Quo Vadis, Aida?

Spielfilm von Jasmila Žbanić (2020)

Quo Vadis, Aida? (auch: 11th of July) ist ein Spielfilm aus dem Jahr 2020 von Jasmila Žbanić. An der internationalen Koproduktion waren Produktionsgesellschaften aus den acht Ländern Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Rumänien, den Niederlanden und Norwegen beteiligt.

Film
OriginaltitelQuo Vadis, Aida?
Produktionsland Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Rumänien, Niederlande, Norwegen
Originalsprache Bosnisch, Englisch, Niederländisch
Erscheinungsjahr 2020
Länge 103 Minuten
Altersfreigabe FSK 12[1]
JMK 14[2]
Stab
Regie Jasmila Žbanić
Drehbuch Jasmila Žbanić
Produktion Damir Ibrahimovich, Jasmila Žbanić
Musik Antoni Łazarkiewicz
Kamera Christine A. Maier
Schnitt Jarosław Kamiński
Besetzung

HandlungBearbeiten

Aida ist im Juli 1995 in Srebrenica als Übersetzerin für die Vereinten Nationen tätig. Nach der Machtübernahme durch die bosnisch-serbische Armee gehört ihre Familie zu den tausenden Bürgern, die im Lager der UNO Schutz suchen. Im Zuge der Verhandlungen muss Aida Informationen mit fatalen Auswirkungen übersetzen.[3][4]

Produktion und HintergrundBearbeiten

Die Dreharbeiten fanden vom 15. Mai bis zum 11. Juli 2019 statt, gedreht wurde in Bosnien und Herzegowina.[5]

Produziert wurde der Film von Deblokada (Bosnien und Herzegowina), Digital Cube (Rumänien), Extreme Emotions (Polen), Indie Prod. (Frankreich), N279 Entertainment (Niederlande), Razor Film Produktion GmbH (Deutschland) und der österreichischen coop99.[5] Unterstützt wurde die Produktion vom Filmfonds Wien und dem Land Niederösterreich, beteiligt war der Österreichische Rundfunk.[6][3]

Für das Kostümbild zeichnete Malgorzata Gosia Karpiuk verantwortlich, für das Szenenbild Hannes Salat, für Ton und Sounddesign Simone Galavazi und Igor Camo und für die Maske Michaela Payer.[5][6]

Der Film erzählt die Tage vor dem Massaker von Srebrenica nach. Das Drehbuch beruht lose auf dem Buch Unter der Flagge der Vereinten Nationen. Die Staatengemeinschaft und der Völkermord von Srebrenica von Hasan Nuhanović, der als Übersetzer in der UN-Schutzzone gearbeitet hatte.[7][8]

In der offiziellen Presseerklärung zu Quo Vadis, Aida? im Katalog der Filmfestspiele von Venedig fasste Žbanić ihren Film wie folgt zusammen: „Dieser Film handelt von einer Frau, die im Kriegsspiel der Männer gefangen ist. Es geht um Mut, Liebe und Belastbarkeit – und auch darum, was passiert, wenn wir nicht rechtzeitig auf Warnzeichen reagieren [...]“.[9]

VeröffentlichungBearbeiten

Die Premiere erfolgte am 3. September 2020 im Rahmen der 77. Internationalen Filmfestspiele von Venedig,[9] wo der Film in den Wettbewerb um den Goldenen Löwen eingeladen wurde.[3][4]

Beim Filmfest Hamburg wurde der Film Anfang Oktober 2020 in der Sektion Kaleidoskop gezeigt.[10] Die Österreich-Premiere erfolgte auf der Viennale 2020.[11]

Der österreichische Kinostart war ursprünglich für den 19. Februar 2021 vorgesehen und wurde aufgrund der COVID-19-Pandemie auf den 25. Juni 2021 verschoben.[6] In Deutschland kam der Film am 5. August 2021 in die Kinos.[12]

RezeptionBearbeiten

Matthias Greuling schrieb in der Wiener Zeitung, dass der Unterschied zwischen diesem Film und vielen anderen Kriegsfilmen der Blickwinkel auf die Ereignisse sei. Nicht die meistens von Männern inszenierten Schlachten seien hier zentral, sondern der Blick zweier Frauen auf die Gemeinheit des Krieges. Dieser Blickwinkel führe zu einer differenzierteren Betrachtung von Gewalt und Gegengewalt, von männlicher Kriegsfantasie, von den Mechanismen des Völkermordes und der Grausamkeit.[13]

Martin Thomson befand in der österreichischen Tageszeitung Die Presse, dass Jasmila Žbanićs Drama meisterlich an große Gedenkfilme wie Schindlers Liste anschließe. Obwohl Žbanić aus Pietät keine Sterbenden zeige, schmerze es, dem bekannten Verfahren der Selektion und Deportation beim perfekten Funktionieren zuzusehen. Schockiert sei man auch, weil man weiß, dass der Passionsweg für die Betroffenen in namenlosen Massengräbern enden wird.[14]

Stefan Grissemann meinte im Nachrichtenmagazin profil, dass der Film keine zentnerschwere Geschichtslektion, sondern ein dynamisches Trauerspiel sei. Jasmila Žbanić gelinge der Balanceakt, aus einer realen Tragödie einen Thriller zu machen, der einen, auch der großartigen Hauptdarstellerin Jasna Đuričić wegen, mit sich reiße, dabei aber die Bitterkeit der Geschehnisse nicht abmildere.[15]

Elisabeth von Thadden schrieb in der Wochenzeitung Die Zeit, dass die ersten Bilder des Films nahe legen, dass hier die kantische universalistische Frage verhandelt wird, ob die eigenen Nächsten einem moralisch näher sein dürfen als ein jeder Mensch des Menschengeschlechts. Immer wieder werde es beim Zuschauen schwer, hinzusehen, auch wenn die Regisseurin weitgehend auf die Darstellung der Gräuel verzichte. Der Film fälle kein moralisches Urteil über die Handelnden, zeige aber, wie Kriegsverbrechen sich in die Mimik einbrennen.[16]

Marius Ochs vergab auf auf filmpluskritik.com 89 von 100 Punkten und bezeichnete den Film als Meisterwerk, das im Gedächtnis bleibe. Ohne moralisch oder anklagend zu werden werfe der Film Fragen auf, deren Beantwortung kaum möglich sei. Die Unabwendbarkeit und der Schrecken der Ereignisse brenne sich beim Zuschauen tief ein, das ungute Gefühl verschwinde zu keinem Zeitpunkt. Jasmila Žbanić mache die unaussprechliche Katastrophe intim erlebbar.[17]

Lina Muzur meinte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass die aufklärerische Bedeutung des Films enorm sei, auch wenn dessen Symbolik vielleicht etwas zu aufdringlich, dessen Vermittlungswille vielleicht etwas zu offensichtlich sein mag.[18]

Nadine Lange befand auf Tagesspiegel.de, dass Aidas Kampf, ihre Verzweiflung, ihre Hilf- und Machtlosigkeit spiegle, was zehntausende muslimische Bosnier in diesen heißen Juli-Tagen durchmachten. Der Film setze ihnen und den Toten ein filmisches Denkmal.[19]

Auszeichnungen und NominierungenBearbeiten

Internationale Filmfestspiele von Venedig 2020

  • Nominierung für den Goldenen Löwen (Jasmila Žbanić)[3]
  • Brian Award | UAAR (Unione degli Atei e degli Agnostici Razionalisti)[20]
  • SIGNIS Award | SIGNIS International (World Catholic Association for Communication)
  • Premio UNIMED | UNIMED (Unione delle Università del Mediterraneo)

Antalya Golden Orange Film Festival 2020

  • Gewinner des Internationalen Spielfilmwettbewerbs[21]

British Academy Film Awards 2021

El Gouna Filmfestival 2020

  • Auszeichnung mit dem Goldenen Stern für den besten Spielfilm[23]

Independent Spirit Awards 2021

LuxFilmFest 2021

  • Auszeichnung mit dem Grand-Prix[25]

International Film Festival Rotterdam 2021

  • Auszeichnung mit dem Publikumspreis[25]

Oscarverleihung 2021

Sofia International Film Festival 2021

  • Auszeichnung als Bester Balkan-Film[26]

Österreichischer Filmpreis 2021

  • Auszeichnung in der Kategorie Beste weibliche Nebenrolle (Edita Malovčić)[27][28][29][30]
  • Auszeichnung in der Kategorie Beste Kamera (Christine A. Maier)
  • Nominierung in der Kategorie Beste Maske (Michaela Payer und Regina Breitfellner)
  • Auszeichnung in der Kategorie Bestes Szenenbild (Hannes Salat)

Romyverleihung 2021

  • Nominierung in der Kategorie Bestes Buch Kino (Jasmila Žbanić)[31]
  • Auszeichnung in der Kategorie Beste Produktion (Jasmila Žbanić, coop99, Deblokada, Digital Cube, Extreme Emotions, Indie Prod., N279 Entertainment, Razor Film Produktion GmbH)[32]
  • Nominierung in der Kategorie Beste Regie Kino (Jasmila Žbanić)
  • Nominierung in der Kategorie Beste Kamera Kino (Christine A. Maier)
  • Auszeichnung mit dem Preis der Jury Kino[32]

Deutscher Kamerapreis 2021

  • Auszeichnung in der Kategorie Beste Kamera / Spielfilm (Christine A. Maier)[33]

Internationales Frauenfilmfestival Dortmund/Köln 2021

  • Auszeichnung mit dem Hauptpreis[34]

Darüber hinaus gelangte der Film auch in die Vorauswahl für die Golden Globe Awards 2021 (Bester fremdsprachiger Film).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Freigabebescheinigung für Quo Vadis, Aida? Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; Prüf­nummer: 204848/K).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. Alterskennzeichnung für Quo Vadis, Aida? Jugendmedien­kommission.
  3. a b c d 77. Filmfestspiele: "Quo Vadis, Aida": Österreichische Koproduktion im Wettbewerb von Venedig. In: Kleine Zeitung. 28. Juli 2020, abgerufen am 28. Juli 2020.
  4. a b Österreichische Koproduktion ist im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig. In: Die Presse. 28. Juli 2020, abgerufen am 28. Juli 2020.
  5. a b c Quo Vadis, Aida? bei crew united, abgerufen am 28. Juli 2020.
  6. a b c Quo Vadis, Aida? In: Österreichisches Filminstitut. Abgerufen am 28. Juli 2020.
  7. Srebrenica-Zeugin ohne jede Macht. In: ORF.at. 24. Oktober 2020, abgerufen am 24. Oktober 2020.
  8. Michael Martens: Film über Srebrenica: „Ein inakzeptables Maß an Verständnis für die Niederländer“. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 14. Mai 2021]).
  9. a b Quo Vadis, Aida? In: labiennale.org. Abgerufen am 30. August 2020.
  10. Filmfest Hamburg 2020: Quo vadis, Aida? In: filmfesthamburg.de. Abgerufen am 8. September 2020.
  11. 58. Viennale trotzt CoV-Pandemie. In: ORF.at. 13. Oktober 2020, abgerufen am 13. Oktober 2020.
  12. Quo vadis, Aida? In: filmportal.de. Deutsches Filminstitut, abgerufen am 28. Juni 2021.
  13. Matthias Greuling: Filmkritik: "Quo vadis, Aida?": Destillat der Unmenschlichkeit. In: Wiener Zeitung. 23. Juni 2021, abgerufen am 24. Juni 2021.
  14. Martin Thomson: "Quo Vadis, Aida?": Ein filmisches Denkmal für Srebrenica. In: Die Presse. 23. Juni 2021, abgerufen am 24. Juni 2021.
  15. Stefan Grissemann: Srebrenica-Drama "Quo Vadis, Aida?": Im Minenfeld. In: profil.at. 24. Juni 2021, abgerufen am 2. Juli 2021.
  16. Elisabeth von Thadden: "Quo vadis, Aida?": Wer sind die Nächsten? In: zeit.de. 28. Juli 2021, abgerufen am 29. Juli 2021.
  17. Marius Ochs: „Quo Vadis, Aida?“ – Kritik zum Kinostart. In: filmpluskritik.com. 8. August 2021, abgerufen am 11. August 2021.
  18. Lina Muzur: Der Schmerz der Frauen, die Srebrenica erleben mussten. In: faz.net. 8. August 2021, abgerufen am 11. August 2021.
  19. Nadine Lange: Bewegendes Filmdrama über den Völkermord von Srebrenica. In: Tagesspiegel.de. 5. August 2021, abgerufen am 11. August 2021.
  20. Collateral Awards of the 77th Venice Film Festival. In: labiennale.org. 12. September 2020, abgerufen am 12. September 2020.
  21. Antalya: Golden Orange Awards verliehen – "Hayaletler" als Gewinner des Festivals. In: hurriyet.de. 12. Oktober 2020, abgerufen am 13. Oktober 2020.
  22. Andreas Wiseman: BAFTA Nominations 2021: ‘Nomadland’ & ‘Rocks’ Lead Highly Diverse Field In: Deadline.com am 9. März 2021, abgerufen am 10. März 2021.
  23. Daleen Hassan: El Gouna: Goldene Sterne für Regisseurinnen. In: euronews.com. 31. Oktober 2020, abgerufen am 31. Oktober 2020.
  24. Zack Sharf: Spirit Awards 2021 Winners List: 'Nomadland', 'I May Destroy You', Riz Ahmed, Carey Mulligan Win Big. In: indiewire.com, 23. April 2021.
  25. a b LuxFilmFest: Quo Vadis, Aida? gewinnt Grand-Prix. In: wort.lu. 13. März 2021, abgerufen am 14. März 2021.
  26. Österreich-Koproduktion "Quo vadis, Aida?" ausgezeichnet. In: Salzburger Nachrichten/APA. 21. März 2021, abgerufen am 22. März 2021.
  27. Österreichische Filmakademie: Nominierungen 2021. In: oesterreichische-filmakademie.at. 29. April 2021, abgerufen am 29. April 2021.
  28. Österreichischer Filmpreis 2021: "Hochwald" führt Nominiertenfeld an. In: Wiener Zeitung. 29. April 2021, abgerufen am 29. April 2021.
  29. "The Trouble With Being Born" räumt beim Österreichischen Filmpreis ab. In: Die Presse/APA. 8. Juli 2021, abgerufen am 8. Juli 2021.
  30. Preisträger:innen 2021. In: oesterreichische-filmakademie.at. 8. Juli 2021, abgerufen am 8. Juli 2021.
  31. "Ich und die anderen" bis "Landkrimi": Das sind die Nominierten der Branchen-ROMY. In: Kurier.at. 30. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  32. a b Von Ischgl-Doku bis "Unorthodox": Das sind die Gewinner der Branchen-ROMYs 2021. In: Kurier.at. 18. Juni 2021, abgerufen am 18. Juni 2021.
  33. 31. Deutscher Kamerapreis: Vierzehn Bildgestalter*innen und Editor*innen ausgezeichnet. In: presseportal.de. 20. Mai 2021, abgerufen am 21. Mai 2021.
  34. Frauenfilmfest: Srebrenica-Film gewinnt Hauptpreis. In: deutschlandfunk.de. 20. Juni 2021, abgerufen am 20. Juni 2021.