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Neolithisierung Europas

Als Neolithisierung (von altgriech. νέος neos „neu, jung“ und λίθος lithos „Stein“) wird die Verbreitung des Ackerbaus und der Viehhaltung zu Beginn des Neolithikums (Jungsteinzeit) bezeichnet. Der Beginn der neuen Lebensweise im fruchtbaren Halbmond wurde von Gordon Childe als „Neolithische Revolution“ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen der NeolithisierungBearbeiten

Viele Autoren sehen die drastischen Umweltveränderungen am Ende der letzten Eiszeit als den Auslöser für den Beginn von Ackerbau und Viehzucht im Vorderen Orient. Die darauf folgende Neolithisierung angrenzender Gebiete wird primär als die Folge der demographischen Explosion (etwa eine Vervierzigfachung), die die neue Lebensweise nach sich zog, gesehen.

Ursprung und AusbreitungBearbeiten

 
Verbreitungswege

Die Wurzeln der Neolithisierung Europas liegen im Fruchtbaren Halbmond. Der Ackerbau verbreitete sich von dort aus in alle Richtungen, in denen geeignete Böden zur Verfügung standen:

Der Verlauf der Neolithisierung, die regionale Veränderung der Wirtschaftsweise, ist nicht abschließend geklärt, weil der Prozess nicht nur unterschiedlich verlief, sondern sich auch in Regionen mit ganz unterschiedlichen Ressourcen und klimatischen Verhältnissen abspielte.

Merkmale der Neolithisierung EuropasBearbeiten

Kennzeichen des Neolithikums sind sesshafte Lebensweise, der Anbau von Kulturpflanzen, die Haustierhaltung, der Gebrauch von Keramik und geschliffenen Steingeräten. Letzteres ist durch die Grabung von Castleconnell im County Limerick in Irland in Zweifel gezogen worden. Falls sich die Beobachtungen von 2001 bestätigen, haben bereits mesolithische Menschen geschliffene Steinbeile gekannt.[1]

Im Wesentlichen wird Europa auf zwei Routen neolithisiert: die Donau aufwärts und über das westliche Mittelmeer. Für Mitteleuropa gilt schon lange die Kolonisation durch einwandernde „Bandkeramiker“ archäologisch als gesichert. Bandkeramik ist von der Ukraine bis ins Pariser Becken verbreitet, vor allem fruchtbare Lössböden wurden besiedelt. In einem ersten Schritt breitet sie sich etwa 5600 bis 5400 v. Chr. von Westungarn bis ins Rhein-Main-Gebiet aus, in einem zweiten bis ins Pariser Becken, aber auch weit nach Osten.

Ob die sich ausbreitenden Kulturen durch die Akkulturation einheimischer Jäger und Sammler oder durch Zuwanderung von Kolonisten entstehen, ist archäologisch nur in seltenen Fällen auszumachen und wissenschaftlich noch immer umstritten. Zvelebil entwickelte 2000 sieben unterschiedliche Modelle, die von einer Verdrängung durch Zuwanderer bis hin zu kulturellen Anpassung der ursprünglichen Bevölkerung reichen.[2] Untersuchungen an überliefertem neolithischen Genmaterial ergaben, dass beide Extreme auszuschließen sind und von einer gemischten Zuwanderung durch größere Gruppen und durch Einzelpersonen auszugehen ist, wobei sich deutliche regionale Unterschiede ergaben.[3]

Ob die bandkeramische Besiedlung Mitteleuropas durch Zuwanderer oder Akkulturation entstand, wurde in jüngster Zeit anhand genetischer Untersuchungen zu bestimmen versucht.[4] Sicher war bisher nur, dass alle europäischen Rinder aus Anatolien stammen und keine gezähmten europäischen Auerochsen sind. Seit den genetischen Untersuchungen der Forschungsgruppe um Barbara Bramanti von der Universität Mainz scheint sich abzuzeichnen, dass Viehzucht und Ackerbau im Neolithikum nach Mitteleuropa von Einwanderern aus dem Karpatenbecken vor etwa 7500 Jahren mitgebracht wurde und vermutlich über Generationen vom Ort der neolithischen Revolution. Dabei wurden Nutztiere und Saatpflanzen nicht durch Domestizierung oder Züchtung aus dem mitteleuropäischen Wildvorrat beschafft, sondern mitgebracht. So haben die genetischen Analysen erwiesen, dass die neolithische Bevölkerung nicht Nachfahren der ansässigen eiszeitlichen Jäger und Sammler waren, jedoch waren beide auch nicht die Vorfahren der heutigen Bevölkerung in Europa. Wann und woher diese eingewandert sind, ist ungeklärt, ein genetischer Marker dafür noch nicht gefunden. Unklar bleibt wohin die frühen Bauern verschwunden sind.[5][6]

Schon früher, nämlich vor 5900/5800 v. Chr. werden die Küsten des westlichen Mittelmeers von Bauern besiedelt. Von hier aus erreichen bestimmte Kulturpflanzen und Kulturmerkmale auch die Gebiete nördlich der Alpen. In welchem Zusammenhang frühe Ackerbauspuren im Alpenvorland stehen, die bereits um 6900 v. Chr. nachweisbar sind, ist selbst für Archäologen rätselhaft, da die sicher fassbaren neolithischen Kulturen damals noch auf den Orient und das östliche Mittelmeer beschränkt waren.

In der nordeuropäischen Tiefebene, auf den Britischen Inseln und in Skandinavien setzt sich die Neolithisierung erst nach 4500 v. Chr. allmählich durch.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. T. Collins, F. Coyne: Fire and Water – Early mesolithic cremations at Castleconnell, Co. Limerick. In: Archaeology Ireland. Bray, Summer 2003, S. 24ff. ISSN 0790-892X
  2. M. Zvelebil: The social context of the agricultural transition in Europe. In: C. Renfrew, K. Boyle (Hrsg.): Archaeogenetics: DNA and the population prehistory of Europe. 2000. S. 57–59.
  3. M. Richards: The Neolithic transition in Europe: archaeological models and genetic evidence. Documenta Praehistorica 30 (2003), S. 159–168.
  4. Anthropologie: Bauern waren sexy auf FOCUS Online
  5. Andrea Naica-Loebell: Die ersten europäischen Bauern waren Migranten. In: telepolis. 5. September 2009, abgerufen am 5. September 2009.
  6. B. Bramanti u. a.: Genetic Discontinuity Between Local Hunter-Gatherers and Central Europe’s First Farmers. In: Science. Band 326, Nr. 5949, 2. Oktober 2009, S. 137–140, doi:10.1126/science.1176869, PMID 19729620.