Hauptmenü öffnen

Wikipedia β

Rudolf Minger

Schweizer Politiker
Rudolf Minger (ca. 1930)

Rudolf Minger (* 13. November 1881 in Mülchi; † 23. August 1955 in Schüpfen BE; heimatberechtigt in Mülchi und Schüpfen) war ein Schweizer Politiker und gehörte der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) an. Er war von 1929 bis 1940 Mitglied des Schweizerischen Bundesrates und hatte dort das zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wichtige Amt des Verteidigungsministers inne.

Inhaltsverzeichnis

BiografieBearbeiten

 
Rudolf Minger bei Ansprache am Eidgenössischen Hornusserfest 1930

Herkunft und BerufstätigkeitBearbeiten

Als Bauernsohn aufgewachsen, verhalf ihm 1906 die Heirat mit der eigenen Cousine zu einem stattlichen Hof im seeländischen Schüpfen, wo er über die örtliche landwirtschaftliche Genossenschaft zur wichtigen Person des Berner Genossenschaftsverbands wurde. Seinen Hof führte er allerdings nicht selber. Gemäss dem Biographen Konrad Stamm war «Bauer» Minger sein Leben lang ein «Subventionsjäger».[1]

BauernpolitikBearbeiten

Unter Mingers Ägide wurden die bis dato trotz Divergenzen freisinnigen Bauern politisch aktiv. Mit steigenden Lebensmittelpreisen im Ersten Weltkrieg verschlimmerte sich der Konflikt zwischen städtischer Bevölkerung und den Bauern, die zunehmend als Kriegsgewinnler betrachtet wurden. Der Bundesrat setzte Höchstpreise für Lebensmittel fest. Diese Massnahme zur Verbesserung der Ernährungslage stiess auf den Widerstand der Bauern-Lobby. Wie der Zürcherische Landwirtschaftliche Kantonalverein (ZLKV) gab Minger mit seiner Rede vom 24. November 1917 an der Delegiertenversammlung des bernischen Genossenschaftsverbandes im Bierhübeli-Saal in Bern den Anstoss zur Gründung 1918 der bernischen Bauern- und Bürgerpartei, die sich 1921 in Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB umbenannte.[2] Die neue Gruppierung gehörte zu den vehementesten Befürwortern der Schaffung von bewaffneten Bürgerwehren gegen die Arbeiterschaft und an vielen Orten erfolgten die Gründung neuer Parteisektionen und lokaler Bürgerwehren parallel. 1919 wurde Minger als Vertreter der bernischen BGB in den Nationalrat gewählt, wo er Präsident der BGB-Fraktion war und sich in der Folgezeit für die immer stärkere Subventionierung der Landwirtschaft stark machte.[1] 1923 wurde er zum Oberstleutnant und 1929 zum Oberst befördert. Im Jahr 1928 präsidierte Minger den Nationalrat.

BundesratBearbeiten

 
Rudolf Minger
 
Minger (links vorne) mit drei weiteren Bundesräten (1934)

Er wurde am 12. Dezember 1929 als Nachfolger des im Amt verstorbenen Karl Scheurer als erster Vertreter der BGB in den Bundesrat gewählt. Zum ersten Mal sassen nun die Vertreter von drei Parteien in der Landesregierung. Entgegen seinem Willen musste Minger das Eidgenössische Militärdepartement EMD übernehmen, das in den Zwanzigerjahren wegen pazifistischer Strömungen in der Bevölkerung nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs nicht sehr prestigeträchtig war. Zudem hatte das Parlament rigorose Sparbeschlüsse durchgesetzt. Trotzdem konnte Minger mit seiner Hartnäckigkeit die Aufrüstung und Reformation der Landesverteidigung erreichen. Unter einer Ägide wurden die Rekrutenschule von 67 auf 118 und die der Wiederholungskurse von 13 auf 20 Tage verlängert. Diese Regelung wurde erst 1995 mit der Armee 95 geändert. Minger inszenierte mehrere sogenannte «Volkstage» und Defilees. Die Wehranleihe von 1936 gilt als Höhepunkt dieser Bemühungen, wurde sie doch trotz geringem Zins deutlich überzeichnet. Ohne Wissen des Bundesrates erteilte Minger im Februar 1937 Generalstabschef Jakob Labhardt den Auftrag, ein Chemiewaffen-Programm auszuarbeiten. Dessen Aufbau erfolgte geheim, denn die Schweiz hatte 1932 ein Protokoll des Völkerbundes ratifiziert, das die Anwendung von erstickenden, giftigen und ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Waffen im Krieg verbot.[3] Als 1938 die Umsetzung der Armeereform drängte, war Minger aber lustlos an der Arbeit. In seinem Departement wurde gemunkelt, der Milchpreis interessiere ihn mehr als die Armee.[1]

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, suchte man Minger vergebens in seinem Büro. Es gelang nur knapp, ihn rechtzeitig aufzutreiben, damit der Bundesrat die Mobilmachung beschliessen konnte. Man fand Minger in seiner Stadtwohnung, wo er Unterlagen ordnete, um den Abgang aus der Politik vorzubereiten.[1] Minger, der ein Freund Henri Guisans war, setzte sich vehement für dessen Wahl zum General durch die Bundesversammlung ein. Er war Bundespräsident im Jahre 1935 sowie Vizepräsident in den Jahren 1934 und 1940.

 
Grabgeleite Rudolf Minger
 
Gedenkstätte in Schüpfen

Haltung zu Faschismus und NationalsozialismusBearbeiten

Mingers Einstellung zum Faschismus war zunächst unklar. Im Sommer 1933 bezeichnete er im Parlament das Aufkommen der Frontenbewegung als eine «gesunde Reaktion» der Schweizer Jugend gegen die politische Linke[4] und teilte er dem deutschen Gesandten Ernst von Weizsäcker mit, der Nationalsozialismus in Deutschland sei eine «naheliegende, ihm sympathische Entwicklung».[5] Minger forderte in jenen Jahren wiederholt ein Zusammengehen seiner Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei mit den faschistischen Fronten (mit denen es im Verbund mit anderen bürgerlichen Parteien bei den Zürcher Gemeindewahlen 1933 zu einem «vaterländischen» Wahlbündnis kam) und bediente sich in zahlreichen Reden der faschistischen Rhetorik von «Volksgemeinschaft», «Blut» und «Rasse».[6] Später galt er trotz teilweise stark rechtsgerichteter ordnungspolitischer Ansichten als Gegner des Faschismus. Allerdings bewirtete er noch 1940 einen SS-General als Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes auf seinem Bauernhof und gehörte er zu den Mitverfassern der umstrittenen Radioansprache von Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz, die nach der Niederlage Frankreichs gegen Nazi-Deutschland von vielen als anpasserisch empfunden wurde.[7][8]

Politische Tätigkeit nach dem RücktrittBearbeiten

Minger trat am 31. Dezember 1940 als Bundesrat zurück, was zunächst zu Spekulationen führte, denn es schien seltsam, dass ausgerechnet der Verteidigungsminister mitten im Krieg zurücktreten würde, auch wenn er hinter General Guisan nur noch im zweiten Glied stand. Später wurde aber klar, dass vorwiegend persönliche Gründe zur Demission geführt hatten. Nach seinem Rücktritt setzte sich Minger politisch weiterhin für die Interessen der Landwirtschaft ein und nahm Einsitz in verschiedenen Verwaltungsräten. Er fuhr fast täglich ins Bundeshaus und lobbyierte dort derart für die Interessen der Landwirtschaft, dass es einem Beobachter «schamlos» vorkam.[1] Auch präsidierte er die Verbände der Hafermüller und Teigwarenfabrikanten. Mingers Nachfolger wurde Eduard von Steiger. 1946 wurde Minger von der Universität Bern der Ehrendoktortitel in Anerkennung seiner Verdienste um die Erhaltung eines «gesunden Bauernstandes» verliehen.

LiteraturBearbeiten

  • Peter Stettler: Minger, Rudolf. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 2010.
  • Konrad Stamm: Minger: Bauer, Bundesrat. Die aussergewöhnliche Karriere des Rudolf Minger aus Mülchi im Limpachtal. NZZ Libro, Zürich 2017, ISBN 978-3-03810-284-7.
  • Christoph Graf: Vom Klassenkampf zur Konkordanz: Robert Grimm, Rudolf Minger und die schweizerische Demokratie, in: Nicolai Bernard/Quirinus Reichen (Hg.): Gesellschaft und Gesellschaften: Festschrift zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Ulrich Im Hof. Bern 1982. S. 495–514.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Rudolf Minger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e Patrick Feuz: Der Machtergreifer. Wie eine Ikone mit gnadenlosem Lobbying für eigene Interessen die ganze Schweiz erobert: Das zeigt die erste Biografie über Rudolf Minger, den populären Berner Vorkriegsbundesrat und begnadeten Bauernvertreter. In: derbund.ch. Tamedia AG, 19. November 2017, abgerufen am 6. Januar 2018.
  2. Patrick Feuz: Vom Bauernsohn zum Bundesrat. Wie man mit gnadenlosem Lobbying die ganze Schweiz erobert und dabei erst noch zur Ikone wird: Das zeigt die erste Biografie über Rudolf Minger, den beliebten Vorkriegsbundesrat und erfolgreichen Bauernvertreter. In: tagesanzeiger.ch. Tamedia AG, 20. November 2017, abgerufen am 19. Dezember 2017.
  3. Erich Aschwanden: Der vernebelte Giftgas-Skandal. In: nzz.ch. Aktiengesellschaft für die Neue Zürcher Zeitung, 9. November 2015, abgerufen am 10. November 2015.
  4. Schweizerisches Bundesarchiv E 1301, Bd. 299: Nationalrat, Juni 1933, S. 606–615.
  5. Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918-1945, Serie C, Bd. II/1, Göttingen 1973, S. 50.
  6. Christoph Graf/Eduard Tschabold: Der Nachlass von Bundesrat Rudolf Minger (1881-1955): Eine Analyse des Bestands J. I. 108, Bern: Schweizerisches Bundesarchiv 1981, S. 57
  7. Hanspeter Born: Lanze für einen grossen Staatsmann. In: Die Weltwoche 15/2008.
  8. Marc Tribelhorn: «Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt». In: nzz.ch. Aktiengesellschaft für die Neue Zürcher Zeitung, 22. Juni 2015, abgerufen am 6. Januar 2018.
VorgängerAmtNachfolger
Karl ScheurerMitglied im Schweizer Bundesrat
19301940
Eduard von Steiger