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Günter Nooke

deutscher Politiker, DDR-Bürgerrechtler, MdV, MdL, MdB
Günter Nooke (2015)

Günter Nooke (* 21. Januar 1959 in Forst (Lausitz)) ist ein ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und ein deutscher Politiker (Bündnis 90, CDU). Nooke ist Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Afrikabeauftragter des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Von 2006 bis März 2010 war er Beauftragter für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe der Bundesregierung.[1]

Inhaltsverzeichnis

Leben und BerufBearbeiten

Nooke absolvierte von 1975 bis 1978 eine Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur und leistete anschließend den Wehrdienst bei der NVA ab. Danach begann er 1980 ein Studium der Physik an der Universität Leipzig, welches er 1985 als Diplom-Physiker beendete. Er war dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und zuletzt als Fachgebietsleiter bei der Arbeitshygieneinspektion des Bezirks Cottbus tätig. 1990 beendete er ein postgraduales Studium als Fachphysiker der Medizin.

1995 war er für das Expo-2000-Generalkommissariat in Hannover und anschließend bis 1998 als Leiter der Abteilung Controlling in der Geschäftsstelle des Steuerungs- und Budgetausschusses für die Braunkohlesanierung tätig.[1]

Günter Nooke ist verheiratet mit Maria Nooke, geb. Herche und hat drei Kinder. Maria Nooke war bis 2017 stellvertretende Direktorin der Stiftung Berliner Mauer und Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Am 29. Juni 2017 wählte der Landtag des Landes Brandenburg sie zur neuen Aufarbeitungsbeauftragten für die Folgen der kommunistischen Diktatur in der DDR; die Amtszeit begann im Oktober 2017.

ParteiBearbeiten

 
Günter Nooke (1990)

Nachdem sich Nooke schon 1987 einer kirchlichen Oppositionsgruppe in der DDR angeschlossen hatte, gehörte er im Herbst 1989 zu den Mitbegründern und zum Vorstand des Demokratischen Aufbruchs (DA). Er gehörte in dieser Zeit auch dem Zentralen Runden Tisch in der DDR an. Wegen Differenzen über die weitere politische Ausrichtung trat Nooke im Januar 1990 aus dem DA aus und schloss sich der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt an, für die er auch für die Volkskammerwahl 1990 kandidierte.

Nachdem sich Demokratie Jetzt 1991 mit dem Neuen Forum und der Initiative Frieden und Menschenrechte zum Bündnis 90 zusammenschloss, war Nooke bis 1993 Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss des Bündnis-90-Landesverbandes Brandenburg. Als entschiedener Gegner der Parteienvereinigung zu Bündnis 90/Die Grünen trat er im Mai 1993 aus dem Bündnis 90 aus und begründete unter anderem zusammen mit Matthias Platzeck die politische Vereinigung BürgerBündnis.

Gemeinsam mit anderen bekannten Bürgerrechtlern trat Günter Nooke am 17. Dezember 1996 in die CDU ein.

 
Günter Nooke (2002)

Er wirkte am Grundsatzprogramm des Brandenburger Landesverbandes mit. 2000 plädierte Nooke in einem Thesenpapier für den Berliner CDU-Landesverband für einen gelasseneren Umgang mit der SED-Nachfolgepartei PDS. Im Bundestagswahlkampf 2002 war er Spitzenkandidat der Berliner Landesliste. Sein Eintreten für eine Erneuerung des Berliner Landesverbandes im Rahmen des „Gesprächskreises Hauptstadtunion“, der sich selbst vornehmlich als Brücke in den vorpolitischen Raum verstand, führte ab 2002 zu innerparteilichen Spannungen, in deren Folge er auch sein Amt als Vorsitzender der Berliner CDU-Landesgruppe im Bundestag verlor.

Seit November 2018 ist Nooke Ländervorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU in Berlin und Brandenburg.[2] In dieser Funktion lud er im Juni 2019 zu der Veranstaltungsreihe Christlicher Kulturschoppen ein[3][4], womit er eine frühere Gesprächsreihe fortsetzte.[5] Er war von 2007 bis 2009 stellvertretender Vorsitzender der CDU Pankow und von 2005 bis 2009 Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Prenzlauer Allee.

Nooke gehört dem CDU-Bundesfachausschuss Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte an.

AbgeordneterBearbeiten

Von März bis Oktober 1990 gehörte Nooke für Demokratie jetzt über die Liste des Bündnis 90 der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an. Hier war er Mitglied des Wirtschaftsausschusses und gehörte von Juli bis Oktober auch dem Verwaltungsrat der Treuhandanstalt an.

Von 1990 bis 1994 war Nooke Mitglied des Landtages von Brandenburg. In dieser Zeit war er auch Vorsitzender der Fraktion Bündnis 90, beziehungsweise ab 1993 BÜNDNIS, das in der Ampelkoalition die Minister Marianne Birthler (ab 1992 Roland Resch) und Matthias Platzeck stellte. Nachdem Nooke im Frühjahr 1994 die Glaubwürdigkeit von Aussagen des Ministerpräsidenten Manfred Stolpe im Untersuchungsausschuss zu dessen früheren Kontakten zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) öffentlich in Frage stellte, kündigte die SPD die Koalitionsvereinbarung mit der Fraktion Bündnis auf.

Von 1998 bis 2005 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er von Februar 2000 bis Oktober 2002 Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und daneben auch Vorsitzender der Fraktionsarbeitsgruppe Angelegenheiten der Neuen Länder. Von Oktober 2002 bis Oktober 2005 war er Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kultur und Medien und damit auch kultur- und medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er war außerdem Sprecher der CDU/CSU-Fraktion in der Enquête-Kommission Kultur in Deutschland.[1]

Nooke ist stets über die Landesliste Berlin in den Bundestag eingezogen.

Bei der Bundestagswahl 2005 kandidierte Nooke erneut im Wahlkreis Berlin-Pankow. Auf der Wahlkreisvertreterversammlung am 21. Juni 2005 setzte sich Nooke gegen seinen Herausforderer, den Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses, Christoph Stölzl, mit 83 Prozent der Stimmen durch. Obwohl er für die Bundestagswahl 2002 noch Spitzenkandidat der Berliner CDU war, erhielt er 2005 keinen Platz auf der Landesliste. Da er in seinem Wahlkreis nur 15,3 Prozent der Erststimmen erhielt, schied er nach der Bundestagswahl aus dem Bundestag aus.

Öffentliche ÄmterBearbeiten

Nachdem er zunächst als Kulturstaatsminister im Gespräch war, wurde er am 8. März 2006 zum Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe ernannt. Da in der neuen Koalition die FDP dieses Amt beanspruchte, wurde Nooke am 31. März 2010 zum Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin berufen.[6] Auf Nookes Initiative vom Mai 1998 geht der geplante Bau eines Freiheits- und Einheitsdenkmals zurück.

PolitischesBearbeiten

Als Kulturpolitiker auf Bundesebene wirkte er vornehmlich mit dem Schwerpunkt Erinnerungskultur. Als Berichterstatter der Unionsfraktion für Erinnerungskultur in Deutschland zeichnete er federführend für den Antrag „Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland – Gesamtkonzept für ein würdiges Gedenken aller Opfer der beiden deutschen Diktaturen“[7] verantwortlich, der 2004 eine öffentliche Kontroverse auslöste. Die Anhörung fand am 16. Februar 2005 im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien statt und zeigte im Ergebnis einen entsprechenden Handlungsbedarf auf. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe der CDU/CSU für die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ bezog er Positionen zu grundlegenden Veränderungen der Rahmenbedingungen des Kulturbetriebs in Deutschland.

Nooke war Gründungsmitglied des Bürgerbüros zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur.[8][9]

Im Oktober 2018 geriet Nooke in die Kritik, nachdem er in einem Interview gesagt hatte, „Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.“[10] Der Kolonialismus habe dazu beigetragen, Afrika aus archaischen Strukturen zu lösen. Kritiker aus den Parteien SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen sahen darin Geschichtsrevisionismus und Rassismus;[11][12] Unionspolitiker verteidigten ihn mit dem Argument, dass die Kolonialzeit lange zurückläge. Dennoch führten afrikanische Regierungen „den Kolonialismus als Entschuldigung an, um vom eigenen Versagen abzulenken“.[13] Das sei Nookes Punkt.[14] Dieser entgegnete der Kritik, es liege ihm fern „in irgendeiner Weise die Verbrechen der Kolonialzeit zu relativieren“.[15] Der Vergleich stamme von dem britisch-sudanesischen Unternehmer Mo Ibrahim («I think the Cold War was worse for Africa than colonialism»).[16]

EhrenämterBearbeiten

VeröffentlichungenBearbeiten

  • Migrantenstädte statt Flüchtlingslager. Gastessay in: Weltwoche, 13. Februar 2019; English translation.
  • Who is promoting the stability of the human rights pillar? Lessons from our own experience of dictatorship. In: European View 9, Springer, 2010, S. 111–114.
  • Sicherheitspolitik in Neuen Dimensionen: Das Konzept universal geltender Menschenrechte und seine Umsetzung. Chancen und Herausforderungen. In: Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Ergänzungsband 2, Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg-Berlin-Bonn 2009. S. 443–463.
  • Günter Nooke, Georg Lohmann und Gerhard Wahlers (Hg.): Gelten Menschenrechte universal? Begründungen und Infragestellungen. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2008, ISBN 978-3-451-29975-9.
  • Neue Akzente in der Menschenrechtspolitik. In: Die Politische Meinung Nr. 453, Osnabrück 8/2007, S. 8–12.
  • Wie ich den Mauerfall erlebte. In: Civis mit Sonde Nr. 3/4, Bensheim 2007, S. 13–14.
  • Ein Denkmal für die Einheit in Freiheit? Formen der Auseinandersetzung mit der DDR. In: Peter März und Hans-Joachim Veen (Hrsg.): Woran erinnern? Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur. Köln 2006, S. 111–122.
  • Erinnerungskultur als nationales Gedächtnistraining In: Jörg-Dieter Gauger, Günther Rüther (Hrsg.), Kunst und Kultur verpflichtet. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Bornheim 2006, S. 275–278.
  • Über Gedenken sachlich diskutieren. In: Norbert Lammert (Vorwort) u. a.: Erinnerungskultur.PDF (321 kB), 2005, ISBN 3-937731-45-8, S. 57–64
  • Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich | Ob DDR, ob Nazi-Reich: Im Rückblick verklären die Menschen das normale unpolitische Leben, Der Tagesspiegel, 2003
  • Die friedliche Revolution in der DDR 1989/90. In: Manfred Agethen u. a. (Hrsg.): Oppositions- und Freiheitsbewegungen im früheren Ostblock. 2003, ISBN 3-451-20193-3, S. 182–202
  • Wir trauten uns nicht, die auf der Straße liegende Macht aufzuheben. In: Eckhard Jesse (Hg.): Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Berlin 2000, ISBN 3-86153-223-9, S. 92–109
  • Christliches Handeln im Osten Deutschlands – gestern und heute. In: Die Politische Meinung, 45. 371, 2000, S. 50–56
  • Die Welt als Welle und Vorstellung, Beitrag zur Entdeckung der Quantentheorie vor 100 Jahren. In: Süddeutsche Zeitung, 2000
  • Freiheit heißt das erste Menschenrecht. In: Thomas Brose (Hrsg.), Gewagte Freiheit, Leipzig 1999, S. 207–214.
  • Vom Ende der DDR-Wirtschaft zum Neubeginn in den ostdeutschen Bundesländern mit: Hans-Hermann Hertle, Martin Junkernheinrich, Willy Koch. Herausgegeben von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Hannover, 1998.
  • Beweggründe für einen Übertritt. Der Weg der ostdeutschen Bürgerrechtler in die CDU. In: Civis mit Sonde, Heft 1/1997, S. 39–43
  • Rainer Eppelmann, Horst Möller, Günter Nooke (Hrsg.): Lexikon des DDR-Sozialismus. Paderborn, 1996, ISBN 3-506793-29-2 und ISBN 3-825219-83-6 (Taschenbuch)
  • Die politische Bedeutung des Falls Stolpe. In: Tobias Hollitzer (Hrsg.): Einblick in das Herrschaftswissen einer Diktatur – Chance oder Flucht? Plädoyer gegen die öffentliche Verdrängung. Opladen 1996, ISBN 3-531-12792-6, S. 120–131
  • Aufklärung und Verklärung. In: Christian Striefelder/Wolfgang Templin (Hrsg.): Die Wiederkehr des Sozialismus. Die andere Seite der Wiedervereinigung. Berlin, 1996, ISBN 3-550-07075-6, S. 67–93

EhrungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Günter Nooke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Günter Nooke – Zitate

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ: Günter Nooke. Abgerufen am 21. Februar 2019.
  2. (idea) Nooke neuer Vorsitzender für Berlin und Brandenburg. Abgerufen am 16. Mai 2019.
  3. (Evangelischer Kirchenkreis Berlin-Mitte) Christlicher Kulturschoppen: „Was nutzt die Torheit des Evangeliums heute?“ Abgerufen am 2. Juni 2019.
  4. (KNA) Stäblein: In der Ökumene auch die Unterschiede nennen. 2. Juni 2019, abgerufen am 3. Juni 2019.
  5. (Die Welt) "Kulturschoppen" mit Polizeiauftritt. 5. Mai 2003, abgerufen am 2. Juni 2019.
  6. Beleg auf der Seite des BMZ, abgerufen am 17. Februar 2017
  7. Bundestagsdrucksache 15/3048, Deutscher Bundestag, 4. Mai 2004.
  8. Wir über uns | Buergerbuero Berlin. Abgerufen am 25. April 2017.
  9. Günter Nooke. Abgerufen am 25. April 2017.
  10. „Wir haben zu lange im Hilfsmodus gedacht“, in: B.Z. am Sonntag vom 7. Oktober 2018, abgerufen am 30. März 2019.
  11. “Strotzt vor rassistischen Stereotypen”. Afrika-Beauftragter Nooke nach Interview unter Druck, Focus, 11. Oktober 2018
  12. Rassismusvorwürfe gegen Merkels Afrika-Beauftragten, Die Welt, 11. Oktober 2018
  13. Rassismus-Vorwurf gegen Afrikabeauftragten Nooke, Der Tagesspiegel, 11. Oktober 2018
  14. Afrika-Politik mit gesundem Egoismus, Rheinische Post, 2. Februar 2018
  15. Jana Anzlinger: „Es liegt mir fern, die Verbrechen der Kolonialzeit zu relativieren“, in: Süddeutsche Zeitung. Artikel vom 12. Oktober 2018, abgerufen am 1. November 2018.
  16. Gordon Pitts: Mo Ibrahim’s search for good governance, in: The Globe and Mail. 10. Mai 2010, abgerufen am 1. Mai 2018.
  17. Kuratorium – Stiftung für Ökologie und Demokratie e.V. In: Stiftung für Ökologie und Demokratie e.V. (stiftung-oekologie-u-demokratie.de [abgerufen am 25. April 2017]).
  18. CV Nooke deutsch. Abgerufen am 30. März 2019.
  19. Erdbeben in Haiti : World Vision setzt Kuratorium ein. Aktion Deutschland Hilft, archiviert vom Original am 18. Juli 2010; abgerufen am 18. Juli 2010.
  20. AMREF Germany – Struktur. (Nicht mehr online verfügbar.) Archiviert vom Original am 26. Oktober 2010; abgerufen am 27. Mai 2013.   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.amrefgermany.de
  21. Bundespräsidialamt