpen

Die Nördlichen Kalkalpen sind ein geologischer Abschnitt der Ostalpen. Sie erstrecken sich über etwa 500 Kilometer vom Alpenrheintal bis Wien und sind zwischen 20 und 50 Kilometer breit.

Nördliche Kalkalpen
Nördlichen Kalkalpen und Grauwackenzone hier hellblau markiert (Ostalpines Mesozoikum)

Nördlichen Kalkalpen und Grauwackenzone hier hellblau markiert (Ostalpines Mesozoikum)

Höchster Gipfel Parseierspitze (3036 m)
Lage Österreich, Bayern
Teil der Ostalpen
Einteilung nach geologisch-naturräumlich
Koordinaten, (CH) 47° 10′ N, 10° 29′ O (830380 / 229295)Koordinaten: 47° 10′ N, 10° 29′ O; CH1903: 830380 / 229295
Typ Kettengebirge
Gestein Kalke (vorwiegend), Dolomite und Mergel

Der höchste Gipfel der Nördlichen Kalkalpen ist die Parseierspitze, 3036 m ü. A., in den Lechtaler Alpen.

BegriffsklärungBearbeiten

Die Nördlichen Kalkalpen,[1] Englisch Northern Calacareous Alps oder abgekürzt NCA, sind ein geologischer Begriff und damit vom orographisch geprägten Begriff der Nördlichen Ostalpen oder Nordalpen zu unterscheiden. Sie machen nur einen Teil der Nordalpen aus, andererseits gehört mit dem Rätikon auch eine ganze Gebirgsgruppe der Zentralen Ostalpen geologisch zu den Nördlichen Kalkalpen.

Nördlich der Kalkalpen liegen die Flyschberge der Flyschzone, die zum Alpenvorland hin ausgreifen, aber zwischen Vorarlberg und Salzburg im bayrischen Raum weitgehend fehlen. Südlich der Nördlichen Kalkalpen[2] liegt die Grauwackenzone, die nur im Raum Tirol/Salzburg und der Nordweststeiermark als Schieferalpen gebirgsbildend ist. Damit nehmen die Nördlichen Kalkalpen zwar den Gutteil der Nordalpen ein, haben aber beispielsweise im östlichen Land Salzburg nur die Hälfte der Breite des Nordalpenzuges, an den Rändern in Vorarlberg und bei Wien noch weniger. Die Grauwackenzone wird aber in der wissenschaftlichen Literatur teilweise als deren Basis (Grundgebirge) zum Oberostalpin der Nördlichen Kalkalpen gerechnet.[1][2]

Die Kalke der Kalkalpen – der Nördlichen wie auch der Südlichen – sind rund 250–150 Millionen Jahre alte Ablagerungen des Tethys-Meeres.[2] Kalkmassive gibt es auch außerhalb der Kalkalpen, beispielsweise am Schöckl bei Graz,[3] oder am Triebenstein,[4] die in einem Vorläufermeer der Tethys vor 400–250 Millionen Jahren gebildet wurden, oder das Leithagebirge,[5] das in einem ganz späten Restmeer der Thetys vor etwa 15 Millionen Jahren abgelagert wurde. Derartige Kalke gehören nicht zu den Nördlichen Kalkalpen im Sinne des Begriffs. Daneben gibt es einige Schollen, die zwar geologisch zu den Kalkalpen gehören, aber nicht in ihrem Verbreitungsgebiet liegen. Beispiele finden sich um den Pleißlingkeil[6] am Ostrand des Tauernfensters der zentralalpinen Niederen Tauern[7] oder an der Kainach bei Köflach am Rand des Grazer Beckens.[8] Die Schollen sind bei der Alpenbildung von den Kalkalpendecken abgeschert worden, und im Zentralalpenraum verblieben. Sie werden nur in der geologischen Literatur unter den Nördlichen Kalkalpen angeführt.

GeographieBearbeiten

AbgrenzungBearbeiten

Die Nördlichen Kalkalpen erstrecken sich vom Alpenrheintal, wo sie eine Fortsetzung Richtung Alpsteinmassiv haben, in einer Breite von 25 bis 45 km durch Vorarlberg, Tirol, die bayerischen Bezirke Schwaben und Oberbayern, durch Salzburg, die nördliche Steiermark, Ober- und Niederösterreich bis nach Wien, wo sie in der Klippenzone ihre Fortsetzung in die Karpaten finden.

Im Süden werden die Nördlichen Kalkalpen meist von einer markanten Längsfurche begleitet. Der Rätikon ganz im Westen ist ohne eine entsprechende Abgrenzung nach Süden. Im Westen folgt zunächst die Arlberglinie, nach Osten anschließend dann von Landeck über Innsbruck bis Wörgl das Inntal. Weiter ostwärts verläuft die Furche weniger markant über St. Johann in Tirol und Dienten nach Bischofshofen, folgt dann wieder sehr markant dem oberen Ennstal bis etwa zur Pyhrn Autobahn. Die tiefgreifende geologische Störung der Inn-Salzach-Enns-Linie bedient sich weiter ostwärts der Talfurche des Salzatals, des Palten-Liesing-Talzugs und schließlich gegen Südosten der Mur-Mürz-Furche. Die Südgrenze der nördlichen Kalkalpen verläuft zwischen den jeweiligen Talfurchen innerhalb der Berggruppen, teilweise intensiv mit der Grauwackenzone verzahnt und verschachtelt, und hat sodann bis Wien keine eindeutige orographische Abgrenzung mehr. Die Nordgrenze folgt – weitestgehend ohne jegliche orographische Signifikanz – in 10–50 Kilometer Entfernung dem Alpennordrand. Eine Sonderstellung nehmen einige Stöcke wie beispielsweise der Untersberg bei Salzburg ein, wo die Kalkalpen weitgehend unvermittelt in das Alpenvorland abbrechen. Dadurch haben viele orographische Gruppen, die in die Nördlichen Kalkalpen gestellt werden, auch Anteile an Flysch- und Grauwackenzone, die verbreitet jeweils nur Vorberge bilden. Eine Ausnahme stellt der Wienerwald dar, der in Kalk- und Flyschwienerwald gegliedert wird. Das Bregenzerwaldgebirge, die Kitzbühler Alpen, die Salzburger Schieferalpen, die Eisenerzer Alpen und die Mürztaler Alpen liegen weitgehend gänzlich außerhalb der Nördlichen Kalkalpen. Umgekehrt werden etliche Kalkstöcke einer Zentralalpen- oder Schieferalpen-Gruppe zugerechnet, etwa die Davenna im Verwall, oder die Kaiserschildgruppe der Eisenerzer Alpen.

Lokal kann die Abgrenzung aber markant sein, etwa im Mühlbachtal am Hochkönig zur Grauwacke, oder im Gschliefgraben am Traunstein zum Flysch.

GliederungBearbeiten

In Süd-Nord-Richtung werden die Kalkalpen in die Kalkhochalpen im Süden und die Kalkvoralpen im Norden gegliedert. Erste sind ein mächtiges Hochgebirge bis knapp über 3000 m, zweites vorgelagerte Gruppen, die schon Mittelgebirgscharakter haben, aber auch durchaus prägnante Kalkgipfel aufweisen.

In West-Ost-Richtung folgt die Grob-Gliederung wie bei den ganzen Nordalpen entlang der Durchbruchstäler (in erster Linie von Inn, Salzach und Enns, die jeweils nach ihrem Lauf in der Längstalfurche nordwärts knicken) in Nordtiroler Kalkalpen, Bayerisch-Salzburger Kalkalpen, Oberösterreichisch-steirische Kalkalpen und Steirisch-Niederösterreichische Kalkalpen. Hierbei unberücksichtigt bleiben die isolierteren westlichsten Gruppen Alpstein und Rätikon.

Die weitere Gliederung erfolgt in charakteristische Ketten (insbesondere im Westen) und solitäre Stöcke (zunehmend gegen Osten). Diese entspricht den orographisch orientierten Systemen, wie der Alpenvereinseinteilung der Ostalpen (AVE), der Vereinheitlichten orographischen Einteilung (IVOEA/SUOISA), oder der Gebirgsgruppengliederung nach Trimmel – mit der Einschränkung, das die dort angegebenen Gruppen auch die Grauwacken-, Flysch-, Helvetikum- und Molasse-Anteile subsumieren, und einige Kalkberge anderorts zugeordnet werden.

Zu den bekanntesten weitgehend gänzlich kalkigen Gruppen der Kalkhochalpen gehören Rätikon, Lechquellengebirge, Lechtaler Alpen, Wettersteingebirge, Mieminger Gebirge, Karwendel, Kaisergebirge, Loferer und Leoganger Steinberge, Berchtesgadener Alpen, Tennengebirge, Dachsteingebirge, Totes Gebirge, Gesäuseberge, Hochschwabgruppe, Mürzsteger Alpen und Rax-Schneeberg-Gruppe.

GeomorphologieBearbeiten

GletscherBearbeiten

 
Der Hochgletscher in der Nordflanke der Braunarlspitze

In den Nördlichen Kalkalpen sind nur noch sehr kleine und kleinste Gletscher vorhanden.

Der größte Teil der Nördlichen Kalkalpen ist gletscherfrei. Die noch verbliebenen Gletscher der Nördlichen Kalkalpen weisen im Vergleich zu den Gletschern der zentralen Ostalpen oder gar der Westalpen nur eine geringe Dimension auf. In den südlichen Kalkalpen der Ostalpen sind aber wieder größere Gletscher anzutreffen.

Die Gletscher der Nördlichen Kalkalpen sind – wie viele andere Gletscher der Alpen und weltweit – in einem Schrumpfungsprozess begriffen. Nur noch wenige Gletscher, die diesen Namen tragen, weisen in den Nördlichen Kalkalpen die für Gletscher typischen Eigenschaften auf, wie Gletscherspalten, Randkluft und Fließen des Eises. Selbst bei einem Anhalten der gegenwärtigen Klimatendenz werden die meisten Gletscher der Nördlichen Kalkalpen wohl spätestens in 50 bis 100 Jahren verschwunden sein.

Gletscher werden im bajuwarischen Sprachbereich – in Bayern und in Tirol – als „Ferner“ bezeichnet. In anderen Gebieten der Nördlichen Kalkalpen wird der hochdeutsche Begriff verwendet.

Die mit Abstand größten Gletscher der Nördlichen Kalkalpen befinden sich in der Dachstein-Gruppe. Der Hallstätter Gletscher ist der größte Gletscher des Dachsteins. Diese Untergruppe beherbergt noch zwei weitere größere Gletscher, den Großen Gosau- und den Schladminger Gletscher. Die anderen Gletscher des Dachsteingebirges sind heute kaum mehr als Eisfelder, wie der Edelgrießgletscher, der Südliche und Nördliche Torsteingletscher, der Kleine Gosaugletscher und der Schneelochgletscher.

Der Schneeferner im Wettersteingebirge ist der größte Gletscher Deutschlands. Vor Jahren noch wurde hier Sommerskilauf betrieben. Dieser Gletscher ist inzwischen soweit geschrumpft, dass er sich längst in zwei Teile gespalten hat, den Nördlichen und Südlichen Schneeferner. Das Wettersteingebirge beherbergt mit dem Höllentalferner den am besten ausgebildeten deutschen Gletscher mit einer Vielzahl von Spalten, Randkluft und Gletscherzunge. Über diesen führt der berühmte Höllentalanstieg auf die Zugspitze.

In den Berchtesgadener Alpen wird die Nordabdachung des Hochkönigs von der Übergossenen Alm überzogen – ein Plateaugletscher, der aber neuerdings zunehmend Auflösungserscheinungen zeigt. Das ebenfalls stark in seiner Existenz bedrohte Blaueis am Hochkalter gilt als nördlichster Gletscher der Alpen. Auch der Watzmanngletscher wird von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften als Gletscher angesehen. Am Fuß der Watzmann-Ostwand befindet sich der Lawinenkegel der Eiskapelle, dessen unteres Ende auf 930 m Seehöhe liegt und bei dem es sich damit um das niedrigste ganzjährig vorhandene Eisfeld der Alpen handeln dürfte.

In den Allgäuer Alpen wird die Südflanke der Mädelegabel vom Schwarzmilzferner eingenommen, der durch die starke Abschmelzung der letzten Jahrzehnte seinen Gletschercharakter zunehmend eingebüßt hat. Der berühmte Heilbronner Weg führt direkt über das jetzige „Gletscherchen“.

In den Lechtaler Alpen befindet sich noch ein richtiger, spaltenreicher Gletscher mit sichtbarer Eisbewegung: der eindrucksvolle Vorderseeferner unterhalb der Vorderseespitze. Des Weiteren existieren noch weitere kleinere Gletscher: Der Fallenbacher Ferner unterhalb der Feuerspitze, der Parseierferner und der Grinner Ferner bei der Parseierspitze, der Pazüelferner am Trittkopf und der Grießlferner in der Nordflanke der Grießlspitze.

Im Karwendelgebirge liegt in der Nordflanke der Eiskarlspitze ein spaltenreicher, kleiner Gletscher – die so genannte Eiskarln.

In der Mieminger Kette existiert an der Südseite der Grießspitzen der kleine Schneeferner mit einigen Spalten.

Im Lechquellengebirge schließlich erscheint am Nordhang der Roten Wand ein kleiner Gletscher mit deutlichen Spalten, der diesen Berg von Norden her gesehen unverwechselbar macht. Des Weiteren erstreckt sich an der Braunarlspitze der Hochgletscher.

Die Gletscher sind in den Nördlichen Kalkalpen seit 1850 im steten Schwinden begriffen. Ob auch die jährliche Schneebedeckung der Berge von der klimatischen Erwärmung betroffen ist, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Bisher ist noch nicht festzustellen, dass die Hochregionen auch früher im Jahr schneefrei werden.

GeologieBearbeiten

AllgemeinesBearbeiten

Die Nördlichen Kalkalpen gehören zu den Ostalpen und bestehen überwiegend aus mächtigen Sedimentgesteinen wie v. a. Dolomit, Kalkstein und Mergel. Der etwa 600 km lange Gebirgszug ist Ergebnis einer gewaltigen Überschiebung von Meeressedimenten aus südlicher Richtung. Die Sedimentgesteine wurden auf älteren Gesteinen der Grauwackenzone abgelagert, die geologisch aber eine eigene Einheit darstellt. Sie tritt vor allem am Südrand der Nördlichen Kalkalpen auf. Nördlich der Nördlichen Kalkalpen liegen die Flyschzone, das Helvetikum und die subalpine Molasse.

Die kalkalpinen Decken wurden während der Gebirgsbildung der Alpen im Eozän und Oligozän von Süden her weit über den Rand des europäischen Kontinents überschoben. Die Grauwackengesteine an der Basis der Nördlichen Kalkalpen stellen die Überreste eines variszischen Gebirges dar, das am Ende des Paläozoikums von der Erosion völlig eingeebnet und dann vom Meer überflutet worden war.

Die räumlich nur unbedeutenden Gosau-Sedimente, kamen in der Oberkreide und dem tieferen Paläogen auf einem schon nach Norden vorwandernden Deckenstapel zu liegen. Sie sind daher synorogen und für die Datierung der orogenen Bewegungsabläufe von großer Bedeutung.

GesteineBearbeiten

 
Dachsteinkalk des Ramesch, Warscheneckgruppe

Wesentliche Bestandteile der Nördlichen Kalkalpen sind Gesteine des Mesozoikums, zu denen die Trias die größten Kalk- und Dolomitmassen beisteuert. Diese älteren Sedimente der Kalkalpen (Ober-Perm bis zum tieferen Jura) sind Abfolgen eines typischen passiven Kontinentalrandes. Bekannte und mächtige Formationen sowie stratigrafisch und topografisch markant für die Trias sind unter anderem der Wettersteinkalk, der Hauptdolomit und der Dachsteinkalk. Diese Kalk- und Dolomitfolgen bauen die Mehrzahl der höchsten Gipfel auf (so etwa Watzmann, Hochkönig, Hoher Dachstein, Hochschwab). Andere Gesteine wie Mergel, Sandstein und Schieferton treten weniger deutlich hervor, insbesondere die Gesteine der Werfen-Formation (Oberperm bis Untertrias) erreichen jedoch stellenweise größere Verbreitung. Diese Werfener Schichten bilden die Grenze der Kalksedimente zur Grauwacke, sie sind die „Gleitschicht“, über die die nördlichen Kalkalpen nordwärts geschoben wurden, und werden entsprechend entweder zu den Kalk- oder zu den Schieferalpen gezählt.

Gesteine des Jura-Zeitalters sind unter anderen die Allgäu-Formation (auch Fleckenmergel genannt) sowie die Oberalmer Schichten bzw. Aptychenschichten. Die meisten Schichtglieder des Juras sind eher geringmächtig (vor allem im Unter- und Mitteljura). Kieselige Gesteine finden sich vor allem im Bereich der südlichen Nördlichen Kalkalpen. Die dort verbreiteten radiolaritischen Gesteine wurden in Tiefseerinnen abgelagert, wie sie aus Subduktionszonen bekannt sind, und belegen damit das Schließen des Neotethys-Ozeans im Jura.

Die Gosau-Gesteine bestehen aus Konglomeraten, Sandsteinen, Mergeln und Kalksteinen. Ihre Sedimentation erfolgte in zwischenzeitlichen Senkungströgen, die sich vor den aus Süden heranrückenden Falten und Deckenstirnen gebildet hatten.

Sedimentärer InhaltBearbeiten

Die Nördlichen Kalkalpen zeichnen sich vereinfacht durch folgende Schichtenfolge aus (vom Hangenden zum Liegenden):

GeodynamikBearbeiten

Die Nördlichen Kalkalpen treten uns zwar als größte zusammenhängende Kalkmasse der Nordalpen entgegen, sie sind aber keineswegs ein einheitlicher tektonischer Verband. Überdies sind sie ortsfremd (allochthon) und von ihrem ursprünglichen Verwurzelungsgebiet generell in nördliche Richtung abgeglitten. Zusammen mit der unterlagernden Nördlichen Grauwackenzone ruhen sie jetzt auf einem fremden, penninischen Untergrund. Insgesamt stellen sie einen riesigen, heterogenen Falten- und Deckenkörper dar (Englisch fold-and-thrust-belt), dessen Wurzel wahrscheinlich südlich der Hohen Tauern, jedoch nördlich der jetzigen Südalpen zu suchen sein dürfte.

Dass die Nördlichen Kalkalpen allochthon sind gilt heute allgemein als gesichert. Beweise hierfür liefern die Flyschfenster, mehrere Tiefbohrungen und seismische Tiefenprofile. An ihrem Westende ist ihre allseitige Unterlagerung durch penninische Flyschserien sogar direkt einzusehen. Dort lässt sich selbst für ihre ostalpine Sockelunterlagerung noch Deckennatur erkennen.

Die tektonische Entwicklung der Nördlichen Kalkalpen war nach den jurassischen Bewegungen in zwei Hauptstufen erfolgt:

  • im Zeitraum späte Unterkreide bis Oberes Eozän hatte sich ein Nordwest-vergenter Deckenstapel aufgrund von transpressiven, rechtshändigen Scherbewegungen im orogenen Kollisionskeil des Ostalpins herausgebildet.
  • im Miozän waren sodann Krustenkeile in den zentralen Ostalpen in Ostrichtung ausgepresst worden, wodurch die Scherbewegungen in ihr linkshändiges Gegenteil umschlugen.

Die transpressive, d. h. schräg erfolgende Einengungstektonik mit einer Gesamtverkürzung von 54 bis 65 Prozent manifestierte sich in den Nördlichen Kalkalpen durch Nordwest-gerichtete Deckenübrschiebungen, die in einem spitzen Winkel sowohl zur jetzigen Ostnordost-Ausrichtung des Orogens als auch zu dessen Nordrand angelegt waren. Decken und Deckenfalten erschienen en-échelon (in gestaffelter Anordnung) und wurden gegeneinander durch rechtshändige Seitenverschiebungen in Ostsüdost-Richtung versetzt. Hierdurch entstand ein Muster aus rhomboedrischen Blöcken. Die Hauptdehnungsrichtung war Nordost und verlief parallel zu Faltenzügen und Deckenstirnen, aber auch zur internen Streichrichtung des Orogens.

Die jetzige bzw. nachmiozäne räumliche Disposition der Strukturen erklärt sich folglich durch eine paläomagnetisch nachgewiesene Drehung von rund 30 Grad im Uhrzeigersinn.[9] Unmittelbar vor dieser Rotation dürfte die Hauteinengungsrichtung noch in etwa parallel zum kristallplastischen Fließen des zentralen Ostalpins, d. h. in westlicher bis westnordwestlicher Richtung, gelegen haben.[10]

Innerhalb des Deckenstapels lassen sich drei Überschiebungsbahnen erster Ordnung unterscheiden, welche sich fazieller Übergänge im Sedimentpaket und daraus entstehender Kompetenzunterschiede bedienen. Die Innenarchitektur des Deckenstapels war hauptsächlich von bereits vorhandenen Störungen bestimmt worden.[10]

Geodynamisch gliedern sich die oberostalpinen Nördlichen Kalkalpen folglich in drei Großeinheiten – das zuunterst liegende Bajuvarikum, das Tirolikum in intermediärer Position und das Juvavikum im Hangenden. Diese Großeinheiten werden dann weiter unterteilt, so beispielsweise das Bajuvarikum in die Cenoman-Randschuppe (auch Randcenoman), die Allgäu-Decke und die Lechtal-Decke. Das Tirolikum gliedert sich in Stauffen-Höllengebirgsdecke, Inntal-Decke (auch Inntal-Krabachjoch-Decke) und Werfener Schuppenzone. Das Juvavikum setzt sich aus der Hallstätter Decke, der Reiteralm- Decke und der Dachstein-Decke zusammen. Im Ostabschnitt treten andere Decken in Erscheinung – für das Bajuvarikum die Ternberger Decke und die Frankenfelser Decke als Äquivalente der Allgäu-Decke und die Reichraminger Decke und die Lunzer Decke als Äquivalente der Lechtal-Decke. Tirolische Decken sind weiter ostwärts die Totengebirgsdecke, die Warscheneck-Decke, die Reisalpendecke, die Unterbergdecke und die Göllerdecke. Das Juvavikum wird durch die Mürzalpendecke und die Schneebergdecke vertreten.

MetamorphoseBearbeiten

Die Nördlichen Kalkalpen bilden die zuoberst und am weitesten nördlich liegende Deckeneinheit des ostalpinen Deckenstapels. Sie wurden aus diesem Grund so gut wie nicht metamorph beansprucht. Eine Ausnahme bildet ihr Südrand, der schwache anchimetamorphe Veränderungen dokumentiert, die vor allem die siliziklastischen Sedimente des Permoskyths betrifft. Erreicht wurden sehr niedrige bis niedrige Metamorphosegrade, nachgewiesen anhand der Illit-Kristallinität.[11] Arbeiten mit Hilfe des Conodonten-Farbänderungsindexes konnten in Teilen der juvavischen Decken ein thermisches Ereignis nachweisen, welches den ältesten Überschiebungen des Oberjuras noch vorherging.[12] In den Hallstätter Kalken der Pailwand bei Abtenau fanden Gawlick und Höpfer (1996) für den Zeitraum Mittel- bis früher Oberjura sogar Anzeichen für eine Mitteltemperatur-Hochdruck-Metamorphose.[13]

Paläogeographie und PlattentektonikBearbeiten

Ein Großteil der Kalkalpengesteine war im Zeitraum Oberperm bis Unterjura auf dem nördlichen Kontinentalschelf der Adriatischen Platte (bzw. Apulische Platte) abgelagert worden.[14] Letztere bildete einen nach Norden vorragenden Sporn, der geologisch zu Afrika gehörte. Die geodynamischen Bewegungen der Afrikanischen Großplatte und der dazwischenliegenden Adriatischen Mikroplatte sollten letztendlich für die Entstehung des Alpenorogens von entscheidender Bedeutung sein.

Diesem Ablagerungsraum wird oft die Hallstatt-Zone und weiter südwestlich das Meliaticum angegliedert. Die Hallstatt-Zone lag auf verdünnter kontinentaler Kruste und bildete den Schelfrand zu den Westausläufern der Tethys im Südosten. Die Schelfplattform weiter nordwestlich war Sedimentationsraum der Nördlichen Kalkalpen, der sich in der Obertrias auf rund 28 Grad nördlicher Breite befand.

Ab dem Mittel- und Oberjura kam es auf der Adriatischen Platte zu einer ersten Deckenstapelung von Sedimentgesteinen durch die Schließung eines am Westende der Neotethys gelegenen Meeresbeckens, dem so genannten Meliata-Ozean (bzw. Meliata-Maliac-Vardar-Ozean), der durch Ozeanspreizung bereits in der Obertrias (Karnium) vor 220 Millionen Jahren entstanden war.[15] Der Meliata-Ozean war nämlich nach Südosten unter die Neotethys subduziert worden, so dass sein Sedimentinhalt (die jetzige klassische Hallstätter Fazies) in Richtung Adriatischer Platte ausgepresst (obduziert) wurde. Diese frühen kompressiven Bewegungen werden oft als Kimmerische Phase bezeichnet (zirka 160 bis 150 Millionen Jahre).

Im Oxfordium vor 156 Millionen Jahren bestand ein Meeresarm, der sich zwischen den südöstlichen Kontinentalrand Eurasiens und die Adriatische Platte gedrängt hatte und dadurch eine Verbindung zwischen dem noch jungen Atlantik im Westen und der Tethys im Osten herstellte. Dieser Meeresarm wird als Piemont-Ligurien-Ozean oder auch als Alpine Tethys bezeichnet. In ihm lagerten sich die teils ozeanischen Gesteine des Penninikums ab. Erste Grabenbruchbewegungen an diesem Meeresarm (so genanntes Rifting) hatten bereits mit dem Unterjura begonnen.

Gegen 135 Millionen Jahre (Valanginium) wurde sodann der bereits im Jura begonnene Deckenstapel im Verlauf der Unterkreide (zirka 135 bis 100 Millionen Jahre) während der endgültigen Schließung der alpinen Tethys mehrfach tektonisch überprägt und verändert. Dieser Entwicklungsabschnitt ist als Eoalpine Phase bekannt.

Auch die orogenen Bewegungen in der Unterkreide waren ihrerseits mit der Subduktion großer Mengen von Krustenmaterial unter das Westende der Meliata-Einbuchtung einhergegangen. Hierdurch war eine eklogitische Subduktionszone entstanden, die dann später wieder exhumiert wurde. Die eoalpine Phase ist jetzt in der Rossfeld-Formation dokumentiert.[16]

Auf dem Rücken des weiter in Richtung Norden vorwandernden Deckenstapels sedimentierten dann ab dem Turonium die Gosau-Sedimente.

Am Ende der Überschiebungsvorgänge im späten Eozän wurden die Nördlichen Kalkalpen an ihrem Nordrand auf das Randcenoman, auf die Flyschzone und auf das Helvetikum, stellenweise aber auch auf die Subalpine Molasse überschoben. Die paläogenen Bewegungen (65 bis 23 Millionen Jahre) stellen die eigentliche Alpine Hauptphase dar. Sie war einhergegangen mit einer sehr starken Nordbewegung der Adriatischen Platte, die auf 600 Kilometer eingeschätzt wird.

Während des Neogens entstanden in den letzten 23 Millionen Jahren das Wiener Becken am Ostrand der Nördlichen Kalkalpen oder das inneralpine Inntalbecken südlich von Kufstein. Diese Einbruchsbecken sind als Ergebnis der neogenen Streckung des Ostalpenorogens zu bewerten.

Naturstoffliche NutzungBearbeiten

 
Epitaph aus Adneter Marmor in der Münchener Frauenkirche

NatursteineBearbeiten

In den nördlichen Kalkalpen werden bzw. wurden dekorativ teils sehr wertvolle Natursteine für Architektur und Kunstgewerbe gewonnen:

BodenschätzeBearbeiten

An Mineralen kommt in den Nördlichen Kalkalpen vor allem Calcit (CaCO3) in verschiedensten Variationen vor, seltener verschiedene Mineralphasen bzw. Vererzungen. Fluorit (Flussspat, CaF2), Bleiglanz (PbS) und Zinkblende (ZnS) wurden und werden in den Nördlichen Kalkalpen abgebaut. Im Vergleich zur besonders rohstoffreichen Grauwackenzone sind die Nördlichen Kalkalpen arm an Bodenschätzen.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Alexander Tollmann: Der Bau der n6rdlichen Kalkalpen. Deuticke, Wien 1076, S. 449.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Darstellung in Nikolaus Froitzheim: Geologie der Alpen Teil 1: Allgemeines und Ostalpin. Vorlesungsskript, in: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Strukturgeologie (online, uni-bonn.de, abgerufen 10. August 2016).
  2. a b c Übersichtliche Kurz-Darstellung beispielsweise in: Geologie der Steiermark: 1 Der Anteil an den Ostalpen. Vereinigung Steirischer Mineralien- und Fossiliensammler (vstm.at), abgerufen 10. August 2016.
  3. Schöcklkalk des Grazer Paläozoikums
  4. Triebensteinkalk der Veitscher Decke, Mittelostalpines Deckgebirge
  5. Leithakalk der Molasse-Zone
  6. Namen wie die der Steirischen und Lungauer Kalkspitze zeigen die Ausnahmeerscheinung im sonst andersartigen Gebiet.
  7. Haupt- und Wettersteindolomit in der Radstädter Decke – dieses Gebiet gehört zu den geologisch interessantesten der Alpen, hier sind fast alle Systeme und Zonen der Ostalpen vertreten.
  8. Kainacher Gosau
  9. J. E. T. Chanell, R. Brandner, A. Spieler und J. S. Stoner: Paleomagnetism and paleogeography of the Northern Calcareous Alps (Austria). In: Tectonics. Band 11, 1992, S. 792–810.
  10. a b Hans-Gert Linzer, Lothar Ratschbacher und Wolfgang Frisch: Transpressional collision structures in the upper crust: the fold-thrust belt of the Northern Calcareous Alps. In: Tectonophysics. Band 242, 1995, S. 41–61.
  11. M. Kralick, H. Krumm und J. M. Schramm: Low Grade and Very Low Grade Metamorphism in the Northern Calcareous Alps and in the Greywacke Zone. Illite-Crystallinity Datas and Isotopic Ages. In: H. Flügel und P. Faupl (Hrsg.): Geodynamics of the Eastern Alps. Deuticke, Wien 1987, S. 164–178.
  12. H. J. Gawlick, L. Krystin und R. Lein: Conodont colour alteration indices: Palaeotemperatures and metamorphism in the Northern Calcareous Alps - a general view. In: Geologische Rundschau. Band 83. Berlin 1994, S. 660–664.
  13. H.-J. Gawlick und N. Höpfer: Die mittel- bis früh-oberjurassische Hochdruckmetamorphose der Hallstätter Kalke (Trias) der Pailwand: ein Schlüssel zum Verständnis der frühen Geschichte der Nördlichen Kalkalpen. In: Schriftenr. Dtsch. Geol. Ges. Band 1, 1996, S. 30–32.
  14. S. M. Schmid, B. Fügenschuh, E. Kissling und R. Schuster, R.: Tectonic map and overall architecture of the Alpine orogen. In: Eclogae geologicae Helvetiae. Band 97, 2004, S. 93–117.
  15. Stampfli u. a.: Western Alps geological constraints on western Tethyan reconstructions. 2002. (PDF, 3,63 MB, auf unil.ch, abgerufen am 12. Dezember 2007).
  16. P. Faupl und M. Wagreich: Late Jurassic to Eocene paleogeography and geodynamic evolution of the Eastern Alps. In: Mitteilungen Österreichische Geologische Gesellschaft. Band 92, 2000, S. 70–94.