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Die Kognitive Archäologie versucht, aus den archäologischen Hinterlassenschaften der frühen Menschen Rückschlüsse auf ihr Denken und ihre kognitiven Fähigkeiten zu ziehen. Der britische Archäologe Colin Renfrew hat die Bezeichnung Kognitive Archäologiein den 1980er-Jahren geprägt und gilt als Begründer dieser Fachrichtung.

Inhaltsverzeichnis

EntstehungBearbeiten

Renfrew erläuterte seinen Ansatz am Beispiel der Würfel aus Mohenjo-Daro, einem Ort im Industal. Diese Steine sind 4000 Jahre alt, farbig und in Würfelform gehauen. Sie wurden ganz offensichtlich über beträchtliche Entfernungen transportiert. Die Steine sind unterschiedlich groß, aber ihre Gewichte sind immer ganzzahlige Vielfache einer bestimmten Einheit. Die kleinsten Steine sind etwas über 800 Gramm schwer. Andere Steine haben das vierfache, achtfache bzw. 64-fache Gewicht. Und schließlich fand man noch größere, pfannenartige Platten, die 320 mal beziehungsweise 1600 mal so schwer waren wie die kleinsten Steine. Renfrew folgerte daraus:

  • Die Menschen haben die Masse von Objekten gemessen und benutzten ein Maßsystem für Gewichte.
  • Sie waren mit der Vorstellung vertraut, dass sich bestimmte Größen aus Einheiten zusammensetzen lassen.
  • Sie müssen außerdem mit Zahlen operiert haben, wobei auch eine hierarchische Ordnung mit im Spiel war.

Ferner sei zu vermuten, dass sie das taten, um Dinge – bzw. konkret: Waren – quantitativ zu erfassen. Dies würde bedeuten, dass die Menschen eine Verbindung hergestellt haben zwischen dem Gewicht einer Ware und ihrem Handelswert.

Lange Zeit galten Wissenschaftler, die diesen Ansatz verfolgten, als Außenseiter innerhalb der Archäologie. Sie wurden gelegentlich als Paläopsychologen belächelt, und ihre Interpretationen der materiellen Hinterlassenschaften wurden als Spekulationen in Frage gestellt. Der Begründer der Disziplin, Colin Renfrew, wies solche Kritik zurück, erkannte aber auch die Grenzen dieser Methode: „Die kognitive Archäologie kann nicht herausfinden, was die Menschen früher dachten. Wohl aber, wie sie dachten“.

Kognitive Archäologie heuteBearbeiten

Die modernen Kognitionswissenschaften haben der Kognitiven Archäologie zusätzliche Impulse gegeben. Heute versuchen Wissenschaftler, Erkenntnisse aus benachbarten Disziplinen zu integrieren, insbesondere aus der Anthropologie sowie der Evolutionspsychologie. Zentrale Fragestellungen dieser Forschungsrichtung lauten:

Diese Fragen versuchen die Forscher anhand archäologischer und anthropologischer Funde zu beantworten.

Zu den heute wichtigsten Vertreter des kognitiven Archäologie gehört Steven Mithen. In seinem Buch „The prehistory of the mind“ beschreibt er, wie sich der menschliche Geist entwickelt hat. Er greift dabei zurück auf die heute etablierte Vorstellung der Kognitiven Domänen und setzt sie in Verbindung zu den materiellen Hinterlassenschaften. Diese zeigen laut Mithen, dass die frühen Vertreter der Gattung Homo – vor dem Homo sapiens – zwar in vieler Hinsicht kognitive Fähigkeiten aufwiesen, die mit heutigen Menschen vergleichbar sind, aber nur, solange diese Fähigkeiten lediglich eine Domäne beanspruchten, etwa die „intuitive Physik“, die „intuitive Biologie“ oder die „intuitive Psychologie“. Demnach funktionierte der menschliche Geist wie ein Taschenmesser: Für jede Aufgabe gibt es bestimmte zuständige Module im Gehirn. Doch erst Homo sapiens sei in der Lage gewesen, Verbindungen zwischen diesen Domänen herzustellen. Demnach sei die Entstehung von Kunst, Religion und wissenschaftlichem Denken vor knapp 50.000 Jahren auf eine Entwicklung zum kognitiv fluiden Geist zurückzuführen.

Mit Felsbildern beschäftigt sich David Lewis-Williams, der einen Lehrstuhl für kognitive Archäologie in Südafrika innehat. Ein Teil der südafrikanischen Felsbilder interpretiert er als Ausdruck eines prähistorischen Schamanismus. In einigen der dargestellten Motive wie Nasenbluten, klatschende Personen oder Tier-Mensch-Mischwesen sieht er typische Merkmale von Trancezuständen. Kritiker bezweifeln jedoch, dass diese Erklärung auf alle Felsbilder anwendbar ist. Lewis-Williams' These deckt sich jedoch mit Vermutungen, wonach auch einige der Höhlenmalereien in Frankreich in Trance bzw. unter Drogeneinfluss entstanden sind. Die Frage nach den kognitiven Wurzeln betrifft neben den Felsbildern alle Formen vorgeschichtlicher Kunst. In vielen Fällen konkurrieren dabei schamanistische Erklärungsansätze mit solchen, die die frühen Kunstwerke als Ausdruck von magischem Denken, Religion oder sozialem Prestige deuten.

In den 2000er Jahren griff Colin Renfrew selbst die Kognitive Archäologie wieder auf.[1][2] Wie interagieren Menschen und Dinge? Wird in einer Gesellschaft eine symbolische Bedeutung zunächst abstrakt im Bewusstsein entwickelt und dann mit Objekten umgesetzt oder entsteht sie durch Ritualisierung des praktischen Umgangs mit Dingen?[3]

In einer Dauerausstellung über „menschliches Verstehen“ wird im Monrepos Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied seit 2014 erläutert, wie die frühe Menschheitsgeschichte unser Verhalten bis heute bestimmt.[4]

Kognitive Archäologie im deutschsprachigen RaumBearbeiten

Die kognitive Archäologie ist ein Forschungszweig geblieben, der weitgehend im angelsächsischen Bereich verfolgt wird. Allerdings gibt es Ausnahmen. So benutzt der Frankfurter Archäologe Peter Cornelis Bol kognitionswissenschaftliche Methoden, um den Übergang von der Archaik zur Klassik im alten Griechenland (ca. 700 bis 500 v. Chr.) zu analysieren. Dieser Umbruch ging mit vielen künstlerischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen einher. Laut Bol hat dabei ein kognitiver Umbruch stattgefunden, bei dem seinerseits bildhafte Darstellungen einen wichtigen Einfluss ausübten. Bols Untersuchungen sind zugleich ein Beispiel für die Anwendung kognitionswissenschaftlicher Methoden innerhalb der Klassischen Archäologie.

Die österreichische Wissenschaftsjournalistin und Prähistorikerin Elisabeth Pühringer wiederum hat sich – ähnlich wie Colin Renfrew – mit Maßeinheiten und Gewichtssystemen befasst. Anhand der Gewichtsrelationen von Gusskuchen bzw. Teilstücken davon versucht sie, ein Gewichtsschema für die frühe Bronzezeit nachzuweisen. Für jede Form von Handel sind Maßeinheiten nötig, um Wert und Gegenwert der gehandelten Waren zu definieren. Das von Pühringer erstellte Schema der Gewichtsrelationen von Rohmetallbarren für Gusskuchen weist auf eine Art Zahlensystem im mitteleuropäischen Raum vor 5000 Jahren hin. Bei den Rohmetallstücken handelt es sich demnach möglicherweise um ein prämonetäres Zahlungsmittel.[5]

LiteraturBearbeiten

  • Bol, Cornelis: Frühgriechische Bilder und die Entstehung der Klassik. Perspektive, Kognition und Wirklichkeit. ISBN 3831604576.
  • Lewis-Williams, David: Cognitive and Optical Illusions in San Rock Art Research. Current Anthropology, Vol. 27, No. 2. (Apr., 1986), pp. 171–178.
  • Mithen, Steven: The prehistory of the mind. 2003, ISBN 075380204X.
  • Renfrew, Colin: Archaeology and Language: The Puzzle of Indo-European Origins. 1989, ISBN 0140552413.
  • Renfrew, Colin und Ezra B.W. Zubrow (Hrsg.): The Ancient Mind., Cambridge University Press, Cambridge 1994, ISBN 0521434882.

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Colin Renfrew: Symbol before concept. In: Ian Hodder (Hrsg.): Archaeological Theory Today. Polity Press 2001. S. 122–140.
  2. Colin Renfrew: Towards a theory of material engagement. In: E. Demarrais, C. Gosden, C. Renfrew (Hrsg.): Rethinking Materiality. Mc Donald Archaeological Institute 2004, S. 23–32.
  3. Ian Hodder: Entangled - An Archaeology of the Relationships between Humans and Things. John Wiley & Sons 2012, ISBN 978-0-470-67211-2, S. 34 f.
  4. Webseite der Monrepos-Dauerausstellung menschliches Verstehen
  5. Elisabeth Pühringer: Der Weg in die Urzeit. Archäologie und Film. Dissertation, Universität Wien 2000 (unpubliziert)