Polnische Streitkräfte

Streitkräfte der Republik Polen

Die Polnischen Streitkräfte (polnisch offiziell: Siły Zbrojne Rzeczypospolitej Polskiej, inoffiziell: Wojsko Polskie, abgekürzt WP) sind die Streitkräfte der Republik Polen. In Friedenszeiten unterstehen alle Streitkräfte dem Oberbefehl des Verteidigungsministeriums; im Kriegsfall geht der Oberbefehl an den Staatspräsidenten über. Am 15. August, zu Mariä Himmelfahrt (Feiertag), wird gleichzeitig der „Tag der Polnischen Armee“ (Święto Wojska Polskiego) gefeiert, der an die gewonnene Schlacht bei Warschau im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920 erinnern soll.

Polen Streitkräfte der Republik Polen
Siły Zbrojne Rzeczypospolitej Polskiej
Banner der Streitkräfte der Republik Polen
Führung
Oberbefehlshaber: Andrzej Duda
Verteidigungsminister: Mariusz Błaszczak
Militärischer Befehlshaber: General Rajmund Andrzejczak
Militärische Stärke
Aktive Soldaten: 160.000 (125.000 + 35.000 WOT) (2022)[1]
Reservisten: 1.700.000 (2021)[2]
Wehrpflicht: aufgehoben (seit Januar 2009)
Wehrtauglichkeitsalter: 18
Anteil der Soldaten an der Gesamtbevölkerung: 0,32 %
Haushalt
Militärbudget: 14.5 Milliarden US-Dollar (2022)[3]
Anteil am Bruttoinlandsprodukt: 2,2 % (2021)
Geschichte
Gründung: 1918
Insignien der fünf Teilstreitkräfte Polens: Heer, Luftwaffe, Marine, Spezialkräfte und Teilzeitstreitkräfte
Hoheitszeichen der polnischen Luftwaffe
Gösch der polnischen Marine
Logo der polnischen Militärverwaltung
Angehörige des polnischen Ehrenbataillons auf der Siegesparade in Moskau
Weibliche Angehörige der polnischen Armee zur Territorialverteidigung
Soldaten der polnischen Streitkräfte in voller Ausrüstung
Gepanzertes Radfahrzeug KTO Rosomak (Patria AMV) der polnischen Streitkräfte

Im Oktober 2021 erklärte die polnische Regierung, sie wolle aufgrund der kritischen internationalen Lage und der geographischen Lage Polens nahe an Russland die Streitkräfte von 110.000 Berufssoldaten auf 250.000 aufstocken.[4]

Die Polnischen Streitkräfte sind seit 2010 eine Berufsarmee und gliedern sich wie folgt:

GeschichteBearbeiten

Die moderne polnische Armee entstand 1918 nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens vor allem aus Teilen der Blauen Armee, der Polnischen Wehrmacht und der Polnischen Legionen.

Zu einem der wichtigsten Pfeiler des durch die lange Teilungszeit geschwächten Staates wurde sie zwischen 1919 und 1921 im Polnisch-Sowjetischen Krieg, während dessen die Rote Armee zeitweise weite Teile Polens überrannt hatte und gen Westeuropa strebte. Der Sieg Marschall Józef Piłsudskis über die Bolschewisten während der Kämpfe vor Warschau ging als „Wunder an der Weichsel“ in die Geschichte ein. Beim darauf geschlossenen Friedensvertrag von Riga am 18. März 1921 konnte Polens Ostgrenze festgelegt werden, die im Vergleich zur sogenannten Curzon-Linie etwa 250 km weiter östlich lag.

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 und die sowjetische Besetzung Ostpolens am 17. September 1939 fügte der polnischen Armee erhebliche Verluste zu. Trotz zehntausender Toter, Verwundeter und Gefangener sowie dem Zusammenbruch der Fronten kam es während des Zweiten Weltkrieges nie zur formalen Kapitulation der polnischen Streitkräfte.

Bereits im September 1939 wurde in Frankreich begonnen, nicht zuletzt aus den Soldaten der polnischen Streitkräfte, die über Rumänien nach Frankreich fliehen konnten, die Polnischen Streitkräfte im Westen zu bilden. Sie bestanden schließlich aus dem 1. und dem 2. Polnischen Korps, der Polnischen Kriegsmarine und der Polnischen Luftwaffe. Diese hatten zunächst nur sehr wenig Material und waren auf Ausrüstung und Versorgung durch die Alliierten (vor allem die Briten) angewiesen. In Großbritannien wurde mit der Dywizjon 303 auch eine sehr erfolgreiche Luftwaffeneinheit aufgestellt. Nach der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 beschloss das polnische Oberkommando des Heeres in Schottland, die polnischen Streitkräfte neu zu formieren. Die Neuorganisation der polnischen Kräfte erfolgte in improvisierten Militärlagern in Biggar, Douglas und Crawford.

Die polnischen Streitkräfte kämpften auf den Seiten der Alliierten meist im Verbund mit britischen Streitkräften in vielen Schlachten des Zweiten Weltkrieges wie beispielsweise der Schlacht um Narvik, der Luftschlacht um England, der Ersten Schlacht um Tobruk, der Operation Market Garden, der Schlacht um Monte Cassino, der Schlacht um Caen, dem Kessel von Falaise, der Schlacht um Breda und der Schlacht um Berlin. Die polnischen Soldaten stellten damit die siebtgrößte Armee der Alliierten.

Am 21. Juli 1944 wurde die Armia Ludowa in die Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion integriert und in Polnische Volksarmee umbenannt. Unter dem gleichen Namen (polnisch offiziell Siły Zbrojne Polskiej Rzeczpospolitej Ludowej) wurden auch die Streitkräfte der Volksrepublik Polen geführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Polen Mitglied im Warschauer Pakt. Ab 1960 besaß Polen zudem 200 Atomwaffen und 70 Startvorrichtungen, die von der Sowjetunion übergeben wurden. Ende der 1960er Jahre wurden die Waffen an die Sowjetunion zurückgegeben und die Rote Armee stationierte ihre eigenen Atomwaffen in Polen.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981 übernahmen das Militär und Sicherheitsorgane die Macht in Polen, General Wojciech Jaruzelski verkündete in einer Fernsehansprache die Verhängung des Kriegszustandes, der bis 1983 anhielt. General Jaruzelski war in den Folgejahren Staatsratsvorsitzender und war gleichzeitig der Erste Sekretär der PVAP und der Oberbefehlshaber des Heeres im Rang eines „Generals der Armee“. Mit der politischen Wende 1989 wurde die Solidarność wieder zugelassen. Die ersten teilweise freien Wahlen im Ostblock am 4. Juni 1989 mit dem deutlichen Sieg der Solidarność-Bewegung, die Regierungsbildung von Tadeusz Mazowiecki am 24. August 1989, die Wiedereinführung des früheren Staatsnamens Rzeczpospolita Polska bis hin zu den ersten freien Parlamentswahlen 1991 werden als Beginn der Dritten Republik angesehen.

Der Warschauer Pakt wurde am 1. Juli 1991 offiziell aufgelöst, die in Polen stationierten sowjetischen Truppen wurden abgezogen. Die Polnische Volksarmee wurde in die Polnischen Streitkräfte (polnisch offiziell Siły Zbrojne Rzeczypospolitej Polskiej, inoffiziell Wojsko Polskie) überführt. Im März 1999 trat Polen schließlich der NATO bei, nachdem es seit 1994 in deren Partnerschaftsprogramm für den Frieden mitgearbeitet hatte. Neben den regulären Streitkräften gibt es große paramilitärische Einheiten, wie etwa die Grenztruppen oder die Militärgendarmerie. 1997 leitete die Regierung ein umfassendes Modernisierungsprogramm für die Streitkräfte ein.

Polen zog im Dezember 2008 das letzte Mal Wehrpflichtige ein.[5] Seit August 2010 sind die polnischen Streitkräfte eine reine Berufsarmee.[6]

Am 14. Juni 2009 – während eines Treffens der EU-Verteidigungsminister – vereinbarte man die Gründung einer Litauisch-Polnisch-Ukrainischen Brigade.[7]

In Folge der Krise in der Ukraine 2014 kündigte Polen eine Modernisierung seiner Streitkräfte sowie eine Aufrüstung an. Der Verteidigungsetat soll bis 2016 um rund 190 Millionen Euro auf zwei Prozent des Bruttosozialproduktes erhöht werden, die zusätzlichen Mittel sollen unter anderem in die Modernisierung des Luftabwehrsystems und in die Anschaffung neuer Kampfhubschrauber fließen. Unter anderem ist geplant, Kampfflugzeuge vom Typ F-16 mit neuen Luft-Boden-Raketen vom Typ AGM-158 auszustatten. Ein 2012 beschlossener Plan zur Modernisierung der Verteidigung soll entsprechend beschleunigt werden.[8]

Im Oktober 2021 sagte Vize-Präsident Jaroslaw Kaczynski (PiS), eine „radikale Stärkung der Streitkräfte“ sei nötig, weil das Land „hybriden Attacken“ ausgesetzt sei und Russland „imperiale Ambitionen“ habe. Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak stellte den „Plan zur Verteidigung des Vaterlandes“ vor, dessen Ziel es ist, die Truppenstärke auf mindestens 250.000 Berufssoldaten und 50.000 Angehörigen der freiwilligen Truppen zur Territorialverteidigung (WOT) zu steigern. Dies würde mehr als eine Verdoppelung bedeuten.[4]

AuslandseinsätzeBearbeiten

Insgesamt sind bei Auslandseinsätzen der polnischen Streitkräfte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Februar 2009 79 Soldaten ums Leben gekommen.

Organisation und StrukturBearbeiten

Die Polnische Regierung unter der PiS stellte 2016 eine neue Teilstreitkraft auf. Die Armee zur Territorialverteidigung (Wojska Obrony Terytorialnej, WOT) als Freiwilligenarmee auf. Sie rekrutiert sich aus „patriotische Polen“ mit und ohne Militärlaufbahn, die im Rotationssystem einmal monatlich zu Ausbildung und Training erscheinen und außerhalb dieser Zeit ihren Aufenthaltsort melden. Die Bataillone sollen so schnell zur Landesverteidigung mobilisiert werden können.

Des Weiteren gibt es die Polnische Militärpolizei (Żandarmeria Wojskowa) und seit 2010 die Nationalen Reservekräfte (Narodowe Siły Rezerwowe) als eigenständige Teile der polnischen Streitkräfte.

Truppenstärke und AusrüstungBearbeiten

Im November 2009 hatten die Polnischen Streitkräfte folgende Truppenstärke und Ausrüstung:

Polen modernisiert Teile seiner Waffenbestände; angesichts des Krieges in der Ukraine seit 2014 wird dies öffentlich thematisiert.[10][11]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Polnische Streitkräfte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. IISS 2021, p. 66.
  2. Marek Kozubal: Rezerwistów jest coraz mniej i są coraz starsi. In: Wydarzenia. 28. Februar 2021, abgerufen am 18. Januar 2022 (polnisch).
  3. Maciej Szopa: Poland Increases Defence Expenditure By Over 11% in 2020. In: Defence24. 20. Januar 2020, abgerufen am 18. Januar 2022 (englisch).
  4. a b Deutsche Welle (www.dw.com): Polen will massiv aufrüsten | DW | 26.10.2021. Abgerufen am 27. Oktober 2021 (deutsch).
  5. Koniec służby zasadniczej – Oto ostatni rekrut w Polsce. (Memento vom 28. Dezember 2008 im Internet Archive) Dziennik, 2. Dez. 2008 ()
  6. Polskie Radio, Die polnische Armee besteht nur noch aus Berufssoldaten 3. August 2010
  7. Robert Rochowicz: List intencyjny w sprawie litpolukrbrig podpisany. Polska Zbrojna, 16. November 2009
  8. Polen verlegt Truppen an die Ostgrenze, Süddeutsche Zeitung vom 28. Oktober 2014.
  9. a b c d Polnisches Verteidigungsministerium. (Memento vom 6. Januar 2010 im Internet Archive) Kadry, abgerufen 4. Januar 2010, ()
  10. SIPRI Fact Sheet April 2015: TRENDS IN WORLD MILITARY EXPENDITURE, 2014 (PDF, 8 S.)
  11. spiegel.de 13. April 2015: Rüstungsausgaben weltweit: Amerika gibt weniger, Osteuropa mehr für Waffen aus