Hauptmenü öffnen

Heinrich Fiechtner

Deutscher Hämatologe und internistischer Onkologe, Palliativmediziner und Politiker, MdL
Heinrich Fiechtner

Heinrich Ekkehard Fiechtner (* 29. September 1960 in Stuttgart-Bad Cannstatt) ist ein deutscher Hämatologe und internistischer Onkologe, Palliativmediziner sowie parteiloser Politiker (früher Alternative für Deutschland (AfD), davor auch Mitglied der CDU und FDP) und Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg und Stadtrat in Stuttgart. Seinen Ende November 2017 vollzogenen Partei- und Fraktionsaustritt begründete er mit der trotz Skandal fortgesetzten Zusammenarbeit seiner Fraktion mit dem weiterhin nicht von der Partei ausgeschlossenen Abgeordneten Wolfgang Gedeon, dem Antisemitismus vorgeworfen wird.[1]

BiografieBearbeiten

Ausbildung und BerufBearbeiten

Fiechtner besuchte die Martin-Luther-Schule in Bad Cannstatt und die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, bevor er 1980 am Paracelsus-Gymnasium in Hohenheim sein Abitur ablegte.[2] Er studierte ab 1980 an der Universität Tübingen zunächst Klassische Philologie und begann 1981 mit dem Studium der Humanmedizin. Dieses beendete Fiechtner 1987 mit dem Staatsexamen und der Approbation. Ab 1988 arbeitete Fiechtner zwei Jahre bei der Deutschen Bundeswehr, zunächst als Musterungsarzt, später als Hauptmusterungsarzt. Nach einer kurzen Zeit als Prüfarzt bei der Landesversicherungsanstalt Württemberg wechselte er in eine Kur- und Rehabilitationsklinik in Bad Wimpfen und danach in eine Spezialklinik für Diabetes in Bad Mergentheim. Von 1992 bis Ende 1999 war er als Assistenzarzt im Katharinenhospital Stuttgart beschäftigt, wo er die Facharztanerkennung als Internist erwarb sowie die Weiterbildung zum Internistischen Hämatologen und Onkologen durchlief. Auch war er mehrere Jahre im städtischen Team der Leitenden Notärzte. 2005 erwarb er als einer der ersten Ärzte die Anerkennung als Palliativmediziner. Er ist Mitbegründer der ambulanten Palliativversorgung in Stuttgart. Von 2000 bis Ende 2016 war er Teilhaber einer onkologischen Praxis in Stuttgart.[3] 2017 wechselte er in ein medizinisches Versorgungszentrum. Laut eigener Aussage wurde ihm von seinem ehemaligen Teilhaber das Betreten der Praxis untersagt, was dieser wiederum verneinte. Hingegen warf ihm eine ehemalige Angestellte vor, sie als „hässlichste Frau der Welt“ bezeichnet zu haben, was Fiechtner wiederum abstritt.[4]

PolitikBearbeiten

Nach Mitgliedschaften in der CDU und der FDP war Fiechtner 2013 Gründungsmitglied der Alternative für Deutschland in Baden-Württemberg. Bis zum Oktober 2014 war er stellvertretender Landesvorsitzender der AfD und von November 2015 bis Mai 2016 Kreisvorsitzender im Landkreis Göppingen. Er ist außerdem seit Sommer 2014 Stadtrat in Stuttgart.[2] Anfang 2015 verglich Fiechtner Aussagen aus dem Koran mit solchen aus Hitlers Mein Kampf und anderer Diktatoren, was ihm öffentliche Kritik einbrachte.[5] Ebenso 2015 bezeichnete Fiechtner den grünen Oberbürgermeister von Stuttgart Fritz Kuhn als „miesen faschistoid-populistischen Scharfmacher“, nachdem dieser am Vortag bei einer Rede auf dem Stuttgarter Marktplatz ihn und seine Stadtratskollegen der AfD mit Faschisten und Neonazis in einen Zusammenhang gebracht hatte.[6] Kurze Zeit später entschuldigte sich Fiechtner bei Kuhn. Ein aufgrund dieser Ereignisse eingeleitetes Parteiausschlussverfahren wurde später eingestellt.[7] Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März 2016 zog er über ein Zweitmandat im Wahlkreis Göppingen (Wahlkreis 10) in den Landtag von Baden-Württemberg ein.[8][9]

Nach der Wahl äußerten Mitglieder des Kreisverbandes im Wahlkreis Göppingen ihren Unmut darüber, weil Fiechtner entgegen ihren Erwartungen kein Wahlkreisbüro eröffnete. Er begründete dies mit den häufigen Sachbeschädigungen, denen derartige Büros der AfD ausgesetzt seien, sowie mit der fehlenden Effizienz. Auch bemängelten einige eine mangelhafte Präsenz vor Ort. Fiechtner erklärte, er habe große Schwierigkeiten, seine Tätigkeit als Onkologe zu regeln.[10][11]

Während der Ereignisse um den AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon aufgrund von dessen antisemitischen Positionen stellte sich Fiechtner auf die Seite von Jörg Meuthen[12] und nahm mit diesem an der Gründung einer neuen Fraktion, der Alternative für Baden-Württemberg ABW, teil. Im Landtag hielt er seine Jungfernrede zum Thema Antisemitismus.[13] Im Dezember 2016 befürwortete Fiechtner im Landtag die Einführung der Gesundheitskarte für Flüchtlinge und stellte sich damit gegen seine Fraktion.[14] Danach wurde er von der AfD nicht mehr als Redner eingesetzt und zudem als ordentliches Mitglied aus zwei Ausschüssen abberufen, dem Ausschuss für Inneres, Digitalisierung und Migration sowie dem Untersuchungsausschuss Rechtsextremismus/NSU II. Im Februar 2017 schrieb Fiechtner zusammen mit Stefan Herre und Lars Patrick Berg einen offenen Brief zum Thema Gedenkstätte Gurs, nachdem die Fraktion im Rahmen der Haushaltsberatungen die Streichung der Fördergelder für diese Stätte befürwortet hatte.[15] Im Juni 2017 reichte Fiechtner Klage gegen die ihn verhängten Sanktionen vor dem Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg ein.[16] Ebenso wurde im Juni 2017 durch 16 von 18 anwesenden Mitgliedern der Fraktion der AfD im Landtag Baden-Württemberg beschlossen, eine Abstimmung über einen Fraktionsausschluss von Fiechtner einzuberufen.[17]

Im Juni 2017 wurde von der AfD im Bundestagswahlkreis 295 Zollernalb-Sigmaringen eine Neuwahl für die Bundestagskandidatur der Partei einberufen, die mit Formfehlern bei der ursprünglichen Aufstellungsversammlung Mitte Januar begründet wurde. Für diese war ursprünglich Fiechtner nominiert worden.[18] Die neue Nominierung eines anderen Bundestagskandidaten wurde durch Fiechtner angefochten. Das Landgericht Stuttgart erkannte zwar die Wirksamkeit der Wahl Fiechtners an und erklärte damit auch das damalige Verfahren für frist- und formgerecht, allerdings unterlag er mit seinem Willen, eine erneute Versammlung zu unterbinden. Er hat angekündigt, dagegen in Widerspruch zu gehen.[19]

Am 24. November 2017 erklärte Fiechtner seinen Austritt aus der AfD-Landtagsfraktion und der Partei. Er begründete seinen Austritt mit der verstärkten Annäherung des fraktionslosen, aber nicht von der Partei ausgeschlossenen antisemitischen Abgeordneten Wolfgang Gedeon. Nach dem Wechsel des Fraktionsvorsitzes von Jörg Meuthen zu Bernd Gögel erweiterte die Fraktion die stets im Hintergrund fortgesetzte Zusammenarbeit mit Gedeon, indem sie ihn als Gast zu Arbeitskreissitzungen zuließ. Fiechtner erklärte, Gedeon sei „definitiv ein Antisemit“ und ordnete die Gespräche über eine potentielle Rückkehr von diesem als „Ausweis völliger Verwahrlosung der AfD-Fraktion“ ein.[20][21][22]

Im Februar 2018 wurde bekannt, dass die AfD versucht hat, ihn durch einen angebotenen Berater-Vertrag und private Spenden dazu zu bewegen, sein Mandat im Gemeinderat von Stuttgart niederzulegen.[23]

PersönlichesBearbeiten

Fiechtner kam ohne rechte Hand auf die Welt.[24] Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er wohnt in Stuttgart-Birkach.[2]

SchriftenBearbeiten

  • Inotropie und Kreislaufwirkung von Inosin. Tübingen, Medizinische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Dissertation; 1989, DNB 891234365 (Lebenslauf)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH: Streit über Antisemitismus: Weiterer Abgeordneter verlässt die AfD in Baden-Württemberg. 24. November 2017, abgerufen am 24. November 2017.
  2. a b c Heinrich Fiechtner tritt für die AfD im Wahlkreis Göppingen an. In: NWZ. 7. März 2016, abgerufen am 14. Mai 2017.
  3. Dr. Heinrich E. Fiechtner bei onkologie-in-stuttgart.de (Memento des Originals vom 14. März 2016 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.onkologie-in-stuttgart.de
  4. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart, Germany: Klage gegen AfD-Politiker in Stuttgart: Fiechtner trifft Vergleich mit Ex-Mitarbeiterin. In: stuttgarter-nachrichten.de. (stuttgarter-nachrichten.de [abgerufen am 28. Juni 2017]).
  5. Stuttgarter Zeitung, Stuttgart, Germany: AfD-Stadtrat Fiechtner: „Mein Kampf“ mit Koran verglichen. In: stuttgarter-zeitung.de. (stuttgarter-zeitung.de [abgerufen am 28. Juni 2017]).
  6. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart, Germany: Anti-Pegida-Demo in Stuttgart: Streit zwischen Kuhn und AfD geht weiter. In: stuttgarter-nachrichten.de. (stuttgarter-nachrichten.de [abgerufen am 1. Juli 2017]).
  7. Umstrittener AfD-Stadtrat Fiechtner darf in der Partei bleiben. Abgerufen am 28. Juni 2017.
  8. Dr. Heinrich E. Fiechtner bei onkologie-in-stuttgart.de (Memento des Originals vom 14. März 2016 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.onkologie-in-stuttgart.de
  9. Tagesschau Wahlen vom 13. März 2016
  10. Südwest Presse Online-Dienste GmbH: Fiechtner verärgert AfD-Basis. In: swp.de. (swp.de [abgerufen am 28. Juni 2017]).
  11. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart, Germany: Kreis Göppingen: Kritik an AfD-Politiker: Rücktrittsforderung gegen unsichtbaren Abgeordneten. In: stuttgarter-nachrichten.de. (stuttgarter-nachrichten.de [abgerufen am 1. Juli 2017]).
  12. Nach der AfD-Spaltung: Wer hält zu Meuthen, wer nicht? | Baden-Württemberg | SWR Aktuell. In: swr.online. (swr.de [abgerufen am 1. Juli 2017]).
  13. Claudia Martin MdL: Rede Heinrich Fiechtner AfD im Landtag von Baden-Württemberg. 10. Juni 2016, abgerufen am 1. Juli 2017.
  14. Stuttgarter Nachrichten, Stuttgart, Germany: Abtrünnige Claudia Martin: „Der AfD fehlt jegliche Differenzierung“. In: stuttgarter-nachrichten.de. (stuttgarter-nachrichten.de [abgerufen am 1. Juli 2017]).
  15. Lokales / Balingen/Stuttgart / Stefan Herre distanziert sich von AfD-Fraktion. 4. Februar 2017 (zak.de [abgerufen am 1. Juli 2017]). Lokales / Balingen/Stuttgart / Stefan Herre distanziert sich von AfD-Fraktion (Memento des Originals vom 25. August 2017 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zak.de
  16. dpa: AfD-Abgeordneter Fiechtner klagt gegen die eigene Fraktion. In: FAZ.net. 24. Mai 2017, abgerufen am 13. Oktober 2018.
  17. Fiechtner droht Ausschluss aus AfD-Landtagsfraktion - STIMME.de. Abgerufen am 28. Juni 2017.
  18. Südkurier Medienhaus: Sigmaringen: Fiechtner tritt für die AfD an | SÜDKURIER Online. In: SÜDKURIER Online. (suedkurier.de [abgerufen am 1. Juli 2017]).
  19. DPA-RegiolineGeo: Parteien: Abgeordneter Fiechtner unterliegt im Streit mit AfD. In: Focus Online. 29. Juni 2017, abgerufen am 14. Oktober 2018.
  20. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH: Streit über Antisemitismus: Weiterer Abgeordneter verlässt die AfD in Baden-Württemberg. 24. November 2017, abgerufen am 24. November 2017.
  21. Nach Querelen mit BW-Fraktion – Fiechtner tritt aus AfD aus. SWR Aktuell, 24. November 2017, abgerufen am 24. November 2017.
  22. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH: Austritt aus der AfD: Der Moment, wenn Parteifreunde einen Antisemiten verteidigen. 24. November 2017, abgerufen am 25. November 2017.
  23. AfD-Politiker wollten Mandat erkaufen. Südwest Presse Online, 26. Februar 2018, abgerufen am 26. Februar 2018.
  24. Landtagswahl im Wahlkreis Göppingen: Die Losung aufs Handy, die Lösung im Kopf. In: Stuttgarter Zeitung. 10. Februar 2016, abgerufen am 14. Mai 2017.