Offener Brief

Art von Brief

Ein offener Brief (auch: Offener Brief, früher auch Sendschreiben oder Sendbrief, lateinisch missum) ist ein Schreiben, das als Flugschrift, in der Presse oder in anderen Medien veröffentlicht wird. Durch die Form des offenen Briefs wird der Empfänger oft zu einer öffentlichen Stellungnahme zum Gegenstand des Schreibens aufgefordert. Ein offener Brief steht manchmal in Verbindung mit einer Petition oder einer Pressemitteilung und kann als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden. Ein offener Brief kann zusätzlich direkt an den oder die Empfänger zugestellt werden.

Beispiel für einen offenen Brief: J’accuse, französisch für Ich klage an…!, von Émile Zola (1898).

WortgeschichteBearbeiten

Seit dem Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hatte der Begriff in Deutschland und Europa meist eine andere Bedeutung. Er bezeichnet eine „Urkunde, die jedermann lesen konnte und sollte. Dementsprechend wurden seit dem Spätmittelalter auch öffentliche Anschläge so genannt“.[1] Als Aufruf zur Heeresfolge wird das Wort in Goethes Reineke Fuchs verwendet: „Braun und Isegrim sandten sofort in manche Provinzen offene Briefe, die Söldner zu locken.“

1836 überschrieb Friedrich Ludwig Jahn die Einleitung zu einer Streitschrift mit „Offener Brief“. Seinem Freund Karl Euler erklärt er: „Auf mehrere Briefe bin ich Dir Antwort schuldig geblieben, und da ich endlich wohl mal antworten musste, […] so kann ich doch bei meiner schweren Hand die Zeit dazu nicht anders erübrigen, als einen offenen Brief an Dich drucken zu lassen. Das erspart mir eine Vorrede.“ Zum Schlagwort wurde der Ausdruck laut Otto Ladendorf seit dem 8. Juli 1846, als König Christian VIII. von Dänemark den von Bernhard Ernst von Bülow entworfenen offenen Brief verbreitete. Darin erhob er Anspruch worin auf die Elbherzogtümer und erregte durch seine Auffassung von der Ungeteiltheit der dänischen Gesamtmonarchie in Deutschland einen Sturm der Entrüstung.[2]

Funktionen und VariantenBearbeiten

Der offene Brief in seiner bekanntesten Form wird häufig verwendet, um Personen des öffentlichen Interesses, Vereine oder Unternehmen mit kontroversen Aussagen, gebrochenen Versprechen oder Unwahrheiten zu konfrontieren oder um ein aus Sicht des Verfassers des Briefes notwendiges Handeln des Adressaten zu provozieren.

Tatsächlich sind seine Spielformen aber sehr viel zahlreicher, wie offene Briefe zum Geburtstag (Anna Seghers an Christa Wolf zu deren 50. Geburtstag), als Literaturkritik (Marcel Reich-Ranicki an Günter Grass im Spiegel), als Satire und vor allem als „Eintrag ins Beschwerdebuch der Geschichte“ (B. Dücker) belegen.[3]

In seiner Dissertation analysiert Rolf-Bernhard Essig Beispiele offener Briefe seit der Antike, beginnend mit Isokrates, die belegen, wie der offene Brief sich im Wechselspiel mit der Entwicklung von Öffentlichkeit verändert. So werden sie zuerst in Abschriften und mündlich verbreitet und stehen in rhetorischer Tradition.[4]

Einer der berühmtesten offenen Briefe (J’accuse) stammt von Émile Zola und thematisierte 1898 die Dreyfus-Affäre. Er löst eine erregte Debatte aus, in deren Verlauf sich das Ideal- und das Zerrbild Intellektueller ausprägt.[5]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Burckhard Dücker: Der offene Brief als Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, Heft 69, Nr. 1/1992, ISSN 0724-9713, S. 32–42.
  • Rolf-Bernhard Essig: Der Offene Brief. Geschichte und Funktion einer publizistischen Form von Isokrates bis Günter Grass (= Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft. Bd. 267). Königshausen und Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1647-5 (zugl.: Dissertation, Universität Bamberg, 1999).
  • Reinhard M. G. Nickisch: Schriftsteller auf Abwegen? Über politische ‚Offene Briefe’ deutscher Autoren in Vergangenheit und Gegenwart. In: Journal of English and Germanic Philology, Nr. 93, 1994, S. 469–484.
  • Hans Wellmann: Der Offene Brief und seine Anfänge. Über Textart und Mediengeschichte. In: Maria Pümpel-Mader, Beatrix Schönherr (Hrsg.): Sprache – Kultur – Geschichte. Sprachhistorische Studien zum Deutschen. Hans Moser zum 60. Geburtstag. Universität Innsbruck, Institut für Germanistik, Innsbruck 1999, ISBN 3-901064-22-2, S. 361–384.

WeblinksBearbeiten

Commons: Open letters – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: offener Brief – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Nickisch, Schriftsteller, S. 23.
  2. Otto Ladendorf: Historisches Schlagwörterbuch: Ein Versuch. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2019, ISBN 978-3-11-149620-7, S. 228 (google.de [abgerufen am 24. November 2021]).
  3. Essig, Der Offene Brief, S. 331–363.
  4. Essig, Der Offene Brief, S. 23–42.
  5. Essig, Der Offene Brief, S. 173–188.