Tilla Durieux

österreichische Schauspielerin

Tilla Durieux, eigentlich Ottilie Godeffroy, (* 18. August 1880 in Wien; † 21. Februar 1971 in West-Berlin) war eine österreichische Schauspielerin und Hörspielsprecherin.

Tilla Durieux im Jahr 1905, fotografiert von Jacob Hilsdorf

LebenBearbeiten

Tilla Durieux war die Tochter des Chemieprofessors Richard Godeffroy und seiner Ehefrau, der ungarischen Pianistin Adelheid Ottilie Augustine Godeffroy, geb. Hrdlicka.[1] Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung in Wien. Da ihre Eltern die Berufswahl der Tochter ablehnten, nahm sie später als Künstlernamen Durieux an, abgeleitet von du Rieux, dem Geburtsnamen ihrer Großmutter väterlicherseits.

Sie debütierte 1902 in Olmütz, wechselte dann nach Breslau und war von 1903 bis 1911 am Deutschen Theater in Berlin engagiert. Hier spielte sie Lady Milford in Kabale und Liebe (1903), Kunigunde in Das Käthchen von Heilbronn (1905), Rhodope in Friedrich Hebbels Gyges und sein Ring (1907), die Titelfigur in Hebbels Judith (1909) und Jokaste in König Ödipus (1910), engagierte sich aber auch als Sprecherin beispielsweise im Neuen Club von Kurt Hiller.

Im Jahr 1907 begann Durieux zusammen mit dem Kulturpolitiker, SPD-Mitglied und späterem Musikpädagogen Leo Kestenberg, an vielen ihrer probefreien Sonntage in die damaligen Vororte Berlins (wie in den Park Hasenheide in Neukölln) zu fahren und dort bei Arbeiter-Matineen und -Versammlungen Werke von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Richard Dehmel, Georg Herwegh oder Adelbert von Chamisso zu lesen, klassische Musik zu spielen oder Melodramen aufzuführen. Diese Darbietungen wurden erst durch den Beginn des Ersten Weltkrieges unterbrochen.[2]

 
Die Schauspielerin nach der Aufführung von Langusten 1967 in München
 
Ehrengrab von Tilla Durieux auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin-Westend

Von 1911 bis 1914 trat sie am Berliner Lessingtheater auf, ab 1915 am Königlichen Schauspielhaus sowie von 1919 an am Staatstheater. Wichtige Rollen hier waren unter anderem die Gräfin Werdenfels in Frank Wedekinds Der Marquis von Keith (1920) und die Titelrolle in seinem Drama Franziska (1924/25, auch in Wien). In Berlin lud sie die Gebrüder Karl und Robert Walser sowie Frank Wedekind und dessen Frau an einem Weihnachtsfest gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, dem deutschen Verleger, Kunsthändler und Galeristen Paul Cassirer, in ihre Wohnung ein.[3]

Im Mai 1919 unterstützte und versteckte sie (angeblich in ihrem Kleiderschrank) den Schriftsteller Ernst Toller, der als einer der führenden Protagonisten der Münchner Räterepublik wegen Hochverrats gesucht wurde. Durieux, die sich zu der Zeit in der Münchner Klinik von Ferdinand Sauerbruch, den sie und Paul Cassirer bereits im Rahmen kultureller Veranstaltungen kennengelernt[4] hatten, in ärztlicher Behandlung befand, versorgte Toller auf seiner Flucht zunächst mit finanziellen Mitteln und sagte weitere Hilfe zu.[5]

1927 war sie an der Finanzierung der Piscator-Bühne beteiligt und trat auch unter der Regie von Erwin Piscator auf. Im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre kam sie mit ebenfalls berühmten Berliner Persönlichkeiten wie der Gesellschaftsfotografin Frieda Riess in Kontakt. 1933 verließ sie Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zusammen mit ihrem jüdischen Ehemann Ludwig Katzenellenbogen; sie floh nach Ascona, wo sie mit Victoria Wolff in Kontakt stand.[6] Dann spielte sie am Theater in der Josefstadt in Wien sowie 1935 in Prag, wo sie in Macbeth die Lady Macbeth darstellte. 1938 emigrierte sie mit ihrem Mann nach Zagreb in Kroatien, wo eine entfernte Verwandte lebte. Während Tilla Durieux versuchte, in Belgrad für beide ein Visum zur Emigration in die USA zu bekommen, wurde sie vom deutschen Bombenangriff und Überfall auf Belgrad im April 1941 überrascht und so von ihrem Mann getrennt, der 1941 von der GeStaPo in Thessaloniki verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt wurde.[7] 1944 beteiligte Tilla Durieux sich nach eigener Aussage an der „Roten Hilfe“ für die Partisanen unter Josip Broz Tito.[8][9]

1952 kehrte sie nach Deutschland zurück und gastierte an Theatern in Berlin, Hamburg und Münster. Späte Rollen waren die Pförtnerin in Traumspiel (1955 in Berlin und 1963 in Hamburg), Mutter in Max Frischs Die Chinesische Mauer (1955 in Berlin und 1963 in Hamburg) und Peitho in Gerhart Hauptmanns Atriden (1962, Regie: Erwin Piscator). 1967 spielte sie an den Städtischen Bühnen Münster die deutsche Erstaufführung von Marguerite Duras' Stück Ganze Tage in den Bäumen, mit dem sie anschließend auf Tournee ging.

Durieux starb 1971 an einer Sepsis nach der operativen Versorgung einer Oberschenkelhalsfraktur im Oskar-Helene-Krankenhaus und wurde – nach der Kremierung im Krematorium Wilmersdorf – neben ihrem zweiten Ehemann Paul Cassirer auf dem landeseigenen Waldfriedhof Heerstraße im Bezirk Charlottenburg (heutiger Ortsteil Berlin-Westend) beigesetzt. Der Grabstein, der viel später von einem Bewunderer gespendet wurde, trägt auch einen Professorentitel, den Tilla Durieux in Salzburg am Mozarteum kurzzeitig innegehabt hatte.[10] Sie selber hatte auf diesen Namenszusatz jedoch nie Wert gelegt. Das Todesdatum ist auf dem Grabstein mit 21. Januar 1971 angegeben, sie starb jedoch am 21. Februar 1971, dem 100. Geburtstag von Paul Cassirer.[11]

Auf Beschluss des Berliner Senats ist die letzte Ruhestätte von Tilla Durieux auf dem Friedhof Heerstraße (Grablage: 5-C-4) seit 1971 als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet. Die Widmung wurde 1997 um die inzwischen übliche Frist von zwanzig Jahren verlängert.[12] Die Entscheidung über eine weitere Verlängerung ist anhängig (Stand: November 2019).

EhenBearbeiten

Tilla Durieux war 1903–1905 in erster Ehe mit dem Maler Eugen Spiro verheiratet.[13] Ab 1905 war sie mit dem Kunsthändler Paul Cassirer liiert[14] und ab 1910 verheiratet.[15] 1926 starb Cassirer an den Folgen eines Suizidversuchs, den er während einer von Tilla Durieux beantragten Scheidungsverhandlung begangen hatte. Der Verhandlung vorausgegangen waren nach Durieux' Angaben zahlreiche von Cassirer gegen sie gestreute Verleumdungen.[16] 1930 heiratete sie in dritter Ehe den Unternehmer Ludwig Katzenellenbogen (1877–1944), mit dem sie 1933 aus Deutschland floh. 1941 wurde Katzenellenbogen in Thessaloniki verhaftet, in das KZ Sachsenhausen deportiert und kam dort 1944 ums Leben.[17][18]

Tilla-Durieux-SchmuckBearbeiten

Anlässlich ihres 65-jährigen Bühnenjubiläums stiftete sie 1967 den Tilla-Durieux-Schmuck, der alle zehn Jahre an eine hervorragende Vertreterin der deutschen oder der österreichischen Schauspielkunst verliehen wird. Es handelt sich dabei um ein Collier aus 32 in Platin gefassten Zirkonen. Die Art-déco-Arbeit war vermutlich ein Geschenk Paul Cassirers an seine Frau.

Ausschlaggebend bei der Suche nach einer Preisträgerin ist das Votum der aktuellen Trägerin des Schmuckes, die Schirmherrschaft hat die Akademie der Künste in Berlin. Bislang wurden folgende Schauspielerinnen geehrt:[19]

FilmografieBearbeiten

HörspieleBearbeiten

DiskografieBearbeiten

  • 1970: „Weißt Du noch …“ Tilla Durieux im Gespräch mit Herbert Ihering und Rolf Ludwig. VEB Deutsche Schallplatten, Berlin 1967 (Litera 8 60 118)
  • 1965: Tilla Durieux – Szenen und Dialoge Deutsche Grammophon (Literarisches Archiv 43074)

EhrungenBearbeiten

1987 wurde an ihrem Wohnhaus Bleibtreustraße 15 in Berlin-Charlottenburg eine Berliner Gedenktafel angebracht.

Nahe dem Potsdamer Platz in Berlin wurde ihr 2003 der Tilla-Durieux-Park gewidmet.[21]

SchriftenBearbeiten

  • Eine Tür fällt ins Schloß. Roman. Horen, Berlin-Grunewald 1928
  • Eine Tür steht offen. Erinnerungen. Herbig, Berlin-Grunewald 1954 (entstanden 1944)
  • Meine ersten neunzig Jahre. Erinnerungen. Herbig, München 1971

LiteraturBearbeiten

  • Melanie Ruff, Tilla Durieux.[22]
  • Spomenka Štimec: Tilla. Roman. Edistudio, Pisa 2002, ISBN 88-7036-071-7 (in Esperanto).
  • Joachim Werner Preuss (Hrsg.): Tilla Durieux. Porträt der Schauspielerin. Deutung und Dokumentation. Berlin 1965
  • Wilhelm Biermann: Tilla Durieux, Gedichte. Berlin 1925
  • Kay Weniger: ‘Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …’. Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. ACABUS-Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86282-049-8, S. 144 f.

AbbildungenBearbeiten

 
Tilla Durieux (Porträt von Pierre-Auguste Renoir, 1914)
 
Tilla Durieux (Porträt von Emil Orlik, 1922)

Tilla Durieux gilt als die meistporträtierte Frau ihrer Zeit.[23]

ÖlgemäldeBearbeiten

BüstenBearbeiten

LithographienBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Tilla Durieux – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Tilla Durieux: Meine ersten neunzig Jahre. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1976, S. 10 ff.
  2. Tilla Durieux: Meine ersten neunzig Jahre. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1976, S. 79f.
  3. Robert Walser - Portrait und Erinnerungen, ab 12:37 (2012 auf dem Youtubekanal Text und Bühne veröffentlicht, abgerufen am 14. September 2016)
  4. Ferdinand Sauerbruch, Hans Rudolf Berndorff: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 235 und 252.
  5. Michaela Karl: Auf der Flucht – Die Jagd nach Ernst Toller (online auf www.literaturportal-bayern.de, abgerufen am 14. September 2014)
  6. Tilla Durieux auf ticinarte.ch.
  7. Tilla Durieux: Meine ersten neunzig Jahre. Herbig, München 1971, S. 349–365
  8. Tilla Durieux: Meine ersten neunzig Jahre. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1976, S. 256 ff.
  9. balkanpeace.org
  10. Das Grab von Tilla Durieux auf knerger.de.
  11. Bernd Oertwig: Berühmte Tote leben ewig. Berliner Schicksale. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2019, ISBN 978-3-947215-58-4, S. 240.
  12. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz: Ehrengrabstätten des Landes Berlin (Stand: November 2018) (PDF, 413 kB), S. 17. Abgerufen am 24. November 2019. 'Vorlage – zur Kenntnisnahme – über die Anerkennung und weitere Erhaltung von Grabstätten namhafter und verdienter Persönlichkeiten als Ehrengrabstätten Berlins. Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 13/2017 vom 12. September 1997, Abschnitt B, S. 3. Zugriff am 24. November 2019.
  13. Tilla Durieux: Meine ersten neunzig Jahre, Herbig, München 1971, S. 67, 87
  14. Ebenda, S. 87–90
  15. Paul Cassirer war der Auftraggeber (und Finanzier) der Porträts von Tilla Durieux, die in der Zeit ihrer Ehe entstanden waren.
  16. Tilla Durieux: Meine ersten neunzig Jahre, Herbig, München 1971, S. 312–314
  17. simplicissimus.info
  18. Ein Schuss ins Herz. In: Die Welt
  19. Akademie der Künste: Die Schauspielerin Judith Hofmann erhält den Tilla-Durieux-Schmuck. Pressemitteilung vom 29. September 2010.
  20. Berliner Zeitung vom 11. Oktober 1970, S.:4.
  21. Tilla-Durieux-Park. In: Kauperts Straßenführer durch Berlin
  22. Diplomarbeit, Universität Wien. Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät, BetreuerIn: Johanna Gehmacher, (2007)
  23. Verena Perlhefter: „andere halten sich Rennpferde …“ Tilla Durieux – Schauspielerin und meistportraitierte Frau ihrer Zeit. Belvedere, Bd. 12. Wien 2006, S. 32–45, 95–101.
  24. Flechtheim, seine Erben und die Frage der Restitution FAZ vom 9. April 2013.
  25. Empfehlung der Beratenden Kommission (PDF; 93 kB) Lost Art Koordinierungsstelle vom 9. April 2013.
  26. Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 2070 (Memento vom 25. März 2016 im Internet Archive)
  27. Spielen und Träumen, Tilla Durieux. Mit 5 Radierungen u. 1 Lithogr. von Emil Orlik, Verlag der Galerie Flechtheim, 1922.